Jaspion

Nur wenige Männer wagen den Gang zur Seelsorge. Dort begegne ich dann Personen mit Namen wie Pedro, João oder Sergio. Dieser heißt Jaspion, auffallend fremd...

Was hat dich zu mir gebracht, Jaspion?“

Ich bin am Ende. Ich bin bankrott, meine Ehe geht in die Brüche, ich komme mit meinen Kindern nicht aus, wenn die Tochter ins Zimmer kommt, dann gehe ich ins andere.

Wie alt ist sie?

Zwölf.

Das deutet darauf hin, dass bei dir die Dinge sehr schief stehen?

Ja, genau. Sonst wäre ich auch gar nicht gekommen. Aber ich sehe keinen Ausweg mehr. Können Sie mir helfen?

Das geschieht mit großer Regelmässigkeit, dass Menschen zu mir kommen, die weder aus noch ein wissen und ich zu Beginn erst mal nicht weiß, wo ich anfangen soll. Dann gilt es Vertrauen in Gott zu haben und sich schrittweise in die Biographie des Betreffenden einzuarbeiten, um aus dem Wirrwarr einen Weg zu finden, der dem Suchenden hilft, Sinn in sein Leben zu bringen.

Was könntest du mir aus deinem Leben erzählen, damit ich dich verstehe?

Keine Ahnung. Das Durcheinander ist so groß, dass ich mir selbst keinen Reim mehr machen kann.

Erzähl mir etwas aus deiner Kindheit!

Sie war schön, aber mir fällt nichts Besonders auf.

Die meisten Menschen halten ihr Leben für normal, sehen nichts Auffälliges darin. Darum bleibe ich misstrauisch. Ein 35jähriger Mann, dessen Leben in so eine Sackgasse gelandet ist, soll eine „schöne“ Kindheit erlebt haben?

Entschuldige, Jaspion, aber das nehme ich dir nicht ganz so ab. Irgendwo könnten die Dinge schon in frühen Tagen sehr schief gegangen sein, damit du als Erwachsener heute so verwirrt dastehst!“

Er weiß nicht, wie er darauf reagieren soll.

Wie war es in der Schule?

Gut. Ich kam mit meinen Kollegen gut aus, hatte keine Probleme mit dem Lernen.

Und zu Hause?

Ich bin der älteste von drei Geschwistern, darum musste ich früh Verantwortung übernehmen.

Und dann ganz so nebenbei ergänzt er noch: „Ich hatte das volle Vertrauen meines Vaters. Schon zehnjährig ließ er mich ins Nachtlokal gehen.

Da werde ich hellhörig. Ein Vater, der seinen Sohn so jung ins Nachtleben eintreten lässt, hat zweifelhafte Maßstäbe.

Nach einer Weile sage ich ihm: „Tut mir leid, Jaspion, aber hier muss ich dir leider eine sehr persönliche Frage stellen: Wann wurdest du sexuell aktiv?

Er schaut mich gelangweilt an: „Keine Ahnung, wann es das erste Mal war. Ich war noch Kind.

Jaspion, das ist nicht normal! Kannst du mir mehr Einzelheiten über diese frühen Erfahrungen berichten?

Ach, ich hatte sie schon ganz vergessen. Ich dachte nicht, dass so etwas irgend einen Wert hätte.

In den folgenden Minuten erinnert er sich an fünf Erfahrungen, die ihm damals zugestoßen sind, drei davon Vergewaltigungsversuche, die ihn als kleiner Junge sehr verwirrt haben.

Wissen Sie, ich sah aber bald, dass Sexualität eigentlich bei den meisten Menschen – wenigstens bei denen, die ich kannte – ziemlich kunterbunt hergeht. Darum fiel es mir auch nicht so auf.

Du bist heute Mitglied einer christlichen Gemeinde und ich stell mir vor, dass du versuchst, deine Kinder vor solchen Erfahrungen zu schützen.

Selbstverständlich. Ich hatte aber meine Kindheitserfahrungen zur Seite gelegt und nie weiter darüber weiter nachgedacht.

 „Du hast diese Erfahrungen verdrängt, weil die Seele eines Kindes so etwas nicht verkraften kann. Wie ging es weiter?

Nun, als ich ins Nachtleben eintrat, und die meisten dort ohne sexuelle Barrieren lebten, machte ich munter mit.

Und fühltest dich dabei wohl?

Ich war mächtig stolz, schon so früh mit erwachsenenen Männern mithalten zu können. Ich erinnere mich, mit 13 Jahren eine verheiratete Frau dazu überredet zu haben.

Ich sitze da und weiß nicht mal, was ich nun fragen soll.

Er berichtet weiter: „Mit 16 Jahren ging ich mit einer Zahnärztin zusammen, die 10 Jahre älter war. Wir zogen in eine andere Stadt und lebten dort wie Mann und Frau.

Und dann, und dann... Es fügen sich weitere Erlebnisse an. Statt sein Leben in geordnete Bahnen zu lenken, springt sein Leben von Zufall zu Zufall.

Irgendwann lernt er ein gleichaltriges Mädchen kennen, mit dem er überstürzt heiratet und eine Familie gründet. Es kommen Kinder, es geschehen beiderseits Entgleisungen.

Ich weiß nicht, Jaspion, was wir noch alles entdecken werden, aber verstehst du, warum du heute keine Ausbildung hast und warum dein Leben so konfus ist?"

Wie komme ich da raus?

Was oft in solchen Fällen geschieht und auch bei dir zutreffen mag:

  • Wer einmal missbraucht wurde – ich weiß nicht, ob das immer der Fall ist, aber aus Erfahrung weiß ich, dass es sehr oft zutrifft – wer einmal Missbrauch erlebt, trägt davon wie ein Zeichen auf der Stirn. Missbraucher scheinen nun das Opfer des Missbrauchs zu erkennen – Menschen, bei denen die Tür eingebrochen wurde und die nun ungeschützt sind – und darum erleben diese oft weitere Missbrauchsversuche.

  • Wer im frühen Alter Missbrauch erlebt, neigt dazu, selber sehr früh sexuell aktiv zu werden. Das kann manchmal der Fall von Mädchen sein, die im Teenageralter schwanger werden.

  • Nach der Heirat erleben Missbrauchsopfer oft große Schwierigkeit ein „normales“ Eheleben zu führen. Ihre Phantasie wurde als Kind geprägt, schiefe Bahnen haben sich in ihr Denken und Fühlen so festgefahren, dass ihr Leben scheinbar automatisch immer wieder danebengehen will.

Gibt es für mich einen Ausweg?

Ähnlich wie jener von Alkoholsüchtigen, die ihre Sucht verlassen wollen. Wir werden dieses in den kommenden Begegnungen noch weiter vertiefen, aber du bist dir nun deiner Anfälligkeit bewusst geworden, verstehst nun, warum bei dir so vieles im Argen liegt. Wir werden uns nun deine Verhaltensweisen z.B. deiner Familie gegenüber näher ansehen und ich schlage dir vor, dass du bewusst das tust, was Gott gefällt, egal welche Gefühle dir dabei aufkommen. Du und deine Familie sind aktiv in der Gemeinde. Wollen daraus nun einen Kampf des Glaubens machen?“                                                                                                                                  J. Udo Siemens