Den Tod vor Augen,

meinen Tod

     Es war ein schöner Tag, der Dienstag. Ganz früh machte ich einige Blutexamen, auf Befehl meiner Kinder, die Ärzte sind. Sie meinten, einige Anzeichen zu erkennen, die diese Examen notwendig machten.

     Danach verbrachte ich den Tag in der Gemeinde mit Seelsorgearbeit. Um 19 Uhr kam Melissa, das letzte Gespräch des Tages.

      Ich freute mich. Als sie am Anfang des Jahres zum ersten Mal erschien, wollte sie sterben, sie wollte nur schlafen, "ich will nicht mehr aufwachen", sagte sie.

    Sechzehnjährig war sie Mutter geworden „Das ist etwas, das ich überhaupt nie so gewollt habe. Ich weiß gar nicht, wie mir so etwas passieren konnte!“ Dann die Geburt des Kindes, Heirat, Konfliktehe und ununterbrochene Drangsalierungen; Scheidung, endloses Kämpfen, ohne seelisch jemals einen festen Grund unter den Füßen zu erreichen.

     Am Anfang dieses Jahres geschieht ein schwerer Unfall, als sie am Steuer ihres Autos sitzt, selbstverschuldet, weil sie einfach gar nicht mehr bei sich bleiben kann und die ganze Zeit in Gedanken abwesend ist.

     Darauf kommt sie zu mir. Wir waren bald bei der Wurzel ihrer Verstörung, der Neuaufbau ihrer Person dauerte aber dieses ganze Jahr. Heute ist sie seelisch wieder gesund, sie hat zurück ins Leben gefunden. „Melissa, du bist mir ein besonderes Geschenk am Ende dieses Jahres. An dir habe ich eine der schönsten Bestätigungen, dass Seelsorge hilft, dass Menschen Verwandlung schaffen, dass Menschen sich neu finden können und den Sinn ihres Lebens entdecken. Du gehst als eine neue Melissa ins nächste Jahr. Sehe ich es richtig?

     Sie lächelt mich an wie eine Tochter den Vater: Ja, Pastor, dass so etwas möglich ist, hätte ich am Anfang dieses Jahres auch nicht geglaubt.“

     „Ich habe eine Bitte an dich: ich gehe nun in Ferien. Bereite dich darauf vor, selbständig die nächsten Schritte zu tun!

     „Nein, ich brauche Sie!

     „Du genießt es, in meine Augen zu schauen und in deinen Entscheidungen bestätigt zu werden. Aber du brauchst mich nicht mehr.

     „Pastor, bitte, schicken Sie mich nicht weg!

     „Nein, Melissa, das meine ich nicht. Aber du weißt, dass viele andere diese Stunde brauchen und du kannst nun auf eigenen Füßen gehen. Komm Anfang Jahres noch ein paar Mal, aber mach dich innerlich darauf bereit, den weiteren Weg selbständig zu gehen! Das habe ich dir schon zu Beginn der Behandlung gesagt, ich kann dir nicht leblangs zur Seite stehen. Ich gehe eine Zeit mit dir, aber den weiteren Weg gehst du allein unter der Führung unsers Herrn.

     Wir sagen uns noch ein paar liebe Worte zum Abschied und gehen auseinander.

     Ich fahre nach Hause mit dem schönen Gefühl einen lohnenswerten Tag erlebt zu haben. Als ich mit dem Lift in unsere Wohnung hochfahre, spüre ich plötzlich einen Druck in der Brust. „Ist wohl Hunger. Hoffentlich!“ Ich gehe in die Küche und setze eine Speise aufs Feuer. Der Druck wird größer. „Irmgard, ich habe einen Druck in der Brust!Meine Frau:Ruf Corina an!“ Bis ich zum Telefon greife, hat sich der Schmerz verdoppelt. „Tochter, ich spüre einen Druck in der Brust, es schmerzt.“ Ich habe noch nicht zu Ende gesprochen, da höre ich ganz entschieden: „Papa, schnellstens zum Hospital.“ Der Schmerz ist schon so stark, dass ich darüber keinen Zweifel habe.

     Später erfahre ich, dass sie anschliessend ihren Mann anrief, er war bei der Großmutter zu Besuch: „José, schnell, Papa bekommt einen Herzinfarkt. Wir haben vielleicht nur noch Sekunden. Lauf zu seiner Wohnung, ich komme auch und wir rasen zum Hospital.

     Unser Schwiegersohn besuchte gerade Vó Juvier, eine Matriarchin mit großem Einfluss auf die gesamte Nachkommenschaft, die Irmgard und mich mit in ihre Großfamilie aufgenommen hat, damit wir hier in Londrina nicht zu einsam wären.

     Als Vó Juvier die Nachricht hört, ruft sie das gesamte Haus zusammen und indem ihr Enkelsohn zu mir läuft, geht sie sofort auf die Knie und fleht bei Gott um mein Leben.

     Irmgard fährt mit mir im Lift runter, ich bekomme schon nicht mehr ganz alles mit, so stark ist der Schmerz in der Brust. Ab nun denke ich keine vollständigen Säzte mehr, die Gedanken stürzen ungeordnet durch meinen Kopf. Es sind nur noch Gedankenfetzen, Gefühlsstücke, abgebrochene Worte:

    "So ist das Ende? Werde ich den Riss in der Brust spüren? Werde ich vorher besinnungslos?"

     Schwiegersohn ist in Blitzeseile da. Es dauert mir aber dann viel zu lange die Fahrt bis zum Hospital. Schmerz, noch eine Kurve, Druck in der Brust und wieder eine rote Ampel. Ich sage aber nichts, ich weiß, er tut sein Bestes.

      Als wir ins Auto einstiegen, bestand Corina vehement darauf, dass ich mich anschnalle. Ich gehorche. "Warum? Ist das so wichtig? Es schnürt meine Brust!" Corina aber denkt: "Wenn Papa einen Herzstillstand hat, dann soll er nicht nach vorne kippen! Ich habe schon viele Patienten reanimiert, aber nicht in einem so engen Auto! Lieber Gott, hilf! Ich hab ihn noch nie so stöhnen gehört. Er sitzt nicht still. Es ist, als ob er vor etwas fliehen will. Und ich sitze hier hinten und muss mir das ansehen, ohne etwas tun zu können."

     Dann endlich sind wir da. Angekommen im Pronto Socorro vom Hospital Evangélico von Londrina läuft Corina mit mir hinein. Patienten sitzen in der Schlange und warten um angenommen zu werden. Sie beachtet den Wärter nicht, huscht an allen vorbei, zieht mich bei der Hand. Ich lasse mich mitschleppen. Irgendwann hält uns eine Sekretärin auf, will einen Fragebogen ausfüllen. „Sterbende sollen Fragebögen ausfüllen", denke ich. Das ist lächerlich, aber ich bin unfähig, mich zu wehren. Scheinbar kapiert sie irgendwann den Unsinn ihrer Handlung und führt mich in die Notfallaufnahme.

     "Da, setzen Sie sich auf den Liegestuhl!" Es ist ein großer Raum. Corina muss doch noch einige Formalitäten erfüllen. Sie wartet dann nicht, dass ein Arzt kommt, sondern geht selber auf die Suche nach einem. Darum muss sie mich alleine lassen. Ich denk mir das, aber das ändert nichts an meinem Gefühl der Verlassenheit.

     Ich schaue in die Runde und sehe, wie Leute an ihrem Handy spielen, andere vergnügt einander Geschichten erzählen. Ich merke, ich bin schon nicht mehr da, das ist schon nicht mehr meine Welt. Der Schmerz wird stärker, die Muskeln verkrampfen sich, ein Kribbeln in meinen Muskeln, eine gewisse Gefühlslosigkeit, ich fühle mich einsam. Schwestern und Ärzte laufen hin und her, aber niemand beachtet mich.

     "Ich lege mich vielleicht auf den Fußboden", denke ich, "es ist Platz. Ach nein, ich will kein Aufsehen erregen! Aber vielleicht erleichtert es den Schmerz! Ich versuche lieber, mich eine Zeit noch zu kontrollieren."

     Es kommt mir das brasilianische Wort „angústia“ in den Sinn, eine Not so groß, dass alles andere nicht mehr zählt; eine Not, die mein ganzes Dasein umschließt. Mir ist, ich hänge am letzten Faden des Lebens. Noch nie bin ich bewusst so an den Rand des Lebens gekommen, so dass ich weiß, dass ich jetzt, gerade jetzt, ins Jenseits hinübergehen kann.

     Ich streiche mir die Hand übers Gesicht wiederholte Male. Ich erinnere mich, wie mein Vater es auch machte, als der Tod über ihn kam. Als ob er sich den Tod von seinem Gesicht wegstreichen wollte. "Nein, bei mir ist es anders. Es ist der Druck in meiner Brust. Und der Schmerz. Ich weiß nicht, was ich machen soll, darum streiche ich mir die Hand übers Gesicht. Oder ist es doch der herannahende Tod, den ich versuche wegzuwischen?"

     Ich versuche, in verschiedene Richtungen zu schauen, ob da jemand käme, der mir Hoffnung bietet. Meine Augen verzappeln sich, die Bilder verwischen sich, ich nehme schon nicht mehr ganz wahr, was passiert.

      Dann sehe ich erleichtert, dass Tio Agnelo, der Sohn von Vó Juvier und Arzt in diesem Hospital, durch die Halle läuft. Ich rufe ihn. Wenigstens ein Bekannter neben mir in der Not. Einsamkeit verdoppelt die Not, die Nähe einer lieben Person erleichtert sie.

     Gleich darauf steht ein kleiner Mann vor mir, Corina dahinter. Er scheint mir etwas zu reichen, ich erkenne nicht mehr klar, was passiert. Ich höre: „Nehmen Sie die Tablette und legen Sie sie unter die Zunge. Passen Sie auf, sie ist sehr klein!“ Es gelingt mir.

     Der Arzt bittet mich, den Arm auf seine Schulter zu legen und ihm zu folgen. Es fällt mir auf, dass meine Beine mir noch gehorchen. Gleich sind wir angekommen: „Legen Sie sich auf die Pritsche!

     Der Schmerz, der Druck in der Brust. Ich denke an Christian, meinen Neffen, der eines Sonntags nachmittag Ähnliches erlebte. Im Hospital angekommen bat er seine Frau: "Natália, beeile den Arzt, ich habe nicht mehr viel Zeit." Und dann war er weg, auf immer, sechsundzwanzigjährig. „Lieber Christian, hat Gott dich schon anbefordert deinen Onkel zu empfangen?

     Lieber Leser, lass mich eine Pause einschalten! Was passiert hier an der Grenze zwischen Leben und Tod? Welche Gedanken sind noch möglich? Kann man noch Entscheidungen fällen? Oder stirbt man, so wie man gelebt hat?      

     Mein Leben ist auf Gott ausgerichtet und darum, trotz großer Not und Schmerzen, verhandle ich nicht mit Gott, ich denke nicht daran, eine Minute länger auf Erden zu bleiben. Im Nachhinein stelle ich fest, wie sehr ich in Sekunden auf den Übergang bereit war: "Ja, Vater, ich komme, ich komme gerne". Zwar mitten in Schmerzen, weil mein Herz wohl beinah still stand - so empfand ich es - und ich unbekannten, erschreckenden Druck spürte, so als ob die Brust platzen würde, war meine Seele in Ruhe. Ich war innerlich gelassen und ohne Angst.

      Ich weiß, jeder Tod ist persönlich. Jedes Hinüberschreiten ist einzigartig und einmalig. Und eigentlich unbeschreibbar. Vielleicht wäre es besser, wenn ich alles für mich behalte, es einfach als mein ganz persönliches Erlebnis und Geheimnis betrachte. Denn ganz genau kann ich den Druck und die "angústia" nicht beschreiben. Es fehlen mir Worte. Es ist mir aber klar, dass ich am Ende eines schönen Tages, ohne Vorwarnung, an den Rand der Ewigkeit gestürzt wurde. In Minuten. Plötzlich hat sich ein Mantel des Todes auf mich gelegt.

     Wo ich jetzt schreibe, sind fünf Tage vergangen, aber dieser Mantel des Todes, vielleicht sollte ich ihn lieber Mantel der Ewigkeit nennen, ist noch nicht von mir gewichen ist, wie es später noch mal auftauchen wird.

     "Wie fühlen Sie sich?", fragt der Arzt. Man hat mir verschiedene Apparate an den Körper angeschlossen. Meine Gedanken fliegen wie Fetzenstücke durch meinen Kopf. Ich versuche auf meine Umgebung zu reagieren, habe aber das Empfinden, nicht mehr ganz dazuzugehören.

"Ich glaube, ich fühle Erleichterung", antworte ich.       

     Ich merke, wie sich die Tochter mit den Ärzten unterhält, aber meine Gedanken sind auf Abschied eingestellt: "Vater, segne meine Enkelkinder", ich nenne sie dabei mit Namen, "Vater, sie sollen dich erkennen". Ich segne meine Kinder, meine Schwiegerkinder, meine Frau. Der Kreis wird sehr eng an der Grenze des Todes. Viele Menschen sind mir im Leben bedeutungsvoll gewesen, aber in diesem Augenblick, im letzten, wird der Kreis sehr klein.

      Der Schmerz hat tatsächlich nachgelassen. Ist es die Ruhe vor dem großen Sturm, dem letzten?

      Man hat ein Elektrokardiogramm gemacht und festgestellt, dass es keinen Infarkt gegeben hat.   "Kommen Sie bitte mit in ein Beobachtungs-zimmer, wo Sie diese Nacht verbringen werden." Ich lege mich auf eine harte Pritsche, man gibt mir eine dünne Decke. Die Schmerzen sind vorüber. Ich bin weiter ruhig und gelassen.

     "Corina, geh nach Hause! Du hast genug Aufregung gehabt. Du musst morgen wieder zur Arbeit. Ich rufe dich an, wenn ich dich brauche. Bitte!"

     "Auf keinen Fall, Papa. Jetzt bestimme ich. Ich weiß jetzt besser, was wichtig ist. Überlass mir das!"

     Sie bleibt diese lange Nacht neben mir auf einem Liegestuhl sitzen. Es ist ein großes Treiben im Zimmer. Ärzte und Krankenschwester kommen und gehen. Nebenan jammert eine alte Frau ununterbrochen und redet sinnlose Worte. Ich kann nicht schlafen. Ich sehe die Uhr an der Wand, es ist fünf vor eins. Und nach langer Zeit ein paar Minuten nach eins. Die Zeit vergeht nicht.

     "Corina, wenn ich sterbe, dann ..." Ich gebe ihr Anweisungen, was mit mir getan werden soll. Sie ist zum Glück so reif, auf meine Themen einzugehen, sie versucht mich nicht abzulenken. Sie lässt mich über meinen Tod reden, denn er hat mich umschlungen. Ganz.

     Die Zeit vergeht nicht. Irgendwann beachte ich die Uhr nicht mehr. Die Frau nebenan hat sich beruhigt. Man stellt einige Lichter im Raum ab. Ich schlummere, schlafe wohl sogar ein. Dann ist der Arzt da, es ist fünf Uhr morgens. Er bespricht mit Corina, wie es mit mir weitergehen soll. Sie werden einen Katheterismus durchführen. Darum komme ich in die Herzintensivstation.

     Bevor Corina geht, schaue ich noch schnell auf die Whatsappmeldungen, denn das Handy darf nicht mit in die Intensivstation.

     Da lese ich eine überraschende Anfrage von Melissa: "Pastor, entschuldige, aber war das gestern abend der Abschied?"

     Wer in die Seelsorge kommt, heilt um so besser, wenn er auf Wellenlänge mit dem Seelsorger geht. Nicht nur der Seelsorger schaut in die Seele seines Patienten, sondern auch dieser erkennt weit über Worte hinaus, was im Seelsorger passiert.

     Nur Gott weiß die Antwort, wieso sie, als der Schmerz in meiner Brust explodierte, gerade zu dieser Zeit mir diese merkwürdige Frage schickte. 

     Ähnlich wie meine Tochter auf eine kurze Nachricht von mir, sofort wusste, dass etwas Außerordentliches vor sich ging.

     Ich schmunzle und schreibe ihr: "Liebe Melissa, ich wurde gleich nach unserem Gespräch gestern abend interniert, irgendwas mit meinem Herzen. Jetzt bringt man mich auf die Intensivstation. Du aber hast in diesem Jahr gelernt, wie man Friede behält, mitten im Sturm. In mir ist es ruhig. Lass dir von Gott weiter himmlische Ruhe schenken und gehe den Weg, den du nun erkannt hast!"

     In der Herzintensivstation liegen acht Patienten, es arbeiten fünf Krankenschwestern und eine Menge Personal Tag und Nacht. Helle Lichter beleuchten den ganzen Raum ununterbrochen. Da ruht man nicht aus. Ich habe ein gutes Buch dabei. Meine Gedanken wollen aber immer wieder abweichen.

     Am Donnerstag früh ist es dann soweit, der Katheterismus. Im Internet finde ich im Nachhinein folgende Erklärung dafür: 

Was passiert bei einer Herzkatheter-Untersuchung?

Eine Herzkatheter-Untersuchung kann eine Erkrankung des Herzens, der Herzklappen ... auf einem Bildschirm sichtbar machen.

Ein Herzkatheter ist ein feiner, biegsamer Kunststoffschlauch, der während der Untersuchung unter Röntgenkontrolle durch ein Blutgefäß bis zum Herzen vorgeschoben wird.“

https://www.gesundheitsinformation.de/was-passiert-bei-einer-herzkatheter-untersuchung.2958.de.html

     Tausende dieser Handlungen werden täglich in der Welt durchgeführt, sicherlich ganz ungefährlich. Ich fühle mich aber unwohl beim Gedanken, was da gemacht werden soll. Der Arzt versucht, sich mit mir zu unterhalten, ich bin zurückhaltend, habe keine Lust auf frivole Gespräche. Er erklärt mir, was nun passieren wird, wie er an einer Ader in meinem rechten Handgelenk eine Öffnung machen wird und mit einem extrem dünnen Schlauch durch die Adern bis in mein Herz wandern. Er hat keine Ahnung, wie mir dieses zuwider ist. Ich halte die Augen geschlossen, will nichts sehen.

     "Ich meine, daraus wird nichts," sagt er. Damit deutet er an, dass die Antwort für mein Problem anderswo gesucht werden sollte.

     Plötzlich vernehme ich eine überraschende Stimme: „Papa, ich bin bei dir.“ Die Tränen schießen mir in die Augen, als ich die Stimme meiner Tochter höre. Ich bin geschwächt durch die Erlebnisse dieser Tage, ich bin feinfühlig. Erstaunlich, wie die geliebte Stimme der Tochter tröstend wirkt, wie sehr ich davon bewegt bin, ihre Nähe zu spüren.

     Dann sagt der Arzt: "Sehen Sie, wir sind schon im Herzen angekommen." Ich spüre nichts. Dann sagt er: "So, erschrecken Sie sich nicht, Ihr Herz wird jetzt einen stärkeren Schlag machen." Tatsächlich empfinde ich einen besonderen Schlag. Ich weiß, dass nichts Lebensgefährliches vor sich geht. Mir ist aber dabei unwohl, ich hoffe, dass es bald vorüber ist.

     "Aha, da haben wir’s. Das ist die Erklärung für Ihr Problem. Sie haben einen Herzfehler von Geburt an" (Ponte miocárdica). Er versucht weiter zu erklären. Ich will es nicht hören. "Bitte erklären Sie es meiner Tochter! Das genügt."  

       Dann ist es vorbei. Endlich! Ich werde in ein Privatzimmer gebracht. Irmgard wartet da auf mich und hat ein Geschenk für mich: Fotos von der achtmonatigen Enkeltochter, wie sie genüsslich an einer Maiskolbe knabbert. Das ist Salbe für die Opaseele. Irmgard bleibt ein paar Stunden. Ihre Anwesenheit wirkt beruhigend. Sie geht nach Hause. Ich bin allein in einem Einzelzimmer. Stille, angenehme Einsamkeit. Ich versuche zu lesen, Nachrichten zu hören. Ich merke aber, dass meine Seele noch nicht da ist, sie sträubt sich in den Alltag überzugehen, „so als ob nichts passiert wäre“.

     Am nächsten Morgen kommt der Arzt, um mich zu verabschieden. Er gibt medizinische Anweisungen.

      Es ist Freitag, morgen muss eine neue Ausgabe von Menonitas no Brasil ins Internet gestellt werden. Ich versuche mich bei der Arbeit zu konzentrieren, aber meine Gedanken verfliegen sich immer wieder, ich begehe Fehler. Einige merke ich und korrigiere sie, andere bleiben. Wie peinlich! Leser schreiben mir, ich mache die Korrekturen.

     Corina und ihr Mann José sind vorsichtig in ihren Gesprächen vor den Kindern. Diese haben nur mitbekommen, dass der Opa ins Krankenhaus musste. Trotzdem bekommen die Kleinen mit, dass etwas Außergewöhnliches abläuft. Matheus, 6 Jahre alt, träumt während zwei Nächten, dass der Opa gestorben ist. In einem der Träume hat der Opa 100 Jahre erreicht, also eine vollkommene Zahl und das angemessene Alter, um das Leben zu beenden. Seine Seele tröstet ihn schon im voraus.

     Marcos, 4 Jahre alt, kommt mich mit seiner Mami besuchen, bald nachdem ich zu Hause bin. Er schaut mich abweisend an, so als ob er etwas Fremdes, Unheimliches an mir erkennen würde. Er will mich nicht berühren und auch nicht von mir berührt werden. Er sieht die Pflaster an meinen Armen und entfernt sich. Er nimmt Oma bei der Hand und führt sie ins Zimmer. Dort will er Arzt-Patient spielen. Durch verschiedene Handlungen „kuriert“ er die Oma und erklärt dann: „So, jetzt bist du gesund!

     Am Samstag nachmittag kommt eine Anfrage von Melissa: "Pastor, wie geht’s? Ich bete für Sie!"

    "Ich bin auf der Rückreise, liebe Melissa. Ich komme von der Grenze zur Ewigkeit. Diesmal verpasse ich die bessere Weihnachten. Jene nämlich auf der anderen Seite."

     Es ist bekannt, wer am Rande des Abgrunds steht, empfindet oft eine starke Anziehungskraft von diesem Abgrund. Ob das auch bei mir nun zutrifft?

Udo Siemens

Enkelin Rebeca: Abschied und Anfang, zwei Gegensätze, die sich anziehen.
Ich staune immer wieder wie kleine Kinder einen alternden Opa gern haben können.
Dass der Grossvater sich in das beginnende Leben verliebt, ist wohl selbstverständlich.
Rechts im Bild: Schwiegertochter Carolina, Sohn Tobias, Schwiegersohn José und Tochter Corina.
Dieses Foto wurde kürzlich von Irmgard bei einem Ausflug aufgenommen.
Es hätte das letzte Foto sein können.
Eigentlich doch passend, nicht wahr?
Alt werden heisst in die Ferne schauen, über Berge des Lebens hinweg, die ankommende Ewigkeit erschauen. Gelassen und ohne Furcht, denn spätestens jetzt sollte man die Grundsätze des Lebens und ihren Sinn erkannt haben und bereit sein für den letzten Schritt.