Wilhelm Hübert

     Ein Mann, der so schwere Wege gehen musste und trotzdem sich ins Herz blicken lässt wie kaum jemand aus seiner Generation, der hat Größe. Und wozu die meisten unfähig waren: er ist nicht nur im Stande seine Vergangenheit kritisch zu beleuchten, sondern er findet auch Worte dafür.

    Er beschuldigt niemanden, weder die Kommunisten, noch die kanadischen Behörden, die seine Einreise verweigern, noch seine Frau, die durch Nervenzusammenbruch sein Leben durch manches erschwert hat.

    Er hat seine Geschichte so gut er konnte aufgeschrieben, selbstverständlich mit manchen Fehlern, zu langen Sätzen, wenig Interpunktion. Ein Nachkomme von ihm, Mathias Peters, machte sich dann die wirklich erstaunliche Arbeit, das auf verwelktem Papier Geschriebene zu tippen. Vielen Dank dafür, lieber Mathias!

    So weit wie nur möglich habe ich die Wortwahl beibehalten, aber die Sätze gekürzt, einige Korrekturen gemacht und Abschnitte mit Überschriften versehen, damit es leserlicher wird.

     Die ganze Autobiografie wird in sieben Folgen veröffentlicht werden.

     

Mottovers: Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn’s hoch kommt, achtzig Jahre, und wenns köstlich gewesen ist, so ist’s Mühe und Arbeit gewesen, denn es fähret schnell dahin, als flögen wir davon.                  Psalm 90:10

Einleitung

    Wer wollte wohl die Wahrheit dieses Psalmwortes bestreiten? Sehen wir doch die Bestätigung desselben um uns alle Tage. Sagt doch auch der weise Salomo in Prediger 3,1: „Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vornehmen unter dem Himmel hat seine Stunde usw“. Und es gibt in unserem Leben so ganz besondere Zeiten, wo wir so recht an die Wahrheit dieses Wortes gemahnt werden. In den jungen Zeiten, wenn man das Leben mit besten Hoffnungen vor sich hat, dazu gesund ist, kann‘s leicht übersehen werden. Man will eben das Leben genießen, und nimmt’s oft im Sturm. Je näher man aber der Grenze des biblischen Alters kommt, um so mehr kommt man dazu, über den Wert und Sinn des Lebens nachzudenken. Es kommen dann die Jahre, von welchen der Prediger Salomo Kap. 12 sagt „sie gefallen mir nicht.“ Und hat unser Leben nicht Ewigkeitswert bekommen, so würde es sich wahrlich nicht lohnen gelebt zu haben.”

     Wie köstlich daher zu wissen, dass dieses unser Leben nur eine Vorbereitungszeit ist für das Weiterleben nach dieser Zeit, in der Ewigkeit. Und wenn wir den erwählt haben, der gesagt hat: „Ich bin der Weg die Wahrheit und das Leben“, dann darf uns mit solchem Führer nicht bangen. Er wird uns durch alle Stürme des Lebens sicher leiten, durch den Jordan des Todes in die ewigen Hütten des Friedens beim Vater im Licht. Dort werden wir dann den von Angesicht sehen, an welchen wir hier geglaubt haben. “O, das wird Herrlichkeit sein.”

    Wenn ich heute im Geiste stille stehe, und einen Rückblick tue auf mein Leben, dann muss ich sagen, es ist doch schon eine ziemlich lange, lange Strecke, die ich zurückgelegt habe, und gar bewegt ist das Leben gewesen, das ich hinter mir habe. Aber es ist nicht nur Mühe und Arbeit gewesen, es hat auch Glück und Freuden gebracht, gleich einer Oase in der Wüste, wo sich's unter schattigen Palmen am kühlen Wasserquell so gut ruhen lässt.

     Ich will versuchen im Geist, mein Leben noch einmal zu durchleben, und so viel mir davon in Erinnerung ist, von Kindheit an niederzuschreiben.

 

Kindheit

     Ich wurde geboren den 19. März 1883 im Dorfe Sergejewka (Fürstenland), Gouvernement Taurien, Südrussland. Meine Eltern waren Wilhelm Hübert, und die Mutter, Maria, geborene Franz Enns. Ich war das siebente Kind meiner Eltern, die drei Geschwister vor mir waren kurz nacheinander im zarten Kindesalter gestorben, drei rechte Geschwister nach mir wurden mir von meinen Eltern geschenkt. Mein Vater, dessen Eltern jung gestorben waren, musste schon jung als Vollweise sein Brot bei fremden Leuten verdienen.

     Die Eltern meiner Mutter, Franz Enns, Georgsthal (Fürstenland) habe ich noch gut gekannt. Sie starben 1906 im hohen Alter und hatten das seltene Glück, ihre eigenen fünf Hochzeiten miteinander zu feiern: Grüne, Silberne, Goldene, Diamanten, und als fünfte die Eiserne, nach 65 jährigen gemeinsamen Eheleben.

     Mein Geburtsdorf lag am großen Dnjeprfluss. Unser Hintergarten reichte bis ans Ufer des Flusses und ich sehe im Geiste, wie die Flussdampfer bei uns vorbeifuhren. Unser Nachbar auf der Vorderseite war ein Abram Klassen, er hatte eine Maschinenfabrik. Klassen war ein großer, schlanker Mann mit einem hübschen schwarzen Vollbart. Ich war drei Jahre alt, als meine Eltern von Sergejewka wegzogen, und auf Alexanderfeld, Chersoner Gouvernement ansiedelten.

 

Umsiedlung

     Ich kann mich auch von dem Ansiedlungsjahr manches erinnern. Manche der Ansiedler hatten schon vor der Saatzeit nahe an der großen Tränke Erdhütten gebaut, nach der Saatzeit aber wurde der Dorfplan höher von der Tränke angelegt, und es entstand ein schönes großes Dorf von 32 Vollwirtschaften zu 60 Desatienen und 8 Halbwirtschaften mit 30 Desatienen.

    Die Wirtschaftsgebäude waren alle planmäßig nach altmennonitischer Art, gleichmäßig in Länge und Breite gebaut, die Gebäude der Halbwirtschaften in etwa kleinerem Maßstabe. Das Grundstück war 30 Faden (gut zwei Meter ein Faden) breit und 120 Faden lang, enthielt anderthalb (11/2) Desatien.

     Jeder Wirt war verpflichtet, an der Straße einen Bretterzaun zu setzen, und in grader Linie längst der Straße nach dem Hause hin eine Reihe weißer Akazienbäume zu pflanzen, ebenso an der Auffahrt von der Straße bis ans Haus.

     Diesem allgemeinen Beschluss waren außer zweien auch alle andere nachgekommen. Die zwei anderen hatten anstatt Akazien, Pappelbäume gepflanzt. Nach etlichen Jahren waren die Akazienbäume schön gewachsen und standen im Frühjahr in Blütenpracht da mit ihren weißen Blüten. Die Bäume hatten in der Blütezeit noch nur ganz kleine Blätter und sahen aus wie mit Schnee überschüttet. Die Straße sah aus wie eine Allee auf jeder Seite eine Reihe weißer Bäume, eine wahre Pracht anzusehen, und dazu dieser angenehme süße Duft der Blüten.

     Der Eigentümer des Landes (wir waren nur Pächter), ein sehr reicher Edelmann, General Sienellmkaw, besaß 64 tausend Desatien Land, wohnte in der Stadt Jekatarinoslow, hatte aber sechs Werst von unserem Dorfe eine seiner Ökonomien (Landhaus), und hat in manchen Jahren, etliche Wochen mit seinem ganzen Gefolge auf seiner Ökonomie in unserer Nähe zugebracht, gewöhnlich in der Akazienblütezeit, und meldete sich dann für einen bestimmten Tag zu vier Uhr nachmittag zu einem Besuch bei uns im Dorf an. Er hatte gefallen an unser Dorf, und besonders an der Pracht und Duft der Akazienblüte.

    Er kam immer mit seinem ganzen Gefolge, bestehend aus etwa 40 Mann, er war Witwer und hatte zwei Kinder. Das ganze Gefolge kam auf verschiedenen Gefährten, erst voraus 4-5 auf Fahrrädern, dann 4-6 stramme Reiter, in strammer Ordnung als Vorboten, dann die Gouvernante mit den Kindern in sehr niedrigem, gelbem Jagdwagen mit zwei in langer Glaskutsche, worinnen er selbst zwei rotscheckigen Ponnys bespannt, dann der General selbst mit seiner Leibwache, bestehend aus sechs Männern mit aufgepflanzten Gewehr, saßen vorne auf dem Bock der Kutscher in Livree, vier Rappen lang gespannt kutschierend, dann hinter ihm das übrige Gefolge in verschiedenen Gefährten. Die Straße und Höfe waren für den Besuch gesäubert und geschmückt, die Bewohner sämtlich festlich angezogen, standen an der Straße am Zaun und grüssten die langsam Vorbeifahrenden. Diese fuhren langsam beschauend und genießend durchs Dorf bis zur großen Tränke, verweilten dort kurze Zeit, dann gingen wieder zurück durchs Dorf und nach der Ökonomie zurück. Es war jedesmal ein Festtag für unser Dorf.

    Weil ich der Beschreibung über unsers Landbesitzers und seines Besuches bei uns und den dadurch entstehenden Festtag für uns, etwas vorgegriffen habe, denn es kam nicht in den ersten Jahren vor, so muss ich wieder zurück zu den ersten Jahren und seinen Begebenheiten.

 

Der Vater spielt einen Streich

    Mein Vater, der als Weise eine sehr schwere Kindheit und Jugendjahre gehabt hatte, und auch in den folgenden Jahren durch Armut eine schwere Zeit gehabt hatte, und auch das schwere Ansiedeln war schwer und leidend für ihn und er starb im dritten Jahr nach der Ansiedlung. Ich kann mich wenig von ihm erinnern. Eine Begebenheit aber aus seinem letzten Lebensjahr bleibt mir unvergesslich, und ich will sie hier mitteilen, welche seinen Charakterzug in etwa bezeichnet. Ich will es “Meine Reise mit dem Vater Express” nennen.

     Es ist in der Frühe eines schönen Sommermorgens, ich stehe mit Vater in der Stahltür, ich war im sechsten Lebensjahr. Onkel und Tante Jakob Sawatzky kommen bei uns übern Hof gefahren (sie wohnen bei uns über der Straße), Frau Sawatzky ist die Schwester meiner Mutter. Sie wollen nach Fürstenland spazieren fahren zu den Großeltern. Beim Vorbeifahren fragt Onkel: „Was sollen wir den Großeltern sagen?“ Vater sagt: “Kannst sie grüßen”. Dann sagt Vater zu mir: „Na Willi, well wie uck noa Grotvoodasch foore?“ Ich bin selbstverständlich gleich bereit.

    So wird Frühstück gegessen, den Wagen aus der Scheune gezogen, der Fuchs und der kleine Schwarze wurden eingespannt, ein Strohsack diente als Sitz im Wagen, und los ging die Reise. Bis Fürstenland sind 70 Werst. Die ersten 40 Werst bis Plujewa am Dnjeprfluss wird nur mäßig gefahren, denn es ist freie Steppe und man darf Sawatzky nicht zu nahe kommen, sonst bemerken sie uns, und das Spiel ist verdorben, sobald wir aber hinter Nikopol in der Plawing sind (das niedrige mit Landstrauch bewachsene Gelände am Dnjeprfluss, welches bei Hochwasser überschwemmt wird, jetzt im Sommer aber trocken ist) ja, sobald wir in der Plawing sind, meint Vater vorrücken zu können, denn es gibt hier mehrere Schleichwege, und Vater kennt sie alle, auch den kürzesten, und Vater nimmt den kürzesten, um Sawatzkys ohne gemerkt von ihnen, vorzufahren. Es hat dabei aber auch ein kleines lustiges Abenteuer gegeben. Wir kommen da bald einem Fuhrwerk nach, eine Russentante fährt es. Vater lenkt ab, und will vorbei, die Tante erlaubt es nicht. Vater macht ernst, Tante gibt nicht nach. Vater steht auf, setzt sich kniend auf seinen Strohsack und nun geht eine wahre Hetzjagd los. Der Weg krängelt zwischen den Büschen, Tante links um den Busch, Vater rechts um den Busch, im tollsten Wettjagen, und nicht mal ohne Gefahr zwischen den Büschen. Tante war ein guter Lenker, und die Pferdchen liefen auch nicht schlecht, aber unsere Pferdchen waren doch schneller, vielleicht auch hatte Vater etliche mal einen kürzeren Bogen um den Busch gemacht. Vater gewann das Spiel, und das hatte mitgeholfen, dass wir bedeutend früher bei den Großeltern waren als Sawatzky. Als die Großeltern dann fragten, was machen Sawatzky, und die anderen Kinder dort? sagte Vater ruhig, wenn auch nicht ganz wahrheitsgemäß, “sie bestellten zu grüßen.“ Man kann sich das Erstaunen Sawatzkys denken, als sie ankamen. Da Vaters Wagen und er selbst mit mir unsichtbar waren, fragte Großvater, „Na, was ist los, erst bestellt ihr mit Hübert zu grüßen, dann  kommt ihr selbst auch noch her?“ Dieser Streich des Vaters wurde auch gründlich belacht.

Die Erziehung des Knaben

     Schon später nach dieser erwähnten Reise, als Vaters Leiden zugenommen und er schon mehr im Bett bleiben musste, erinnere ich mich, dass ich wohl ungehorsam gewesen bin, und Mutter über mich zum Vater geklagt hat. Er rief mich zu sich ans Krankenbett und ließ mich dann für kurze Zeit in einer Ecke seiner Stube stehen. Weil er längere Zeit leidend war, und ich wahrscheinlich sein Liebling war, und die Mutter von sehr sanftem Gemüte war, war an meiner Erziehung manches unterblieben, und ich war ein ziemlich wilder Bursche geworden.

    Nach Vaters Tod hatte ich 2 Jahre keinen Vater. In diesen zwei Jahren, wo ich vaterlos war, aber schon zur Schule ging, vertrat der Lehrer gründlich die Vaterstelle an mir. Es ging dann nicht immer gut, hab‘s ihm aber später gedankt. Vier Jahre war er mein Lehrer. Er hat in den vier Jahren manchen Jungenstreich aus mir herausgeklopft. Nachdem die Mutter beinahe zwei Jahre Witwe war - sie war damals 41 Jahre alt - heiratete sie einen Junggesellen von 32 Jahren, Abram Dück. Dann wurden die Zügel in der Erziehung noch etwas straffer angezogen, und das verwilderte Bäumchen wurde zurechtgebogen.

    Die folgenden und letzten vier Jahre meiner Schulzeit hatte ich einen Lehrer, Jakob Block, was der vorige Lehrer durch Strenge nicht erreichen konnte, dass gewann der zweite durch Liebe. Es war mit ihm ein ganz anderer Geist in Schule und Dorf eingezogen. Wir hatten uns sehr lieb gewonnen, sind es auch geblieben. Er wurde dann später, nachdem er nicht mehr Lehrer bei uns war, räumlich weit getrennt wohnten, haben aber unsere Beziehung nicht verloren. Er ist dann später von Sagradowka Tiefe Nr. 8 im hohen Alter von 84 Jahren nach späteren Berichten (Mennonitische Märtyrer) nicht verbannt, aber über alle Massen schrecklich gemartert worden. Er hat aber Glauben gehalten. „Das Andenken aber des Gerechten bleibt im Segen“ Spr. 10:7.

    Nach der Schulzeit kamen für mich sehr schwere Jahre. Der älteste Bruder Franz und die älteste Schwester Katharina waren verheiratet, die folgende ältere Schwester Maria konnte draußen bei der wirtschaftlichen Arbeit wenig helfen, da sie mit der häuslichen Arbeit beinahe voll beschäftigt war, denn die liebe Mutter hatte in der letzten Zeit angefangen zu kränkeln. Sie war wohl immer auf, konnte aber nichts tun, sie war sehr mit Asthma geplagt, besonders im Sommer. Sie hat nach  ihrer zweiten Heirat meistens gesessen und gestrickt. Es wurden ihr von dem Stiefvater noch zwei Halbgeschwister für uns geboren. Nachdem auch Maria geheiratet hatte, mussten wir mehrere Jahre ein Mädchen für die häusliche Arbeit halten, denn die folgende Schwester nach mir ging noch zur Schule. Mit der wirtschaftlichen Arbeit blieb ich sozusagen alleine außer Saatzeit und Ernte, wo für die Zeit dann extra Arbeiter angenommen wurden.

 

Das geistliche Leben im Dorf

    Das geistliche Leben stand in den ersten Jahren auf der neuen Siedlung in unserem Dorfe auf sehr niedriger Stufe. Die Siedler, aus verschiedenen Stellen und Gemeinden zusammengewürfelt, brachten auch sehr verschiedene Gebräuche mit. Sehr gesellige Geburtstage, wilde Hochzeiten, sehr lautes Schweineschlachten, wo es ohne Schnaps nicht abging, und oft üble Folgen mit sich brachten, und die wunderbarsten Jahresabrechnungen am Sylwester, bei der Neuwahl des Dorfschulzen, bei welchem es auch für Jungen im Dorfe manches Interessante zu sehen gab, waren an der Tagesordnung, dazu verschiedene andere unlaute Dinge. Weil unter den Ansiedlern kein Prediger mitgekommen war, wurde gleich zu Anfang ein Prediger im Dorf gewählt, der die Wahl auch annahm und auch bald sein Amt antrat, aber auf das wüste Leben im Dorf keinen Eindruck machte. Weil er wohl kein Leben aus Gott hatte und nicht von dem wahren Lichte aus Gott durchleuchtet und durchdrungen war, war er dann auch bald nach etlichen Jahren wieder weg.

    Als dann zugleich auch ein Lehrerwechsel stattfand, wurde wieder ein Prediger gewählt. Es traf den neuen Lehrer Block und mit ihm und durch ihm und seine Arbeit kam neues Leben ins Dorf und in die Gemeinde, denn er besaß Leben aus Gott, war von dem göttlichen Lichte durchdrungen, und dieses göttliche Licht, strahlte von ihm aus auf seine Umgebung und es bewahrheitete sich bald: “Wo das göttliche Licht scheinet, da muss die Finsternis weichen“.

    Dieser Lehrer gab seinen Schülern einen lebendigen Religionsunterricht, es gab bald Fragen unter den Schülern nach wahrem Leben. Er brachte aber auch der Gemeinde am Sonntag das lebendige Wort Gottes ungefälscht, war Seelsorger, ging den Seelen nach, besonders in seiner freien Zeit als Lehrer, in den Sommerferien, wo dann der Herr manchmal noch so besonders eingriff, dann gabs eine Wendung im Leben.

 

Der plötzliche tod

    Hier muss ich einen Fall erwähnen, der für unsere Familie von größter Bedeutung war. Ich war damals 12 Jahre alt. Meine Eltern fuhren zu Ostern nach Segradowka spazieren, wo Vaters Mutter noch lebte. Meine zweite Schwester nach mir war 8 Jahre alt, war ganz gesund, als sie wegfuhren. Es war Sonnabend vor Ostern: Anna war den ganzen Tag sehr lustig, und vergnügt, sang und sprang den ganzen Tag herum, so dass meine älteste Schwester Maria, die damals noch zu Hause war, ihr sagte: “Anna sei still, und sei nicht wild, du wirst noch krank werden...“ Sie aber ließ nicht nach, immer wieder das damals bekannte Lied zu singen: “Maria saß auf einem Stein, einem Stein, einem Stein, Maria saß auf einem Stein, einem Stein u.s.w.“

    Dann am ersten Ostertag war sie auch schon krank. Die Eltern waren nicht zu Hause. Die Krankheit wurde bedenklich. Ein Arzt war keiner in der Nähe, ein alter baptistischer Bruder, der in unserer Nähe wohnte, ordnete einige Hausmittel, die auch versucht wurden, aber ohne Erfolg. Am zweiten Feiertag war sie schon sehr krank, und am Nachmittag starb sie, und die Eltern waren nicht zu Hause. Als die Leiche dann besorgt war, der alte Bruder war dabei, klopfte er mich auf die Schulter und sagte: “Na, Wilhelm deine kleine Schwester ist jetzt im Himmel, ei wenn du jetzt gestorben wärest, wo wärest du hingekommen?“ Es war auch für mich, wie uns alle eine sehr ernste Sprache, eine blühende Blume, so plötzlich gebrochen. Der Geist Gottes arbeitete mächtig an meinem Herzen, aber ich unterdrückte die Mahnungen des Geistes Gottes.

 

Die Folgen dieses Todes

   Die Eltern wollten den letzten Feiertag heimkommen, welchen Schreck würde es besonders für die liebe Mutter geben. Der Nachbar erbot sich, den Eltern entgegen zu fahren, um den Eltern den Fall schonend beizubringen. Es hatte aber doch einen furchtbaren Schrecken, besonders für Mutter gegeben. Sie schien untröstlich zu sein. Wie schwer in solchen schweren Stunden auf sich selbst gestellt zu sein, und den wahren Helfer und Tröster in der Not nicht zu kennen. Doch führte diese Not die Eltern zu dem wahren Helfer, der in solchen trüben, schweren Stunden Kraft gibt zu tragen, denn der Herr hatte schon vorher durch seinen Geist an ihren Herzen gearbeitet. Aber als sie sich durch Güte nicht ziehen ließen, musste er ernst anwenden. Nun waren ihre Herzen empfänglich geworden für die Mahnungen des Geistes und sie fragten nun mit dem Apostel Paulus: “Herr, was willst du dass wir tun sollen?“ Da war es Lehrer Block, den der Herr zum Ananias für meine Eltern brauchte, und mit seiner Hilfe durften sie sich dem Herrn ergeben.

    Es begann jetzt ein neues Leben in unserem Hause, besonders meine liebe Mutter, die sowieso von Natur sanftmütig war, war es jetzt noch mehr, ist es auch in ihrem ganzen ferneren Leben geblieben. Ich habe nie von ihr ein böses Wort gehört. Sie war ein wahres Vorbild in Wort und Wandel.

   Durch die treue, unermüdliche Arbeit von Lehrer und Prediger Block in Schule und Gemeinde war es zu einer Wendung zum Guten im Dorfe gekommen. Das vorige rauhe Leben im Dorfe entfaltete sich zu einem gesitteten, moralischen Leben und das ganze religiöse Leben bekam eine völlige Umgestaltung, Sonntag Vormittag war Gottesdienst in der Schule, am Nachmittag Sonntagsschule, wo sich alle Kinder des Dorfes daran beteiligten, es wurde in mehreren Klassen gearbeitet. Lehrer Block hatte aber nur Oberaufsicht darüber, es waren mehrere jüngere Kräfte, männlich auch weiblich angestellt, auch viele jugendliche Seelen waren unter der Schülerzahl, so dass die große Schule kaum alle fassen konnte. Abends war Bibelstunde in den Häusern der Geschwister, am Sonnabend Abend war Gebetsstunde. Es war schön. Eine nette Schar Gläubige im Dorfe, meistens nur ältere Geschwister. Ich war damals durch den Tod meiner kleinen Schwester auch mächtig angegriffen worden, brach aber nicht völlig durch. Ich war aber nicht frei von den Mahnungen des Geistes, fand keine wahre Befriedigung an der Lust der Welt.

2. Folge

Die Bekehrung

    Wenn in unserem Hause die Bibelstunde war, saß ich oft allein verborgen in der Eckstube und lauschte auf die Unterhaltung. Es zog mich, mich daran zu beteiligen an den Segnungen der Gläubigen, konnte mich aber nicht überwinden, und ging noch etliche Jahre so weiter unter dem Druck meiner Sündenlast.

    Als ich 17 Jahre alt war, gab es eine Bewegung unter der Jugend. Ein Jüngling in meinem Alter hatte einen Sängerchor gegründet. Als wir da einmal einer kranken Frau etliche Lieder vorgesungen hatten, wurde der Dirigent dabei so mächtig vom Geist Gottes ergriffen, dass er den Gesang unterbrechen musste und in Tränen ausbrach über sein verlorenes Leben. Noch am selbigen Abend erlangte er durch die Unterstützung eines älteren Bruders Vergebung seiner Sünden, und drang zum neuen Leben durch. Es war Gerhard Dück, intimer Freund über der Straße.

    Ich war dabei, als er zum neuen Leben durchdrang. Ich konnte mich aber noch nicht überwinden, es war schon spät geworden, mein Vater war streng, um neun Uhr Abend sollte jeder zu Hause sein, dann hielt er den Abendsegen. Als ich hereinkam, fing er an zu schelten. Unter Tränen erzählte ich die Ursache meiner Verspätung. Als ich dann in Reue und Busse mit den Eltern zusammen den Herrn um Vergebung aller meiner Sünden gebeten hatte, strömte der Friede Gottes in mein Herz.

     Mir war so leicht und wohl zu Mute, denn meine Sündenlast war mir abgenommen und versenkt ins Meere, da es am tiefsten ist, und ihrer sollte nach Gotteswort nicht mehr gedacht werden. Ich konnte jubeln und danken für das Große, was an mir geschehen war.

    Meine Tränen flossen unaufhörlich, so dass der Vater fragte: “Na, wenn dir deine Sünden vergeben sind, warum weinst du denn noch? „Oh, sagte ich: es sind doch Freudentränen. Ich bin so froh, so glücklich!“ Ich habe wirklich nicht so viele Bußtränen vergossen um meine Sünden als Freudentränen, dass mir die Sünden vergeben sind. Dieses war am 22. September 1900.

    Dann, an dem anderen Morgen, mussten wir, ich und mein Freund Gerhard, gehen und erzählen, was der Herr an unserer Seele getan hatte, manche Vergehungen an andere gutmachen und dadurch wurden immer mehr Menschen mitgerissen. Es war ein Werktag und es war noch manche Arbeit zu tun, aber im ganzen Dorf war ein allgemeiner Festtag und in den folgenden zwei Tagen. Es wurden in drei Tagen 33 Seelen zum Herrn bekehrt, zum größten Teil jugendliche Seele, ältere gläubigen Geschwister wurden neubelebt. Oh, es war eine selige Zeit.

    In der Glaubensstimme unter Nº 135 heißt es:

              „Wenn Gottes Winde wehen

              am Thron der Herrlichkeit,

              und durch die Lande gehen,

              dann ist es selge Zeit,

              wenn Scharen armer Sünder

              entflieh’n der ewigen Glut,

              dann jauchzen Gottes Kinder

              hoch auf mit frohem Mut."

     Das waren dann unvergessliche Tage und Stunden, Festtage höchsten Genusses.

 

Schwere Kämpfe

     Aber leider gelang es dem Feinde, der ja ein Feind Gottes ist und nicht will, dass die Menschen glücklich sind, und dem Schöpfer die Ehre gebracht wird, etliche wieder abfällig zu machen, besonders von den Jünglingen, dass sie wieder zurück zur Welt gingen. Und es bewahrheitet sich, was in 2. Petri 2:22 steht: „der Hund frisst wieder, was er gespien hat und die Sau wälzt sich nach der Schwemme wieder im Kot.“

      Ich hatte die Gnade, dass ich die errungene Perle konnte festhalten, aber es hat für mich damals manche schwere Kämpfe gegeben, denn  ich blieb von den Jünglingen allein stehen, und der Feind arbeitete mächtig durch die Abfälligen an mich, auch wieder zurückzuziehen in den alten Schlamm der Sünde. Es war sehr schwer für mich, so allein von meinen Altersgenossen festzubleiben. Ich habe mich manchmal satt geweint.

     Weil aber das Herz sich nach Gemeinschaft sehnt, suchte ich Gemeinschaft bei jungverheirateten Geschwister, habe aber auch oft mit älteren Geschwistern sehr glückliche Stunden durchlebt, außer den allgemeinen Erbauungsstunden.

Wie verschiedene gemeinden miteinander auskommen

    Es waren drei Gemeinderichtungen in unserem Dorf vertreten. Der größte Teil gehörte zur Kirchengemeinde, dann waren wohl 4-5 Familien von der Brüdergemeinde und eine Familie der Baptistengemeinde. Aber dieser Umstand der Gläubigen aus drei Richtungen hat uns nicht gehindert, glücklich und gesegnet zu werden. Es ist auch nur selten zu Auseinandersetzungen gekommen.

     Ich glaube, unter den Gläubigen sollte in der Hauptsache der Verdienst Christi von Golgatha Einheit sein, in Nebensachen Freiheit, und in allem Liebe. Dann stehen wir auf Allianzboden und werden uns untereinander achten und vertragen, wenn wir in manchen Stücken verschiedene Ansichten haben. Die Liebe Christi zueinander hilft uns über Meinungsverschiedenheiten hinweg.

    Ich schloss mich nach drei Jahren durch die Taufe der Kirchengemeinde an. Ich war in jenen Jahren sehr glücklich, und habe den Schritt der Bekehrung nie bereut. Denn ich fand im Glaubensleben doppelt Ersatz für die vergänglichen Freuden der Welt, die ich um Christi willen entsagen durfte. So hatte ich vier Jahre nach meiner Bekehrung im Glaubensleben durchlebt.

     Es war ja nicht immer Sonnenschein im Glaubensleben gewesen. Es hat auch manchmal Anfechtungen und Stürme gegeben, aber darohne kann ja ein Christ auch nicht sein, denn durch die Stürme wird ja ein natürlicher Baum nur gefestigt in seinem Wachstum, seine Wurzeln dringen tiefer in die Erde, damit er in noch größeren Stürmen einen festen Halt hat. So muss auch ein Christ in den Anfechtungen und Stürmen des Lebens gefestigt und gegründet werden im Glauben.

 

Der Jüngling sucht nach seinem Lebensweg

    Dann kam die Zeit heran, wo für mich ein neuer Abschnitt meines Lebens eintrat. Das war der Forsteidienst. Ich war ganz ruhig darüber, nicht etwa, dass ich gerne dienen wollte, aber ich war auch willig zu dienen, wenn es der Herr so wollte.

    Auf einen Umstand muss ich noch zurückgreifen. Nämlich im letzten Jahr meiner Schulzeit hatte mein Lehrer Block manchmal mit mir darüber gesprochen, ob ich nicht Lust hätte noch weiter zu lernen in der Zentralschule. Das Lernen war mir immer leicht gewesen. Doch das erlaubte mein Vater nicht. War ich doch jetzt, nachdem mein älterer Bruder weg war, seine einzige Hilfe in der Wirtschaft. Ich bat Vater darum, aber ohne Erfolg. Ich hatte auch einen Gönner an Vaters Fetter, Peter Bergen, der auf der Sogradovka in der Schönseer Zentralschule Lehrer war. Der trat ernstlich für mich bei Vater ein, aber alles vergebens, er brauche mich zu Hause.

    Nach einigen Jahren hatte ich Lust, Tischlerei zu erlernen, denn mein Vater war auch ein Tischler gewesen, und ich fühlte große Neigung zu diesem Handwerk. Vaters Bruder hatte eine große Tischlerei, arbeitete mit 6-7 Gesellen. Wenn ich da war, konnte ich beinahe nicht wegkommen. Ich bat den Vater, mich da in die Lehre zu geben, der Onkel selbst unterstützte mich in der Bitte bei Vater. Aber vergebens, “ich brauch dich zu Hause und Schluss!“.

    Ich habe dann zu Hause aus mir selbst etwas Tischlerei getrieben. Wir hatten noch vom ersten Vater etwas Tischlergerätschaft, auch eine alte Hobelbank, hab dann auch in den späteren Jahren versucht, mich in demselben etwas zu entwickeln, denn man  kann ja nie wissen, was das spätere Leben für Ansprüche wohl machen kann. Aber es blieb doch nur Stückwerk. Ich habe auch manches andere versucht, aber in der Hauptsache blieb ich Landwirt.

Der Forsteidienst

    Im Jahre 1904, im Herbst, musste ich zum Forsteidienst. Begünstigung hatte ich keine, also, wenn ich körperlich für fähig befunden wurde, war für mich keine Aussicht loszukommen. Ich war aber körperlich nicht sehr stabil, hatte trotzdem keine Aussicht loszukommen.

    Also fing für mich jetzt ein neuer Lebensabschnitt an. Wenn nichts Besonderes vorkam, dann müsste ich im Frühjahr auf vier Jahre das Elternhaus verlassen. Ich war da aber im Winter ziemlich leidend, so dass mir jedermann sagte, ich würde doch wohl loskommen. Ich war ganz ruhig und überließ die Sache dem Herr. Wie er über mich verfügen würde, sollte für mich gut sein. Ich hatte auch keine Bittschrift eingereicht, nach welcher Forstei ich wünschte zu kommen. Der 1. März kam, ich fuhr nach Chortitza zur Wollost. Dort hieß es mit noch anderen 74 Männer nach Anadohl, wohl die verrufenste Forstei damals. Mich bangte etwas davor, aber ich wusste mich in der Hand des Herrn und wurde wieder ruhig. Anadohl war auch die entfernteste von allen.

    Wir kamen hin, die Aufnahme war ja wohl roh, aber besser und leichter als ich sie mir vorgestellt hatte. Ich gewöhnte mich bald ein, und von loskommen war keine Rede, auch keine Aussicht. Als ich dann nach sieben Wochen zu Ostern nach Hause auf Urlaub fuhr, wurde ich von den meinen angestaunt. Die leichte Arbeit und regelmäßig sehr gute Kost hatten Wunder an mir getan. Ich sah gut und gesund aus, habe auch nie in den vier Wochen Ursache gehabt, über irgend etwas zu klagen oder zu murren. Nein, im Gegenteil, ich muss es bekennen, es sind meine glücklichsten Jahre gewesen in meinem ganzen Leben: keine Sorgen, gute Kost, gute reinliche Kleidung, leichte Arbeit, rege geistliche Gemeinschaft. Ich habe dort sehr liebe Brüder gefunden, mit denen ich eng verbunden wurde.

    Ich glaube, viele junge Männer, die gedient haben, haben sich dort sehr versündigt, in dem sie oft sehr geflucht und geschimpft haben über den Dienst, den ganzen mennonitischen Vorstand verwünscht haben, der den Dienst einmal eingeführt hatte. Für mich war‘s ein Ausruhen nach schweren Jugendjahren, und eine Vorbereitungszeit für die kommenden schweren Jahre. Ich habe da auch noch manches gelernt, was mir im späteren Leben von großer Bedeutung gewesen und geblieben ist. Richtig genommen ist der Kasernendienst eine Schule gewesen, wo man gelernt hat auf eigenen Füßen zu stehen, geläutert, gefestigt und gegründet, den Kampf des Lebens auf uns nehmen.

    Im dritten Dienst gab es eine schwere Prüfung für unseren Jahrgang. Es wurde nämlich der dreijährige Dienst eingeführt. Nun konnten die Vorgesetzten von der Regierung sich nicht dazu einigen, den ganzen dritten Jahrgang auf einmal im Herbst loszulassen und wir mussten losen, denn nur 2/3 des Jahrganges sollten schon im Herbst frei bekommen. Das letzte Drittel sollte da noch eine unbestimmte Zeit festgehalten werden. Ich zog das lange Los und mit ihm auch die Verlängerung des Dienstes ins vierte Jahr. Der Förster suchte uns zu trösten, wir würden wahrscheinlich über Winter auch nach Hause dürfen, wenn nicht, dann aber im Frühjahr nach etlichen Monaten. Aber der Winter ging vorüber, wir kamen nicht los, fuhren wieder in den Dienst, es wurde Ostern, es wurde Pfingsten, immer noch nichts Bestimmtes. Gerade dieses Unbestimmte machte das Ganze schwer.

Die Familie zieht in eine ferne Neuansiedlung

    Es war im Jahre 1908, es gab damals die große Ansiedlung im fernen Osten, im Tomsker Kreis. Meine Eltern wollten auch hinziehen. Viele zogen im Frühling hin. Meine Eltern hatten ihre Wirtschaft auch schon verkauft, hofften aber alle Tage auf mein Loskommen, damit wir dann schon alle zusammen fahren könnten, denn es war eine sehr weite, beschwerliche Reise, von der letzten Bahnstation noch 240 Kilometer per Ochse zu fahren.

     Sie nahmen die meisten Möbel, auch alles Wirtschaftsgerät mit, dazu fehlte ihnen meine Hilfe. Als es aber Pfingsten wurde und ich nicht loskam, entschlossen sie sich, ohne mich zu fahren. Sie fuhren den 1. August los, mit billigem Tarif, welcher den Aussiedlern für die Zugfahrt gegeben wurde. Die Reise ging dann etwas langsamer, war aber bedeutend billiger.

    Ich hatte schon die Hoffnung ganz aufgegeben noch vor dem Herbst loszukommen. Ich wollte nach dem 1. September zu Freunden auf Urlaub fahren, war auch ganz fertig dazu. Da gab es anstatt zehn Tage Urlaub wie gewöhnlich für die vierjährigen den Losschein. Ich wollte dann schon nicht Zeit und Geld verreisen, um Freunde zu besuchen, sondern fuhr gleich durch nach Sibirien, den Eltern nach.

Die lange Reise

    Die Eltern waren den 24. August dort angekommen. Ich kam den 12. September dort an. Die lange Reise ging über erwarten gut. Ich dachte, die lange Reise allein machen zu müssen, wusste von keinen Reisegefährten. Als ich aber etliche Tage auf der Bahn gefahren war, und wir erst auf der großen Ostbahn waren, da entdeckte ich bald, dass in meinem Zuge noch sieben Männer aus meinem Heimatdorf waren, die ebenfalls denselben Weg wie ich, auch dasselbe Ziel hatten, nämlich die neue barnaulsche Ansiedlung.

    Meine Fahrkarte war gleich bis zur letzten Bahnstation, wo wir aussteigen mussten zur neuen Ansiedlung. Acht Tage und Nächte war ich nun gefahren auf der Bahn, die letzten sechs Tage ohne umzusteigen. Dann hatten wir noch vier Tage per Ochse mit Pferden zu fahren. Wir waren inner acht und hielten zusammen, nahmen uns einen Russen mit zwei Telegas an, das gab vier Männer auf jedem Fuhrwerk. Auf dem hintersten kutschierten wir selbst.

     Wir hatten die ganze Zeit sehr schönes Wetter und die Reise war nicht langweilig. Es waren zwar alles schon ältere Männer,  Gefährten mit sehr verschiedenen Charaktere. Etliche unter ihnen waren großartig humoristisch, zwei aber waren so wie man sagt, alte Brummbären. Die waren dann auch die Reise über die wahre Zielscheibe für alle erdenklichsten Witze der Humoristen. Als wir nahe der Siedlung kamen, trafen wir schon etliche der Siedler, die in den nahe liegenden Russendörfer Produkte kauften.

 

Der sibirische Winter überrascht unvorbereitete Ansiedler

    Als wir dann erst auf der Ansiedlung selbst waren, da sah es traurig aus, ein großer Steppenbrand hatte auf viele Kilometer alles Gras weggebrannt, ein sehr bedeutender Schade für die Spätgekommenen. Die im Frühjahr gekommen waren, die hatten zur Zeit ihr Gras gemäht, so viel sie brauchten und heimgefahren, das übrige blieb stehen. Es wurde dann erst für eine Wohnung gesorgt, dann wurde wieder gemäht, das zuletzt gemähte Heu war ja schon von geringerem Wert, aber es war immer noch wert zu mähen, wenigstens zu Brennung. Meine Eltern hatten auch noch viel gemäht, aber schon nichts nach Hause bekommen vor dem großen Steppenbrand und nun war alles verbrannt.

    Sie hatten zum Winter kein Futter fürs Vieh, hatten sechs Pferde und zwei Kühe. Also musste alles Futter im Winter gekauft und heimgefahren werden, 15 Kilometer von den Alteingesessenen, dazu auch alles Brennholz für den Ofen, und alle anderen Produkte an Nahrung u.s.w..

    Das neue Heimdorf meiner Eltern war Halbstadt, so ziemlich im Zentrum der neuen barnaulschen Ansiedlung. Das Dorf bestand aus 34 Wirtschaften zu 50 Hektar. Meine Eltern hatten sich eine große Erdhütte gebaut halb in der Erde, worinnen sie vorläufig wohnten und die Wände aus Wiesensoden angefertigt. Das war halb fertig, als ich hinkam. Es musste aber schon sehr geeilt werden mit dem Bau, um vor dem Winter damit fertig zu werden, denn in der Erdhütte konnten wir im Winter nicht wohnen. Es war auch sehr drock, bis der Winter anbrach. Wir kamen noch eben fertig, dann setzte der Winter ein.

    Am 1. Oktober fing‘s an zu schneien, und der Schnee blieb auch schon liegen. Es waren zwei Wochen noch etwas linde Tage, dann aber setzte der sibirische Winter mit aller Macht und Stärke ein. Es war für uns ein sehr schwerer Winter, denn wir hatten schon keine Zeit, uns mit allem nötigen zum Winter zu versorgen. Es musste jetzt alles im Winter gemacht werden.

     Ich und mein Bruder Johann waren trotz Schneesturm und Kälte beinahe alle Tage unterwegs, gewöhnlich mit zwei Schlitten, denn alles musste jetzt beigeschafft werden und zwar meistens von Podsosnovar, ein Schwabendorf, 15 Kilometer entfernt. Wir sind oft im Schneesturm in  großer Gefahr gewesen, uns zu verirren. Es waren außer mir noch 2 Brüder und 2 Schwestern zu Hause, Hans und Neta waren rechte Geschwister, Liese und Abram waren Halbgeschwister.

Gedanken über die eigene Zukunft

    Bei all den vielen Fahrten hatte ich viel Zeit auch über meine Zukunft zu denken. Ich sah es ein, dass ich jetzt zu Hause beim Vater entbehrlich sei, denn die Geschwister waren alle erwachsen. Auch konnte die Zeit kaum je günstiger werden wie jetzt selbständig zu werden. Jeder der eben Land haben wollte, bekam hier jetzt Land. Und je eher er mit dem Antrag einkam um so besser. Jetzt war hier auf der Ansiedlung noch offenes Land, aber das würde nicht lange dauern, dann war alles vernommen.

     Bedingung war: der betreffende müsste einen Pass haben. Auf ihn müsste kein Land angenommen sein, und er müsste verheiratet sein. Nun war es mein Glück, dass ich nicht mit den Eltern mitgekommen war, sonst wäre ich auf Vaters Pass gekommen, Vater hätte auch auf mich Land angenommen, denn das Land war Kronsland, und wurde zu 15 Hektar unentgeltlich auf die männliche Seele abgegeben, denn zur Überreise und Landannahme musste der Vater einen Pass und ein Familienverzeichnis von der ganzen Familie haben. In diesem Stück war der Weg für mich offen. Nur um die zwei anderen Dinge musste ich mich bemühen. Um einen Pass hätte ich gleich nach Abschluss des Dienstes in der Chortitzer Wollost sollen einkommen. Ich hätte ihn dann gleich mitbekommen zu meiner Überreise. Was ich aus Unkenntnis versäumt hatte, musste jetzt alles brieflich per Post gemacht werden, welches ich gleich tat, das sich aber sehr in die Länge zog, und gut sechs Monate dauerte, bis ich endlich den Pass hatte.

    Die wichtigste der drei Bedingungen war die Frau, man musste eine Familie haben, also verheiratet sein. Man sagt, Heirat ist kein Pferdekauf. Nun, Töchter waren ja schon genug mitgekommen, aber die Wahl. Wer es so macht wie einst der Knecht Abrahams Elieeser, der wird dann auch nicht lange im Unklaren sein.

    Ich erinnerte mich an eine Jugendfreundin der alten Heimat im Süden, die auch schon hier auf der Ansiedlung war, wenn auch etwas entfernt von uns, aber doch leichter wie Rebeka für Isaak durch Elieeser. Sie hatte wohl so ziemlich alle guten Tugenden wie Rebeka, würde wohl auch willig sein mit mir zu gehen, wenn sie darum gefragt würde. Sobald ich nun diese Überzeugung hatte, reiste ich hin, und fand meine Erwartung bestätigt. Als sie gefragt wurde, willst du mit diesem Manne ziehen, sagte sie freudig: Ja, ich will mit ihm ziehen.

    Es ist diese Helena Johann Rempel aus Tiege in Sibirien, in der alten Heimat aus unserem Dorfe Alexanderfeld. Sie ist geboren am 24. August 1886. Ihr Vater Joh. Rempel hatte von seiner ersten Frau sieben Kinder, von der zweite Frau, geborene Anna Redekopp, war meine Frau Helena die älteste, dann hatte sie noch fünf jüngere Brüder und zwei Schwestern, also waren sie zu Hause fünfzehn Geschwister.

     Wir hatten den 22. Februar 1909 Hochzeit, ein sehr kalter stürmischer Tag. Wir wohnten dann zu Hause bei meinen Eltern in Halbstadt. Bis zum Herbst arbeiteten wir bei Vater, hatten auch etwas Aussaat gemacht beim Vater, eigenes Land hatten wir noch nicht.

3. Folge

Die eigene Wirtschaft

    Es dauerte 6 Monate, bis ich vom Süden aus meinen Revisionsorte der Chortitzer Wollost meinen Pass bekam. Als ich den schon hatte, gab es noch manche Hindernisse zu überwinden, bis ich endlich im September desselben Jahres eine Bescheinigung auf meinem Landanteil und zugleich einer Wirtschaft im Dorfe Ebenfeld, 10 Kilometer von Halbstadt entfernt, bekam.

     Das Land im Dorfe Ebenfeld war schon ein volles fertiges Dorf. Auf jedem Ende des Dorfes war ein Dorfbrunnen gegraben, ohne jegliche leere Stelle im Dorfe. Es waren meistens große Familien. Sie hatten daher mehr Land auf der Wirtschaft als andere Dörfer. Es waren Familien mit 6-9 männlichen Seelen im Dorfe und weil das Land auf die männliche Seele abgegeben wurde, war daher hier mehr Land auf die Wirtschaft.

     Die Art und Weise wie der alte alte Oberschulze Jak. Abr. Reimer mit der Verwaltung und Landeinteilung umging, missfiel vielen. Das gab dann großen Krach zwischen Oberschulze und Dorfgemeinde, und wir, die Neuen im Dorfe mussten es entgelten, obzwar wir ganz unschuldig daran waren, war man im Dorf uns nicht gewogen, und wir hatten daher keine Freudigkeit hinzuziehen.

    Auch weil es jetzt schon zu spät war in diesem Jahr noch zu bauen, denn der Winter war vor der Tür, wir auch ganz arm und mittellos waren, beschlossen wir noch den kommenden Winter in Halbstadt zu bleiben.

    Aber bei den Eltern war es doch nicht gut möglich. Einmal war es da zu eng, zweitens brauchte man uns da gar nicht und zur Last wollten wir da nicht sein. Darum entschlossen wir uns zu versuchen anderwärts für diesen Winter unterzukommen.

     Es fand sich auch bald eine Stelle. Wir zogen zu Gerh. Bergens. Meine Arbeit war, das Vieh zu besorgen, und in der Zwischenzeit Tischlerarbeit zu tun, aber der dritte Teil der Zeit zur Tischlerarbeit stand mir für uns zu arbeiten frei, das Holz zu den Möbeln stellte jeder für sich. Kost und Arbeit für uns beide frei, die Frau aber war zu nichts verpflichtet. Ich musste zwei Pferde stellen zur Saatzeit, bekam dann dafür 5 Hektar Aussaat danach in Ebenfeld auf meinem Land, von meiner Saat bekam als Lohn noch manches in Natura.

Wir hatten es nicht zu bereuen, diese Stelle übernommen zu haben.

    Dort bei Bergens wurde am 10. Januar 1910 unsere erste Tochter Maria geboren. Wir machten erst bei Bergens 20 Hektar  Aussaat (er hatte gute Pferde) dann für uns in Ebenfeld 5 Hektar. Als die Saatzeit beendigt war, zogen wir auch gleich anfangs Mai nach Ebenfeld.

    Wir zogen vorläufig bei dem nächsten Nachbar für kurze Zeit ein, bis wir uns ein Häuschen gebaut hatten. Das dauerte auch nicht lange. Nach 2 Wochen zogen wir schon in unser eigenes Häuschen ein. Es galt da für uns auch: „Ein Häuschen sei es auch noch klein, es darf doch schön und heimisch sein.

 

Nur Brot und Prips

     Wir bauten dann später noch einen Stall, auch eine Scheune an, zu Futtervorrat für den Winter. Wir waren jetzt allein auf unserer eigenen Scholle, waren aber sehr arm. Wir hatten zwei Pferde ohne Wagen, eine Kuh, die uns bald darauf einging, hatten auch eine Dutzend Hühner, zwei Ferkel.

     Gleich als wir da waren, meinten wir ja Milch für unser Kind zu haben. Da uns aber die Kuh starb, und wir kein Geld hatten, wieder eine zu kaufen, blieben wir ohne Kuh, und hatten keine Milch, kein Fleisch, kein Fett. Da war bei uns Schmalhans Küchenmeister. Dafür hatte ich gesorgt, hatte Schlichtmehl gekauft, soviel dass wir mit Brot bis zur frischen Ernte versorgt waren. Aber das war auch das Einzige, was wir hatten. Unsere Kost bestand aus Brot und Prips, und Prips und Brot, zur Abwechslung mal eine Krautsuppe ohne Fleisch, also Kraut und Wasser. Viel Abwechslung brachte unser Küchenzettel nicht. Dass die Frau da manchmal geweint hat, wird wohl nicht wunderlich sein.

    Das war ja alles sehr schwer, aber noch viel schwerer war, dass wir im Dorfe keine Anerkennung fanden. Die Dorfgemeinde hatte uns eben aufnehmen müssen ohne ihren Willen, und das konnte sie nicht vergessen. Das waren aber nicht nur wir allein, ich und meine Frau, sondern auch die andern zwei Familien, die mit uns später hergezogen waren.

    Man gab uns verschiedene Spitznamen. Wenns nicht so wehe getan, man hätte darüber lachen müssen. Wir lebten da beinahe wie in der Verbannung. Wir hatten keine Gemeinschaft untereinander, man wollte uns einfach nicht. Dieser Groll dauerte bei ihnen ein ganzes Jahr, dann fing er an sich zu legen, und mit den Jahren haben sie uns sehr lieb gewonnen. Aber das erste Jahr war für uns ein Prüfungsjahr. Römer 8:28 heißt es: Wir wissen aber, dass denen die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, oder Hebräer 12:11: Alle Züchtigung aber, wenn sie da ist, düngt uns nicht Freude zu sein, sondern Traurigkeit, aber danach wird sie geben eine friedsame Frucht der Gerechtigkeit, denen die dadurch geübt sind.

    Das können auch wir sagen, dass es uns eine heilsame Lehre gewesen ist, und unvergesslich bleiben wird.

 

Gott segnet das Wenige

     Gott, hat uns aber auch in Gnaden angesehen und im Irdischem vom ersten Jahr an reichlich gesegnet. Wir hatten im ersten Jahr nur 5 Hektar Aussaat, bekamen aber gut doppelt soviel vom Hektar, wie die meisten anderen im Dorf. Nachdem wir dann im Winter unsere Mithilfe von der Mutterkolonie auch eine Anleihe von daselbst und eine kleine Unterstützung von dort erhielten, konnten wir uns etwas erholen, kauften uns noch drei Pferde, zwei Kühe, auch kaufte ich mit Anzahlung die nötigsten Landwirtschaftsgeräte, um besser Wirtschaften zu können. Dann gab‘s einen Aufschwung.

    Nach etlichen guten Ernten, die uns der Herr schenkte, waren wir trotz der billigen Getreidepreise bald übern Berg, und hatten im Irdischen nicht zu klagen. Zu der einen Tochter waren in den folgenden drei Jahren noch zwei Töchter hinzugekommen, so dass wir auch von Elternsegen sagen konnten. Wir hatten auch in den letzten Jahren Anerkennung im Dorfe bekommen, so dass wir auch mit den Gläubigen im Dorfe Gemeinschaft pflegen konnten.

    Ich wurde im zweiten Winter nach unserer Verheiratung, noch in Halbstadt zum Prediger gewählt, konnte mich aber der großen Armut halber nicht entschließen, die Arbeit zu übernehmen. Erst das andere Jahr, schon in Ebenfeld, am Sylvester wagte ich es zum ersten Mal, das Häuflein der Kirchengemeinde zusammenzurufen, und mit ihnen Jahresabschluss zu feiern.

     Es waren keine Kirchenprediger in unserer Region vom Süden mitgekommen und die Neugewählten waren im Anfangsstadium. Es hatte sich bis jetzt noch keiner derselben um die Kirchenglieder in unserm Dorfe gekümmert. Es schien so, als ob es hier im Dorf auch niemand sonderlich vermisste. In Matthäus 9:36 heißt es: „Und da Er (Jesus) das Volk sah, jammerte ihn desselben, denn sie waren verschmachtet und zerstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben.“ Ich musste sie sammeln und zur Weide und zur Wasserquell führen. Da ward das Band geknüpft, das auch für die weitern Jahre gehalten hat.

Der erste Weltkrieg bricht aus

    Wir hätten nun wohl glücklich und zufrieden sein können. Wirtschaftlich hatten wir jetzt nichts zu klagen, drei gesunde Mädeln erfreuten unser Elternherz, im Dorf war Frieden und Eintracht eingekehrt und alles schien gut zu werden. Dann aber wurde es schwül, und dunkle und politische Wolken verdüsterten den Himmel und es brach der erste Weltkrieg aus im August 1914, mit all seinem Weh und Ach und seinen Folgen.

    Wir Mennoniten der Orlover und Chortitzer Wollost bekamen die Zuschrift des 1. Septembers, dass wir uns den 10. September fertig zu machen hätten eingezogen zu werden. Das gab eine große Überraschung. Die Mennoniten waren bisher nicht zum Krieg eingezogen worden. Was würde man von uns verlangen? Würde man uns an die Front schicken, oder würde man eine andre Verwendung für uns finden? Das war die bange Frage, die unsre Gemüter beschäftigte, besonders derjenigen, denen diese Bestimmung galt.

     Es galt in erster Linie noch nur Reservisten bis 44 Jahre, aber es wurde dadurch schon eine ziemliche Schar unserer Bauern von unsrer Ansiedlung, bei 400 Männern, von ihren Wirtschaften und Familien weggeholt, wo die Familie dann mit wenigen Arbeitskräften mit der schweren Arbeit allein zurückblieb.

      Wir hatten in dem Jahr eine sehr gute Ernte, welche bei den meisten noch nicht voll eingebracht war. Weil die Russen schon etwas früher einberufen wurden, waren die meisten russischen Arbeiter, welche bei den Deutschen in Arbeit waren, schon außer Dienst getreten. Es waren auch keine andren Arbeiter zu bekommen.

     Ich hatte die Ernte zum größten Teil schon zu Hause in Haufen stehen. Als die Zuschrift kam, hatte ich auch die Dreschmaschine bestellt, sollte aber warten. Weil ich Reservist war, bekam ich den Vorzug vor andern, die noch nicht eingezogen wurden. Die Maschine wurde aufgestellt, aber weil die Arbeiter nicht zu bekommen waren, war es ein sehr schweres dreschen. Wo sonst zwei Männer arbeiteten, war jetzt nur einer. Der Maschine konnte nicht volle Arbeit gegeben werden. Ich habe in jenen Tagen die Arbeit getan, was sonst drei Männer taten. So gelang es bei uns, das meiste zu dreschen. Es blieb etwas Gerste zu dreschen, was die Frau mit dem Mädchen dann schon allein machen würde.

     Aber diese Überlastung rächte sich bei mir hart. Als wir erst fort von zu Hause waren auf der Reise, merkte ich die Folgen, blieb aber noch auf den Beinen, bis Kamenj 180 Wert. Von unserer Siedlung wurden 400 Männer von Dorf zu Dorf von den Russen auf Wagen befördert, von Kamenj führen wir per Schiff auf den Obfluss bis Tomsk.

            (Anhand dieser Angaben kann man auf Google Maps

              seinen ungefähren Wohnort im Norden Russlands

              feststellen und wohin seine Reise ging)

Meine Aufgaben im Krieg

      Dort wurden wir vom Landschaftsministerium in Gruppen geteilt und nach verschiedenen Stellen in den Wald geschickt, für Waldarbeit. Etliche Gruppen wurden bis in den hohen Norden geschickt nach Nahröm und anderen Plätzen. Eine große Gruppe blieb in Tomsk bei einer großen Kranschneidemühle.

     Ich kam mit einer kleinen Gruppe von 25 Männern nicht weit von der Stadt Tomsk. Im Wald, dicht an der Bahn, bekamen wir, Bahnwärter, Quartier auf kurze Zeit, bis wir uns im Wald eine Baracke gebaut hatten. Es war schon Winter, im Walde lag schon Schnee, darum wurde mit dem Bau gleich begonnen. Es war dichter Urwald, Fichten, Tannen und Birken und auch noch andre Arten von Bäumen. Es wurde etwa zwei Kilometer von der Bahn im Wald ein Platz von Bäumen gesäubert, dann wurde angefangen zu bauen, ein Teil der Arbeiter suchten in der Nähe passende Bäume aus und schlugen sie und schnitten sie passend zu, andere trugen sie nach dem Bauplatz, dort wurden sie zugerichtet zu einem Blockhaus, auf russisch Strubb genannt. Die Fugen wurden mit Moos dicht gemacht. Es ging nur langsam mit der Arbeit, denn sie war uns allen unbekannt. 

      Zwei Männer waren als Köche angestellt und einer als Bäcker. Gebacken wurde bei dem Bahnwächter, einen großen Kessel hatten wir gleich in Tomsk gekauft, der wurde draußen unter freiem Himmel zum Kochen aufgestellt. An Brennholz mangelte es ja nicht. Morgens früh wurde Wasser für den Kaffee gekocht, Kaffeekanne und Tasse hat wohl ein jeder von zu Hause mit.

     Der Esssaal war draußen unter freiem Himmel. Tische und Stühle gab‘s nicht, über Stubben (Felsen) in Tischhöhe wurde ein Brett gelegt und der Tisch war fertig, Bänke waren nicht. Man stand beim Essen am Tisch und man sputete sich schon beim Essen, denn der Kaffee war schnell kalt. Mit dem Frühstück, das ging noch, aber mit dem Mittag, das war schlimmer. Da gab‘s eine Suppe zu Mittag, dann musste jeder sich die Suppe im Teller vom Kessel holen. Bis man dann mit der vollen Schüssel bis an den Tisch kam, war sie beinahe kalt, und bis sie ausgelöffelt war, war sie ganz kalt. War die Suppe fett, so war das Fett am Schüsselrand geronnen. Mit dem Braten war‘s ebenso. Als die Baracke erst fertig war, wurde drinnen am Tisch gegessen. Eine kleine Küche war auch angebaut, und man hatte sich erträglich eingerichtet.

     Das Kommando hat dort auch die ganze Kriegszeit zugebracht. Die Arbeit bestand meistens aus Brennholz machen, gespalten einen ½ Meter lang; im Sommer wurde das Holz fertiggemacht. Jeder musste täglich seine Norm spalten. Im Winter wurde es auf Schlitten mit Pferden aus dem Wald an die Bahn gefahren.

     Ich ging aber nur zwei Tage auf Arbeit, dann brach ich völlig zusammen. Ich fuhr am andern Tage mit noch etlichen wieder zurück nach Tomsk. Wir kamen vor die Kommission, etliche wurden für gesund erklärt, und wurden wieder zu ihr Kommando geschickt auf Arbeit. Vier Männer von uns kamen ins Lazarett zur Untersuchung. Wir lagen dort 14 Tage, und kamen dann alle vier los, mussten dann noch drei Wochen im Kommando warten, bis wir unsere Papiere bekamen.

     Anfangs November fuhren wir dann los zurück in unsre Heimat. Wir waren ja sehr froh, dass wir los waren. Bei den andern erweckte es großen Neid, einmal dort schon im Kommando bei den Männern und zu Hause bei den Frauen nicht weniger.

     Dieser allgemeine Neid trübte unsre Freude an der Freiheit. Die sollte nicht von langer Dauer sein. Weil im Herbst bei unsrer Einberufung keine Kommission zugegen war, hatte unser Oberschulze Jakob Abramowitsch Reimer aus eigener Macht ohne ärztliche Untersuchung, viele seiner Günstlinge losgelassen, manche darunter ohne den geringsten Fehler. Dazu waren im Verlaufe des Winters aus den Wäldern manche von der Kommission in Tomsk frei gelassen. Von den Neidern, die im Dienst standen, wurde besonders wegen denen, die ohne Kommission vom Oberschulzen freigelassen waren, eingeklagt, und im Mai wurde eine Nachprüfung der Zeugnisse angestellt, wozu alle Freigelassene sich nach der Kreisstadt Barnaul zu festgesetztem Datum im Mai zu stellen hatten.

 

Der Deutschenhass beginnt

     Weil nun im Verlauf des Krieges gegen Deutschland der Deutschenhass zu heller Flamme entbrannt war, konnten wir von dieser Nachprüfung auch nicht viel Gutes erwarten. Zudem war der alte Oberschulze Reimer seines Amtes enthoben, und der neue Oberschulze Abr. Wintenberg hatte die Zuschrift wohl nicht richtig verstanden.

     Wir merkten es sehr bald, da war irgend etwas faul. Man verstand in Barnaul nicht gut, was sie mit uns tun sollten. Wir wurden von einer Instanz zur andern geschickt. Dann wurden wir nach Nowo-Nikolajewsk geschickt, dort ging‘s ebenso. Unser Geleitsmann, der neue Ober, war auch nicht beschlagen genug. Zuletzt hatte er sich auf die verschiedenen Fragen so festgefahren, dass er nicht mehr zu sagen wusste, als dass wir gefordert sind.

     Dann wurden wir etwa 40 Männer von einer Kommission durchgesehen oder durchgejagt wie eine Herde Schafe, mit den schändlichsten Schimpfworten begleitet. Zuerst waren die auf der Liste, die im Herbst von Reimer ohne Kommission losgelassen waren, und daher auch keine Zeugnisse hatten. Von denen kam auch nur einer jetzt frei, der auch wirklich einen Bruch hatte. Die andern wurden verspottet und als gesund erklärt.

     Dann kamen die mit Zeugnissen von einer Kommission vor. Als die ersten zwei ihre  Zeugnisse vorlegten und sie darauf untersucht wurden und alles richtig befunden wurde, waren sie frei, bekamen sie ihre Zeugnisse. Als der dritte mit seinem Zeugnis vortrat, stutzte man. Der Vorsitzende der Kommission frug dann: „Haben die übrigen alle solche Zeugnisse?“ Als ihm das bejaht wurde, sagte er: „warum seid ihr denn hergekommen?“ Dann der neue Ober Wittenberg: „wir wurden hierher gefordert“. Dann wieder der Vorsitzende: „diese sind damit nicht gemeint, aber wenn ihr die Zuschrift nicht besser verstanden habt, dann dient“.

    Uns wurden alle der Reihe nach die Zeugnisse abgenommen bei sehr oberflächlicher Untersuchung, und die meisten wurden für gesund erklärt und auf Arbeit geschickt nach Tomsk. Die bei der Untersuchung im Netz hängengeblieben waren (ich war auch wieder darunter), kamen noch einmal ins Kriegslazarett.

     Der Empfang dort von den Ärzten war schauderhaft, einfach bestialisch. Wir mussten alle Tage ins Empfangszimmer vor dem Arzt kommen, ein großes Zimmer. Der Arzt war hinten im Zimmer. So wie man das Zimmer betrat, kaum über die Schwelle, wurde man von ihm angebrüllt wie der argste Verbrecher, wir Deutsche seien Feinde des Reiches und suchten uns nur zu verstecken, wir sollten alle erschossen werden, u.s.w. Danach war die Untersuchung.

Der langweilige Dienst

    Wir blieben dort im Lazarett eine Woche, aber das war mehr ein Konzentrationslager als ein Lazarett. Die meisten von uns wurden wieder auf Arbeit geschickt; ich und Gerh. Ewert wurden als physisch unfähig befunden und ebenfalls nach Tomsk geschickt. Aber man stellte uns an keine Arbeit.

    Ewert war das Herumliegen bald überdrüssig und übernahm freiwillig einen Aufseherposten in der Schneidemühle. Es war eine Großschneidemühle, die Tag und Nacht in zwei Schichten arbeitete, die meisten waren Arbeiter unsrer eingezogenen Mennoniten, nur wenige Russen.

    Ich hab dort beinahe zwei Jahre untätig herumgelegen, fuhr ab und zu mal nach Hause auf eine kurze Zeit. Die Reise kam nicht sehr teuer, war aber auf Schiffen von Tomsk bis Kamenj sehr interessant. Besonders im Frühjahr bei Hochwasser habe ich diese Flussfahrt vier mal hin und zurück gemacht.

    Ich konnte in diesen kurzen Zeiten, die ich hin und wieder zu Hause war, meiner Frau etwas helfen. Es war in dieser Zeit für die Soldatenfrauen sehr schwer, die Wirtschaft sollte besorgt werden. Dienstboten waren sehr schlecht zu bekommen und die Frau war mit den kleinen Kindern dazu geblieben. Wir hatten das Glück gehabt, und hatten ein Mädchen im Frühjahr 1915 gemietet. Es ist bei uns geblieben bis nach dem Krieg. 3 ½ Jahr war sie sehr treu und für die Frau eine sehr große Hilfe. Sie war immer zu jeder Arbeit bereit, denn die Frauen mussten ja damals auch alle Mannsarbeit tun, denn männliche Arbeiter waren nicht zu bekommen. 

    Teilnahme oder Unterstützung fanden die Soldatenfrauen von denen im Dorfe, die zu Hause geblieben waren, keine. Wenn die Frauen dann an die Männer Briefe schrieben und sich über diesen oder jeden beklagten und auch nicht ohne Grund, da gab‘s unter den Männern manchmal harte Worte zu hören.

    Mir wurde das müßige Herumliegen mit der Zeit auch über. Ich nahm zuletzt auch einen Posten als Kontrolleur am Tor. Ich hatte all die Fuhren Bretter, die verkauft wurden zu kontrollieren. Es wurde beim Aufladen sehr geschummelt, denn der Aufseher im Sklad konnte nicht immer dabei sein, denn der Sklad war groß. Es wurden täglich 50-60 Fuhren Bretter verkauft. Mir war es nicht viel Arbeit, ich hatte ein schönes Quartier am Tor für mich allein, bekam noch ein kleines Gehalt, war dann aber auch schon fest, musste immer da sein. Ein Jahr lang hatte ich diese Stelle, war inzwischen einmal für einen Monat zu Hause zur Saatzeit, dann hielt ich schon aus bis Ende des Krieges im Herbst 1917.

4. Folge

Die Revolution von 1917

     Im Februar 1917 brach ja die Revolution aus. Dann waren ja alle Schranken gebrochen. Als im Herbst der Friede geschlossen wurde, wurden wir doch noch fest gehalten so lange wie möglich, denn wir Mennoniten bekamen nur 20 Kopeken Tagelohn für jeden Arbeitstag. Und beköstigt wurden wir aus der Gesamtkasse der Mennoniten, daher also die Verzögerung der Freigabe der Mennoniten.

    Wer aber etwa verwagt war und seine Sachen packte und nach Hause fuhr, war auch weiter nichts dabei. Ich fuhr schon anfangs Oktober nach Hause. Manche aber, besonders von hinten im Narömschen, blieben noch beinahe den ganzen Winter dort. Ja, viele sind die ganze Kriegszeit nicht zu Hause gewesen. Gleich zu Anfang des Krieges wurden ja nur die Reservisten eingezogen, aber im folgenden Jahr kamen dann auch die Rarniki (zu Deutsch Landsturm) an die Reihe, und zuletzt wurden nun auch die ganz jungen von 18 Jahrgänge der Ratuiki. Sie wurden als Sanitäter angestellt.

    Im ganzen waren es wohl über 1000 Mennoniten, die während des Krieges in Lazaretten als Sanitäter beschäftigt wurden. Die haben sich und unserem Mennonitentum einen guten Ruf erworben, denn sie waren treu und zuverlässig, und geachtet bei ihren Vorgesetzten.

     Zuletzt war wohl beinahe keine Familie übergeblieben, die nicht einen jungen Mann hatte hergeben müssen. Daher beruhigten sich auch die Gemüter der zuerst eingezogen, so dass nach Kriegsende der alte Groll sich gelegt hatte und die alte Verfassung im Dorfe wieder hergestellt wurde.

 

Wirtschaftlicher Stillstand

     Manche der zuerst eingezogen hatten während des Krieges sehr gelitten. Wirtschaftlicher Stillstand war die Folge. Wir waren ehe der Krieg ausbrach gerade im Schwung. 3 ½ Jahre Krieg war bei uns nicht bedeutender Rückgang, aber doch wirtschaftlicher Stillstand.

     Dann aber wurde wieder Mut gefasst. Uns wurden auch große Verheißungen gemacht. Aber die waren nicht stichhaltig, denn eben hatte der Bauer sich nach dem Kriege etwas erholt, dann fingen die Roten an zu rupfen.

    Im Jahre 1919 hatten wir im Slawgaroder Kreis eine sehr gute Ernte. Es blieb im selben Jahr sehr viel Frucht ungedroschen über Winter stehen. Wir hatten wohl das Futtergetreide und etwas Weizen im Herbst gedroschen, das meiste blieb aber zum Frühjahr. Im Frühjahr, als es gedroschen war, wurde was nicht über Nacht verschwunden war, fortgenommen. Man bekam dafür wohl eine Hand voll Papiergeld, welches aber nach kurzer Zeit keinen Wert mehr hatte.

Verheerende Inflation

    Die Inflation war da. So oft die Regierung wechselte, so ging's auch mit dem Geld. Man lernte es kaum kennen, dann war es wertlos, und anderes kam an seine Stelle. Alles zählte nach Millionen. Jeder war wohl in kurzer Zeit vielfacher Millionär geworden. Für ein Pferd bekam man 2-3 Millionen, aber nach kurzer Zeit bekam man kaum eine Spule Zwirn dafür.

    Es gab damals wohl nur wenig ganz Schlaue, die es verstanden gleich schnell zu verbrauchen, ehe anderes aufkam. Ich kann mich dessen nicht rühmen, ich hatte von allen Sorten reichlich übriggehalten, habe es später einfach verbrannt. Wie das Geld zunahm, so nahm die Ware ab. Alles war verschwunden. Es war bald nichts mehr zu kaufen. Wer da nicht vorgesorgt hatte, der war schlimm dran, es kam gar zu schnell.

Die Folgen des Krieges

     Es waren jetzt seit dem Anfang des Krieges 6 Jahre verflossen, 3 ½ Jahre Krieg und 2 ½ Jahre Nachkriegszeit. Und was war alles in diesen Jahren geschehen? Wie viel Elend hatte der Krieg angerichtet, in den ersten 2 ½ Jahren vom August 1914 bis Februar 1917! Dann brach noch während des Krieges die Revolution aus. Der russische Kaiser von den Revolutionären genötigt abzudanken, floh mit seiner Familie und etliche seiner Getreuen, wurde aber im fernen Osten festgehalten, und in einem Verließ meuchelmörderisch mit der ganzen Familie ermordet. Der deutsche Kaiser kam in die Schweiz im Exil.

    Dann dauerte der Krieg noch weitere 8 Monate bis endlich Wafenstillstand gemacht wurde. Wie viele Millionen hatte der Krieg weggerafft? Und wie viele Millionen treuer Anhänger der Monarchie wurden nach der Revolution hingerichtet? Es schien so, als ob das Morden kein Ende nehmen würde.

    Wir im fernen Osten waren vom Krieg selbst weniger betroffen, aber die Folgen der Revolution griffen mit ihren Krallen in alle Winkeln des großen russischen Reiches und suchte überall nach Opfern. Auch dieses ging auf unserer friedlichen Ansiedlung weniger bemerkbar vorüber. 

   Wir hatten in unserer Familie in diesen Jahren sieben Tote aus nächster Verwandtschaft zu beklagen. Schon den 8. Juni 1915 starb unsere vierte, die jüngste Tochter während ich im Dienst war. Dann im Frühjahr 1916 starb meine liebe Mutter, auch in meiner Abwesenheit. Im Oktober 1918 als ich schon zu Hause war, starben uns unsere fünfte und sechste Töchter, drei Wochen auseinander an der Roten Ruhr. Im April 1919 starb die liebe Mutter meiner Frau, noch sehr rüstig, mit 57 Jahren an Typhus und nach weiteren drei Wochen der Vater meiner Frau, wohl vor Weh und Gram, 70 Jahre alt; auch die jüngste Schwester meiner Frau starb mit 19 Jahren an Typhus.

    Auf dem Begräbnis meiner Schwiegermutter konnte meine Frau nicht zugegen sein, denn zwei Tage vorher war bei uns die siebte Tochter eingekehrt, wir wohnten ja 20 Kilometer ab von den Schwiegereltern. Wir hatten jetzt wieder vier Mädels. Mein Stiefvater hatte nach dem Tode meiner Mutter wieder geheiratet, starb aber 1922 nach einem langen schweren Leiden an Wassersucht.

 

Die Familie Zerstreut sich

    Ich hatte nun keine Eltern mehr, meine Geschwister waren zerstreut: der älteste Bruder, Franz Hübert in Saratowschen, eine Schwester, Frau Heinrich Thissen im Omschen, Bruder Johann im Amur, und drei Geschwister waren noch in der Nähe auf unserer Ansiedlung.

    Die Geschwister meiner Frau waren zwei noch in Südrussland, die andere auch auf unserer Ansiedlung. Wir hatten in diesen Jahren im eigenen Hause so wie in den Häusern der Eltern beiderseits acht Tote zu beklagen, den Stiefvater mit eingerechnet.

    Wir selbst aber waren gesund, und weil der Bevölkerung von Seiten der Sowjetregierung, die nach den vielen Umwälzungen nun fest in Sattel saß, die besten Aussichten für die Zukunft verheißen waren, fasten wir wieder Mut, und gingen mit neuem Eifer ans Werk, uns wirtschaftlich wieder aufzubauen.

    Aber im Jahre 1920 hatten wir auf der ganzen Siedlung eine schwache Ernte. Die Steuern, die jetzt den Bauern in Natura auferlegt wurden, mussten entrichtet werden im Herbst. Da blieb bei manchen so wenig übrig, dass das Wenige im Winter verzehrt wurde, und zur Aussaat blieb bei vielen nichts.

    Daher war die Aussaat im Jahre 1921 nur sehr gering, zudem gab’s wieder eine schwache Ernte. Die Regierung aber nahm die Steuern bis aufs Letzte. Somit war eine Hungersnot unausbleiblich, welche auch schon im Winter einsetzte, dann aber im Frühjahr wohl den größten Teil der Bevölkerung erfasste. Wer seinen Nahrungsvorrat gleich vom Herbst ausrationiert hatte, kam besser durch.

 

Einst Wohlhabende werden nun ohne Sarg und ohne Hemd beerdigt

    Wir in unserer Familie sparten vom Herbst an mit Brot, Kartoffeln waren genügend da. Wir kamen auch ohne Unterstützung durch; bei manchen aber war bis zum Frühling kein Brot mehr vorhanden, bloß bei Kartoffeln, oder wo auch die nicht waren, war tatsächlich Hungersnot.

    Cholera brach aus, bei uns im Dorf waren auch etliche Fälle, wo die Betroffenen im Verlauf von etlichen Stunden weggerafft wurden. Dann kam die amerikanische Hilfe, die Rationen waren auch nur klein, halfen aber noch über den Hunger hinweg. Es wurde noch viel Gemüse gegessen und so kamen die meisten durch bis zur Ernte.  

    Es war im Frühjahr doch wohl allen möglich eine wenn auch bei manchen nur sehr geringe Aussaat zu machen. Wenn auch nicht alles Land konnte besät werden. Es gab eine gute Ernte und man hatte wieder Hoffnung sein eigenes Brot zu essen. Aber der Mangel an Kleider war jetzt sehr groß  geworden, weil nichts mehr zu kaufen war. Dazu brach der Typhus aus im großen Umfange. In allen Dörfern starben viele Menschen, und mancher der vor etlichen Jahren noch wohlhabend war, musste ohne Sarg und ohne Hemd beerdigt werden. Ich bin Augenzeuge solcher Fälle.

Am Rande des eigenen Todes

     Ich selbst hatte mir die Krankheit bei einer Nachtwache bei einem Typhuskranken geholt. Weil der Mangel an Kleider und Bettzeug und Wäsche so groß  war, vermehrte sich das Ungeziefer erstaunlich stark und half nur mit Verschleppung der Krankheit.

      Ich war ja auch am Rand des Todes. Meine Frau behauptet, ich sei auch tatsächlich schon Tod gewesen. Aber durch ein Wunder ihr wieder zum Leben wiedergegeben worden. Durch strenge Befolgung der Anordnungen des Arztes und sehr gute Pflege konnte ich nach Verlauf eines Monats wieder das Bett verlassen ohne nachteilige Folgen.

 

Drangsalierungen bis ins Teuflische

     Die Ernte war eine gute gewesen, aber die Steuern waren so hoch, dass doch wieder alles weggenommen wurde. Der Weizen wurde auf Stützpunkte zusammengebracht. Aus Mangel an Speicher wurde er einfach in großen Haufen im Freien auf der Erde geschüttet mit gefüllten Säcken belegt, und den Unbilden des Wetters preisgegeben. Millionen von Puden Weizen sind dort verfault, welches dem Bauer zwangsmäßig weggenommen wurde.

     Ebenso war es mit der Fleischlieferung. Es wurde jedem Dorf eine bestimmte Norm Fleisch zur Lieferung aufgelegt, Rindfleisch, Schweinefleisch, auch Gänse, Hühner und Enten, alles nach Gewicht. Dieses musste dann im Dorf auf den Einzelnen verlegt werden. Und nicht im Lebendzustand, sondern alles geschlachtet, ausgeweidet, im Winter wenn es eingefroren war, und zwar nicht zerlegt sondern so in seiner ganzen Größe.

     Dann sah man dann viele Schlitten beladen mit gefrorenem Vieh zur Stadt fahren, dort wurde es wie auch der Weizen, an der Bahn in großen Haufen aufgeschichtet liegen gelassen.

     Es wurde von den Hunden benagt, von Hunden benetzt. Die Hündin legte in den Hohlraum der Rinder ihre Jungen ab. Da war die Fütterung nah und sehr bequem. Manch gute Kuh ist in jener Zeit geschlachtet worden zur Fleischlieferung, oder das Schwein, das manche Familie so nötig für sich gebraucht hätte, ging zur Fleischlieferung.

     Wie soll ein Reich bestehen, wenn es so wirtschaftet? Man kann es nicht verstehen und fragt sich, warum lässt Gott es zu, dass solche Regierung überhaupt existiert, oder so willkürlich ihre Untertänigen behandeln oder drangsaliert? Aber dies alles ist nur aus den Anfangsjahren der Kommunistischen Regierung.

     Diese Drangsalierung hat sich später nach 20-30ger Jahren ins Unendliche, Unermessliche bis ins Teuflische gesteigert. Wird Gott das Blut der Millionen und aber Millionen unschuldiger Menschenopfer, die dort auf verschiedener Art und Weise umgebracht oder zu Tode gemartert wurden, ungestraft lassen? Gott wird auf seiner Art richten und strafen.

Wundersame Führungen Gottes durch Drangsal und Leid

     Ich, der ich auch selber bis Ende August 1929 in Russland unter der Sowjetherrschaft gelebt und miterlebt habe, muss aber auch sagen zur Ehre Gottes, dass ich wunderbare Bewahrung und Hilfe in schweren Stunden und Zeiten erfahren habe.

     Ich könnte vieles derselben erzählen, will aber nur einige davon hervorheben, um zu zeigen wie wunderbar Gott alles führt und lenkt, wenn wir Ihm kindlich vertrauen, und auch die Tyrannen nur das tun dürfen, was er zulässt.

    Jesus sagte zu seinen Jüngern in Markus 13:11 „Wenn sie Euch nun führen werden und überantworten werden, so sorget nicht was Ihr reden sollt, und bedenkt auch nicht zuvor, sondern was euch zu derselbigen Stunde gegeben wird, das redet. Denn Ihr seid‘s nicht, die da reden, sondern der Heilige Geist“.

     Es geschah in den Jahren der Naturalsteuer. Ich hatte meine Steuer voll entrichtet, hatte aber auch beinahe alles Entbehrliche abgegeben. Da bekam ich eines Tages im Winter eine Zuschrift, nach Orlaf vors Reftribunal zu kommen, nachmittags. Es waren noch zwei andere aus unserem Dorf vorgeladen.

     Wir kamen hin, mussten warten bis Abend, wurden dann bei Franz Dück auf der Hofseite seines Geschäftshauses in einem dunklen Warenlagerraum geführt, wo drei Männer von G.P.W. uns erwarteten. Ich wurde als erster aufgerufen. Ich trat ein. Schon dieser dunkle Raum, von einer Öllampe spärlich beleuchtet durch ein rötliches Licht, machte einen grauenerregenden Eindruck. Dazu die erschreckenhaft aussehenden Männer, in voller Bewaffnung, die konnten einem Graun einflößen. Zudem wussten wir gar nicht, um was es sich handelte.

     Ohne jegliche Einleitung schrien sie mich an, dass ich noch so und so viel Pud Weizen in drei Tage zu liefern habe, ob ich das wollte. Ich wusste, dass ich das unmöglich konnte, folgte aber der Eingebung und sagte “ ja “. Dann musste ich es unterschreiben und war abgefertigt.

     Der andere nach mir machte es auch so und war auch abgefertigt. Der dritte aber weigerte sich, sagte er konnte das unmöglich. Der musste unterschreiben, dass er das nicht wollte, wurde dann gleich arretiert und nach Slawgorod geschickt ins Gefängnis und in seiner Abwesenheit wurde ihm zu Hause alles verkauft an Vermögen, und hat dann noch lange im Gefängnis gesessen.

     Wir andere beide konnten nach Hause und weiter ist uns nichts geworden. Ich sah darin eine Führung Gottes, dass ich sagen musste, so dass wir von ihnen nicht weiter beobachtet wurden.

 

Instrukteur Babkow, der Wüterich

     Dass Gott die rohen Menschen aber auch in seiner Hand hat, und nur zulässt, was er will, zeigt ein anderer Fall.

     An einem Sonntag nachmittag um drei Uhr, kommt der Dorfschulze in großer Eile zu mir und sagt: „Du sollst gleich mit dem Instrukteur Babkow und einem Polizisten nach Podsosnowa fahren“. Es war im Winter bei großer Kälte. Ich sagte, "ich werde das Pferd etwas Hafer geben, und den Schlitten fertig machen, dann spanne ich gleich an". Ich konnte nicht ohne gefüttert fahren, denn es waren 30 Km hin und zurück. Aber ehe ich damit fertig war, war der Schulze wieder da und sagte: „aber Mensch, komm doch, Babkow flucht schon schrecklich, er spricht nur von totschießen“.

     Ich blieb ganz ruhig. Ich hatte einen schönen Spazierschlitten, setzte mich auf den Kutschbock vorne, hinten hatte ich eine schöne Pelzdecke für meine Passagiere, fuhr beim Schulzen auf den Hof vor die Tür.

Als Babkow herauskam, klappte ich die Pelzdecke auf und sagte: “Bitte steigen sie ein!“. Er stieg ein mit dem Polizisten, ich stopfte die Pelzdecke dicht bei Ihm, stieg auf und fuhr los.

    Kein Fluchwort ließ er hören, nichts von erschießen. Im Gegenteil fing er unterwegs ein harmloses Gespräch an, ob ich den Weg auch gut wisse, dass wir uns nicht verirren würden, denn die Sonne war schon untergegangen, der Weg war nicht ausgestreuchert, denn hier wurde wenig gefahren, die Bahn war schlecht und es fing an zu stürmen.

    Ich hatte nur ein Pferd angespannt, denn die Bahn war hier zu schmal für zwei Pferde. Ich beruhigte ihn und sagte, "dieses Pferd spann ich immer an, wenn’s stürmisch ist, es hält sehr gut bahn". Obwohl mir selbst des Schneesturms wegen etwas bange war, kamen wir glücklich hin.

    Er frug gleich, als er abgestiegen war, „hast du einen Bekannten im Dorf, wo du nachtbleiben kannst?“ Ich sagte, „ich will nicht nachtbleiben, ich fahr gleich wieder zurück“. Er sagte, „du kannst auch hier nachtbleiben, im Stall ist Raum für’s Pferd, drinnen kannst schlafen. Du bekommst auch gleich Tee“. Ich sagte, „danke, aber ich werde gleich fahren“. Er wünschte mir noch eine glückliche Reise und ging hinein.

     Babkow aber war als ein Wüterich sondergleichen bekannt. Gott kann machen, dass die Sachen gehen, wie es heilsam ist.

 

Der bedrohende nächtliche Besuch

    Noch einen Beweis göttlicher Führung und Bewahrung will ich aufführen. Es war wohl in dem nämlichen Winter, an einem Sonntag Abend, schon spät. Wir wollten eben schlafen gehen, da kamen zwei Schlitten auf der Straße gefahren, hielten gegen unseren Hof an. Drei Männer stiegen ab, befahlen den Fuhrleuten heimzufahren. Sie kamen auf den Hof, ich stand draußen vor der Tür, hatte eine eiserne Gabel auf der Schulter. „Na“ sagt der Vorderste, „was stehst du hier mit der Gabel“? Ich sagte, „ich will dem Vieh Stroh zur Nacht geben“. „Na“ sagt er, „führ uns nur hinein, wir wollen bei dir Nacht bleiben“. Ich führte sie in die Stube.

    Es waren zwei Instrukteure und ein Polizist. Meine Frau hatte schon die Betten gemacht für uns, da mussten wir freundliche Miene zum bösen Spiel machen. Die eine Instrukteurin war ein verrufenes Frauenzimmer, sie war jetzt aber sehr freundlich, sie schüttelte sich, und sagte, sie hätten nach Podsosnowa fahren wollen, es sei ja aber keine Bahn, daher seien sie zurückgekommen und wollten hier Nacht bleiben. Sie hätten den ganzen Abend herumgeirrt, und seien ganz verfroren. Auch hätten sie Hunger. Ich sagte, „was sollen wir euch noch in der Eile vorsetzenWarmes haben wir jetzt nicht fertig“. Sie sagt, „was ihr eben habt“.

    Nun, wir hatten zum Glück mancherlei, es war eben vor Weihnachten, Milch war in dieser Zeit eine Seltenheit, wir aber hatten Milch, Butter, Schinkenfleisch, schönes Weißbrot. Beim Essen konnten sie des Lobens nicht aufhören. Immer wieder sprachen sie aus „Eine Seltenheit um diese Zeit!“ 

    Als sie gegessen hatten, sagt sie, „so, jetzt wollen wir schlafen, uns friert“. „Ja“ sage ich, „wenn Euch friert, dann müsst ihr am Ofen  schlafen, da ist’s warm. Wir werden von Stroh ein Lager machen.  Decken und Kissen haben wir auch, dann schlaft ihr warm“. Sie waren damit einverstanden. Als sie da alle drei am Ofen lagen, das Frauenzimmer in der Mitte, sagte sie, „wir werden hier schlafen wie die Prinzen“. Wir zerbrachen uns den Kopf, „was kann das nur wieder bloß bedeuten?

    Morgens schnüffelten sie allerwärts herum, im Stall, Scheune, bei den Haufen, sagten aber nichts. Als sie Frühstück gegessen hatten, musste der Polizist zum Schulzen gehen und ein Fuhrwerk bestellen, wieder zurück nach Alexandofka, von wo sie kamen.

    Der Schulze kam mit dem Fuhrwerk mit, als sie weg waren, sagt er, „was wollten die bei dir?“ Ich sagte, „ich glaube, die kamen eine Haussuchung bei mir zu machen, aber über Milch, Butter und Schinkenfleisch haben sie den Mut dazu verloren. Sie können nur tun, was Gott zulässt.

    Ich könnte noch manche solche Fälle aufzählen, wo uns eine große Gefahr manchmal ganz nahe war, Gott sie uns auch zeigte, aber immer seine schützende Hand vorhielt, dass die Gefahr bei uns vorüberging, und wir ihm für seine unverdiente Gnade danken mussten. Sie sollten für uns aber fürs ganze Leben unvergesslich bleiben. Ihm gebührt der Dank für alles.

(Fortsetzung folgt)

Holodomor – Als Stalin Millionen verhungern ließ -

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