Wilhelm Hübert

     Ein Mann, der so schwere Wege gehen musste und trotzdem sich ins Herz blicken lässt wie kaum jemand aus seiner Generation, der hat Größe. Und wozu die meisten unfähig waren: er ist nicht nur im Stande seine Vergangenheit kritisch zu beleuchten, sondern er findet auch Worte dafür.

    Er beschuldigt niemanden, weder die Kommunisten, noch die kanadischen Behörden, die seine Einreise verweigern, noch seine Frau, die durch Nervenzusammenbruch sein Leben durch manches erschwert hat.

    Er hat seine Geschichte so gut er konnte aufgeschrieben, selbstverständlich mit manchen Fehlern, zu langen Sätzen, wenig Interpunktion. Ein Nachkomme von ihm, Mathias Peters, machte sich dann die wirklich erstaunliche Arbeit, das auf verwelktem Papier Geschriebene zu tippen. Vielen Dank dafür, lieber Mathias!

    So weit wie nur möglich habe ich die Wortwahl beibehalten, aber die Sätze gekürzt, einige Korrekturen gemacht und Abschnitte mit Überschriften versehen, damit es leserlicher wird.

     

Mottovers: Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn’s hoch kommt, achtzig Jahre, und wenns köstlich gewesen ist, so ist’s Mühe und Arbeit gewesen, denn es fähret schnell dahin, als flögen wir davon.                  Psalm 90:10

Einleitung

    Wer wollte wohl die Wahrheit dieses Psalmwortes bestreiten? Sehen wir doch die Bestätigung desselben um uns alle Tage. Sagt doch auch der weise Salomo in Prediger 3,1: „Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vornehmen unter dem Himmel hat seine Stunde usw“. Und es gibt in unserem Leben so ganz besondere Zeiten, wo wir so recht an die Wahrheit dieses Wortes gemahnt werden. In den jungen Zeiten, wenn man das Leben mit besten Hoffnungen vor sich hat, dazu gesund ist, kann‘s leicht übersehen werden. Man will eben das Leben genießen, und nimmt’s oft im Sturm. Je näher man aber der Grenze des biblischen Alters kommt, um so mehr kommt man dazu, über den Wert und Sinn des Lebens nachzudenken. Es kommen dann die Jahre, von welchen der Prediger Salomo Kap. 12 sagt „sie gefallen mir nicht.“ Und hat unser Leben nicht Ewigkeitswert bekommen, so würde es sich wahrlich nicht lohnen gelebt zu haben.”

     Wie köstlich daher zu wissen, dass dieses unser Leben nur eine Vorbereitungszeit ist für das Weiterleben nach dieser Zeit, in der Ewigkeit. Und wenn wir den erwählt haben, der gesagt hat: „Ich bin der Weg die Wahrheit und das Leben“, dann darf uns mit solchem Führer nicht bangen. Er wird uns durch alle Stürme des Lebens sicher leiten, durch den Jordan des Todes in die ewigen Hütten des Friedens beim Vater im Licht. Dort werden wir dann den von Angesicht sehen, an welchen wir hier geglaubt haben. “O, das wird Herrlichkeit sein.”

    Wenn ich heute im Geiste stille stehe, und einen Rückblick tue auf mein Leben, dann muss ich sagen, es ist doch schon eine ziemlich lange, lange Strecke, die ich zurückgelegt habe, und gar bewegt ist das Leben gewesen, das ich hinter mir habe. Aber es ist nicht nur Mühe und Arbeit gewesen, es hat auch Glück und Freuden gebracht, gleich einer Oase in der Wüste, wo sich's unter schattigen Palmen am kühlen Wasserquell so gut ruhen lässt.

     Ich will versuchen im Geist, mein Leben noch einmal zu durchleben, und so viel mir davon in Erinnerung ist, von Kindheit an niederzuschreiben.

Kindheit

     Ich wurde geboren den 19. März 1883 im Dorfe Sergejewka (Fürstenland), Gouvernement Taurien, Südrussland. Meine Eltern waren Wilhelm Hübert, und die Mutter, Maria, geborene Franz Enns. Ich war das siebente Kind meiner Eltern, die drei Geschwister vor mir waren kurz nacheinander im zarten Kindesalter gestorben, drei rechte Geschwister nach mir wurden mir von meinen Eltern geschenkt. Mein Vater, dessen Eltern jung gestorben waren, musste schon jung als Vollweise sein Brot bei fremden Leuten verdienen.

     Die Eltern meiner Mutter, Franz Enns, Georgsthal (Fürstenland) habe ich noch gut gekannt. Sie starben 1906 im hohen Alter und hatten das seltene Glück, ihre eigenen fünf Hochzeiten miteinander zu feiern: Grüne, Silberne, Goldene, Diamanten, und als fünfte die Eiserne, nach 65 jährigen gemeinsamen Eheleben.

     Mein Geburtsdorf lag am großen Dnjeprfluss. Unser Hintergarten reichte bis ans Ufer des Flusses und ich sehe im Geiste, wie die Flussdampfer bei uns vorbeifuhren. Unser Nachbar auf der Vorderseite war ein Abram Klassen, er hatte eine Maschinenfabrik. Klassen war ein großer, schlanker Mann mit einem hübschen schwarzen Vollbart. Ich war drei Jahre alt, als meine Eltern von Sergejewka wegzogen, und auf Alexanderfeld, Chersoner Gouvernement ansiedelten.

 

Umsiedlung

     Ich kann mich auch von dem Ansiedlungsjahr manches erinnern. Manche der Ansiedler hatten schon vor der Saatzeit nahe an der großen Tränke Erdhütten gebaut, nach der Saatzeit aber wurde der Dorfplan höher von der Tränke angelegt, und es entstand ein schönes großes Dorf von 32 Vollwirtschaften zu 60 Desatienen und 8 Halbwirtschaften mit 30 Desatienen.

    Die Wirtschaftsgebäude waren alle planmäßig nach altmennonitischer Art, gleichmäßig in Länge und Breite gebaut, die Gebäude der Halbwirtschaften in etwa kleinerem Maßstabe. Das Grundstück war 30 Faden (gut zwei Meter ein Faden) breit und 120 Faden lang, enthielt anderthalb (11/2) Desatien.

     Jeder Wirt war verpflichtet, an der Straße einen Bretterzaun zu setzen, und in grader Linie längst der Straße nach dem Hause hin eine Reihe weißer Akazienbäume zu pflanzen, ebenso an der Auffahrt von der Straße bis ans Haus.

     Diesem allgemeinen Beschluss waren außer zweien auch alle andere nachgekommen. Die zwei anderen hatten anstatt Akazien, Pappelbäume gepflanzt. Nach etlichen Jahren waren die Akazienbäume schön gewachsen und standen im Frühjahr in Blütenpracht da mit ihren weißen Blüten. Die Bäume hatten in der Blütezeit noch nur ganz kleine Blätter und sahen aus wie mit Schnee überschüttet. Die Straße sah aus wie eine Allee auf jeder Seite eine Reihe weißer Bäume, eine wahre Pracht anzusehen, und dazu dieser angenehme süße Duft der Blüten.

     Der Eigentümer des Landes (wir waren nur Pächter), ein sehr reicher Edelmann, General Sienellmkaw, besaß 64 tausend Desatien Land, wohnte in der Stadt Jekatarinoslow, hatte aber sechs Werst von unserem Dorfe eine seiner Ökonomien (Landhaus), und hat in manchen Jahren, etliche Wochen mit seinem ganzen Gefolge auf seiner Ökonomie in unserer Nähe zugebracht, gewöhnlich in der Akazienblütezeit, und meldete sich dann für einen bestimmten Tag zu vier Uhr nachmittag zu einem Besuch bei uns im Dorf an. Er hatte gefallen an unser Dorf, und besonders an der Pracht und Duft der Akazienblüte.

    Er kam immer mit seinem ganzen Gefolge, bestehend aus etwa 40 Mann, er war Witwer und hatte zwei Kinder. Das ganze Gefolge kam auf verschiedenen Gefährten, erst voraus 4-5 auf Fahrrädern, dann 4-6 stramme Reiter, in strammer Ordnung als Vorboten, dann die Gouvernante mit den Kindern in sehr niedrigem, gelbem Jagdwagen mit zwei in langer Glaskutsche, worinnen er selbst zwei rotscheckigen Ponnys bespannt, dann der General selbst mit seiner Leibwache, bestehend aus sechs Männern mit aufgepflanzten Gewehr, saßen vorne auf dem Bock der Kutscher in Livree, vier Rappen lang gespannt kutschierend, dann hinter ihm das übrige Gefolge in verschiedenen Gefährten. Die Straße und Höfe waren für den Besuch gesäubert und geschmückt, die Bewohner sämtlich festlich angezogen, standen an der Straße am Zaun und grüssten die langsam Vorbeifahrenden. Diese fuhren langsam beschauend und genießend durchs Dorf bis zur großen Tränke, verweilten dort kurze Zeit, dann gingen wieder zurück durchs Dorf und nach der Ökonomie zurück. Es war jedesmal ein Festtag für unser Dorf.

    Weil ich der Beschreibung über unsers Landbesitzers und seines Besuches bei uns und den dadurch entstehenden Festtag für uns, etwas vorgegriffen habe, denn es kam nicht in den ersten Jahren vor, so muss ich wieder zurück zu den ersten Jahren und seinen Begebenheiten.

 

Der Vater spielt einen Streich

    Mein Vater, der als Weise eine sehr schwere Kindheit und Jugendjahre gehabt hatte, und auch in den folgenden Jahren durch Armut eine schwere Zeit gehabt hatte, und auch das schwere Ansiedeln war schwer und leidend für ihn und er starb im dritten Jahr nach der Ansiedlung. Ich kann mich wenig von ihm erinnern. Eine Begebenheit aber aus seinem letzten Lebensjahr bleibt mir unvergesslich, und ich will sie hier mitteilen, welche seinen Charakterzug in etwa bezeichnet. Ich will es “Meine Reise mit dem Vater Express” nennen.

     Es ist in der Frühe eines schönen Sommermorgens, ich stehe mit Vater in der Stahltür, ich war im sechsten Lebensjahr. Onkel und Tante Jakob Sawatzky kommen bei uns übern Hof gefahren (sie wohnen bei uns über der Straße), Frau Sawatzky ist die Schwester meiner Mutter. Sie wollen nach Fürstenland spazieren fahren zu den Großeltern. Beim Vorbeifahren fragt Onkel: „Was sollen wir den Großeltern sagen?“ Vater sagt: “Kannst sie grüßen”. Dann sagt Vater zu mir: „Na Willi, well wie uck noa Grotvoodasch foore?“ Ich bin selbstverständlich gleich bereit.

    So wird Frühstück gegessen, den Wagen aus der Scheune gezogen, der Fuchs und der kleine Schwarze wurden eingespannt, ein Strohsack diente als Sitz im Wagen, und los ging die Reise. Bis Fürstenland sind 70 Werst. Die ersten 40 Werst bis Plujewa am Dnjeprfluss wird nur mäßig gefahren, denn es ist freie Steppe und man darf Sawatzky nicht zu nahe kommen, sonst bemerken sie uns, und das Spiel ist verdorben, sobald wir aber hinter Nikopol in der Plawing sind (das niedrige mit Landstrauch bewachsene Gelände am Dnjeprfluss, welches bei Hochwasser überschwemmt wird, jetzt im Sommer aber trocken ist) ja, sobald wir in der Plawing sind, meint Vater vorrücken zu können, denn es gibt hier mehrere Schleichwege, und Vater kennt sie alle, auch den kürzesten, und Vater nimmt den kürzesten, um Sawatzkys ohne gemerkt von ihnen, vorzufahren. Es hat dabei aber auch ein kleines lustiges Abenteuer gegeben. Wir kommen da bald einem Fuhrwerk nach, eine Russentante fährt es. Vater lenkt ab, und will vorbei, die Tante erlaubt es nicht. Vater macht ernst, Tante gibt nicht nach. Vater steht auf, setzt sich kniend auf seinen Strohsack und nun geht eine wahre Hetzjagd los. Der Weg krängelt zwischen den Büschen, Tante links um den Busch, Vater rechts um den Busch, im tollsten Wettjagen, und nicht mal ohne Gefahr zwischen den Büschen. Tante war ein guter Lenker, und die Pferdchen liefen auch nicht schlecht, aber unsere Pferdchen waren doch schneller, vielleicht auch hatte Vater etliche mal einen kürzeren Bogen um den Busch gemacht. Vater gewann das Spiel, und das hatte mitgeholfen, dass wir bedeutend früher bei den Großeltern waren als Sawatzky. Als die Großeltern dann fragten, was machen Sawatzky, und die anderen Kinder dort? sagte Vater ruhig, wenn auch nicht ganz wahrheitsgemäß, “sie bestellten zu grüßen.“ Man kann sich das Erstaunen Sawatzkys denken, als sie ankamen. Da Vaters Wagen und er selbst mit mir unsichtbar waren, fragte Großvater, „Na, was ist los, erst bestellt ihr mit Hübert zu grüßen, dann  kommt ihr selbst auch noch her?“ Dieser Streich des Vaters wurde auch gründlich belacht.

Die Erziehung des Knaben

     Schon später nach dieser erwähnten Reise, als Vaters Leiden zugenommen und er schon mehr im Bett bleiben musste, erinnere ich mich, dass ich wohl ungehorsam gewesen bin, und Mutter über mich zum Vater geklagt hat. Er rief mich zu sich ans Krankenbett und ließ mich dann für kurze Zeit in einer Ecke seiner Stube stehen. Weil er längere Zeit leidend war, und ich wahrscheinlich sein Liebling war, und die Mutter von sehr sanftem Gemüte war, war an meiner Erziehung manches unterblieben, und ich war ein ziemlich wilder Bursche geworden.

    Nach Vaters Tod hatte ich 2 Jahre keinen Vater. In diesen zwei Jahren, wo ich vaterlos war, aber schon zur Schule ging, vertrat der Lehrer gründlich die Vaterstelle an mir. Es ging dann nicht immer gut, hab‘s ihm aber später gedankt. Vier Jahre war er mein Lehrer. Er hat in den vier Jahren manchen Jungenstreich aus mir herausgeklopft. Nachdem die Mutter beinahe zwei Jahre Witwe war - sie war damals 41 Jahre alt - heiratete sie einen Junggesellen von 32 Jahren, Abram Dück. Dann wurden die Zügel in der Erziehung noch etwas straffer angezogen, und das verwilderte Bäumchen wurde zurechtgebogen.

    Die folgenden und letzten vier Jahre meiner Schulzeit hatte ich einen Lehrer, Jakob Block, was der vorige Lehrer durch Strenge nicht erreichen konnte, dass gewann der zweite durch Liebe. Es war mit ihm ein ganz anderer Geist in Schule und Dorf eingezogen. Wir hatten uns sehr lieb gewonnen, sind es auch geblieben. Er wurde dann später, nachdem er nicht mehr Lehrer bei uns war, räumlich weit getrennt wohnten, haben aber unsere Beziehung nicht verloren. Er ist dann später von Sagradowka Tiefe Nr. 8 im hohen Alter von 84 Jahren nach späteren Berichten (Mennonitische Märtyrer) nicht verbannt, aber über alle Massen schrecklich gemartert worden. Er hat aber Glauben gehalten. „Das Andenken aber des Gerechten bleibt im Segen“ Spr. 10:7.

    Nach der Schulzeit kamen für mich sehr schwere Jahre. Der älteste Bruder Franz und die älteste Schwester Katharina waren verheiratet, die folgende ältere Schwester Maria konnte draußen bei der wirtschaftlichen Arbeit wenig helfen, da sie mit der häuslichen Arbeit beinahe voll beschäftigt war, denn die liebe Mutter hatte in der letzten Zeit angefangen zu kränkeln. Sie war wohl immer auf, konnte aber nichts tun, sie war sehr mit Asthma geplagt, besonders im Sommer. Sie hat nach  ihrer zweiten Heirat meistens gesessen und gestrickt. Es wurden ihr von dem Stiefvater noch zwei Halbgeschwister für uns geboren. Nachdem auch Maria geheiratet hatte, mussten wir mehrere Jahre ein Mädchen für die häusliche Arbeit halten, denn die folgende Schwester nach mir ging noch zur Schule. Mit der wirtschaftlichen Arbeit blieb ich sozusagen alleine außer Saatzeit und Ernte, wo für die Zeit dann extra Arbeiter angenommen wurden.

 

Das geistliche Leben im Dorf

    Das geistliche Leben stand in den ersten Jahren auf der neuen Siedlung in unserem Dorfe auf sehr niedriger Stufe. Die Siedler, aus verschiedenen Stellen und Gemeinden zusammengewürfelt, brachten auch sehr verschiedene Gebräuche mit. Sehr gesellige Geburtstage, wilde Hochzeiten, sehr lautes Schweineschlachten, wo es ohne Schnaps nicht abging, und oft üble Folgen mit sich brachten, und die wunderbarsten Jahresabrechnungen am Sylwester, bei der Neuwahl des Dorfschulzen, bei welchem es auch für Jungen im Dorfe manches Interessante zu sehen gab, waren an der Tagesordnung, dazu verschiedene andere unlaute Dinge. Weil unter den Ansiedlern kein Prediger mitgekommen war, wurde gleich zu Anfang ein Prediger im Dorf gewählt, der die Wahl auch annahm und auch bald sein Amt antrat, aber auf das wüste Leben im Dorf keinen Eindruck machte. Weil er wohl kein Leben aus Gott hatte und nicht von dem wahren Lichte aus Gott durchleuchtet und durchdrungen war, war er dann auch bald nach etlichen Jahren wieder weg.

    Als dann zugleich auch ein Lehrerwechsel stattfand, wurde wieder ein Prediger gewählt. Es traf den neuen Lehrer Block und mit ihm und durch ihm und seine Arbeit kam neues Leben ins Dorf und in die Gemeinde, denn er besaß Leben aus Gott, war von dem göttlichen Lichte durchdrungen, und dieses göttliche Licht, strahlte von ihm aus auf seine Umgebung und es bewahrheitete sich bald: “Wo das göttliche Licht scheinet, da muss die Finsternis weichen“.

    Dieser Lehrer gab seinen Schülern einen lebendigen Religionsunterricht, es gab bald Fragen unter den Schülern nach wahrem Leben. Er brachte aber auch der Gemeinde am Sonntag das lebendige Wort Gottes ungefälscht, war Seelsorger, ging den Seelen nach, besonders in seiner freien Zeit als Lehrer, in den Sommerferien, wo dann der Herr manchmal noch so besonders eingriff, dann gabs eine Wendung im Leben.

 

Der plötzliche tod

    Hier muss ich einen Fall erwähnen, der für unsere Familie von größter Bedeutung war. Ich war damals 12 Jahre alt. Meine Eltern fuhren zu Ostern nach Segradowka spazieren, wo Vaters Mutter noch lebte. Meine zweite Schwester nach mir war 8 Jahre alt, war ganz gesund, als sie wegfuhren. Es war Sonnabend vor Ostern: Anna war den ganzen Tag sehr lustig, und vergnügt, sang und sprang den ganzen Tag herum, so dass meine älteste Schwester Maria, die damals noch zu Hause war, ihr sagte: “Anna sei still, und sei nicht wild, du wirst noch krank werden...“ Sie aber ließ nicht nach, immer wieder das damals bekannte Lied zu singen: “Maria saß auf einem Stein, einem Stein, einem Stein, Maria saß auf einem Stein, einem Stein u.s.w.“

    Dann am ersten Ostertag war sie auch schon krank. Die Eltern waren nicht zu Hause. Die Krankheit wurde bedenklich. Ein Arzt war keiner in der Nähe, ein alter baptistischer Bruder, der in unserer Nähe wohnte, ordnete einige Hausmittel, die auch versucht wurden, aber ohne Erfolg. Am zweiten Feiertag war sie schon sehr krank, und am Nachmittag starb sie, und die Eltern waren nicht zu Hause. Als die Leiche dann besorgt war, der alte Bruder war dabei, klopfte er mich auf die Schulter und sagte: “Na, Wilhelm deine kleine Schwester ist jetzt im Himmel, ei wenn du jetzt gestorben wärest, wo wärest du hingekommen?“ Es war auch für mich, wie uns alle eine sehr ernste Sprache, eine blühende Blume, so plötzlich gebrochen. Der Geist Gottes arbeitete mächtig an meinem Herzen, aber ich unterdrückte die Mahnungen des Geistes Gottes.

 

Die Folgen dieses Todes

   Die Eltern wollten den letzten Feiertag heimkommen, welchen Schreck würde es besonders für die liebe Mutter geben. Der Nachbar erbot sich, den Eltern entgegen zu fahren, um den Eltern den Fall schonend beizubringen. Es hatte aber doch einen furchtbaren Schrecken, besonders für Mutter gegeben. Sie schien untröstlich zu sein. Wie schwer in solchen schweren Stunden auf sich selbst gestellt zu sein, und den wahren Helfer und Tröster in der Not nicht zu kennen. Doch führte diese Not die Eltern zu dem wahren Helfer, der in solchen trüben, schweren Stunden Kraft gibt zu tragen, denn der Herr hatte schon vorher durch seinen Geist an ihren Herzen gearbeitet. Aber als sie sich durch Güte nicht ziehen ließen, musste er ernst anwenden. Nun waren ihre Herzen empfänglich geworden für die Mahnungen des Geistes und sie fragten nun mit dem Apostel Paulus: “Herr, was willst du dass wir tun sollen?“ Da war es Lehrer Block, den der Herr zum Ananias für meine Eltern brauchte, und mit seiner Hilfe durften sie sich dem Herrn ergeben.

    Es begann jetzt ein neues Leben in unserem Hause, besonders meine liebe Mutter, die sowieso von Natur sanftmütig war, war es jetzt noch mehr, ist es auch in ihrem ganzen ferneren Leben geblieben. Ich habe nie von ihr ein böses Wort gehört. Sie war ein wahres Vorbild in Wort und Wandel.

   Durch die treue, unermüdliche Arbeit von Lehrer und Prediger Block in Schule und Gemeinde war es zu einer Wendung zum Guten im Dorfe gekommen. Das vorige rauhe Leben im Dorfe entfaltete sich zu einem gesitteten, moralischen Leben und das ganze religiöse Leben bekam eine völlige Umgestaltung, Sonntag Vormittag war Gottesdienst in der Schule, am Nachmittag Sonntagsschule, wo sich alle Kinder des Dorfes daran beteiligten, es wurde in mehreren Klassen gearbeitet. Lehrer Block hatte aber nur Oberaufsicht darüber, es waren mehrere jüngere Kräfte, männlich auch weiblich angestellt, auch viele jugendliche Seelen waren unter der Schülerzahl, so dass die große Schule kaum alle fassen konnte. Abends war Bibelstunde in den Häusern der Geschwister, am Sonnabend Abend war Gebetsstunde. Es war schön. Eine nette Schar Gläubige im Dorfe, meistens nur ältere Geschwister. Ich war damals durch den Tod meiner kleinen Schwester auch mächtig angegriffen worden, brach aber nicht völlig durch. Ich war aber nicht frei von den Mahnungen des Geistes, fand keine wahre Befriedigung an der Lust der Welt.

2. Folge

Die Bekehrung

    Wenn in unserem Hause die Bibelstunde war, saß ich oft allein verborgen in der Eckstube und lauschte auf die Unterhaltung. Es zog mich, mich daran zu beteiligen an den Segnungen der Gläubigen, konnte mich aber nicht überwinden, und ging noch etliche Jahre so weiter unter dem Druck meiner Sündenlast.

    Als ich 17 Jahre alt war, gab es eine Bewegung unter der Jugend. Ein Jüngling in meinem Alter hatte einen Sängerchor gegründet. Als wir da einmal einer kranken Frau etliche Lieder vorgesungen hatten, wurde der Dirigent dabei so mächtig vom Geist Gottes ergriffen, dass er den Gesang unterbrechen musste und in Tränen ausbrach über sein verlorenes Leben. Noch am selbigen Abend erlangte er durch die Unterstützung eines älteren Bruders Vergebung seiner Sünden, und drang zum neuen Leben durch. Es war Gerhard Dück, intimer Freund über der Straße.

    Ich war dabei, als er zum neuen Leben durchdrang. Ich konnte mich aber noch nicht überwinden, es war schon spät geworden, mein Vater war streng, um neun Uhr Abend sollte jeder zu Hause sein, dann hielt er den Abendsegen. Als ich hereinkam, fing er an zu schelten. Unter Tränen erzählte ich die Ursache meiner Verspätung. Als ich dann in Reue und Busse mit den Eltern zusammen den Herrn um Vergebung aller meiner Sünden gebeten hatte, strömte der Friede Gottes in mein Herz.

     Mir war so leicht und wohl zu Mute, denn meine Sündenlast war mir abgenommen und versenkt ins Meere, da es am tiefsten ist, und ihrer sollte nach Gotteswort nicht mehr gedacht werden. Ich konnte jubeln und danken für das Große, was an mir geschehen war.

    Meine Tränen flossen unaufhörlich, so dass der Vater fragte: “Na, wenn dir deine Sünden vergeben sind, warum weinst du denn noch? „Oh, sagte ich: es sind doch Freudentränen. Ich bin so froh, so glücklich!“ Ich habe wirklich nicht so viele Bußtränen vergossen um meine Sünden als Freudentränen, dass mir die Sünden vergeben sind. Dieses war am 22. September 1900.

    Dann, an dem anderen Morgen, mussten wir, ich und mein Freund Gerhard, gehen und erzählen, was der Herr an unserer Seele getan hatte, manche Vergehungen an andere gutmachen und dadurch wurden immer mehr Menschen mitgerissen. Es war ein Werktag und es war noch manche Arbeit zu tun, aber im ganzen Dorf war ein allgemeiner Festtag und in den folgenden zwei Tagen. Es wurden in drei Tagen 33 Seelen zum Herrn bekehrt, zum größten Teil jugendliche Seele, ältere gläubigen Geschwister wurden neubelebt. Oh, es war eine selige Zeit.

    In der Glaubensstimme unter Nº 135 heißt es:

              „Wenn Gottes Winde wehen

              am Thron der Herrlichkeit,

              und durch die Lande gehen,

              dann ist es selge Zeit,

              wenn Scharen armer Sünder

              entflieh’n der ewigen Glut,

              dann jauchzen Gottes Kinder

              hoch auf mit frohem Mut."

     Das waren dann unvergessliche Tage und Stunden, Festtage höchsten Genusses.

 

Schwere Kämpfe

     Aber leider gelang es dem Feinde, der ja ein Feind Gottes ist und nicht will, dass die Menschen glücklich sind, und dem Schöpfer die Ehre gebracht wird, etliche wieder abfällig zu machen, besonders von den Jünglingen, dass sie wieder zurück zur Welt gingen. Und es bewahrheitet sich, was in 2. Petri 2:22 steht: „der Hund frisst wieder, was er gespien hat und die Sau wälzt sich nach der Schwemme wieder im Kot.“

      Ich hatte die Gnade, dass ich die errungene Perle konnte festhalten, aber es hat für mich damals manche schwere Kämpfe gegeben, denn  ich blieb von den Jünglingen allein stehen, und der Feind arbeitete mächtig durch die Abfälligen an mich, auch wieder zurückzuziehen in den alten Schlamm der Sünde. Es war sehr schwer für mich, so allein von meinen Altersgenossen festzubleiben. Ich habe mich manchmal satt geweint.

     Weil aber das Herz sich nach Gemeinschaft sehnt, suchte ich Gemeinschaft bei jungverheirateten Geschwister, habe aber auch oft mit älteren Geschwistern sehr glückliche Stunden durchlebt, außer den allgemeinen Erbauungsstunden.

Wie verschiedene gemeinden miteinander auskommen

    Es waren drei Gemeinderichtungen in unserem Dorf vertreten. Der größte Teil gehörte zur Kirchengemeinde, dann waren wohl 4-5 Familien von der Brüdergemeinde und eine Familie der Baptistengemeinde. Aber dieser Umstand der Gläubigen aus drei Richtungen hat uns nicht gehindert, glücklich und gesegnet zu werden. Es ist auch nur selten zu Auseinandersetzungen gekommen.

     Ich glaube, unter den Gläubigen sollte in der Hauptsache der Verdienst Christi von Golgatha Einheit sein, in Nebensachen Freiheit, und in allem Liebe. Dann stehen wir auf Allianzboden und werden uns untereinander achten und vertragen, wenn wir in manchen Stücken verschiedene Ansichten haben. Die Liebe Christi zueinander hilft uns über Meinungsverschiedenheiten hinweg.

    Ich schloss mich nach drei Jahren durch die Taufe der Kirchengemeinde an. Ich war in jenen Jahren sehr glücklich, und habe den Schritt der Bekehrung nie bereut. Denn ich fand im Glaubensleben doppelt Ersatz für die vergänglichen Freuden der Welt, die ich um Christi willen entsagen durfte. So hatte ich vier Jahre nach meiner Bekehrung im Glaubensleben durchlebt.

     Es war ja nicht immer Sonnenschein im Glaubensleben gewesen. Es hat auch manchmal Anfechtungen und Stürme gegeben, aber darohne kann ja ein Christ auch nicht sein, denn durch die Stürme wird ja ein natürlicher Baum nur gefestigt in seinem Wachstum, seine Wurzeln dringen tiefer in die Erde, damit er in noch größeren Stürmen einen festen Halt hat. So muss auch ein Christ in den Anfechtungen und Stürmen des Lebens gefestigt und gegründet werden im Glauben.

 

Der Jüngling sucht nach seinem Lebensweg

    Dann kam die Zeit heran, wo für mich ein neuer Abschnitt meines Lebens eintrat. Das war der Forsteidienst. Ich war ganz ruhig darüber, nicht etwa, dass ich gerne dienen wollte, aber ich war auch willig zu dienen, wenn es der Herr so wollte.

    Auf einen Umstand muss ich noch zurückgreifen. Nämlich im letzten Jahr meiner Schulzeit hatte mein Lehrer Block manchmal mit mir darüber gesprochen, ob ich nicht Lust hätte noch weiter zu lernen in der Zentralschule. Das Lernen war mir immer leicht gewesen. Doch das erlaubte mein Vater nicht. War ich doch jetzt, nachdem mein älterer Bruder weg war, seine einzige Hilfe in der Wirtschaft. Ich bat Vater darum, aber ohne Erfolg. Ich hatte auch einen Gönner an Vaters Fetter, Peter Bergen, der auf der Sogradovka in der Schönseer Zentralschule Lehrer war. Der trat ernstlich für mich bei Vater ein, aber alles vergebens, er brauche mich zu Hause.

    Nach einigen Jahren hatte ich Lust, Tischlerei zu erlernen, denn mein Vater war auch ein Tischler gewesen, und ich fühlte große Neigung zu diesem Handwerk. Vaters Bruder hatte eine große Tischlerei, arbeitete mit 6-7 Gesellen. Wenn ich da war, konnte ich beinahe nicht wegkommen. Ich bat den Vater, mich da in die Lehre zu geben, der Onkel selbst unterstützte mich in der Bitte bei Vater. Aber vergebens, “ich brauch dich zu Hause und Schluss!“.

    Ich habe dann zu Hause aus mir selbst etwas Tischlerei getrieben. Wir hatten noch vom ersten Vater etwas Tischlergerätschaft, auch eine alte Hobelbank, hab dann auch in den späteren Jahren versucht, mich in demselben etwas zu entwickeln, denn man  kann ja nie wissen, was das spätere Leben für Ansprüche wohl machen kann. Aber es blieb doch nur Stückwerk. Ich habe auch manches andere versucht, aber in der Hauptsache blieb ich Landwirt.

Der Forsteidienst

    Im Jahre 1904, im Herbst, musste ich zum Forsteidienst. Begünstigung hatte ich keine, also, wenn ich körperlich für fähig befunden wurde, war für mich keine Aussicht loszukommen. Ich war aber körperlich nicht sehr stabil, hatte trotzdem keine Aussicht loszukommen.

    Also fing für mich jetzt ein neuer Lebensabschnitt an. Wenn nichts Besonderes vorkam, dann müsste ich im Frühjahr auf vier Jahre das Elternhaus verlassen. Ich war da aber im Winter ziemlich leidend, so dass mir jedermann sagte, ich würde doch wohl loskommen. Ich war ganz ruhig und überließ die Sache dem Herr. Wie er über mich verfügen würde, sollte für mich gut sein. Ich hatte auch keine Bittschrift eingereicht, nach welcher Forstei ich wünschte zu kommen. Der 1. März kam, ich fuhr nach Chortitza zur Wollost. Dort hieß es mit noch anderen 74 Männer nach Anadohl, wohl die verrufenste Forstei damals. Mich bangte etwas davor, aber ich wusste mich in der Hand des Herrn und wurde wieder ruhig. Anadohl war auch die entfernteste von allen.

    Wir kamen hin, die Aufnahme war ja wohl roh, aber besser und leichter als ich sie mir vorgestellt hatte. Ich gewöhnte mich bald ein, und von loskommen war keine Rede, auch keine Aussicht. Als ich dann nach sieben Wochen zu Ostern nach Hause auf Urlaub fuhr, wurde ich von den meinen angestaunt. Die leichte Arbeit und regelmäßig sehr gute Kost hatten Wunder an mir getan. Ich sah gut und gesund aus, habe auch nie in den vier Wochen Ursache gehabt, über irgend etwas zu klagen oder zu murren. Nein, im Gegenteil, ich muss es bekennen, es sind meine glücklichsten Jahre gewesen in meinem ganzen Leben: keine Sorgen, gute Kost, gute reinliche Kleidung, leichte Arbeit, rege geistliche Gemeinschaft. Ich habe dort sehr liebe Brüder gefunden, mit denen ich eng verbunden wurde.

    Ich glaube, viele junge Männer, die gedient haben, haben sich dort sehr versündigt, in dem sie oft sehr geflucht und geschimpft haben über den Dienst, den ganzen mennonitischen Vorstand verwünscht haben, der den Dienst einmal eingeführt hatte. Für mich war‘s ein Ausruhen nach schweren Jugendjahren, und eine Vorbereitungszeit für die kommenden schweren Jahre. Ich habe da auch noch manches gelernt, was mir im späteren Leben von großer Bedeutung gewesen und geblieben ist. Richtig genommen ist der Kasernendienst eine Schule gewesen, wo man gelernt hat auf eigenen Füßen zu stehen, geläutert, gefestigt und gegründet, den Kampf des Lebens auf uns nehmen.

    Im dritten Dienst gab es eine schwere Prüfung für unseren Jahrgang. Es wurde nämlich der dreijährige Dienst eingeführt. Nun konnten die Vorgesetzten von der Regierung sich nicht dazu einigen, den ganzen dritten Jahrgang auf einmal im Herbst loszulassen und wir mussten losen, denn nur 2/3 des Jahrganges sollten schon im Herbst frei bekommen. Das letzte Drittel sollte da noch eine unbestimmte Zeit festgehalten werden. Ich zog das lange Los und mit ihm auch die Verlängerung des Dienstes ins vierte Jahr. Der Förster suchte uns zu trösten, wir würden wahrscheinlich über Winter auch nach Hause dürfen, wenn nicht, dann aber im Frühjahr nach etlichen Monaten. Aber der Winter ging vorüber, wir kamen nicht los, fuhren wieder in den Dienst, es wurde Ostern, es wurde Pfingsten, immer noch nichts Bestimmtes. Gerade dieses Unbestimmte machte das Ganze schwer.

Die Familie zieht in eine ferne Neuansiedlung

    Es war im Jahre 1908, es gab damals die große Ansiedlung im fernen Osten, im Tomsker Kreis. Meine Eltern wollten auch hinziehen. Viele zogen im Frühling hin. Meine Eltern hatten ihre Wirtschaft auch schon verkauft, hofften aber alle Tage auf mein Loskommen, damit wir dann schon alle zusammen fahren könnten, denn es war eine sehr weite, beschwerliche Reise, von der letzten Bahnstation noch 240 Kilometer per Ochse zu fahren.

     Sie nahmen die meisten Möbel, auch alles Wirtschaftsgerät mit, dazu fehlte ihnen meine Hilfe. Als es aber Pfingsten wurde und ich nicht loskam, entschlossen sie sich, ohne mich zu fahren. Sie fuhren den 1. August los, mit billigem Tarif, welcher den Aussiedlern für die Zugfahrt gegeben wurde. Die Reise ging dann etwas langsamer, war aber bedeutend billiger.

    Ich hatte schon die Hoffnung ganz aufgegeben noch vor dem Herbst loszukommen. Ich wollte nach dem 1. September zu Freunden auf Urlaub fahren, war auch ganz fertig dazu. Da gab es anstatt zehn Tage Urlaub wie gewöhnlich für die vierjährigen den Losschein. Ich wollte dann schon nicht Zeit und Geld verreisen, um Freunde zu besuchen, sondern fuhr gleich durch nach Sibirien, den Eltern nach.

Die lange Reise

    Die Eltern waren den 24. August dort angekommen. Ich kam den 12. September dort an. Die lange Reise ging über erwarten gut. Ich dachte, die lange Reise allein machen zu müssen, wusste von keinen Reisegefährten. Als ich aber etliche Tage auf der Bahn gefahren war, und wir erst auf der großen Ostbahn waren, da entdeckte ich bald, dass in meinem Zuge noch sieben Männer aus meinem Heimatdorf waren, die ebenfalls denselben Weg wie ich, auch dasselbe Ziel hatten, nämlich die neue barnaulsche Ansiedlung.

    Meine Fahrkarte war gleich bis zur letzten Bahnstation, wo wir aussteigen mussten zur neuen Ansiedlung. Acht Tage und Nächte war ich nun gefahren auf der Bahn, die letzten sechs Tage ohne umzusteigen. Dann hatten wir noch vier Tage per Ochse mit Pferden zu fahren. Wir waren inner acht und hielten zusammen, nahmen uns einen Russen mit zwei Telegas an, das gab vier Männer auf jedem Fuhrwerk. Auf dem hintersten kutschierten wir selbst.

     Wir hatten die ganze Zeit sehr schönes Wetter und die Reise war nicht langweilig. Es waren zwar alles schon ältere Männer,  Gefährten mit sehr verschiedenen Charaktere. Etliche unter ihnen waren großartig humoristisch, zwei aber waren so wie man sagt, alte Brummbären. Die waren dann auch die Reise über die wahre Zielscheibe für alle erdenklichsten Witze der Humoristen. Als wir nahe der Siedlung kamen, trafen wir schon etliche der Siedler, die in den nahe liegenden Russendörfer Produkte kauften.

 

Der sibirische Winter überrascht unvorbereitete Ansiedler

    Als wir dann erst auf der Ansiedlung selbst waren, da sah es traurig aus, ein großer Steppenbrand hatte auf viele Kilometer alles Gras weggebrannt, ein sehr bedeutender Schade für die Spätgekommenen. Die im Frühjahr gekommen waren, die hatten zur Zeit ihr Gras gemäht, so viel sie brauchten und heimgefahren, das übrige blieb stehen. Es wurde dann erst für eine Wohnung gesorgt, dann wurde wieder gemäht, das zuletzt gemähte Heu war ja schon von geringerem Wert, aber es war immer noch wert zu mähen, wenigstens zu Brennung. Meine Eltern hatten auch noch viel gemäht, aber schon nichts nach Hause bekommen vor dem großen Steppenbrand und nun war alles verbrannt.

    Sie hatten zum Winter kein Futter fürs Vieh, hatten sechs Pferde und zwei Kühe. Also musste alles Futter im Winter gekauft und heimgefahren werden, 15 Kilometer von den Alteingesessenen, dazu auch alles Brennholz für den Ofen, und alle anderen Produkte an Nahrung u.s.w..

    Das neue Heimdorf meiner Eltern war Halbstadt, so ziemlich im Zentrum der neuen barnaulschen Ansiedlung. Das Dorf bestand aus 34 Wirtschaften zu 50 Hektar. Meine Eltern hatten sich eine große Erdhütte gebaut halb in der Erde, worinnen sie vorläufig wohnten und die Wände aus Wiesensoden angefertigt. Das war halb fertig, als ich hinkam. Es musste aber schon sehr geeilt werden mit dem Bau, um vor dem Winter damit fertig zu werden, denn in der Erdhütte konnten wir im Winter nicht wohnen. Es war auch sehr drock, bis der Winter anbrach. Wir kamen noch eben fertig, dann setzte der Winter ein.

    Am 1. Oktober fing‘s an zu schneien, und der Schnee blieb auch schon liegen. Es waren zwei Wochen noch etwas linde Tage, dann aber setzte der sibirische Winter mit aller Macht und Stärke ein. Es war für uns ein sehr schwerer Winter, denn wir hatten schon keine Zeit, uns mit allem nötigen zum Winter zu versorgen. Es musste jetzt alles im Winter gemacht werden.

     Ich und mein Bruder Johann waren trotz Schneesturm und Kälte beinahe alle Tage unterwegs, gewöhnlich mit zwei Schlitten, denn alles musste jetzt beigeschafft werden und zwar meistens von Podsosnovar, ein Schwabendorf, 15 Kilometer entfernt. Wir sind oft im Schneesturm in  großer Gefahr gewesen, uns zu verirren. Es waren außer mir noch 2 Brüder und 2 Schwestern zu Hause, Hans und Neta waren rechte Geschwister, Liese und Abram waren Halbgeschwister.

Gedanken über die eigene Zukunft

    Bei all den vielen Fahrten hatte ich viel Zeit auch über meine Zukunft zu denken. Ich sah es ein, dass ich jetzt zu Hause beim Vater entbehrlich sei, denn die Geschwister waren alle erwachsen. Auch konnte die Zeit kaum je günstiger werden wie jetzt selbständig zu werden. Jeder der eben Land haben wollte, bekam hier jetzt Land. Und je eher er mit dem Antrag einkam um so besser. Jetzt war hier auf der Ansiedlung noch offenes Land, aber das würde nicht lange dauern, dann war alles vernommen.

     Bedingung war: der betreffende müsste einen Pass haben. Auf ihn müsste kein Land angenommen sein, und er müsste verheiratet sein. Nun war es mein Glück, dass ich nicht mit den Eltern mitgekommen war, sonst wäre ich auf Vaters Pass gekommen, Vater hätte auch auf mich Land angenommen, denn das Land war Kronsland, und wurde zu 15 Hektar unentgeltlich auf die männliche Seele abgegeben, denn zur Überreise und Landannahme musste der Vater einen Pass und ein Familienverzeichnis von der ganzen Familie haben. In diesem Stück war der Weg für mich offen. Nur um die zwei anderen Dinge musste ich mich bemühen. Um einen Pass hätte ich gleich nach Abschluss des Dienstes in der Chortitzer Wollost sollen einkommen. Ich hätte ihn dann gleich mitbekommen zu meiner Überreise. Was ich aus Unkenntnis versäumt hatte, musste jetzt alles brieflich per Post gemacht werden, welches ich gleich tat, das sich aber sehr in die Länge zog, und gut sechs Monate dauerte, bis ich endlich den Pass hatte.

    Die wichtigste der drei Bedingungen war die Frau, man musste eine Familie haben, also verheiratet sein. Man sagt, Heirat ist kein Pferdekauf. Nun, Töchter waren ja schon genug mitgekommen, aber die Wahl. Wer es so macht wie einst der Knecht Abrahams Elieeser, der wird dann auch nicht lange im Unklaren sein.

    Ich erinnerte mich an eine Jugendfreundin der alten Heimat im Süden, die auch schon hier auf der Ansiedlung war, wenn auch etwas entfernt von uns, aber doch leichter wie Rebeka für Isaak durch Elieeser. Sie hatte wohl so ziemlich alle guten Tugenden wie Rebeka, würde wohl auch willig sein mit mir zu gehen, wenn sie darum gefragt würde. Sobald ich nun diese Überzeugung hatte, reiste ich hin, und fand meine Erwartung bestätigt. Als sie gefragt wurde, willst du mit diesem Manne ziehen, sagte sie freudig: Ja, ich will mit ihm ziehen.

    Es ist diese Helena Johann Rempel aus Tiege in Sibirien, in der alten Heimat aus unserem Dorfe Alexanderfeld. Sie ist geboren am 24. August 1886. Ihr Vater Joh. Rempel hatte von seiner ersten Frau sieben Kinder, von der zweite Frau, geborene Anna Redekopp, war meine Frau Helena die älteste, dann hatte sie noch fünf jüngere Brüder und zwei Schwestern, also waren sie zu Hause fünfzehn Geschwister.

     Wir hatten den 22. Februar 1909 Hochzeit, ein sehr kalter stürmischer Tag. Wir wohnten dann zu Hause bei meinen Eltern in Halbstadt. Bis zum Herbst arbeiteten wir bei Vater, hatten auch etwas Aussaat gemacht beim Vater, eigenes Land hatten wir noch nicht.

3. Folge

Die eigene Wirtschaft

    Es dauerte 6 Monate, bis ich vom Süden aus meinen Revisionsorte der Chortitzer Wollost meinen Pass bekam. Als ich den schon hatte, gab es noch manche Hindernisse zu überwinden, bis ich endlich im September desselben Jahres eine Bescheinigung auf meinem Landanteil und zugleich einer Wirtschaft im Dorfe Ebenfeld, 10 Kilometer von Halbstadt entfernt, bekam.

     Das Land im Dorfe Ebenfeld war schon ein volles fertiges Dorf. Auf jedem Ende des Dorfes war ein Dorfbrunnen gegraben, ohne jegliche leere Stelle im Dorfe. Es waren meistens große Familien. Sie hatten daher mehr Land auf der Wirtschaft als andere Dörfer. Es waren Familien mit 6-9 männlichen Seelen im Dorfe und weil das Land auf die männliche Seele abgegeben wurde, war daher hier mehr Land auf die Wirtschaft.

     Die Art und Weise wie der alte alte Oberschulze Jak. Abr. Reimer mit der Verwaltung und Landeinteilung umging, missfiel vielen. Das gab dann großen Krach zwischen Oberschulze und Dorfgemeinde, und wir, die Neuen im Dorfe mussten es entgelten, obzwar wir ganz unschuldig daran waren, war man im Dorf uns nicht gewogen, und wir hatten daher keine Freudigkeit hinzuziehen.

    Auch weil es jetzt schon zu spät war in diesem Jahr noch zu bauen, denn der Winter war vor der Tür, wir auch ganz arm und mittellos waren, beschlossen wir noch den kommenden Winter in Halbstadt zu bleiben.

    Aber bei den Eltern war es doch nicht gut möglich. Einmal war es da zu eng, zweitens brauchte man uns da gar nicht und zur Last wollten wir da nicht sein. Darum entschlossen wir uns zu versuchen anderwärts für diesen Winter unterzukommen.

     Es fand sich auch bald eine Stelle. Wir zogen zu Gerh. Bergens. Meine Arbeit war, das Vieh zu besorgen, und in der Zwischenzeit Tischlerarbeit zu tun, aber der dritte Teil der Zeit zur Tischlerarbeit stand mir für uns zu arbeiten frei, das Holz zu den Möbeln stellte jeder für sich. Kost und Arbeit für uns beide frei, die Frau aber war zu nichts verpflichtet. Ich musste zwei Pferde stellen zur Saatzeit, bekam dann dafür 5 Hektar Aussaat danach in Ebenfeld auf meinem Land, von meiner Saat bekam als Lohn noch manches in Natura.

Wir hatten es nicht zu bereuen, diese Stelle übernommen zu haben.

    Dort bei Bergens wurde am 10. Januar 1910 unsere erste Tochter Maria geboren. Wir machten erst bei Bergens 20 Hektar  Aussaat (er hatte gute Pferde) dann für uns in Ebenfeld 5 Hektar. Als die Saatzeit beendigt war, zogen wir auch gleich anfangs Mai nach Ebenfeld.

    Wir zogen vorläufig bei dem nächsten Nachbar für kurze Zeit ein, bis wir uns ein Häuschen gebaut hatten. Das dauerte auch nicht lange. Nach 2 Wochen zogen wir schon in unser eigenes Häuschen ein. Es galt da für uns auch: „Ein Häuschen sei es auch noch klein, es darf doch schön und heimisch sein.

 

Nur Brot und Prips

     Wir bauten dann später noch einen Stall, auch eine Scheune an, zu Futtervorrat für den Winter. Wir waren jetzt allein auf unserer eigenen Scholle, waren aber sehr arm. Wir hatten zwei Pferde ohne Wagen, eine Kuh, die uns bald darauf einging, hatten auch eine Dutzend Hühner, zwei Ferkel.

     Gleich als wir da waren, meinten wir ja Milch für unser Kind zu haben. Da uns aber die Kuh starb, und wir kein Geld hatten, wieder eine zu kaufen, blieben wir ohne Kuh, und hatten keine Milch, kein Fleisch, kein Fett. Da war bei uns Schmalhans Küchenmeister. Dafür hatte ich gesorgt, hatte Schlichtmehl gekauft, soviel dass wir mit Brot bis zur frischen Ernte versorgt waren. Aber das war auch das Einzige, was wir hatten. Unsere Kost bestand aus Brot und Prips, und Prips und Brot, zur Abwechslung mal eine Krautsuppe ohne Fleisch, also Kraut und Wasser. Viel Abwechslung brachte unser Küchenzettel nicht. Dass die Frau da manchmal geweint hat, wird wohl nicht wunderlich sein.

    Das war ja alles sehr schwer, aber noch viel schwerer war, dass wir im Dorfe keine Anerkennung fanden. Die Dorfgemeinde hatte uns eben aufnehmen müssen ohne ihren Willen, und das konnte sie nicht vergessen. Das waren aber nicht nur wir allein, ich und meine Frau, sondern auch die andern zwei Familien, die mit uns später hergezogen waren.

    Man gab uns verschiedene Spitznamen. Wenns nicht so wehe getan, man hätte darüber lachen müssen. Wir lebten da beinahe wie in der Verbannung. Wir hatten keine Gemeinschaft untereinander, man wollte uns einfach nicht. Dieser Groll dauerte bei ihnen ein ganzes Jahr, dann fing er an sich zu legen, und mit den Jahren haben sie uns sehr lieb gewonnen. Aber das erste Jahr war für uns ein Prüfungsjahr. Römer 8:28 heißt es: Wir wissen aber, dass denen die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, oder Hebräer 12:11: Alle Züchtigung aber, wenn sie da ist, düngt uns nicht Freude zu sein, sondern Traurigkeit, aber danach wird sie geben eine friedsame Frucht der Gerechtigkeit, denen die dadurch geübt sind.

    Das können auch wir sagen, dass es uns eine heilsame Lehre gewesen ist, und unvergesslich bleiben wird.

 

Gott segnet das Wenige

     Gott, hat uns aber auch in Gnaden angesehen und im Irdischem vom ersten Jahr an reichlich gesegnet. Wir hatten im ersten Jahr nur 5 Hektar Aussaat, bekamen aber gut doppelt soviel vom Hektar, wie die meisten anderen im Dorf. Nachdem wir dann im Winter unsere Mithilfe von der Mutterkolonie auch eine Anleihe von daselbst und eine kleine Unterstützung von dort erhielten, konnten wir uns etwas erholen, kauften uns noch drei Pferde, zwei Kühe, auch kaufte ich mit Anzahlung die nötigsten Landwirtschaftsgeräte, um besser Wirtschaften zu können. Dann gab‘s einen Aufschwung.

    Nach etlichen guten Ernten, die uns der Herr schenkte, waren wir trotz der billigen Getreidepreise bald übern Berg, und hatten im Irdischen nicht zu klagen. Zu der einen Tochter waren in den folgenden drei Jahren noch zwei Töchter hinzugekommen, so dass wir auch von Elternsegen sagen konnten. Wir hatten auch in den letzten Jahren Anerkennung im Dorfe bekommen, so dass wir auch mit den Gläubigen im Dorfe Gemeinschaft pflegen konnten.

    Ich wurde im zweiten Winter nach unserer Verheiratung, noch in Halbstadt zum Prediger gewählt, konnte mich aber der großen Armut halber nicht entschließen, die Arbeit zu übernehmen. Erst das andere Jahr, schon in Ebenfeld, am Sylvester wagte ich es zum ersten Mal, das Häuflein der Kirchengemeinde zusammenzurufen, und mit ihnen Jahresabschluss zu feiern.

     Es waren keine Kirchenprediger in unserer Region vom Süden mitgekommen und die Neugewählten waren im Anfangsstadium. Es hatte sich bis jetzt noch keiner derselben um die Kirchenglieder in unserm Dorfe gekümmert. Es schien so, als ob es hier im Dorf auch niemand sonderlich vermisste. In Matthäus 9:36 heißt es: „Und da Er (Jesus) das Volk sah, jammerte ihn desselben, denn sie waren verschmachtet und zerstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben.“ Ich musste sie sammeln und zur Weide und zur Wasserquell führen. Da ward das Band geknüpft, das auch für die weitern Jahre gehalten hat.

Der erste Weltkrieg bricht aus

    Wir hätten nun wohl glücklich und zufrieden sein können. Wirtschaftlich hatten wir jetzt nichts zu klagen, drei gesunde Mädeln erfreuten unser Elternherz, im Dorf war Frieden und Eintracht eingekehrt und alles schien gut zu werden. Dann aber wurde es schwül, und dunkle und politische Wolken verdüsterten den Himmel und es brach der erste Weltkrieg aus im August 1914, mit all seinem Weh und Ach und seinen Folgen.

    Wir Mennoniten der Orlover und Chortitzer Wollost bekamen die Zuschrift des 1. Septembers, dass wir uns den 10. September fertig zu machen hätten eingezogen zu werden. Das gab eine große Überraschung. Die Mennoniten waren bisher nicht zum Krieg eingezogen worden. Was würde man von uns verlangen? Würde man uns an die Front schicken, oder würde man eine andre Verwendung für uns finden? Das war die bange Frage, die unsre Gemüter beschäftigte, besonders derjenigen, denen diese Bestimmung galt.

     Es galt in erster Linie noch nur Reservisten bis 44 Jahre, aber es wurde dadurch schon eine ziemliche Schar unserer Bauern von unsrer Ansiedlung, bei 400 Männern, von ihren Wirtschaften und Familien weggeholt, wo die Familie dann mit wenigen Arbeitskräften mit der schweren Arbeit allein zurückblieb.

      Wir hatten in dem Jahr eine sehr gute Ernte, welche bei den meisten noch nicht voll eingebracht war. Weil die Russen schon etwas früher einberufen wurden, waren die meisten russischen Arbeiter, welche bei den Deutschen in Arbeit waren, schon außer Dienst getreten. Es waren auch keine andren Arbeiter zu bekommen.

     Ich hatte die Ernte zum größten Teil schon zu Hause in Haufen stehen. Als die Zuschrift kam, hatte ich auch die Dreschmaschine bestellt, sollte aber warten. Weil ich Reservist war, bekam ich den Vorzug vor andern, die noch nicht eingezogen wurden. Die Maschine wurde aufgestellt, aber weil die Arbeiter nicht zu bekommen waren, war es ein sehr schweres dreschen. Wo sonst zwei Männer arbeiteten, war jetzt nur einer. Der Maschine konnte nicht volle Arbeit gegeben werden. Ich habe in jenen Tagen die Arbeit getan, was sonst drei Männer taten. So gelang es bei uns, das meiste zu dreschen. Es blieb etwas Gerste zu dreschen, was die Frau mit dem Mädchen dann schon allein machen würde.

     Aber diese Überlastung rächte sich bei mir hart. Als wir erst fort von zu Hause waren auf der Reise, merkte ich die Folgen, blieb aber noch auf den Beinen, bis Kamenj 180 Wert. Von unserer Siedlung wurden 400 Männer von Dorf zu Dorf von den Russen auf Wagen befördert, von Kamenj führen wir per Schiff auf den Obfluss bis Tomsk.

            (Anhand dieser Angaben kann man auf Google Maps

              seinen ungefähren Wohnort im Norden Russlands

              feststellen und wohin seine Reise ging)

Meine Aufgaben im Krieg

      Dort wurden wir vom Landschaftsministerium in Gruppen geteilt und nach verschiedenen Stellen in den Wald geschickt, für Waldarbeit. Etliche Gruppen wurden bis in den hohen Norden geschickt nach Nahröm und anderen Plätzen. Eine große Gruppe blieb in Tomsk bei einer großen Kranschneidemühle.

     Ich kam mit einer kleinen Gruppe von 25 Männern nicht weit von der Stadt Tomsk. Im Wald, dicht an der Bahn, bekamen wir, Bahnwärter, Quartier auf kurze Zeit, bis wir uns im Wald eine Baracke gebaut hatten. Es war schon Winter, im Walde lag schon Schnee, darum wurde mit dem Bau gleich begonnen. Es war dichter Urwald, Fichten, Tannen und Birken und auch noch andre Arten von Bäumen. Es wurde etwa zwei Kilometer von der Bahn im Wald ein Platz von Bäumen gesäubert, dann wurde angefangen zu bauen, ein Teil der Arbeiter suchten in der Nähe passende Bäume aus und schlugen sie und schnitten sie passend zu, andere trugen sie nach dem Bauplatz, dort wurden sie zugerichtet zu einem Blockhaus, auf russisch Strubb genannt. Die Fugen wurden mit Moos dicht gemacht. Es ging nur langsam mit der Arbeit, denn sie war uns allen unbekannt. 

      Zwei Männer waren als Köche angestellt und einer als Bäcker. Gebacken wurde bei dem Bahnwächter, einen großen Kessel hatten wir gleich in Tomsk gekauft, der wurde draußen unter freiem Himmel zum Kochen aufgestellt. An Brennholz mangelte es ja nicht. Morgens früh wurde Wasser für den Kaffee gekocht, Kaffeekanne und Tasse hat wohl ein jeder von zu Hause mit.

     Der Esssaal war draußen unter freiem Himmel. Tische und Stühle gab‘s nicht, über Stubben (Felsen) in Tischhöhe wurde ein Brett gelegt und der Tisch war fertig, Bänke waren nicht. Man stand beim Essen am Tisch und man sputete sich schon beim Essen, denn der Kaffee war schnell kalt. Mit dem Frühstück, das ging noch, aber mit dem Mittag, das war schlimmer. Da gab‘s eine Suppe zu Mittag, dann musste jeder sich die Suppe im Teller vom Kessel holen. Bis man dann mit der vollen Schüssel bis an den Tisch kam, war sie beinahe kalt, und bis sie ausgelöffelt war, war sie ganz kalt. War die Suppe fett, so war das Fett am Schüsselrand geronnen. Mit dem Braten war‘s ebenso. Als die Baracke erst fertig war, wurde drinnen am Tisch gegessen. Eine kleine Küche war auch angebaut, und man hatte sich erträglich eingerichtet.

     Das Kommando hat dort auch die ganze Kriegszeit zugebracht. Die Arbeit bestand meistens aus Brennholz machen, gespalten einen ½ Meter lang; im Sommer wurde das Holz fertiggemacht. Jeder musste täglich seine Norm spalten. Im Winter wurde es auf Schlitten mit Pferden aus dem Wald an die Bahn gefahren.

     Ich ging aber nur zwei Tage auf Arbeit, dann brach ich völlig zusammen. Ich fuhr am andern Tage mit noch etlichen wieder zurück nach Tomsk. Wir kamen vor die Kommission, etliche wurden für gesund erklärt, und wurden wieder zu ihr Kommando geschickt auf Arbeit. Vier Männer von uns kamen ins Lazarett zur Untersuchung. Wir lagen dort 14 Tage, und kamen dann alle vier los, mussten dann noch drei Wochen im Kommando warten, bis wir unsere Papiere bekamen.

     Anfangs November fuhren wir dann los zurück in unsre Heimat. Wir waren ja sehr froh, dass wir los waren. Bei den andern erweckte es großen Neid, einmal dort schon im Kommando bei den Männern und zu Hause bei den Frauen nicht weniger.

     Dieser allgemeine Neid trübte unsre Freude an der Freiheit. Die sollte nicht von langer Dauer sein. Weil im Herbst bei unsrer Einberufung keine Kommission zugegen war, hatte unser Oberschulze Jakob Abramowitsch Reimer aus eigener Macht ohne ärztliche Untersuchung, viele seiner Günstlinge losgelassen, manche darunter ohne den geringsten Fehler. Dazu waren im Verlaufe des Winters aus den Wäldern manche von der Kommission in Tomsk frei gelassen. Von den Neidern, die im Dienst standen, wurde besonders wegen denen, die ohne Kommission vom Oberschulzen freigelassen waren, eingeklagt, und im Mai wurde eine Nachprüfung der Zeugnisse angestellt, wozu alle Freigelassene sich nach der Kreisstadt Barnaul zu festgesetztem Datum im Mai zu stellen hatten.

 

Der Deutschenhass beginnt

     Weil nun im Verlauf des Krieges gegen Deutschland der Deutschenhass zu heller Flamme entbrannt war, konnten wir von dieser Nachprüfung auch nicht viel Gutes erwarten. Zudem war der alte Oberschulze Reimer seines Amtes enthoben, und der neue Oberschulze Abr. Wintenberg hatte die Zuschrift wohl nicht richtig verstanden.

     Wir merkten es sehr bald, da war irgend etwas faul. Man verstand in Barnaul nicht gut, was sie mit uns tun sollten. Wir wurden von einer Instanz zur andern geschickt. Dann wurden wir nach Nowo-Nikolajewsk geschickt, dort ging‘s ebenso. Unser Geleitsmann, der neue Ober, war auch nicht beschlagen genug. Zuletzt hatte er sich auf die verschiedenen Fragen so festgefahren, dass er nicht mehr zu sagen wusste, als dass wir gefordert sind.

     Dann wurden wir etwa 40 Männer von einer Kommission durchgesehen oder durchgejagt wie eine Herde Schafe, mit den schändlichsten Schimpfworten begleitet. Zuerst waren die auf der Liste, die im Herbst von Reimer ohne Kommission losgelassen waren, und daher auch keine Zeugnisse hatten. Von denen kam auch nur einer jetzt frei, der auch wirklich einen Bruch hatte. Die andern wurden verspottet und als gesund erklärt.

     Dann kamen die mit Zeugnissen von einer Kommission vor. Als die ersten zwei ihre  Zeugnisse vorlegten und sie darauf untersucht wurden und alles richtig befunden wurde, waren sie frei, bekamen sie ihre Zeugnisse. Als der dritte mit seinem Zeugnis vortrat, stutzte man. Der Vorsitzende der Kommission frug dann: „Haben die übrigen alle solche Zeugnisse?“ Als ihm das bejaht wurde, sagte er: „warum seid ihr denn hergekommen?“ Dann der neue Ober Wittenberg: „wir wurden hierher gefordert“. Dann wieder der Vorsitzende: „diese sind damit nicht gemeint, aber wenn ihr die Zuschrift nicht besser verstanden habt, dann dient“.

    Uns wurden alle der Reihe nach die Zeugnisse abgenommen bei sehr oberflächlicher Untersuchung, und die meisten wurden für gesund erklärt und auf Arbeit geschickt nach Tomsk. Die bei der Untersuchung im Netz hängengeblieben waren (ich war auch wieder darunter), kamen noch einmal ins Kriegslazarett.

     Der Empfang dort von den Ärzten war schauderhaft, einfach bestialisch. Wir mussten alle Tage ins Empfangszimmer vor dem Arzt kommen, ein großes Zimmer. Der Arzt war hinten im Zimmer. So wie man das Zimmer betrat, kaum über die Schwelle, wurde man von ihm angebrüllt wie der argste Verbrecher, wir Deutsche seien Feinde des Reiches und suchten uns nur zu verstecken, wir sollten alle erschossen werden, u.s.w. Danach war die Untersuchung.

Der langweilige Dienst

    Wir blieben dort im Lazarett eine Woche, aber das war mehr ein Konzentrationslager als ein Lazarett. Die meisten von uns wurden wieder auf Arbeit geschickt; ich und Gerh. Ewert wurden als physisch unfähig befunden und ebenfalls nach Tomsk geschickt. Aber man stellte uns an keine Arbeit.

    Ewert war das Herumliegen bald überdrüssig und übernahm freiwillig einen Aufseherposten in der Schneidemühle. Es war eine Großschneidemühle, die Tag und Nacht in zwei Schichten arbeitete, die meisten waren Arbeiter unsrer eingezogenen Mennoniten, nur wenige Russen.

    Ich hab dort beinahe zwei Jahre untätig herumgelegen, fuhr ab und zu mal nach Hause auf eine kurze Zeit. Die Reise kam nicht sehr teuer, war aber auf Schiffen von Tomsk bis Kamenj sehr interessant. Besonders im Frühjahr bei Hochwasser habe ich diese Flussfahrt vier mal hin und zurück gemacht.

    Ich konnte in diesen kurzen Zeiten, die ich hin und wieder zu Hause war, meiner Frau etwas helfen. Es war in dieser Zeit für die Soldatenfrauen sehr schwer, die Wirtschaft sollte besorgt werden. Dienstboten waren sehr schlecht zu bekommen und die Frau war mit den kleinen Kindern dazu geblieben. Wir hatten das Glück gehabt, und hatten ein Mädchen im Frühjahr 1915 gemietet. Es ist bei uns geblieben bis nach dem Krieg. 3 ½ Jahr war sie sehr treu und für die Frau eine sehr große Hilfe. Sie war immer zu jeder Arbeit bereit, denn die Frauen mussten ja damals auch alle Mannsarbeit tun, denn männliche Arbeiter waren nicht zu bekommen. 

    Teilnahme oder Unterstützung fanden die Soldatenfrauen von denen im Dorfe, die zu Hause geblieben waren, keine. Wenn die Frauen dann an die Männer Briefe schrieben und sich über diesen oder jeden beklagten und auch nicht ohne Grund, da gab‘s unter den Männern manchmal harte Worte zu hören.

    Mir wurde das müßige Herumliegen mit der Zeit auch über. Ich nahm zuletzt auch einen Posten als Kontrolleur am Tor. Ich hatte all die Fuhren Bretter, die verkauft wurden zu kontrollieren. Es wurde beim Aufladen sehr geschummelt, denn der Aufseher im Sklad konnte nicht immer dabei sein, denn der Sklad war groß. Es wurden täglich 50-60 Fuhren Bretter verkauft. Mir war es nicht viel Arbeit, ich hatte ein schönes Quartier am Tor für mich allein, bekam noch ein kleines Gehalt, war dann aber auch schon fest, musste immer da sein. Ein Jahr lang hatte ich diese Stelle, war inzwischen einmal für einen Monat zu Hause zur Saatzeit, dann hielt ich schon aus bis Ende des Krieges im Herbst 1917.

4. Folge

Die Revolution von 1917

     Im Februar 1917 brach ja die Revolution aus. Dann waren ja alle Schranken gebrochen. Als im Herbst der Friede geschlossen wurde, wurden wir doch noch fest gehalten so lange wie möglich, denn wir Mennoniten bekamen nur 20 Kopeken Tagelohn für jeden Arbeitstag. Und beköstigt wurden wir aus der Gesamtkasse der Mennoniten, daher also die Verzögerung der Freigabe der Mennoniten.

    Wer aber etwa verwagt war und seine Sachen packte und nach Hause fuhr, war auch weiter nichts dabei. Ich fuhr schon anfangs Oktober nach Hause. Manche aber, besonders von hinten im Narömschen, blieben noch beinahe den ganzen Winter dort. Ja, viele sind die ganze Kriegszeit nicht zu Hause gewesen. Gleich zu Anfang des Krieges wurden ja nur die Reservisten eingezogen, aber im folgenden Jahr kamen dann auch die Rarniki (zu Deutsch Landsturm) an die Reihe, und zuletzt wurden nun auch die ganz jungen von 18 Jahrgänge der Ratuiki. Sie wurden als Sanitäter angestellt.

    Im ganzen waren es wohl über 1000 Mennoniten, die während des Krieges in Lazaretten als Sanitäter beschäftigt wurden. Die haben sich und unserem Mennonitentum einen guten Ruf erworben, denn sie waren treu und zuverlässig, und geachtet bei ihren Vorgesetzten.

     Zuletzt war wohl beinahe keine Familie übergeblieben, die nicht einen jungen Mann hatte hergeben müssen. Daher beruhigten sich auch die Gemüter der zuerst eingezogen, so dass nach Kriegsende der alte Groll sich gelegt hatte und die alte Verfassung im Dorfe wieder hergestellt wurde.

 

Wirtschaftlicher Stillstand

     Manche der zuerst eingezogen hatten während des Krieges sehr gelitten. Wirtschaftlicher Stillstand war die Folge. Wir waren ehe der Krieg ausbrach gerade im Schwung. 3 ½ Jahre Krieg war bei uns nicht bedeutender Rückgang, aber doch wirtschaftlicher Stillstand.

     Dann aber wurde wieder Mut gefasst. Uns wurden auch große Verheißungen gemacht. Aber die waren nicht stichhaltig, denn eben hatte der Bauer sich nach dem Kriege etwas erholt, dann fingen die Roten an zu rupfen.

    Im Jahre 1919 hatten wir im Slawgaroder Kreis eine sehr gute Ernte. Es blieb im selben Jahr sehr viel Frucht ungedroschen über Winter stehen. Wir hatten wohl das Futtergetreide und etwas Weizen im Herbst gedroschen, das meiste blieb aber zum Frühjahr. Im Frühjahr, als es gedroschen war, wurde was nicht über Nacht verschwunden war, fortgenommen. Man bekam dafür wohl eine Hand voll Papiergeld, welches aber nach kurzer Zeit keinen Wert mehr hatte.

Verheerende Inflation

    Die Inflation war da. So oft die Regierung wechselte, so ging's auch mit dem Geld. Man lernte es kaum kennen, dann war es wertlos, und anderes kam an seine Stelle. Alles zählte nach Millionen. Jeder war wohl in kurzer Zeit vielfacher Millionär geworden. Für ein Pferd bekam man 2-3 Millionen, aber nach kurzer Zeit bekam man kaum eine Spule Zwirn dafür.

    Es gab damals wohl nur wenig ganz Schlaue, die es verstanden gleich schnell zu verbrauchen, ehe anderes aufkam. Ich kann mich dessen nicht rühmen, ich hatte von allen Sorten reichlich übriggehalten, habe es später einfach verbrannt. Wie das Geld zunahm, so nahm die Ware ab. Alles war verschwunden. Es war bald nichts mehr zu kaufen. Wer da nicht vorgesorgt hatte, der war schlimm dran, es kam gar zu schnell.

Die Folgen des Krieges

     Es waren jetzt seit dem Anfang des Krieges 6 Jahre verflossen, 3 ½ Jahre Krieg und 2 ½ Jahre Nachkriegszeit. Und was war alles in diesen Jahren geschehen? Wie viel Elend hatte der Krieg angerichtet, in den ersten 2 ½ Jahren vom August 1914 bis Februar 1917! Dann brach noch während des Krieges die Revolution aus. Der russische Kaiser von den Revolutionären genötigt abzudanken, floh mit seiner Familie und etliche seiner Getreuen, wurde aber im fernen Osten festgehalten, und in einem Verließ meuchelmörderisch mit der ganzen Familie ermordet. Der deutsche Kaiser kam in die Schweiz im Exil.

    Dann dauerte der Krieg noch weitere 8 Monate bis endlich Wafenstillstand gemacht wurde. Wie viele Millionen hatte der Krieg weggerafft? Und wie viele Millionen treuer Anhänger der Monarchie wurden nach der Revolution hingerichtet? Es schien so, als ob das Morden kein Ende nehmen würde.

    Wir im fernen Osten waren vom Krieg selbst weniger betroffen, aber die Folgen der Revolution griffen mit ihren Krallen in alle Winkeln des großen russischen Reiches und suchte überall nach Opfern. Auch dieses ging auf unserer friedlichen Ansiedlung weniger bemerkbar vorüber. 

   Wir hatten in unserer Familie in diesen Jahren sieben Tote aus nächster Verwandtschaft zu beklagen. Schon den 8. Juni 1915 starb unsere vierte, die jüngste Tochter während ich im Dienst war. Dann im Frühjahr 1916 starb meine liebe Mutter, auch in meiner Abwesenheit. Im Oktober 1918 als ich schon zu Hause war, starben uns unsere fünfte und sechste Töchter, drei Wochen auseinander an der Roten Ruhr. Im April 1919 starb die liebe Mutter meiner Frau, noch sehr rüstig, mit 57 Jahren an Typhus und nach weiteren drei Wochen der Vater meiner Frau, wohl vor Weh und Gram, 70 Jahre alt; auch die jüngste Schwester meiner Frau starb mit 19 Jahren an Typhus.

    Auf dem Begräbnis meiner Schwiegermutter konnte meine Frau nicht zugegen sein, denn zwei Tage vorher war bei uns die siebte Tochter eingekehrt, wir wohnten ja 20 Kilometer ab von den Schwiegereltern. Wir hatten jetzt wieder vier Mädels. Mein Stiefvater hatte nach dem Tode meiner Mutter wieder geheiratet, starb aber 1922 nach einem langen schweren Leiden an Wassersucht.

 

Die Familie Zerstreut sich

    Ich hatte nun keine Eltern mehr, meine Geschwister waren zerstreut: der älteste Bruder, Franz Hübert in Saratowschen, eine Schwester, Frau Heinrich Thissen im Omschen, Bruder Johann im Amur, und drei Geschwister waren noch in der Nähe auf unserer Ansiedlung.

    Die Geschwister meiner Frau waren zwei noch in Südrussland, die andere auch auf unserer Ansiedlung. Wir hatten in diesen Jahren im eigenen Hause so wie in den Häusern der Eltern beiderseits acht Tote zu beklagen, den Stiefvater mit eingerechnet.

    Wir selbst aber waren gesund, und weil der Bevölkerung von Seiten der Sowjetregierung, die nach den vielen Umwälzungen nun fest in Sattel saß, die besten Aussichten für die Zukunft verheißen waren, fasten wir wieder Mut, und gingen mit neuem Eifer ans Werk, uns wirtschaftlich wieder aufzubauen.

    Aber im Jahre 1920 hatten wir auf der ganzen Siedlung eine schwache Ernte. Die Steuern, die jetzt den Bauern in Natura auferlegt wurden, mussten entrichtet werden im Herbst. Da blieb bei manchen so wenig übrig, dass das Wenige im Winter verzehrt wurde, und zur Aussaat blieb bei vielen nichts.

    Daher war die Aussaat im Jahre 1921 nur sehr gering, zudem gab’s wieder eine schwache Ernte. Die Regierung aber nahm die Steuern bis aufs Letzte. Somit war eine Hungersnot unausbleiblich, welche auch schon im Winter einsetzte, dann aber im Frühjahr wohl den größten Teil der Bevölkerung erfasste. Wer seinen Nahrungsvorrat gleich vom Herbst ausrationiert hatte, kam besser durch.

 

Einst Wohlhabende werden nun ohne Sarg und ohne Hemd beerdigt

    Wir in unserer Familie sparten vom Herbst an mit Brot, Kartoffeln waren genügend da. Wir kamen auch ohne Unterstützung durch; bei manchen aber war bis zum Frühling kein Brot mehr vorhanden, bloß bei Kartoffeln, oder wo auch die nicht waren, war tatsächlich Hungersnot.

    Cholera brach aus, bei uns im Dorf waren auch etliche Fälle, wo die Betroffenen im Verlauf von etlichen Stunden weggerafft wurden. Dann kam die amerikanische Hilfe, die Rationen waren auch nur klein, halfen aber noch über den Hunger hinweg. Es wurde noch viel Gemüse gegessen und so kamen die meisten durch bis zur Ernte.  

    Es war im Frühjahr doch wohl allen möglich eine wenn auch bei manchen nur sehr geringe Aussaat zu machen. Wenn auch nicht alles Land konnte besät werden. Es gab eine gute Ernte und man hatte wieder Hoffnung sein eigenes Brot zu essen. Aber der Mangel an Kleider war jetzt sehr groß  geworden, weil nichts mehr zu kaufen war. Dazu brach der Typhus aus im großen Umfange. In allen Dörfern starben viele Menschen, und mancher der vor etlichen Jahren noch wohlhabend war, musste ohne Sarg und ohne Hemd beerdigt werden. Ich bin Augenzeuge solcher Fälle.

Am Rande des eigenen Todes

     Ich selbst hatte mir die Krankheit bei einer Nachtwache bei einem Typhuskranken geholt. Weil der Mangel an Kleider und Bettzeug und Wäsche so groß  war, vermehrte sich das Ungeziefer erstaunlich stark und half nur mit Verschleppung der Krankheit.

      Ich war ja auch am Rand des Todes. Meine Frau behauptet, ich sei auch tatsächlich schon Tod gewesen. Aber durch ein Wunder ihr wieder zum Leben wiedergegeben worden. Durch strenge Befolgung der Anordnungen des Arztes und sehr gute Pflege konnte ich nach Verlauf eines Monats wieder das Bett verlassen ohne nachteilige Folgen.

 

Drangsalierungen bis ins Teuflische

     Die Ernte war eine gute gewesen, aber die Steuern waren so hoch, dass doch wieder alles weggenommen wurde. Der Weizen wurde auf Stützpunkte zusammengebracht. Aus Mangel an Speicher wurde er einfach in großen Haufen im Freien auf der Erde geschüttet mit gefüllten Säcken belegt, und den Unbilden des Wetters preisgegeben. Millionen von Puden Weizen sind dort verfault, welches dem Bauer zwangsmäßig weggenommen wurde.

     Ebenso war es mit der Fleischlieferung. Es wurde jedem Dorf eine bestimmte Norm Fleisch zur Lieferung aufgelegt, Rindfleisch, Schweinefleisch, auch Gänse, Hühner und Enten, alles nach Gewicht. Dieses musste dann im Dorf auf den Einzelnen verlegt werden. Und nicht im Lebendzustand, sondern alles geschlachtet, ausgeweidet, im Winter wenn es eingefroren war, und zwar nicht zerlegt sondern so in seiner ganzen Größe.

     Dann sah man dann viele Schlitten beladen mit gefrorenem Vieh zur Stadt fahren, dort wurde es wie auch der Weizen, an der Bahn in großen Haufen aufgeschichtet liegen gelassen.

     Es wurde von den Hunden benagt, von Hunden benetzt. Die Hündin legte in den Hohlraum der Rinder ihre Jungen ab. Da war die Fütterung nah und sehr bequem. Manch gute Kuh ist in jener Zeit geschlachtet worden zur Fleischlieferung, oder das Schwein, das manche Familie so nötig für sich gebraucht hätte, ging zur Fleischlieferung.

     Wie soll ein Reich bestehen, wenn es so wirtschaftet? Man kann es nicht verstehen und fragt sich, warum lässt Gott es zu, dass solche Regierung überhaupt existiert, oder so willkürlich ihre Untertänigen behandeln oder drangsaliert? Aber dies alles ist nur aus den Anfangsjahren der Kommunistischen Regierung.

     Diese Drangsalierung hat sich später nach 20-30ger Jahren ins Unendliche, Unermessliche bis ins Teuflische gesteigert. Wird Gott das Blut der Millionen und aber Millionen unschuldiger Menschenopfer, die dort auf verschiedener Art und Weise umgebracht oder zu Tode gemartert wurden, ungestraft lassen? Gott wird auf seiner Art richten und strafen.

Wundersame Führungen Gottes durch Drangsal und Leid

     Ich, der ich auch selber bis Ende August 1929 in Russland unter der Sowjetherrschaft gelebt und miterlebt habe, muss aber auch sagen zur Ehre Gottes, dass ich wunderbare Bewahrung und Hilfe in schweren Stunden und Zeiten erfahren habe.

     Ich könnte vieles derselben erzählen, will aber nur einige davon hervorheben, um zu zeigen wie wunderbar Gott alles führt und lenkt, wenn wir Ihm kindlich vertrauen, und auch die Tyrannen nur das tun dürfen, was er zulässt.

    Jesus sagte zu seinen Jüngern in Markus 13:11 „Wenn sie Euch nun führen werden und überantworten werden, so sorget nicht was Ihr reden sollt, und bedenkt auch nicht zuvor, sondern was euch zu derselbigen Stunde gegeben wird, das redet. Denn Ihr seid‘s nicht, die da reden, sondern der Heilige Geist“.

     Es geschah in den Jahren der Naturalsteuer. Ich hatte meine Steuer voll entrichtet, hatte aber auch beinahe alles Entbehrliche abgegeben. Da bekam ich eines Tages im Winter eine Zuschrift, nach Orlaf vors Reftribunal zu kommen, nachmittags. Es waren noch zwei andere aus unserem Dorf vorgeladen.

     Wir kamen hin, mussten warten bis Abend, wurden dann bei Franz Dück auf der Hofseite seines Geschäftshauses in einem dunklen Warenlagerraum geführt, wo drei Männer von G.P.W. uns erwarteten. Ich wurde als erster aufgerufen. Ich trat ein. Schon dieser dunkle Raum, von einer Öllampe spärlich beleuchtet durch ein rötliches Licht, machte einen grauenerregenden Eindruck. Dazu die erschreckenhaft aussehenden Männer, in voller Bewaffnung, die konnten einem Graun einflößen. Zudem wussten wir gar nicht, um was es sich handelte.

     Ohne jegliche Einleitung schrien sie mich an, dass ich noch so und so viel Pud Weizen in drei Tage zu liefern habe, ob ich das wollte. Ich wusste, dass ich das unmöglich konnte, folgte aber der Eingebung und sagte “ ja “. Dann musste ich es unterschreiben und war abgefertigt.

     Der andere nach mir machte es auch so und war auch abgefertigt. Der dritte aber weigerte sich, sagte er konnte das unmöglich. Der musste unterschreiben, dass er das nicht wollte, wurde dann gleich arretiert und nach Slawgorod geschickt ins Gefängnis und in seiner Abwesenheit wurde ihm zu Hause alles verkauft an Vermögen, und hat dann noch lange im Gefängnis gesessen.

     Wir andere beide konnten nach Hause und weiter ist uns nichts geworden. Ich sah darin eine Führung Gottes, dass ich sagen musste, so dass wir von ihnen nicht weiter beobachtet wurden.

 

Instrukteur Babkow, der Wüterich

     Dass Gott die rohen Menschen aber auch in seiner Hand hat, und nur zulässt, was er will, zeigt ein anderer Fall.

     An einem Sonntag nachmittag um drei Uhr, kommt der Dorfschulze in großer Eile zu mir und sagt: „Du sollst gleich mit dem Instrukteur Babkow und einem Polizisten nach Podsosnowa fahren“. Es war im Winter bei großer Kälte. Ich sagte, "ich werde das Pferd etwas Hafer geben, und den Schlitten fertig machen, dann spanne ich gleich an". Ich konnte nicht ohne gefüttert fahren, denn es waren 30 Km hin und zurück. Aber ehe ich damit fertig war, war der Schulze wieder da und sagte: „aber Mensch, komm doch, Babkow flucht schon schrecklich, er spricht nur von totschießen“.

     Ich blieb ganz ruhig. Ich hatte einen schönen Spazierschlitten, setzte mich auf den Kutschbock vorne, hinten hatte ich eine schöne Pelzdecke für meine Passagiere, fuhr beim Schulzen auf den Hof vor die Tür.

Als Babkow herauskam, klappte ich die Pelzdecke auf und sagte: “Bitte steigen sie ein!“. Er stieg ein mit dem Polizisten, ich stopfte die Pelzdecke dicht bei Ihm, stieg auf und fuhr los.

    Kein Fluchwort ließ er hören, nichts von erschießen. Im Gegenteil fing er unterwegs ein harmloses Gespräch an, ob ich den Weg auch gut wisse, dass wir uns nicht verirren würden, denn die Sonne war schon untergegangen, der Weg war nicht ausgestreuchert, denn hier wurde wenig gefahren, die Bahn war schlecht und es fing an zu stürmen.

    Ich hatte nur ein Pferd angespannt, denn die Bahn war hier zu schmal für zwei Pferde. Ich beruhigte ihn und sagte, "dieses Pferd spann ich immer an, wenn’s stürmisch ist, es hält sehr gut bahn". Obwohl mir selbst des Schneesturms wegen etwas bange war, kamen wir glücklich hin.

    Er frug gleich, als er abgestiegen war, „hast du einen Bekannten im Dorf, wo du nachtbleiben kannst?“ Ich sagte, „ich will nicht nachtbleiben, ich fahr gleich wieder zurück“. Er sagte, „du kannst auch hier nachtbleiben, im Stall ist Raum für’s Pferd, drinnen kannst schlafen. Du bekommst auch gleich Tee“. Ich sagte, „danke, aber ich werde gleich fahren“. Er wünschte mir noch eine glückliche Reise und ging hinein.

     Babkow aber war als ein Wüterich sondergleichen bekannt. Gott kann machen, dass die Sachen gehen, wie es heilsam ist.

 

Der bedrohende nächtliche Besuch

    Noch einen Beweis göttlicher Führung und Bewahrung will ich aufführen. Es war wohl in dem nämlichen Winter, an einem Sonntag Abend, schon spät. Wir wollten eben schlafen gehen, da kamen zwei Schlitten auf der Straße gefahren, hielten gegen unseren Hof an. Drei Männer stiegen ab, befahlen den Fuhrleuten heimzufahren. Sie kamen auf den Hof, ich stand draußen vor der Tür, hatte eine eiserne Gabel auf der Schulter. „Na“ sagt der Vorderste, „was stehst du hier mit der Gabel“? Ich sagte, „ich will dem Vieh Stroh zur Nacht geben“. „Na“ sagt er, „führ uns nur hinein, wir wollen bei dir Nacht bleiben“. Ich führte sie in die Stube.

    Es waren zwei Instrukteure und ein Polizist. Meine Frau hatte schon die Betten gemacht für uns, da mussten wir freundliche Miene zum bösen Spiel machen. Die eine Instrukteurin war ein verrufenes Frauenzimmer, sie war jetzt aber sehr freundlich, sie schüttelte sich, und sagte, sie hätten nach Podsosnowa fahren wollen, es sei ja aber keine Bahn, daher seien sie zurückgekommen und wollten hier Nacht bleiben. Sie hätten den ganzen Abend herumgeirrt, und seien ganz verfroren. Auch hätten sie Hunger. Ich sagte, „was sollen wir euch noch in der Eile vorsetzenWarmes haben wir jetzt nicht fertig“. Sie sagt, „was ihr eben habt“.

    Nun, wir hatten zum Glück mancherlei, es war eben vor Weihnachten, Milch war in dieser Zeit eine Seltenheit, wir aber hatten Milch, Butter, Schinkenfleisch, schönes Weißbrot. Beim Essen konnten sie des Lobens nicht aufhören. Immer wieder sprachen sie aus „Eine Seltenheit um diese Zeit!“ 

    Als sie gegessen hatten, sagt sie, „so, jetzt wollen wir schlafen, uns friert“. „Ja“ sage ich, „wenn Euch friert, dann müsst ihr am Ofen  schlafen, da ist’s warm. Wir werden von Stroh ein Lager machen.  Decken und Kissen haben wir auch, dann schlaft ihr warm“. Sie waren damit einverstanden. Als sie da alle drei am Ofen lagen, das Frauenzimmer in der Mitte, sagte sie, „wir werden hier schlafen wie die Prinzen“. Wir zerbrachen uns den Kopf, „was kann das nur wieder bloß bedeuten?

    Morgens schnüffelten sie allerwärts herum, im Stall, Scheune, bei den Haufen, sagten aber nichts. Als sie Frühstück gegessen hatten, musste der Polizist zum Schulzen gehen und ein Fuhrwerk bestellen, wieder zurück nach Alexandofka, von wo sie kamen.

    Der Schulze kam mit dem Fuhrwerk mit, als sie weg waren, sagt er, „was wollten die bei dir?“ Ich sagte, „ich glaube, die kamen eine Haussuchung bei mir zu machen, aber über Milch, Butter und Schinkenfleisch haben sie den Mut dazu verloren. Sie können nur tun, was Gott zulässt.

    Ich könnte noch manche solche Fälle aufzählen, wo uns eine große Gefahr manchmal ganz nahe war, Gott sie uns auch zeigte, aber immer seine schützende Hand vorhielt, dass die Gefahr bei uns vorüberging, und wir ihm für seine unverdiente Gnade danken mussten. Sie sollten für uns aber fürs ganze Leben unvergesslich bleiben. Ihm gebührt der Dank für alles.

Holodomor – Als Stalin Millionen verhungern ließ -

ZDF Kurzinformation

                        

5. Folge

Die kurze Pause

    Ab 1923 kamen die Jahre, von welchen Lenin gesagt hatte, „jetzt lasst den Bauer einmal etliche Jahre ruhen, dass er wieder Speck ansetzt“. Nicht dass wir jetzt von den verschiedenen Quälereien frei waren, aber es war doch leichter für den Bauer geworden. Die Steuern wurden in Geld gefordert, und auch nicht übermäßig hoch, die Ernten waren gut, auch die Getreidepreise waren gut, so dass der Bauer sich wirtschaftlich erholen konnte.

Einige beginnen auszuwandern

    Aber wir trauten der Ruhe doch nicht gut. Im Süden Russland war es schon im Jahre 1923 zu großer Auswanderung gekommen. Bei uns kam‘s im Jahre 1925 dazu. Es wanderten dann von unserer Siedlung eine ziemliche Gruppe aus, die meisten als Emigranten auf Kredit. Eine kleinere Gruppe als Kassapassagiere. Wir wollten damals auch schon auswandern. Es wäre für uns damals auch sehr günstig gewesen, denn die Kinder waren alle unter 16 Jahren, ich brauchte also nur zwei Pässe, die Wirtschaft war ganz gut gestellt, alles war damals gut zu verkaufen.

Ist der Glaube eine Hilfe, um die Frage der Auswanderung zu lösen?

    Wir hätten als Kassapassagiere reisen können. Wir waren auch wegen der Augen alle gesund, nur Hans, der damals drei Jahre alt war, er hatte auf dem Kopf etwas Skrupfel. Das fiel dem amerikanischen Arzt Dokt. Drury auf und wir sollten erst, weil er kein Mikroskop dabei hatte, von einem Arzt im Slawgorod ein Zeugnis einbringen, dass es mikroskopisch untersucht sei, und nicht Fawus sei.

    Wir hatten nach diesem Fall einen schweren inneren Kampf zu kämpfen. Wir hatten nämlich keine klare Überzeugung, ob wir auswandern sollten oder nicht. Wir sagten uns, bevor wir vor Dr. Drury gingen, „wenn wir bei der Besichtigung alle für gesund erfunden werden, und uns zur Auswanderung nichts hindert, dann soll uns das ein Beweis sein, dass wir auswandern sollten.“ Jetzt, nach dem Fall mit Hans, sagten wir uns, es ist uns gezeigt, wie wir zu handeln haben.

    Jetzt hätten wir ruhig und überzeugt sein sollen und waren‘s doch nicht. Der Kampf, den wir jetzt durchzukämpfen hatten, war ein sehr harter. Hier hatten sich die wirtschaftlichen Verhältnisse sehr gebessert, wir standen uns gut wirtschaftlich. Sollten wir jetzt alles fahren lassen? Wussten wir doch noch so gut, wie schwer der Anfang hier gewesen war, wie viel Schweiß und bittere Tränen damit verbunden waren. Nun nachdem wir nach sehr schweren Jahren emporgekommen waren, alles dies verlassen und wieder in eine ungewisse Zukunft fahren? Und wieder von vorne anfangen?

    Dann kam wieder die Ungewissheit über den Wille Gottes in dieser Frage. Wir wollten nicht gegen den Wille Gottes handeln, wir waren daher sehr traurig und niedergeschlagen, als wir nach Hause fuhren.

    Die Nachbarn kamen gleich und frugen, „na, wie sieht‘s? Fahren?“ Wir sagten mit schwerem Herzen, „nicht fahren“. „Na, warum denn nicht?“ Auf unsere Erklärung fragten sie, „na, das ist nicht Schlimmes mit dem Jungen. Nur etliche Male den Kopf des Kindes mit Erdbutter einschmieren, dann ist das heil“.

    Wir glaubten das ja selbst auch, aber wir sollen ein Zeugnis vom Arzt bringen. „Na, dann fahrt doch aber gleich morgen zum Arzt nach Slawgorod! Der gibt es euch unbedingt.“ Wir sagten uns, „ist es recht, Gott noch weiter zu versuchen?“ Wir wollten ja auswandern, nur wenn kein Hindernis sei, und nun war eins da, wenn auch nur ein kleines. Andere sagten, „es ist kein Hindernis, versucht‘s nur noch einmal!

   Es ging uns so wie Gideon, als er seine Sendung von Gott nicht gut verstehen und glauben wollte und Gott zweimal mit dem Fell versuchte, Richter 6:36-40. Und wir sagten und baten auch „Gott zürne uns nicht, wenn wir es noch einmal beim Arzt versuchen. Wenn wir das Zeugnis beim Arzt ohne Schmiere bekommen, dann wollen wir überzeugt sein.“  

   Wir fuhren den anderen Tag nach Slawgorod. Es waren da zwei Ärzte, der eine ein zuverlässiger Arzt, zu dem wollten wir fahren. Als wir hinkamen, war Popow auf einer Ferienreise. Der andere Arzt, ein Jude, Borisow, zu dem hatte ich kein Vertrauen. Ich ging aber doch vor Abend in sein Quartier und sagte ihm mein Anliegen. „Ja“ sagte er, „komm nur morgen um acht Uhr zum Krankenhaus und sage zum Diener du seist für Nº 6 bestellt. Dann wird er dich zu mir führen“.

    Als ich am nächsten Morgen zu ihm kam, schrieb er etliche Zeilen auf ein Blättchen und schickte mich dann zu einem anderen, der mikroskopische Untersuchung vornahm. Nach der Untersuchung kritzelte er wieder etliche Zeilen auf das nämliche Blättchen, und schickte mich damit wieder zum Arzt.

   Der beschaute das Blättchen, sah mich schmunzelnd an und sagte, „ja, das ist Fawus“. Dann wusste ich Bescheid, frug ihn aber noch, „ist das denn so schlimm, ist das nicht zu heilen?“ Darauf der Arzt: „Aber das wird lange dauern. Aber du weißt ja, wo ich wohne. Komm nur nach vier Uhr zu mir im Quartier, dann gebe ich dir ein Rezept und du kannst die Medizin in der Apotheke nehmen. Aber die Heilung wird langsam gehen“, sagte er wieder schmunzelnd.

   Ich war überzeugt, hier war ohne Schmiere nichts zu machen und kein Zeugnis zu bekommen. Ich hatte also von oben, vom Herrn, keine Erlaubnis. Ich verabschiedete mich und fuhr mit schwerem Herzen, aber jetzt überzeugt nach Hause. Wir stellten für dieses mal die Auswanderung ein

Warum sind die Wege des Herrn so schwierig?

    Ich habe aber später, schon hier in Brasilien, nach dem Zusammenbruch meiner Frau, wenn das Kreuz manchmal zu schwer sein wollte in dunklen Stunden, mich gefragt, wie wäre es geworden, wenn wir im Jahre 1925 ausgewandert wären. Vielleicht nach Kanada und in ein leichteres Verhältnis gekommen, und der Zusammenbruch meiner Frau wäre nicht eingetreten? Doch der Psalmist sagt, „Gott, dein Weg ist heilig“. Er ist der Herr, der uns diesen schweren Weg gehen heißt. Und die Ewigkeit wird es uns einst offenbaren, warum wir diesen Weg gehen mussten.

   Wir haben aber doch noch viel Ursache, dankbar zu sein, dass wir doch noch in der letzten Stunde wie ein Brand aus dem Feuer, aus dem Lande der Schrecken herausgerettet wurden mit unser ganzen großen Familie, und hier in Ruhe und Frieden leben dürfen. Wie schlecht ist es den Millionen ergangen, die zurückbleiben mussten, und später so schrecklich gemartert wurden!

Die stille vor dem Sturm

   Nach der Einstellung der Auswanderung beruhigten wir uns auch wieder. Wir hatten ja auch jetzt nicht zu klagen. Wir fingen damals an, Reinsaat zu züchten, die Felder wurden vor der Ernte von einem Agronom besichtigt und welche gut waren, dass sie die Probe bestanden, wurden registriert als Reinsaat. Nach der Ernte musste der Betreffende angeben, wie viel Reinsaat er übrig habe, bekam dann 2/3 des Preises gleich im Herbst ausgezahlt.

   Wer passend Raum hatte, konnte den Weizen bei sich bis zum Frühjahr liegen lassen. Es wurden  auch Speicher gepachtet, wo der Weizen zusammengeschüttet wurde. Im Frühjahr wurde er abgeliefert, dann gab‘s noch das letzte Drittel des Preises für den Weizen. Weil der Preis gut war, blieb schon was über. Und weil die Ware jetzt auch wieder zu bekommen war, konnte manches wieder ausgeglichen werden.

   Alles schien jetzt wieder besser zu werden. Wir ahnten, dies war die Stille vor dem Sturm, der bald losbrechen würde. Die Steuern wurden erhöht, zudem kamen verschiedene andere Gelderpressungen, Selbstbesteuerung, Gelder für die Luftflotte, oder auch Kriegsanleihe. Alle diese Gelder wurden zum Teil nur von Mittelbauern und Großbauern erpresst.

Aufgezwungene Obligationen

   Die Kriegsanleihe war anfänglich freiwillig, für das eingezahlte Geld bekam man Obligationen als Quittungen. Bald aber wurden die Obligationen immer dringender aufgenötigt und in immer größeren Summen, zuletzt schon einfach gewaltmäßig.

   Einen Fall will ich ausführen, der mich persönlich betrifft. Es war an einem Sonntag nachmittag im Winter. Wir sitzen zu Hause, plötzlich schlägt der Hund an. Meine Frau steht auf und geht zum Fenster und schaut hinaus. Sie kommt erschreckt zurück und sagt „Johann Görzen kommt mit zwei Männern her“. Ich denke, „na, was gibts denn wieder?"

    Joh. Görzen war der Vorsitzende aus dem Dorfrat, mit ihm kam der Schreiber, ein Deutschländer, (Parteinmann, Kommunist) und der Vorsitzende aus dem Riek, Wiens, auch Kommunist. Nach kurzer Einleitung, sagte der Vorsitzende Wiens dem Riek, „du hast noch wenig Obligationen genommen. Du musst noch mehr nehmen. Du musst noch für 200 Rubel nehmen“. Ich wollte nicht. Da sagte er, „dann willst du vielleicht für 300 Rubel nehmen“. Als ich dann sagte, „ich hab ja doch schon für so und so viel Rubel genommen“, „na“, sagt er wieder, „dann willst du wohl für 400 Rubel nehmen?“ Ich sah den Ernst der Sache ein, meine Weigerung könnte für mich ein sehr schlechtes Ende nehmen. Ich zahlte die 400 Rubel ein und war nachher froh und dankbar dafür, dass ich es nicht aufs Äußerste getrieben hatte.

   Noch eine kleine Ergänzung zu den Obligationen. Die Obligationen waren Serienweise, und in jeder Serie hatten die Obligationen ihre Nummer. Also hatten auch meine Nummern die Serie und auch laufende Nummern. Später wurde bekannt gemacht in der Zeitung, dass die Bank die Obligationen aufkaufte, denn die eingezahlten Gelder für die Obligationen waren eine Anleihe für die Regierung, und sie zahlen Zinsen dafür, so wurde uns versprochen. Wir glaubten es aber nicht. Jetzt aber kaufte die Bank die Obligationen, ich bekam jetzt auch die Zinsen.

    Ich wollte auch keine Zinsen, wenn ich nur das eingezahlte Geld zurückbekam. Ich fuhr gleich nach Slawgorod zur Bank, hatte meine Obligationen mit. Während ich da sitze und warte (es warteten noch viele andere mit mir), und sehe, dass da Tabellen sind, und dass man mit seinen Obligationen auf den Tabellen Vergleiche anstellt. Ich fragte noch, was das bedeute. Man sagt mir, dass es auf bestimmte Obligationen nun mehr Gewinne gebe.

   Dann fing auch ich an zu vergleichen, und hatte das Glück, dass meine noch einen bedeutenden Gewinn hatten. Ich bekam nicht nur mein Geld voll ausgezahlt, sondern auch die Zinsen für die Zeit, wo das Geld geliehen war. Obendrein einen Gewinn, der war also einigermaßen für meinen Verdruss und Angst entschädigt.

Mein seelsorgeliches Bemühen

   Dieser Görzen hat mehrere Jahre hinter mir gegraben und auf alle Art und Weise versucht, mich zu Fall zu bringen. Was ihm aber nicht ganz gelungen ist. Ich wurde vor dem gänzlichen Fall bewahrt. Als wir im Jahr 1927 noch einmal anfingen, um die Papiere zur Auswanderung zu wirken, da hat er gesagt, ich würde nicht auswandern, dafür werde er aufkommen.

   Er wollte aber selbst auch. Er stand aber mit dem Lehrer im Dorf in einem verwickelten Konflikt und jeder von ihnen suchte, sich am anderen zu rächen, und suchten nach einer passenden Gelegenheit ihn zu Fall zu bringen. Nun meldete Bergen bei der Polizei an, Görzen halte geheime Versammlungen ab, wegen Auswanderung. Das fiel Görzen schwer ins Gewicht. Er wurde mit noch fünf Männern arretiert. Ich war aber nicht darunter, obwohl ich auch um die Ausreise gewirkt hatte.

   Diese Verhaftung brachte einen großen Schrecken ins Dorf. Es war die erste Verhaftung, zumal es Görzen als Vorsitzenden des Sowjets über drei Dörfer und  seinen Schreiber, einen deutschen Parteimann, einen langjährigen Kommunisten betraf.

   Es war zu sehen, dass Lehrer Bergen doch fähig war, uns manches Übel zuzufügen. Und er hatte sich geäußert, dies sei nur der Anfang. Wer es sei, hatte er aber nicht gesagt. Ich glaube aber nicht, dass ich darunter sei, denn ich stand mich mit Bergen nicht schlecht, aber der ganze Vorfall lastete schwer auf mir.

   Ich konnte in der folgenden Nacht nicht schlafen. Es schien immer in mir, da muss eingegriffen werden. Vielleicht ist die Verhaftung rückgängig zu machen, und weitere vorzubeugen. Nach ernstlichem inneren Ringen und Kämpfen entschloss ich mich, gleich morgens zu Bergen zu gehn, und mit ihm Durchsprache zu halten.

   Am Morgen, als es kaum hell war, ging ich hin. Ich wollte ihn gleich in der Morgenstunde nehmen. Er sei dann vielleicht zugänglicher, denn das es hart auf hart gehen würde, damit rechnete ich. Ich traf seine Frau schon draußen. Ich frug „Bergen schläft wohl noch?“ „Nein“, sagt sie, „er ist schon auf, er wird gleich kommen“.

   Er kam dann auch bald und bat mich hineinzukommen und mein frühes Kommen zu erklären. Ich sagte, er würde es wohl ahnen, warum ich käme, es sei wegen der Verhaftung und ich würde auch ganz offen mit ihm sprechen. Denn dies sei ja nicht die erste sehr ernste Durchsprache, die ich mit ihm habe, wie er ja wisse. Ich frug ihn ganz direkt, was wohl die Veranlassung zu seiner Anmeldung und daher zu dieser Verhaftung sei. Ob es bloß Rache sei gegen Görtzen? Da mir ja ihr gegenseitiger Hass zu Genüge bekannt war. Es stehe uns aber doch nicht, uns zu rächen. Wie schwer die Folgen sein könnten, ließe sich kaum ahnen, und wie schwer seine Familie leiden müsse. Zudem die anderen fünf Männer die doch in dieser ihrer Sache unschuldig seien.

   Er schwieg. Er schien etwas überrascht zu sein über mein entschiedenes Vorgehen. Dann aber sagte er, „du hast recht, ich lasse es gelten. Aber die Rache ist süß. Ich habe lange nach einer Gelegenheit gesucht, ihn zu Fall zu bringen. Jetzt war der Moment da.“ Ich sage, „ja, aber die Folgen und die anderen Unschuldigen?“ Ob er seine Klage nicht zurücknehmen wolle. Was er, wenn er wolle, wohl möglich machen könne. Aber das, sagte er, würde er nie tun, es sei auch unmöglich. Ich aber wurde immer dringender und suchte ihn zu erweichen, denn ich merkte an ihm doch noch ein menschliches Gefühl.

   Er wurde zuletzt ganz weich und bekannte, dass es ihm gereue, was er getan hatte. Aber, sagte er, „warum bist du nicht schon eher mal gekommen, oder ein anderer, und hättet mit mir so ernstlich gesprochen? Aber nein, der Bergen war zu schlecht. Ihr wisst aber nicht meine inneren Kämpfe. Ich bin lange nicht mit mir zufrieden gewesen, manche Nacht habe ich meine Kissen mit Tränen genetzt. Ich kam mit mir selbst allein nicht fertig, darum ist es mit mir soweit gekommen, wie es jetzt ist“.

   Ich musste meine Unterlassung ihm gegenüber gestehen. Ich drang aber weiter in ihm. Wenn er jetzt sein Unrecht einsehe, dann solle er jetzt seine Klage rückgängig machen. Das, sagte er, sei unmöglich. Das könnte schlimmere Folgen haben. Das musste jetzt schon seinen Gang gehen. Aber er habe noch eine ganze Reihe auf der Liste, die würde er aber schon nicht einreichen. Er wolle sich auch in Zukunft nicht einmischen.

  Der Schreiber von den ersten sechs kam nach zwei Tagen frei, zwei andere dann auch nach etlicher Zeit. Görtzen aber und die anderen zwei Männer wurden, nachdem sie längere Zeit in Slawgorod gesessen hatten, nach dem hohen Norden verbannt. Er selbst, Bergen, aber entging dem Schicksal auch nicht. Er wurde nach etwa zwei Jahren, als wir schon weg waren, auch nach dem Norden verbannt.

Klappt jetzt die Auswanderung?

   Ich bin mit meiner ganzen große Familie ausgewandert, lebe hier in Brasilien in Ruhe und Frieden. Er wurde nach der Insel Solowki, im hohen Norden verbannt. An Görtzen und auch an Bergen hat sich das Sprichwort erfüllt. Wer andern eine Grube gräbt, fällt selber hinein.

   Die Sache wurde aber immer ernster, manche wurden wieder unruhig, liquidierten alles und fuhren nach Moskau, um von dort aus wegen Ausreise und Pässe zu wirken. Wir hätten wohl auch losgemacht, konnten aber wegen Familienverhältnisse nicht im Winter bei der größten Kälte, die beschwerliche Reise wagen, denn am 17. Februar 1929 wurden unsere Zwillinge Franz und Willi geboren. Daher mussten wir unser Vorhaben aufschieben auf unbestimmte Zeit. Ich verkleinerte den Viehbestand bedeutend, ich hatte schon keinen Knecht mehr, und machte im Frühjahr schon nur 20 Hektar Aussaat, aber es half schon nichts mehr. Ich war gezeichnet.

Die persönliche Verfolgung beginnt

   Nach der Saatzeit wurde mir nochmal eine Naturalsteuer aufgelegt von 200 Pud Weizen, welche ich im Verlauf von drei Tagen auszufüllen hatte, andernfalls würde es in Geld umgerechnet und verdreifacht, welches dann wieder in drei Tagen auszufüllen war. Wenn nicht, dann wurde das Vermögen weggenommen und verkauft werden, bis die Summe bezahlt war.

    Ich hätte die Naturalsteuer noch ausfüllen können, sah darin aber nur großen Schaden für uns, und brachte nur einen ganz kleinen Teil davon nach dem Riek. Das Übrige wurde verdreifacht und wurde in drei Tagen an Geld verlangt. Ich hätte auch das Geld zahlen können (etwas über 500 Rubel), aber ich wusste, damit würden sie nur gereizt, mehr zu verlangen.

   Es war eben auf unser Ruin abgesehen. Nach drei Tagen musste ich außer ein Pferd und eine Kuh nach dem Riek bringen, auch die wirtschaftlichen Maschinen, Wagen, Draschke, welches dann im Verlauf von einer Woche dort durch Versteigerung spottbillig verkauft wurde, und nicht ganz die erforderliche Summe deckte. Wir sahen immer deutlicher das Unglück auf uns zukommen. Somit wurde der Fluchtplan immer ernster.

   Ich hatte auch nach der Saatzeit noch 60 Pud Weizen in kleinen Zwischenräumen nach der Mühle gefahren in zwei Teile, als ich aber das Mehl holen wollte, wurde ich dort gefragt, ob ich nicht wusste, dass ich stimmlos sei. Ja, das wusste ich. Na, dann habe ich auch nichts zu verlangen, und ich musste ohne Mehl nach Hause fahren.

Vorbereitungen für die flucht

    Als wir dann nach kurzer Zeit uns rüsteten zur Flucht nach Moskau, und backen wollten für die Reise, dann hatten wir kein eigenes Mehl und mussten uns heimlich Mehl kaufen, denn öffentlich war uns auch das Kaufen verboten.

   Als wir nun eines Tages von unserem gewesenen Knecht, der damals Vorsitzender im Dorfrat war, und uns zugetan war, geraten wurde, so schnell wie möglich zu fliehen, denn meine Verhaftung könne in nächster Zeit geschehen. Da gab‘s kein Zögern und Zweifeln mehr. Und die nötigen Papiere, die ich brauchte hatte ich mich schon bemüht und hatte die meisten auch bereit. Das letzte Fehlende versprach er, mir noch rechtzeitig zu besorgen.

   Die Erlaubnis zum Ausruf hatte ich auch schon vom Riek, die Zettel zum Ausruf wurden ausgefahren, den 21. August sollte der Ausruf sein. Den 22. August, vor Morgengrauen, wollten wir dann abfahren. Als ich dann die Zettel rundfuhr und auf die Dörfer abgab, bis nach Uglovoj (Tiege), kam ich, wo alle meine Schwager wohnten, und sie sahen, wie weit es mit unserer Flucht war.

   Sie hatten es immer nicht glauben wollen, dass wir ernst machen. Jetzt versuchten sie mit aller Gewalt, mich umzustimmen. Die Wirtschaft mit 20 Hektar Ernte schon gemäht, fertig zum Dreschen, stehen und liegen lassen. Ich sollte, wenn wir schon weg wollten doch noch erst die Ernte einbringen und verkaufen. Ich mache mir doch einen großen Schaden, meinten sie.

                        

6. Folge

Die Versteigerung

    Ich kämpfte schwer, blieb aber fest und fuhr weiter. Als ich dann aus dem Dorf war, kam es doch mit aller Gewalt über mich. Ich hielt an und kämpfte innerlich und rang. Ich war nahe daran umzudrehen, und die Zettel in den Dörfern wieder zurückzunehmen. Doch nach hartem Ringen hieß es in mir nur vorwärts, ein Zurück gibt es nicht mehr, denn das bedeutet Untergang für uns. Ich fuhr ruhig weiter und zweifelte nicht mehr an unserem Vorhaben.

    Als dann am folgenden Tage alles geordnet wurde zum Ausruf, alles auf dem Hof hinausgetragen wurde, was verkauft werden sollte, sah ich, dass wir mehr hatten, als ich gedacht hatte. Mir bangte, werden wir‘s an einem Tag alles versteigert kriegen? Ich holte mir dann noch einen zweiten Ausrufer und richtete es so ein, dass drinnen auch noch verschiedenes Kleinzeug, so wie Geschirr, Wäsche, und Verschiedenes anderes versteigert konnte werden.

    Wir hatten einen ziemlichen Vorrat an Schnittware, das wurde dann noch am Tage vor dem Ausruf alles aus der Hand verkauft. Liebhaber waren genug da, alles wurde für bar und gut verkauft. Denn die Schnittware war knapp. Am nächsten Tag fingen wir schon genau zur bestimmten Zeiten mit dem Ausruf an. Dem Ausrufer sagte ich aber gleich, er sollte sich etwas beeilen, dass wir in einem Tag durchkämen.

    Das meiste wurde billig verkauft, auf Mittag fing der zweite Ausrufer an, drinnen zu verkaufen und ein dritter Vertrauensmann aus der Hand noch extra zu verkaufen, und wirklich, es gelang. Ehe es ganz Abend war, war alles verkauft. Die Kassierer rechneten alles zusammen, gaben das Geld ab, tranken noch alle zusammen Kaffee.  Ausrufer und Kassierer wurden belohnt und verabschiedeten sich.

    Der Abschied von allen lieben Freunden war vorher schon gemacht, damit im letzten Moment nichts uns aufhalte. Was wir mitnahmen, war alles auch schon vorher verpackt, außer Betten, welche wir noch zum Schlafen brauchten.

Flucht wie die Kinder Israel aus Ägypten

    Das Fuhrwerk war für drei Uhr morgens bestellt. Um neun Uhr abends war alles finster, die Kinder schliefen. Ich aber und meine Frau schliefen die letzte Nacht nicht, wir waren sehr aufgeregt, und zugleich traurig. Denn es galt morgen in aller Frühe, unsere uns so liebgewordene Heimat samt allen Freuden fluchtartig zu verlassen.

    Wo wir bitter arm angefangen hatten, wo so viel Tränen und so viel Schweiß in den ersten Jahren geflossen waren, doch später sich alles zum Guten gewendet hatte, wo uns 15 Kinder geboren wurden, das erste schon in Halbstadt. Sieben Kinder von diesen ruhten hier auf dem Friedhof, blieben hier, niemand würde sich nachher um ihre Gräber kümmern. Vor uns selbst stand eine ungewisse Zukunft. War es nicht doch zuviel, was wir wagten?

    Unsere Lage damals war der Lage der Kinder Israels vor dem Roten Meer sehr ähnlich. Vor uns das Meer, die Unsicherheit des Herauskommens aus Russland, hinter uns die Ägypter, die Kommunisten, die ihre Fangarme mit ihren Krallen nach uns ausstreckten, zwischen Israel und den Ägyptern die Wolke, zwischen uns und den Kommunisten, der Herr, der uns schützte. Als Israel Pharao mit seinem Heer  nachkommen sah, schrien sie vor Furcht zu Gott. Wir haben damals auch nicht nachgelassen zu Gott zu schreien. Israel ging trockenen Fußes durchs Rote Meer, und kam nach manchen Hindernissen und Unterbrechungen ins Gelobte Land Kanaan. Wir kamen ohne besondere Schwierigkeiten durch das kommunistische Russland hindurch und heraus mit mancherlei Unterbrechungen, Enttäuschungen, nach sechs Monaten beschwerlicher Reise ins gelobte Land (Kanaan) Brasilien an. Wo wir eine friedliche Heimat gefunden haben, ohne vorher die Kanaaniter zu vertreiben.

   Doch zurück zu unserer Abfahrt von unserer Heimat. Es ist wahrlich nicht so ganz einfach mit einer guten Ernte, sie ohne jegliche Entschädigung stehen und liegen zu lassen und davonzufahren. Wir hatten sie zwar verkauft, hatten aber nicht einen Pfennig dafür bekommen. Man versprach es uns nach der Ernte nach Moskau zu schicken. Verschiedene andere Ausstände von früher ebenfalls. Das Ganze betrug so annähernd 2000 Rubel. Davon habe ich nichts erhalten. Denn als wir weg waren, war der Befehl gekommen, alles sei uns abgenommen, und die Regierung schenke es jedem, der es uns schuldig gewesen wäre. Nun es ist auch so gut, denn wir sind ausgekommen mit dem, was wir noch mitnehmen konnten. Und aus Russland herausnehmen durften wir sowieso nichts.

    Des Morgens, als der Wagen auf unsern Hof kam und wir anfingen unsere Koffer und Kasten aufzuladen, kamen noch etliche unserer nächsten Freunde zum letzten kurzen Abschied. Es ging auf beiden Seiten nicht ohne Tränen ab, war doch alles zu unsicher, unsere ebenfalls auch ihre Zukunft lag sehr dunkel vor uns.

   Durch Halbstadt, wo der Riek war und wo wir vorbei mussten, fuhren wir schon nicht, um nicht womöglich noch aufgehalten zu werden, sondern fuhren im Bogen um Halbstadt herum. In Slawgorod, wo wir die Bahn besteigen wollten, mussten wir noch einen Tag warten, denn es ging nur jeden Tag ein Zug und dann musste man schon einen Tag vorher die Fahrkarte kaufen, sonst kam man nicht mit. Den anderen Tag, 11 Uhr abends, fuhren wir dann von Slawgorod ab.

 

Am Bahnhof, ein Freund mit einer geheimen Botschaft

    Unser letzter Knecht, der drei Jahre bei uns gewesen war, und bei uns als Kind gegolten hatte, kam noch zu uns, als wir schon im Zug saßen, um Abschied zu nehmen. Wir sahen es ihm an, dass ihm etwas Schweres auf dem Herzen lag, was er uns wohl sagen wollte, konnte aber nichts herausbringen. Der Trennungsschmerz war zu groß  und wir erfuhren’s nicht. Es war auch besser so, denn es hatte sich am Tage unserer Abfahrt noch manches zugetragen. Es ging dem Riek so, wie es einst Pharao erging. Es reute ihm, dass er uns hatte fahren lassen, und man drohte uns zurückzuholen. Das konnte und wollte der liebe Johann uns nicht sagen. Wir erfuhren’s aber in Moskau schnell genug, hatten uns so aber bis Moskau nicht geängstigt.

    Dort in Moskau kamen beinahe alle Tage Familien aus unserer Kolonie an und immer wieder mit der Nachricht, „dich werden sie zurückholen  und in deinem eigenem Haus erschießen“. Dass diese Nachrichten nicht die angenehmsten waren, wird wohl verständlich sein.

Die Einquartierung in Moskau

    Als wir den 28. August in Moskau ankamen, waren schon recht viele dort, wohl schon etliche Tausend. Und es kamen alle Tage viele dazu, so dass sich mit der Zeit  11.000 Flüchtlinge vor den Toren Moskaus, in den Vorstädten angesammelt hatten.

    Als wir ankamen, war die Quartierfrage noch nicht so schlimm. Wir bekamen gleich am folgenden Tag ein Quartier. Ein geräumiges Haus mit drei Zimmern und ein Vorhaus oder Veranda, welche wir als Küche benutzten. In jedem Zimmer war je eine Familie, insgesamt 24 Seelen.

    Die Flüchtlinge teilten sich in Gruppen. Jede Gruppe hatte einen Gruppenführer, der hatte eine Liste seiner Gruppe, und alle Gruppenführer wirkten zusammen an den Pässen zur Auswanderung. Wir kamen noch in die erste Gruppe. Gleich am ersten Tage nach unserer Ankunft in Moskau fuhren etliche Familien ab nach Kanada. Sie hatten 6 Monate in Moskau gewartet, bis sie endlich ihre Pässe bekamen. Waren die aber froh, als sie endlich fahren konnten! Wir rechneten damit, dass wir auch wohl 6 Monate würden warten müssen, denn wir mussten erst die Einreiseerlaubnis von Kanada haben, und eine Bürgschaft von dortigen Verwandten. Darum bemühten wir uns auch zuerst, den Weg nach Kanada für uns zu bahnen.

    Dann galt es, sich in Moskau zu gedulden, aber mit einer Familie von 11 Seelen in Moskau aus der Tasche zu leben ohne jegliche Einnahme, das ist nicht leicht, und kostet schon allerhand. Daher suchten die meisten Flüchtlinge, wo eine männliche Arbeitskraft war, Verdienst zu finden. Manche fanden auch ganz guten Verdienst. Dann war das Leben doch schon etwas leichter.

    Wir bekamen Karten für Brot, Zucker und Tee, alles für mäßige Preise und genügend. Fleisch und Wurst war ohne Karte zu bekommen, Kartoffeln hatten wir uns gleich am Anfang mit Ausgraben verdient, so dass das Leben erträglich war unter der Bedingung, dass es doch zuletzt eine Auswanderung geben würde.

Die Lage in den Kolonien verschärft sich

    Es kamen aber alle Tage Scharen frischer Flüchtlinge hinzu, bis es dort in den Kolonien unmöglich gemacht wurde wegzukommen. Der Ausruf wurde verboten, die Flüchtlinge konnten beinahe nichts mehr verkaufen, Fahrkarten nach Moskau wurden keine mehr verkauft.

    Manche machten es aber doch möglich, in dem sie erstmal per Wagen, mit einem Fuhrwerk etliche Stationen weiterfuhren, dort Fahrkarten kauften, wenn nicht bis Moskau, dann bis irgend einer anderen Stadt auf der Wegstrecke, dann weiter bis Moskau.

    Von unseren Verwandten hatten es auch noch etliche versucht, nach der Ernte wegzukommen, aber vergebens. Es ist außer uns keiner von unseren Geschwistern rausgekommen.

     Wir fragen uns oft, sind wir denn besser als die andern, die zurückblieben oder zurückgeschickt wurden? Nein, nur unverdiente Gnade ist’s und doch sind wir oft hier (in Brasilien) mit unserem Los nicht zufrieden, murren und klagen. Gott möge es uns nicht anrechnen!

 

Die riskante Fahrt, um den Bruder in Arkadak zu besuchen

    Bald nachdem wir in Moskau waren, hatte ich nach Arkadak im Saratowschen nach meinem Bruder Franz Hübert geschrieben, dass wir auswandern wollten. Dann schrieb er gleich zurück, sie wollten nicht. Dann sollten wir, wenn wir doch glaubten in Moskau lange zu liegen, unbedingt noch hinkommen zum Abschied, denn wir würden uns wohl sonst nicht mehr wiedersehen. Wir sollten aber auch die kleinsten Kinder mitbringen.

    Er war im Winter eben bei uns in Sibirien zu Gast gewesen, als unsere Zwillinge geboren wurden, nun war noch einer nach ihm benannt. Uns bangte davor, einen Teil unserer Kinder in Moskau zurückzulassen und spazieren zu fahren, aber unsere Nachbarn im Quartier rieten uns zu, dass wir zuletzt doch mit vier Kindern hinzufahren wagten.

    Aber wir haben später gesagt, es wäre vielleicht doch besser gewesen, wir wären nicht gefahren. Wir hätten Gott sehr versucht, einmal die sehr über erwarten schwere Reise in der unruhigen Zeit, zweitens was könnte uns dort alles passieren oder auch den Kindern in Moskau. Aber Gott hat uns darin in Gnade angesehen und uns alle vor dem Schlimmsten bewahrt.

    Ich hatte die Schwägerin und ihre zwei Söhne schon 22 Jahre nicht gesehen. Damals waren es kleine Schuljungen, jetzt waren‘s große starke Männer, hatten jeder eine kleine Familie. Ich fand dort auf der Kolonie manche Dienstbrüder von Anadohl, mit denen ich dort etliche Jahre eng verbunden war.

   Die Kolonie (Siehe Karte!) Arkadak selbst liegt ziemlich weit abgelegen von den anderen mennonitischen Kolonien. Diese sechs Dörfer schienen dort versteckt zu sein unter einer wenig kultivierten kleinrussischen Bevölkerung (Kazayen). Alle fahren ihren einspännigen holzachsigen Wagen (Pawos). In Kleidertracht haben sie ihre alte Sitte, ein langes Hemd aus selbst gesponnener und gewebter grober Leinwand wird über die Hosen getragen und mit einer dicken Schnur, anstatt Gürtel festgehalten. Die Füße sind bis ans Knie mit Fußlappen (Anutschki) bewickelt und stecken in Bastschuhen (lapki). Die Haare tragen sie lang hinten unten abgestemmt.

    Diesem Umstand war es wohl auch zuzuschreiben, dass die Sowjetregierung dort mit ihrem System noch nicht so weit vorgeschritten war, wie an den anderen Teilen des großen russischen Reiches, denn es war den Deutschen dort befremdend, dass wir dort von Moskau aus auftauchten.

Unser Besuch löst Beunruhigungen aus

    Als sie dann hörten, dass schon Tausende um Moskau herumlagen und um die Ausreise wirkten, „ja, warum denn?“ fragten sie. „Warum habt ihr alles verlassen und wollt nur weg?“ Es war in dieser Gegend noch alles so ruhig und keiner dachte an Flucht. Ihnen war ja auch sozusagen noch nichts zugestoßen. Im Frühjahr war es auch einmal etwas unruhig gewesen, man hatte angefangen den Wohlhabenden etwas aufzuschreiben. Einem sei sein schöner Abojaner (Droschke) aufgeschrieben, einem andern ein schönes junges Pferd, dem Nächsten sein neuer Separator. Die Betreffenden seien dann aber zum Riek gefahren und es sei dort zu machen gewesen, anstatt der guten aufgeschriebenen Sachen alte abgenutzte zu stellen.

    Sie hatten wohl schon gehört, dass es auf anderen Stellen des Reiches hoch hergehe, auch hätten sie schon davon gehört, dass schon manche in Moskau sein sollten um auszuwandern, aber sie wollten es doch nicht so recht glauben, dass es so schlimm sei.

    Man wollte von mir wissen, ob da denn Aussicht sei wegzukommen, und wie lange wir dort warten müssten. Mir wurde bange. Ich sagte, ich könnte und wollte ihnen darauf nichts sagen. Wir wären nicht hergekommen, um Propaganda für Auswanderung zu machen. Wir seien zu den Geschwistern spazieren gekommen.

   Dieses mein Zurückziehen bewirkte, dass schon am vierten Tage nach unserer Ankunft zwei Männer, die am Tage vorher bei mir anhielten, um Klarheit über die Sache zu bekommen, ich es aber entschieden ablehnte, sich auf die Bahn setzten und selbst nach Moskau fuhren, um sich dort am Ort alles zu erkundigen. Dort bekamen sie einen klaren Einblick in die ganze kritische Lage. Sie kamen gleich zurück. Sie sagten auch nicht viel, aber suchten doch so schnell wie möglich wegzukommen.

Fluchtartiges Verlassen von Arkadak

   Wir waren ja auf unbestimmte Zeit dorthin gefahren, aber ich sah bald, dass unser Weilen dort für uns zum Verhängnis werden könnte und drängte auf Rückfahrt. Die Geschwister baten, wir sollten doch wenigstens einen Monat bleiben, wenn wir doch sechs Monate in Moskau warten müssten. Aber es war uns unmöglich dort länger zu bleiben. Nach 14 Tagen fuhren wir dann wieder zurück.

    Und es war kein Tag zu früh, denn gleich nach unserer Abfahrt sei die G.P.U. gekommen, mich zu arretieren. Sie haben dann meinen Bruder genommen und einen meiner früheren Dienstbrüder, Julius Klassen, mit dem ich dort oft zusammen war. Diese zwei Brüder haben dann eine Zeitlang in Arkadak gesessen, dann sind sie in den hohen Norden nach Naröm verbannt worden.

    Es hat mir sehr leid getan um diese beiden Brüder, die an meiner Stelle genommen wurden, aber ich war unschuldig, ich hatte in Wirklichkeit keine Propaganda getrieben. Und hätte ich es geahnt, dass es so kommen könnte, wären wir sicher nicht hingefahren.

    Aber das Verhalten der zwei Männer die gleich nach unserer Ankunft nach Moskau fuhren und als sie zurückkamen, sich gleich fertig machten und nach Moskau gingen, verbreitete sich wie ein Lauffeuer auf der ganzen Siedlung und in kurzer Zeit flohen viele aus allen Dörfern. Aus einem Dorf waren Menschen geflohen, es war schon ganz zuletzt, ehe wir von Moskau wegfuhren und außer einem Peter Kasper, sind alle wieder zurückgeschickt worden.

   Über Bruder Franz Hübert haben wir später durch andere erfahren, dass es ihm in der Verbannung nicht schlecht gegangen sei, dann später von meiner Schwester Liese durch einen Brief im Jahr 1946, dass er im Jahr 1941 noch am Leben gewesen sei. Sie hat aber nicht geschrieben, ob er zu Hause oder in der Verbannung war. Seitdem haben wir keine Nachricht mehr von irgend jemand aus Russland.

Schwere Erkrankung der Tochter

     Es war auch höchste Zeit, dass wir wieder zurück nach Moskau kamen, denn Marie, unsere älteste Tochter, lag krank an einem großen Karbunkelgeschwür. Sie war schon so schwach, dass sie kaum noch gehen konnte. Wir sind dann gleich zum Arzt gefahren, der es dann auch gleich operierte. Er schalt sehr, dass wir so lange gewartet hatten. Es könnte der Tod sein. Sie musste dann alle Tage hin zum Verbinden, und gleich am nächsten Tag bekamen wir die Pässe zur Ausreise. Abends sollte es losgehen nach Leningrad.

    Alles, was wir uns dort in Moskau schon wieder angeschafft hatten zur langen Wartezeit, an Produkten usw. hatten uns auch verschiedene Lebensmittel von Arkadak mitgebracht, alles wurde in Eile im Verlauf etlicher Stunden losgeschlagen oder verschenkt oder einfach liegen gelassen. Die nasse Wäsche wurde, so wie sie war, eingepackt, nur weg zur Station.

    Wir waren auch schon im Zug drinnen, da kam eine Kommission unsere Papiere untersuchen. Weil Gerhard Ewert, unsers Nachbarn Sohn, der zwar nicht zu unserer Familie gehört, aber auf unserer Familienliste stand, nicht hier war, seine Eltern waren gekommen, sie hatten im andern Dorf Quartier, und er war zu ihnen gefahren, mussten wir wieder aussteigen.

    Man sagte uns, ist er hier, bis der Zug abgeht, dann kommt ihr mit. Wir schickten auch gleich einen Eilboten hin. Er kam auch gleich, aber der Zug war indessen abgefahren und wir mussten warten, bis der nächste wieder mit einer Gruppe abfahren würde. 300 Seelen waren im ersten Eschalon. Der Zug ging nachts ab.

Die Verzögerung der Abfahrt

    Wir blieben dann schon auf der Station. Es war kein Vergnügen. Es war Ausgang Oktober, kalt und windig. Wir blieben mit vielen andern, die sich auf der Station eingefunden hatten und warteten. Wir wollten den nächsten Zug nicht verpassen. Am andern Tage wurden wir dann auch richtig eingeladen. Der Zug wurde dann aber auf einen Nebengleis geschoben und blieb dort stehen.

    Dort haben wir eine schwere Prüfungszeit gehabt. Wir mussten dort eine ganze Woche in Ängsten warten. Wir fuhren von dort alle Tage zum Arzt, um den Verband mit Marie zu erneuern. Das dauerte immer bis spät Mittag. Wir ängstigten uns immer, „wird der Zug inzwischen abfahren, und wir bleiben zurück?“ Nach etlichen Tagen fuhr Marie dann allein.

    Ich musste Nahrung für die Familie besorgen. Wir wohnten alle im Zug. Ich hatte die Brotkarten von unserem Wirt, wo wir wohnten wieder geholt (die wir abgeben mussten, als wir wegfuhren) und lebten in dieser Zeit im Zug nur von Brot, Wurst und Tee.

    Es kamen oft Beamte, die wollten, wir sollten wieder zurück in unsere Quartiere fahren, wir würden wohl nicht nach Leningrad kommen, sagten sie, Deutschland nimmt euch nicht auf, die vorige Gruppe liege am Ufer, wo sie ausgeladen sind, man lässt sie nicht in die Stadt. Wir sollten aussteigen, sonst würden wir Pacht zahlen für die Wagone. Wir aber blieben dabei, wir haben die Pässe zum Ausreisen und steigen nicht aus.

Grosse Angst in Leningrad

    Nach einer Woche fuhren wir endlich los nach Leningrad. Dort angekommen, mussten wir all unser Geld abgeben, wurden abgesperrt und auch gefüttert. Die erste Gruppe war gleich am ersten Tage nach ihrer Ankunft abgefahren nach Deutschland bis Kiel. Wir, die zweite Gruppe, haben dort drei Wochen gelegen, drei schwere Wochen durchlebt.

    Nachdem wir drei Tage dort gewesen waren und auch Essen bekamen, hieß es, euer Geld ist alle, wir können euch nicht länger füttern; jetzt müsst ihr euch selbst unterhalten. Ja, aber wie? Womit? Geld haben wir keins, für was sollen wir uns Brot kaufen? Sie sagten, wir geben euch Brotkarten, dann könnt ihr von euren Sachen verkaufen auf dem Tolschock (Markt) und Nahrung kaufen. So wurde es auch gemacht.

    Wer was zu verkaufen hatte, verkaufte es und wir kauften Brot. Aber manche hatten nichts übrig, und manche haben da wohl tagelang nichts gegessen. Wir persönlich mit unserer Familie selbst haben nicht gehungert, hatten noch etwas Schnittware mitgenommen, welche wir an die Schwestern im Heim verkauften, ein Paar Arbeitsstiefeln wurden auch noch verkauft, und wir kamen durch. Sehr satt gegessen haben wir uns in dieser Zeit wohl nicht, aber auch nicht gerade gehungert.

     Es ist auch hier wieder viel gebetet worden, einsam und auch gemeinsam um einen Auszug von hier. Bis nach vielen Ängsten und Prüfungen die Erhörung kam. Ich habe schon hingewiesen, wie wir in Moskau geängstigt worden sind mit Zurückholen  und Erschießen. Dort waren wir glücklich und ungehindert weggekommen. Hier in Leningrad gab es, nachdem ich mich schon beruhigt hatte, noch einmal wieder einen gewaltigen Schrecken für mich.

 

7. Folge

Moskau: Das bedrohliche Verhör

    Es kamen nämlich eines Tages zwei Männer von der G.P.U. ins Heim, forderten den Gruppenführer und wollten etliche Männer unserer Gruppe sprechen. Als erster wurde ich gerufen. Ich kam ins Büro und sah zwei Männer vor mir. Ich wurde durch den Anblick des einen von ihnen in solchen Schreck versetzt, dass ich beinahe die Besinnung verlor. Mich durchlief ein eisiger Schreck, ich spürte alles Blut aus dem Gesicht schwinden, musste mich an einem Stuhl halten um nicht umzufallen. Die Männer müssen es gemerkt haben. Sie schauten mich verwundert an und nötigten mich zum Sitzen. Darauf nannten sie meinen Namen und Wohnort und fragten, ob ich vor meiner Abfahrt von zu Hause alle Gebühren bezahlt oder ob ich Schulden hinterlassen habe.

    Ich sagte, „ich habe alles bezahlt“. Ob ich Quittungen hätte, wollten sie wissen. Ich sagte, „ich habe Beweise“. Nun, dann sollte ich sie aufweisen. Ich sagte, ich habe sie nicht bei mir, sie seien im Koffer unter den andern Sachen. Dann sollte ich sie holen. Ich ging, die Koffer aber waren im Gepäckhaus und den Schlüssel hatte der Schließer und den zu finden und ihn zu bewegen zu kommen und aufzuschließen dauerte eine Weile.

    Indessen waren die anderen Männer auch gefordert und abgefragt worden und entlassen. Bis ich meine Papiere hatte, dauerte so lange, dass die Männer ungeduldig wurden und weggingen. Beim Gruppenführer bestellten sie, wenn ich die Papiere brachte, sie dem Heimleiter zu bringen. Der, als er sie erhielt, las sie nur oberflächlich und gab sie mir zurück und die Sache war abgetan.

    Warum nun aber dieser Schreck bei mir? Der eine dieser Männer ähnelte aufs Haar einem Johann Klassen aus dem Riek in Halbstadt, einen für uns sehr schlechten Kommunisten. Nun dachte ich bei seinem Anblick nichts anderes, als der sei gekommen, um mich zu verhaften und zurückzuschicken.

Weitere Verzögerungen

   Mit unserer Weiterreise sah es nur dunkel aus. Der Vorsitzende im Heim sagte, „die erste Gruppe liegt in Kiel in Deutschland am Ufer unter freiem Himmel und hungert, was wollt ihr da in Deutschland? Es nimmt euch da keiner auf“. Nachdem dann die Kommission aus dieser Gruppe beim Deutschen Konsulat vorgesprochen hatte und unsere Lage vorgestellt, setzte sich das Konsulat mit Deutschland in Verbindung und durch die Bemühung von B. H. Unruh bewilligte Deutschland dann auch die Einreise. Die erste Gruppe war von Moskau ohne Aufenthalt bis Leningrad gefahren,  dort nur eine Nacht im Überseeheim geblieben und dann gleich per Schiff bis nach Kiel.

    Ganz anders in unserem Fall: Unsere Gruppe hatte gleich in Moskau bei der Abfahrt Schwierigkeiten. In Leningrad gab‘s wieder einen Aufenthalt von drei Wochen. Als wir endlich eingeschifft waren und ein großer Schlepper den Dampfer aus den Hafen herausbuchsierte, geriet er auf eine Sandbank und saß fest. Der zweite und dritte Schlepper wurden angehackt, aber vergebens. Zuletzt waren es schon sieben Schlepper, auf einem Ende drei, auf dem andern vier. Es wurde hin und her geruckt, bis er endlich flott wurde. Dann ging es auf‘s offene Meer hinaus.

     Nach etlichen Stunden Fahrt versagten die Schrauben. Das Schiff lag still. Ein Taucher wurde herabgelassen zum Untersuchen, was los sei. Der meldete, die Schraubenwelle habe sich verwickelt und sei fest im Lager. Bis dass alles reingemacht war und es wieder los ging, waren 24 Stunden mit stillliegen verflossen.

 

Masern bricht unter den Kindern aus

    Dann ging‘s auf ziemlich unruhiger See ohne weiteren Aufenthalt bis Swinemünde, Deutschland. Es waren in Leningrad die Masern unter den Kindern ausgebrochen. Diese Kranken waren schon auf dem Schiff abgeteilt worden auf einem Ende im Vorderschiff. Nach unserer Ankunft in Swinemünde wurden alle ärztlich untersucht. Die Familien mit kranken Kindern kamen in Swinemünde in Quarantäne. Acht Familien im Ganzen, unsere war auch darunter.

     Die anderen Gesunden kamen gleich auf die Bahn und fuhren weiter bis Hammerstein. Mit den kranken Kindern, acht Familien, zusammen 51 Seelen haben wir sieben Wochen über Weihnachten in Swinemünde gelegen. Wir wurden gleich bei der Ankunft sehr freundlich empfangen. Zwei Schwestern kamen gleich mit, um die Kranken zu pflegen, die dann auch sonst bei der Speisung usw. behilflich waren. Drei von den kranken Kindern starben in Swinemünde.

Die Zurückgebliebenen

    Ich muss etwas zurückgreifen in meinem Bericht, nämlich als unsere, die zweite Gruppe von Moskau losgefahren war, ging es der Sowjetregierung so wie einst dem Pharao in Ägypten. Es gereute ihm, dass er das Volk hatte ziehen lassen und er wollte sie wieder zurückholen. Nun, wir wissen, es gelang ihm nicht, denn der Herr war mit Israel. Pharao und sein ganzes Heer ersoffen im Roten Meer. Die Sowjetregierung aber, nachdem es ihr gereute, dass sie zwei Gruppen hatte rausgelassen, sperrte die weiteren Ausreisen.

    Viele der Vordermänner der Zurückgebliebenen, wohl auch die meisten Prediger unter ihnen, wurden gefangen genommen und in Gefängnissen eingesperrt, wo sie von der G.P.U. aufs grausamste mit ihren stundenlangen nächtlichen Verhören gefoltert wurden und nur wenige von ihnen sind frei gekommen. Viele von ihnen sind für immer verschwunden. Andere sind in den hohen Norden verbannt worden, wo sie an den Folgen der Verbannung, Hunger und schwerer Arbeit, schlechter unmenschlicher Behandlung zum Opfer gefallen sind. Ihre Familien aber, so wie der anderen Zurückgebliebenen sind gewaltmäßig in große Viehwagons, bei großer Kälte, wieder zurückgeschickt worden.

    Doch das Deutsche Konsulat in Moskau stand mit dem Auswärtigen Amt in Deutschland in Verbindung und Gott tat das Wunder, dass durch ihre große Bemühung um die Flüchtlinge, die Sowjetregierung sich doch noch bewegen ließ und mehrere tausende Flüchtlinge über Sebesch (Siehe Karte!) aus Russland nach Deutschland in die Flüchtlingslager Mölln, Hammerstein und Prenzlau konnten gebracht werden.

Keine Bleibe in Deutschland

    Deutschland war zu der Zeit in den Nachkriegsjahren und der Inflation arm und konnte die Tausenden nicht im Reich behalten. Darum musste für die vielen Flüchtlinge ein Land gesucht werden, das willig war dieselben aufzunehmen und ihnen eine Heimat zu bieten.

    Wenn nun auch anfänglich alle Türen verschlossen waren, segnete Gott die Bemühungen Prof. B. H. Unruhs. Unser Volk und in Verbindung mit dem Auswärtigen Amt, sowie unter Mitwirkung mancher hervorragender Männer in Deutschland und Kanada gelang es die Türen in Kanada ebenso Brasilien und Paraguay für eine Einwanderung zu öffnen.

    Während wir noch in Swinemünde in Quarantäne lagen, waren die Kommissionen dieser Länder schon tätig in den Lagern um sich ihre Emigranten auszusuchen. Besonders Kanada legte großes Gewicht auf körperliche Gesundheit, man wollte nur fehlerlose arbeitsfähige Familien. Daher kamen auch nur wenige bei dieser Kommission durch. Wenn eine Familie nicht in ihren Plan passte, dann fand der Arzt Trachoma und sie war gut genug für Brasilien, oder wenigstens Paraguay.

Kanada ist wählerisch

    Brasilien war weniger wählerisch, wollte viele Einwanderer, aber auf keinen Fall Kommunisten. Paraguay war so weitherzig und nahm den ihm verbliebenen Rest ohne Ausnahme auf. Die Kommissionen arbeiteten in Mölln und noch während wir in Swinemünde waren, fuhr schon eine Gruppe ab nach Brasilien. Nach sieben wöchigem Aufenthalt wurde unsere Gruppe als gesund erklärt, und nach Mölln abgeschoben, wo wir auch gleich nach unserer Ankunft, anfangs Februar 1930, vor die kanadische Kommission kamen.

     Bei der wurden einige aus unserer Familie als Trachomakrank erklärt, was wir aber nicht glauben konnten, da bei vielfachen Kommissionen noch keiner von uns als Augenkrank befunden war. Wohl aber gefiel ihnen unsere Familie nicht, weil ich allein eine männliche Arbeitskraft war, die ältesten drei Kinder waren Mädchen, die andern Kinder unter 12 Jahren.

     Unser Los, so gerne wir gewollt und so stark wir gehofft nach Kanada zu kommen, fiel nach Brasilien. Wir konnten es nicht verstehen und wollten es nicht glauben, dass wir, eine große Familie mit einer männlichen Arbeitskraft, nach Brasilien, in den Urwald gehen mussten. Es hat schwere Kämpfe gegeben, bis wir uns ergaben, den Weg zu gehen, den wir gehen mussten. Und noch heute, nachdem wir schon 23 Jahre in Brasilien sind, fragen wir uns in schweren, dunklen Stunden, warum mussten wir nach Brasilien gehen?

    Vielleicht würde der Anfang in Kanada nicht so schwer gewesen sein und die liebe Frau wäre nicht gleich in den ersten Jahren an den Nerven zusammengebrochen. Gott sagt in seinem Wort, „soviel der Himmel höher ist als die Erde, sind meine Gedanken höher denn eure Gedanken, und meine Wege höher denn eure Wege“. Und ein Dichter sagt, "weiß ich den Weg auch nicht, du weißt ihn wohl“ usw. zum Schluss: „du weißt den Weg für mich, das ist genug“.

Ergebung in Gottes Willen

    Ja, wohl uns, wenn wir es glauben und fassen, dass dieser Weg für uns so bestimmt war. Der Psalmist sagt, „Gott, dein Weg ist heilig“ und wir beten, „Gott mache uns ruhig und ergeben und gib uns Kraft das schwere Kreuz zu tragen und nicht abzusägen“. Es wäre wohl leichter und bequemer zu tragen aber bei dem Wassergraben vor der himmlischen Stadt, wo es als Brücke dienen soll zum Übergehen, ist’s dann zu kurz. Er, der das Kreuz auflegt, gibt auch die Tragkraft dazu.

Die Überfahrt

    Doch ich habe einen großen Sprung vorausgemacht, darum wieder zurück nach Mölln. Wir, mit einer Gruppe von 300 Seelen, die wir für Brasilien bestimmt waren, wurden nach Bremen zum Hafen gebracht, wo der große Dampfer Werra für uns bereitstand und uns zur Überfahrt aufnahm.

     Die Reise war außer etliche stürmischen Tage eine schöne Reise, obzwar manche Seekranken meinten sterben zu müssen. Doch man sagte, die Seekrankheit sei eine gesunde Krankheit, daran stirbt niemand. Aber schön ist sie darum doch nicht.

     Die Überfahrt mit all den Sehenswürdigkeiten und Naturschönheiten und Anhaltspunkten in den verschiedenen Häfen war sehr schön. Die Verpflegung auf dem Schiff war sehr gut. Die Reise dauerte 20 Tage. Als wir in Rio ankamen, wurden unsere Sachen durchgesehen, ob nichts zu verzollen sei. Alles ging gut. Dann wurden wir auf einen kleinen Küstendampfer verladen. Alle unsere Sachen wurden auf eine Barke geladen und im Schlepptau genommen. Dann ging‘s nach der sogenannten Blumeninsel, wo wir wieder ärztlich untersucht wurden, und der Arzt noch lächelnd fragte, ob wir Kommunisten wären, sonst, sagte und zeigte er, Hals abschneiden.

   

Der erste KOntakt mit der brasilianischen kultur

    Dort blieben wir in Quarantäne 17 Tage. Wir lernten auch gleich die brasilianische Nationalkost gründlich kennen, schwarze Bohnensuppe mit Reis oder Makaronen und Süßkaffee mit einem kleinen Schiffszwieback auf die erwachsene Person, halberwachsene und Kinder erhielten nur einen halben Semmel, Suppe und Kaffee soviel man wollte, Semmel nach norm, dabei wurden wir knapp satt, geschweige denn fett. Nach 17 Tagen kamen wir wieder nach der Stadt Rio de Janeiro. Dann auf einen großen schmutzigen Küstendampfer.

    Wir nannten ihn "Das Schwarze Schiff", denn die ganze Besatzung war schwarz. Keiner von uns konnte ein Wort Brasilianisch und keiner von der Besatzung konnte ein Wort Deutsch. Das Schiff schaukelte großartig, viele wurden seekrank.

    Einen Speisesaal gab es nicht, keine Tische, keine Stühle, jeder Passagier bekam gleich bei der Abfahrt Blechschüssel und Blechlöffel und eine Blechtasse. Morgens stellte sich jeder Koch auf eine bestimmte Stelle des Schiffes hin mit seinem großen Kessel Süßkaffee (natürlich schwarz), sein Gehilfe mit einem Korb kleiner harter Schiffszwieback.

    Wer selbst kam, bekam seine Tasse Süßkaffee und einen Zwieback nicht viel grösser als ein gewöhnliches Hühnerei, dann konnte er gehen und damit tun, was er wollte. Wer nicht selbst kam, bekam auch nichts. Mittags wieder so. Jeder ging mit seiner Schüssel und Löffel, bekam beim Vorbeigehen beim Koch seine Schüssel Bohnensuppe und einen halben Semmel und tu damit was du willst und iss sie, wo du willst.

     Da gab‘s wohl Szenen, aber es war nichts zu machen. Meine Frau lag seekrank, hatte Zwillinge über ein Jahr alt, die bekamen nichts. Ich habe dann gewöhnlich meine Portion für die Frau nach unten getragen, damit die kleinen Würmer wenigstens was bekamen, denn dass eine seekranke Mutter Zwillinge nicht mit ihrer Muttermilch satt machen kann, wird wohl verständlich sein. Die Frau hatte ja keinen Appetit.

    Ich aber habe an diesen drei Tagen auf dem Schwarzen Schiff tatsächlich gehungert. Diese drei ersten Wochen in Brasilien auf der Blumeninsel und auf dem Schwarzen Schiff, bleiben mir fürs ganze Leben unvergesslich.

    Der erste Hafen, wo wir anhielten nach der Abfahrt von Rio de Janeiro, war Santos, wo viel und lange Kaffee und Zucker geladen wurde. Der Ladekran rasselte Tag und Nacht unaufhörlich gerade über dem Raum, wo die Einwanderer ihren Platz hatten. Das war eine Qual für die Kranken. Meine kranke Frau meinte, ihr ginge der Kopf kaputt von dem Gerassel. Aber was wollte man machen, es musste ausgehalten werden.

     Der folgende Hafen, wo angehalten wurde, war São Paulo, wo schon manche Passagiere ausstiegen (nicht von unseren Auswanderern) und wo wieder lange und viel ausgeladen wurde mit dem selben Getöse wie in Santos. Auch wurde wieder viel andere Fracht aufgeladen. Der nächste Hafen war São Francisco. Auch hier wurde wieder mit dem nämlichen Getöse viel Zucker und Mate-Tee geladen.

Die Ankunft in Itajaí

    Dann kam der vierte und für uns der letzte Hafen, Itajaí, wo wir ausstiegen. Hier wurden wir schon  erwartet von einem Vertreter der Hanseatischen Gesellschaft, auf dessen Lande wir siedeln sollten. Dr. Lange, ein Jude, war von Deutschland beordert uns hier zu empfangen, uns an unseren Bestimmungsort zu bringen, uns beim Siedeln behilflich zu sein. Die Verpflegung, die wir das erste Jahr von  Deutschland bekamen, zu leiten und sonst nach dem Wohl der Siedler zu sehen. Der nahm sich unser freundlich an.

    Es war gegen Abend, als wir in Itajaí ankamen. Ein kleiner, sauberer Flussdampfer stand bereit für uns zur Weiterfahrt bis Blumenau. Er hatte nur die Einwanderer nach Blumenau zu befördern. Es war aber schon kein Schwarzes Schiff, sondern ein Deutsches der Gesellschaft Carlos Höpke. Es gab auch gleich wieder ein deutsches Abendbrot, wie wohl auch wieder eine grüne Erbsensuppe, aber Deutsch und sehr schmackhaft zugerichtet und genügend.

Deutsches Essen. Und genug!

    Ach wie wohl tat uns ausgehungerten Einwanderern nach dreiwöchiger Hungerkur uns mal wieder richtig satt zu essen! Wie dankbar waren wir Dr. Lange, der unser Zigeunerleben auf dem Schwarzen Schiff gesehen hatte mit allem drum und dran. Nachdem wir uns schön satt gegessen hatten, sagte Lange: „So jetzt legt euch ruhig schlafen, hier wird euch niemand belästigen oder stören, das Schiff fährt erst morgen mittag los.“ Nach einer ruhigen wohltuenden Nachtruhe gab es morgens Kaffee mit Gebäck. Dann hatten wir etliche Stunden frei.

    Vor der Abfahrt des Schiffes führte Lange uns zu einem nahe gelegenen Hotel (Deutsch), wo er für uns ein reichlich schönes Mittag bestellt hatte. Ich glaube, die Portionen waren extra groß  bestellt, denn es war unmöglich die ganze Portion, welche aus mehreren Gängen bestand zu bewältigen. Ich glaube, es hat wohl den meisten so gegangen wie mir, die Augen wollten noch, aber der Bauch konnte nichts mehr aufnehmen.

    Nach diesem kräftigen Mittag bestiegen wir den Dampfer um unsere letzte Wegstrecke per Dampfer zu machen bis zu unserem Ziel. Der Dampfer aber war nur klein, konnte nicht die ganze Gruppe aufnehmen (300 Seelen) und weil doch eine Barke mit all den Sachen beladen war und ins Schlepptau genommen wurde, ging die meiste junge Mannschaft zu den Sachen auf die Barke.

    Der Fluss hatte damals im März vor der Regenzeit nur wenig Wasser, es war nur eine langsame Reise, es ging über Sandbänke, wo wir einige Male fest saßen, und nur schwer flott wurden. Wir kamen noch vor Abend nach Altenau bei Blumenau, wo wir wieder ausstiegen und in einem großen geräumigen Hotel bei Würges Unterkunft fanden.

    Wir waren dort im Hotel Gäste der Altenauer, wo die Altenauer Frauen es sich nicht nehmen ließen, uns mit einem vortrefflichen Abendbrot zu bewirten. Es war der 19. März 1930, gerade an meinem Geburtstag. Ich sagte, ich hätte noch nie soviel Gäste auf meinem Geburtstag am Tisch gesehen. Wir dankten den Altenauer Frauen für ihre Wohltat uns gegenüber, wir sahen ihnen an, dass es ihnen Freude machte uns zu beköstigen.

    Dann ging‘s ans Schlafenlegen. Das war nicht so einfach, 300 Menschenkinder brauchten doch allerhand Raum sich alle hinzulegen. Bequemlichkeiten konnten wir schon nicht beanspruchen, wir durften auch schon nicht wählerisch sein, wer unser Schlafnachbar sei. Alle hätten dankbar sein sollen, dass wir so gut unterkamen und doch gab es etliche Brummige unter uns, die den Altenauer, die unserer Lagerung zusahen, ihrer Freude einen Dampfer setzten.

    Nach einer etwas unruhigen Nacht, wir lagen alle auf dem Fußboden, dicht zusammen gepresst mit wenig Unterlage, gab‘s noch wieder ein schönes Frühstück, dann wurden wir mit all unseren Sachen in die Bahn in Frachtwagen geladen und weiter ging‘s bis Hamonia, der Endstation, wo die Hanseatische Gesellschaft ihren Sitz hatte.

Der weg in den angstmachenden urwald

    Von dort wurden wir dann schon in den nächsten Tagen weiter in den Urwald auf unsere Kolonie gebracht. Die Frauen und kleine Kinder konnten noch auf Autos oder auch auf Wagen bis zu unserer Siedlung fahren. Die Männer aber außer den Alten schlossen sich zu zwei oder drei einer Fuhre Sachen an, und mussten meistens den größten Teil des Weges zu Fuß gehen, 60 Km bis zur Siedlung.

    Manche Fuhrleute hatten aus Zwang fahren müssen. Sie hätten nur die Sachen zu fahren, nicht aber auch die Menschen. Manche Fuhrmänner hatten Mitleid mit den Ansiedlern und ließen sie doch fahren, andere aber waren grausam. Ich und noch zwei andere schon etwas ältere waren an einem grausamen geraten. Wir fuhren von Hamônia kurz vor Abend los, fuhren noch 3-4 Stunden, dann wurde eine kurze Nachtruhe gehalten. Um 2 Uhr morgens ging‘s wieder los. Wir fuhren dann mit kurzen Unterbrechungen zum Pferdefüttern bis zu unserer Siedlung im Urwald. Die erste Wegstrecke über Neubremen und Breslau ging durch alte Siedlungen, alles Deutsche, da sah man schon wenig Wald.

    Je weiter wir kamen, desto mehr kamen wir in neuere Siedlungen und zuletzt war es nur noch unberührter Urwald, der uns aufnahm und was uns da für Gefühle bewegten, ist nicht gut auszusprechen. Wir, die wir von der offenen Steppe Russlands kamen, uns kam es fast unmöglich vor, hier unser Leben gestalten zu sollen. Ich mit meinen Begleitern waren so müde vom Gehen, einmal weil wir 7 Monate ohne jegliche Beschäftigung gewesen waren, also ungewohnt, zudem einen Monat sehr schlechte schwache Kost und dadurch ganz entkräftet waren.

    Wir konnten zuletzt gar nicht mehr mit dem Wagen mithalten. Wir ließen ihn fahren und gingen ganz langsam weiter. Als wir dann schon bei unseren Siedlern der ersten Gruppe ankamen, die schon  in ihren kleinen Rancho (Waldhütten) wohnten, da konnten wir nicht weiter. Wir ruhten erst mal aus und aßen uns satt, denn wir hatten an dem Tage noch nichts Warmes gegessen, nur trocken, eine halbe Semmel, die uns unser grausamer Fuhrmann doch kaufte und schenkte, denn wir hatten nichts wofür zu kaufen. Nach einer kurzen Rast bei den Siedlern gingen wir dann weiter, aber schon sehr langsam. Die letzte Strecke des Weges, gut eine Stunde bis zu unseren Baracken, die unsere vorläufige Wohnung sein soll.

 

8. Folge

Das Leben in den Baracken

    Bis wir selbst auf unserem Grundstück ein Stück Urlaub geschlagen und gebaut hatten, um dann weiter Wald zu schlagen für unsere Pflanzung. Als wir bei den 7 langen Baracken ankamen, waren die Frauen schon sehr beschäftigt mit Abendbrot machen. In jeder der Baracken mussten sich 7-10 Familien einrichten. Es war in der Mitte ein Gang und an den beiden Seiten des Ganges Bretterpritschen, wo wir uns als Familie betteten. Wer eine übrige Decke hatte, hing sie als Wand zwischen sich und dem Nachbarn. Da lernten wir Lagerleben kennen.

     Bei jeder Baracke waren etliche Herde, wo die Frauen dann sahen, fertig zu kommen mit Kochen und Braten. Die Backöfen waren in die hohen Baracken an der Wegseite eingegraben. Die Baracken standen nebeneinander. Das war ein reges Leben. Es gab auch ab und zu Schelte und Streit zu hören, und jeder war bemüht, so schnell wie eben möglich seine eigene Wohnung zu bekommen, um von diesem Lagerleben fortzukommen.

 

Am Ende des Dorfes 

    Der Kraul-Fluss zog sich durch unser ganzes Siedlungsland, er nahm oben am Ende unserer Siedlung auf der Serra seinen Anfang und bekam von beiden Seiten von mehreren kleinen Bächen seinen Zufluss. Eine Pikade, die durch die ganze Siedlung gehauen war aber nur ein sehr primitiver Fußsteg war, knapp ein Meter breit oft mit dicken, gefällten Bäumen überquert, zeichnete die spätere Straße der Siedlung an, die sobald wie möglich gemacht sollte werden, 4m breit.

   Jede Kolonie (Grundstück) hatte ihre Nummer. Die Kolonien wurden dann in den nächsten Tagen verlost. So konnte ein jeder anfangen, auf seiner Kolonie zu arbeiten. Wer sein Los auf die hintersten Kolonien gezogen hatte wie wir, musste von den Baracken bis zur Kolonie gut drei Stunden gehen. Das nun jeden Tag hin und zurück zu machen, das gab eine gute Fußtour, wo dann schon wenig Stunden des Tages zur Arbeit übrig blieben.

    Bei manchen zog sich dadurch das Lagerleben in den Baracken in die Länge. Wir persönlich mit unserer Familie hatten in 2 Wochen beinahe 1 Hektar Wald geschlagen, drei Töchter feistelten voraus all das Bambusrohr und feines Unterholz (Strauch). Ich und unser Nachbarssohn von Russland, 21 Jahre alt, der mit uns mitgekommen war, und hier unser Nachbar wurde, schlugen dann die Bäume um. Dann machten wir das Holz zum Bau fertig, spalteten Schindeln zum Dach. Nach weiteren zwei Wochen war die Roça soweit trocken, dass wir sie anstecken konnten. Wir hatten auch Glück mit Brennen, es hat sehr gut gebrannt.

   Dann ging‘s an den Hausbau, 6m lang und 4m breit und eine Veranda von gut zwei Meter breit. In einer Woche waren wir mit dem Bau fertig zum Einziehen. Die Hinterwand bestand aus gespaltenen Palmen, Latten zum Dach ebenfalls, die Schindeln zum Dach waren von Pinien gespalten. Die anderen Bretter zu den Wänden des Hauses hatte ich gekauft, weil aber von den Baracken kein Fahrweg bis zu unserer Kolonie war, mussten die Bretter alle hergetragen werden. Gut eine Stunde von den Baracken war aber auch keine Kleinigkeit.

    Man machte sich Gurte über die Schultern, hing auf jeder Seite das Ende eines Brettes hinein, auf dem anderen Ende das nämliche Brett. Eine Person mit dem Gurt über den Schultern auf dem anderen Ende der Bretter, so dass 2 Personen zusammen 2 Bretter auf einmal hintrugen. Wir waren 4 Personen, also 4 Bretter eine Tour. Wenn wir zu Mittag nach Hause gingen, wieder 4 Bretter, also 8 Bretter an einem Tag. Wir nahmen schon immer welche mit, wenn wir dorthin auf Arbeit gingen. So haben wir alle Bretter zum Bau hingetragen. Ebenso auch die Sachen im Kasten auf Tragbahren, immer 2 Mann eine Tragbahre mit Sachen, alles ehe das Haus gebaut war. Es wurde im Wald unter einem Großen Baum aufgestapelt.

    Als dann das Haus fertig war, ging‘s mit der Familie hin. Die jüngsten beiden, Zwillinge, 14 Monate alt, mussten auch noch getragen werden. Die anderen 4 größeren, noch alle unter 12 Jahre mussten schon jedes eine Kleinigkeit tragen. Als wir mit allem fertig waren, hieß es auch bei uns: Eigner Herd ist Goldes wert.

    Es waren auch beinahe 9 Monate verflossen, seitdem wir unsere Heimat in Russland verlassen und hier in die neue Heimat in unser eigenes Heim einzogen. Wir fingen auch gleich an mit dem Bau einer Küche anschließend am Wohnhaus, 4m lang und 3m breit.

 

Urwald roden

    Nachdem die Küche fertig war, fingen wir wieder an, Wald zu schlagen um mehr Land frei zu bekommen zum Pflanzen. Wir haben uns dann sehr dran gehalten und es gelang uns im Verlauf etlicher Monate weitere 4 Hektar Wald herunter zu schlagen, welches dann liegen und trocknen konnte, um es im Oktober brennen zu können und Mais und Aipim zu pflanzen.

    Nachdem nun im Oktober 3 Hektar Mais und 1 Hektar Aipim gepflanzt waren und auch allerhand Früchte, so wie ein kleines Stück mit Reis besät war, hatten wir Aussicht, wenn Gott unsere Arbeit segnen würde, nach Verlauf eines halben Jahres unser eigenes Brot zu essen.

 

Ungleichheit von beginn an

   Wir bekamen ja das erste Jahr eine rationelle Verpflegung, die langte ja so nötlich zu. In einigen Familien, wo alle Personen über 12 Jahre waren und volle Verpflegung bekamen, langte es gut aus, ja es blieb sogar übrig. Bei uns aber, wo noch 6 Kinder unter 12 Jahren waren und einige davon nur die halbe, die kleinsten nur ein Drittel der Verpflegung bekamen, wollte es nicht auslangen. Zuzusetzen war aber nichts.

   Mit den Kleidern war es bei uns auch nur schlecht bestellt. Weil wir nur etliche Tage in Mölln waren und nur einmal in der Kleiderkammer waren, dann da gerade nicht was war, hatten wir nur sehr wenig und schlechte Kleider bekommen, die vorher schon keiner mehr wollte, während manche andere, die dort viele Monate gelegen hatten und immer wieder das Beste aus der Kleiderkammer für sich eingepackt hatten, hier glänzende Geschäfte mit den Kleidern machten. Es wurden Kühe und Pferde für die Kleider eingehandelt, man ließ Wald schlagen oder andere Arbeit tun, alles aus der Kleiderkammer Deutschlands. Manches ist darüber gesagt worden und vieles könnte noch gesagt werden.

 

Die Töchter gehen in die Stadt

   Als die Verpflegung nach Verlauf eines Jahres aufhörte, musste nach Wegen gesucht werden, um etwas zu verdienen. Als uns nach Weihnachten, noch ehe das Jahr um war, eine Stelle in Harmonia im Krankenhaus für ein Mädchen angeboten wurde, entschlossen wir uns dieselbe für unsere älteste Tochter Marie anzunehmen. Sie trat im Januar die Stelle an und hat dort 10 Monate für 50 Mil Reis im Monat gedient. Es war nur billig, aber es kam doch etwas von dem so sehr notwendigen Geld ins Haus, um das aller notwendigste zu kaufen.

   Als das Verpflegungsjahr um war, gab es darin eine Änderung. Bedürftige Familien bekamen noch eine Teilweise Nachunterstützung bis zu einem halben Jahr. Wer aber schon irgend einen Verdienst hatte, war davon ausgeschlossen. Manche mit großen gesunden Arbeitern wollten keinen Verdienst suchen, sie blieben alle zu Hause, und nahmen noch ein halbes Jahr Nachunterstützung.

    Diese Willkür wirkte sich sehr nachteilig aus bei manchen, und bei uns hat sie viel dazu beigetragen, dass meine Frau etwas später an den Nerven zusammenbrach und viel Elend für unsere Familie brachte.

    Durch eine Unterstützung von Holland bekam jeder Siedler 300 Mil Reis für eine Kuh. Die hatten wir auch schon in ersten Jahr gekauft, nachdem dann Gottes wunderbarer Führung, wir extra von Deutschland noch etwas Geld bekamen, konnten wir das zweite Jahr, nachdem auch durch Maria noch etwas Geld dazu kam, noch zwei Kühe kaufen, und zwei Säue, welche auch bald ferkelten. Mais hatten wir schon geerntet, Aipim war auch schon zu brauchen. Also hatten wir schon Futter, und es gab nach und nach schon kleine Einnahmen von Kühen und Schweine.

   Das Krankenhaus, in welchem Maria in Stellung war, trug sich nicht, arbeitete mit Defizit und nachdem Maria dort 10 Monate gewesen war, wurde es geschlossen. Maria wurde aber von Direktor Bruno Mekien eine andere Stelle angeboten, nämlich in Florianópolis beim Deutschen Konsulat, wo zwei Mädchen verlangt wurden. Eine als Hausmädchen und eine für die Küche, eine 70 Mil Reis und die andere 75 Mil Reis pro Monat.

    Mekien hatte zu Maria gesagt, wenn wir die zweite Tochter auch noch entbehren könnten, sollten wir die Stelle doch auch nehmen. Mekien hatte gleich ein Fuhrwerk angenommen mit dem selben kam Maria nach Hause. Wir sollten uns darüber beraten und wenn wir beide Stellen annehmen wollten, sollten beide Töchter gleich den zweiten Tag mit dem selben Fuhrwerk wieder mitkommen, denn die Stellen sollten gleich angetreten werden. Das Angebot war sehr günstig, die Löhnungen sollten nach einem Monat erhöht werden.

Die Frau erleidet Nervenzusammenbruch

    Wir berieten uns alle zusammen mit den Töchtern. Anna, die zweite Tochter, war auch willig mitzugehen, dann wären beide Töchter in einem Hause in Stellung und für sie leichter, nicht so einsam. Wir beteten, Gott möchte uns klare Überzeugung schenken, wie wir zu handeln hätten. Es blieb uns noch die dritte Tochter Lena mit 16 Jahren. Es sah uns allen etwas schwierig, wie wir dann mit der Arbeit draußen auf der Roça fertig werden würden, denn Lena würde mir schon nicht draußen mit der Arbeit helfen können, denn außer der häuslichen Arbeit, waren auch noch sechs kleinere Kinder zu besorgen, und Lena sah die Sache besonders schwierig. Aber der Verdienst fehlte so nötig und die Gelegenheit dazu wurde so günstig angeboten, wir glaubten eine Führung Gottes darin zu sehen und entschlossen uns, die Stellen so anzunehmen.

    Die Töchter fuhren ab. Noch an dem selben Tage gereute es meiner Frau. Sie wurde ganz wild, die Mädchen müssten zurückkommen und nichts anderes. Ich sagte, sie sollte sich nur beruhigen, zurückkommen konnten die schon nicht und wir würden auch nötlich ohne sie fertig werden. Aber sie blieb darauf bestehen, sie müssten zurückkommen und nichts anders.

    Meine Frau war schon seit Monaten nicht mehr so wie früher. Es sah ihr alles so schwierig, wie wir hier im Urwald sollten leben bleiben. Sie war es von Russland in den letzten Jahren gewohnt von allem vollauf zu haben. Hier war es das Gegenteil, es fehlte an allem. Es war manchmal schon recht schwer mit ihr auszukommen. Ich schrieb es mehr ihrer Laune zu und dachte, es würde schon anders werden, wenn unsere Lage sich hier wieder bessern würde. Ich dachte daher auch, wenn jetzt beide Töchter gut verdienten und Geld ins Haus käme, dass manches könnte angeschafft werden, es würde wieder gut werden. Jetzt wurde es aber um so schlimmer.

   Ihre Unruhe nahm immer mehr zu, bis sie nach etlichen Tagen ganz an den Nerven zusammenbrach. Wir fingen an, homöopathische Mittel anzuwenden. Sie wollte aber nichts zu sich nehmen. Wir haben dann aber doch ein halbes Jahr damit angehalten, weil Br. H. Ekk glaubte, es werde mit der Zeit doch anschlagen. Weil es aber doch nicht besser wurde, die Medizin aber sehr teuer war und wir die Mittel dazu kaum auftreiben konnten, hörten wir damit auf.

    Es war aber sehr schwer mit ihr. Sie musste Tag und Nacht beobachtet werden, sie wollte immer weglaufen. So kam eine der Töchter nach zwei Monaten wieder nach Hause, weil wir allein gar nicht fertig wurden mit allem. Die älteste Tochter Marie blieb noch beinahe ein Jahr dort in Stellung.

Als die Frau dann alle Nahrung verweigerte, im Bett lag und drei Wochen nichts aß, auch mit Gewalt nicht dazu zu bringen war, da dachten wir nur daran, sie würde tot hungern. Maria hatten wir über ihre Lage benachrichtigt. Die hielt es dann dort nicht länger aus und kam nach Hause.

    Es wurde mit der Frau aber wieder etwas anders, sie fing wieder an etwas zu essen, blieb aber in ihren wirren Zustand. Was sie alles ausfand und was wir alles mit ihr durchgemacht haben, ist nicht wiederzugeben. Wir hatten auch bei zwei Ärzten Hilfe gesucht, aber sie sagten eins und dasselbe: Unheilbar.

Die Frau wird interniert

    Wir waren alle müde und abgespannt während der zwei Jahre ihrer Krankheit und entschlossen uns, sie in eine Anstalt unterzubringen. Nachdem wir mit den Ärzten der Nervenanstalt in Curitiba durch einen mennonitischen Vermittler in Curitiba in Verbindung getreten waren, und die Ärzte nach unserer Beschreibung ihres Verhaltens, ihre Heilung in Aussicht stellten, brachten wir sie in die Anstalt, wo sie einen Monat im Einzelzimmer war unter täglicher ärztlicher Beobachtung und Behandlung. Wir mussten 150 Mil Reis monatlich bezahlen.

    Nach einem Monat Probezeit hieß es dann wieder unheilbar. Wir durften sie aber dort lassen. Sie bekam ein Freibett im allgemeinen Saal unter den anderen brasilianischen Nervenkranken. Alle Ärzte und auch alles Dienstpersonal war Brasilianisch. Eine alte mennonitische Schwester in Curitiba besuchte sie ab und zu in der Anstalt.

    Nachdem sie drei Monate dort gewesen war, riet uns die Schwester sie wieder nach Hause zu holen, weil es nicht viel besser geworden war und sie gemerkt hatte, dass sie nur sehr schlecht behandelt werde. Wir holten sie nach Hause. Sie war etwas ruhiger geworden, brauchte nicht mehr beständig bewacht zu werden, fing an sich selbst Beschäftigung zu suchen mit Flicken und Nähen.

Die Töchter heiraten

    Es blieb doch noch sehr schwer mit ihr. Die zweite und dritte Tochter hatten geheiratet und waren von Hause weg, die älteste war noch ledig zu Hause, aber im Laufe des selben Jahres heiratete auch sie.

    Dadurch bekam dann die vierte Tochter Neta, von 14 Jahren, die Aufgabe mit der kranken Mutter, dazu alle häusliche Arbeit und obendrein noch die Arbeit mit den 5 jüngeren Geschwistern zu übernehmen. Sie weinte, dass mir das Herz brechen wollte. Sie meinte, es nicht machen zu können, weil sie noch so jung und unerfahren war mit dem ganzen Haushalt. Ihre Beschäftigung bis dann war meistens mit den kleineren Geschwistern gewesen, jetzt aber sollte sie dazu noch so unvorbereitet den ganzen Haushalt führen. Es war sehr schwer für sie.

     Sie wurde aber über erwarten gut mit allem fertig. Eine besondere Gabe hatte sie mit der kranken Mutter fertig zu werden, was auch nicht immer leicht war. Die jüngere Schwester Liese half auch soviel sie konnte in der schulfreien Zeit.

 

9. Folge

Die Ziegelei

     Es war ja auch mit der Frau, wenn auch kaum merklich, doch etwas besser geworden. Die wirtschaftliche Lage fing auch an besser zu gehen, die Pflanzungen brachten soviel ein, dass wir davon zu Leben hatten. Wir konnten auch immer mehrere Schweine mästen und verkaufen, das dann immer eine kleine Bareinnahme brachte.

    Es musste aber eine Nebenbeschäftigung gesucht werden, welche eine größere Summe an Bargeld einbrachte. Da wir auf der Kolonie ein Tonlager für Dachsteine hatten, kam ich auf den Gedanken eine Ziegelei anzulegen. Aber wie? Und für was? Wir hatten kein Kapital, nicht mal Pferde oder notwendige Arbeitskraft dazu. Ich war der einzige Arbeiter bei uns, Hans war damals noch 12 Jahre.

    Nach langer, reichlicher Überlegung entschloss ich mich, wenn möglich den Plan zur Ausführung zu bringen. Und es machte sich so, oder es gelang mir, gelegentlich eine still liegende Ziegelei auf zwei Jahre auf Pump zu kaufen, sie dann schon von der Einnahme der eigenen Ziegelei zu bezahlen.

    Wir gingen auch gleich dran Rollen zu machen, kauften 10 Pinien, hatten auch selbst Pinien stehen, auch mehrere Zedern und etliche Canelabäume. Ich nahm einen von den Schwiegersöhnen an, auch konnte Hans schon helfen, die Rollen abzuschälen und machten 70 Rollen.

    Ich hatte aber noch nur ein Pferd, keinen Wagen. Ich kaufte also das zweite Pferd und den Wagen, nahm noch zwei Fuhrwerke an zum Rollen fahren zur Schneidemühle. Wir hatten in etlichen Tagen alle Rollen bei der Schneidemühle hier in der Siedlung. Ich ließ aber was Versandbretter gab zu Versandbrettern schneiden, das übrige zu Bauholz zum Schuppen für die Ziegelei. 500 Mil Reis machte der Schnitterlohn, die Auslage für die Bäume, Rollen machen und Rollen fahren, 270, die ganze Auslage 770 Mil Reis, alles auf Pump. Als ich das Versandholz verkauft hatte, erhielt ich dafür 850 Mil Reis, also die ganze Auslagen zurück und ich habe noch 80 Mil Reis übriggehalten, wofür ich noch etwas fehlende Holz kaufte.

    Das meiste Bauholz zu dem Schuppen war mir bei dem Versandholz schneiden übriggeblieben. Wir fingen auch gleich an, den Schuppen zu bauen, 21 Meter lang und 8 breit. Ich hatte die Ziegelei sehr billig gekauft, 500 Mil Reis. Sie war verrufen, der Tonschneider hatte schlecht gearbeitet. Ich ließ aber gleich, bevor wir ihn aufstellten, etwas daran ändern. Als alles fertig war, fingen wir an, Mauersteine zu machen. Der Schwiegersohn arbeitete für Bezahlung bei uns. Als wir die Trockenanlagen alle voll hatten, waren es soviel wie wir brauchten zum im Ofen brennen. Bis die trocken waren, hatten wir auch die Schuppen zum Ofen fertig und mauerten einen Ofen von eigenen rohen Mauersteinen.

    Der Ofen fasste anfänglich 18-20 Tausend Mauersteine. Er wurde nach kurzer Zeit aber höher gemauert und konnte dann bis 25 Tausend Mauer- und Dachsteine aufnehmen. Als der Ofen fertig war, ging‘s gleich wieder an Steine pressen. Jetzt aber schon zum Brennen. 10 tausend Mauersteine und das übrige an Dachsteinen. Die Mauersteine waren auch schon lange bestellt, und sobald sie fertig waren, bekam ich dafür das Geld, 50 Mil Reis a tausend, also 500 Mil Reis.

    Das zweite Jahr war noch nicht zu Ende, also noch vor dem Zahltermin, konnte ich die Ziegelei bezahlen und hatte eine schuldfreie Ziegelei. Der Schuppen für den Ofen war 10x10 Meter, alle beide Schuppen waren mit Dachsteinen gedeckt.

Das Misstrauen der anderen

    Ich hatte, ehe ich die Ziegelei kaufte, zu keinem Mensch etwas davon gesagt. Als ich dann aber anfing zuzurüsten zum Bau, und mein Plan bekannt wurde, hat man allgemein über mich gelacht und gespottet. Ich wurde bei dem Wirt, bei dem ich die Ziegelei auf Pump gekauft hatte, als nicht zurechnungsfähig verleumdet. Er werde das Geld von mir nie bekommen, denn ich hätte keine Arbeiter und würde wohl nie mit der Ziegelei fertig werden.

     Ich ließ mir aber nichts anmerken oder anwandeln, baute ruhig weiter und meine vorhergehende Rechnung stimmte ganz genau.

   

das unternehmen gelingt

    Die ersten 2 Jahre arbeiteten wir nur langsam, wir hatten nicht gut Absatz. Das Geld war zu knapp auf der Siedlung. Es fing aber bald an, besser zu gehen und haben später sehr gut verdient. Die Preise stiegen für Mauersteine auch für Dachsteine. Wir haben in etlichen Jahren, als das Geschäft aufs beste 7-8 Brand im Jahr gemacht, der Brand brachte 10-11 conto de reis.

Die schliessung der Ziegelei

    Wir haben 12 Jahre mit der Ziegelei gearbeitet. Es ist aber schwere Arbeit. Hans arbeitete noch zwei Jahre, nachdem er verheiratet war bei uns in der Ziegelei, dann aber war er müde, ging ins Geschäft. Franz ging nach Paraguay in die Zentralschule. Da blieb ich mit Willy allein mit fremden Arbeitern. Das lohnt sich nicht. Ich und Will waren auch müde und wir meldeten ab, und hörten auf.

    Die Wirtschaft kam gerade wieder mehr ins Stocken, denn es wurde wieder unruhig auf der Siedlung. Man schwärmte aus auf der Suche nach einer Umsiedlung auf Weizenland, was auch gelang.

   

Die Umsiedlung

    Im nächsten Jahr, 1949 kam es zur Ausführung.

Ich habe etwas vorgegriffen und muss etwas zurückgehen. Schon im vorigen Jahr hatte eine Gruppe sich zusammengeschlossen, um Weizenland zur Ansiedlung zu suchen und wählten ein Komitee von drei Männern. Dasselbe fuhr auf die Suche. Sie fanden aber nichts Passendes. Ein kleines Stück von 4,5 Quadratmeter wurde ihnen angeboten für Pacht, das Stück für 50 Conto im Jahr. Das Komitee entschloss sich, das Stück in Pacht zu nehmen auf drei Jahre, dann aber gleich Umschau zu halten, um ein größeres Stück wenn möglich zu kaufen.

    Weil aber die Jahreszeit schon ziemlich vorgeschritten war und für die Vorarbeit zum Säen höchste Zeit war zu beginnen, gingen sie gleich selbständig vor, kauften von dem Eigentümer des Landes gleich 25 wilde Pferde und Geschirr und fingen an Pferde zu bändigen und zu pflügen.

    Die jüngsten beide, noch junge übernehmende Männer, blieben da und bändigten Pferde, der dritte kam zurück nach Hause, Bericht zu geben, was sie ausgerichtet und was weiter werden sollte, wie die Gruppe es sich denke zu arbeiten.

    Man beschloss, einen älteren erfahrenen Bauern hinzuschicken als Aufseher und auch gleich 8 Mann Arbeiter hinzuschicken, um dann gleich mit drei Pflügen mit Umspann zu arbeiten (pflügen), um von dem Land soviel wie möglich zu bearbeiten, das erste Jahr kommunal. Aber man hatte den wilden Pferden zu viel zugetraut. Die waren nichts gewohnt, sie bekamen sozusagen kein Futter außer etwas Mais,  bei Weide.

    Das arbeitete nicht und es bildete sich aus der ganzen Gruppe eine zweite kleine Gruppe, die Geld zusammenlegte und noch 60 Hektar mit dem Traktor pflügen ließ und besäen. Aber das Geld kam nicht in gute Hände, die ganze Sache wurde anders gemacht als beschlossen war. Es wurde dann doch noch mit dem Traktor gepflügt und gesät, aber schon sehr spät und sehr schlecht bearbeitet. Den größten nutzen davon hatte der Besitzer des Traktors, er hatte seinen Verdienst bar.

(Hier endet der autobiografische Text von Wilhelm Hübert. Weiter folgt ein Bericht über sein Lebensende, gezeichnet von Franz Hübert, mit dem Datum des 28.07.1973)

 

    Zwischen diesem und dem nun folgenden Teil liegen eine Reihe von Jahren. Es ist die Zeit, in der die Eltern bei ihrer Tochter Neta (Jakob Neufelds) wohnten. Hier feierten sie noch ihre goldene Hochzeit und haben manches andere erlebt, worüber ich aber nicht schreiben möchte.

    Ich habe damals nur noch über seine letzte Krankheit, sein Abscheiden und seine Beerdigung berichtet und dem geschriebenen hinzugefügt.

    Im Jahre 1960, als er (Wilhelm Hübert) zu Ostern nach seinem Sohn Franz fuhr, um Ostern mit seinen Kindern und Großkindern zu feiern, wurde er krank. Seine Krankheit war schweres Erbrechen und Schmerzen in der Brust. Es war ziemlich schlimm, es dauerte jedoch nicht lange, bis er seine Arbeit wieder aufnehmen konnte. Leider stellte sich dieselbe Krankheit wieder an. Man holte eine Krankenschwester, welche uns riet nach Santa Cruz zu fahren, da dort ein deutscher Arzt sei, mit welchem man alles gut besprechen könnte.

     Es ging auch diesmal sehr bald vorüber und er blieb noch zu Hause. Als er aber nach etlicher Zeit nochmal nachts sehr krank wurde, diesmal wieder sehr auf der Brust und man dachte es sei am Herzen, riet man ihm und er wollte auch schon nach Santa Cruz fahren, um sich mal gründlich untersuchen zu lassen.

     So brachte sein Sohn Franz ihn am 11. Mai 1960 nach Santa Cruz. Die Reise von 400 Km war auch schon nicht ganz leicht. Es ging aber doch ganz gut. Die Reise konnte in einem Tag gemacht werden.

     Da man ja schon an Herzkrankheit dachte, wurde am nächsten Tag gleich der Herzspezialist aufgesucht. Nach einer gründlichen Untersuchung stellte der Arzt dann fest, dass es Wassersucht sei (alte Bezeichnung der Herzinsuffizienz und der darauf basierenden Niereninsuffizienz), also wenig Aussicht auf Heilung.

     Er sollte aber doch für einige Wochen dableiben und er würde versuchen Linderung zu schaffen. Weil es ein deutsches Krankenhaus war, wo er untergebracht war und sogar eine ihm bekannte mennonitische Schwester seine Pflege übernahm, fuhr sein Sohn ruhig nach Hause, um der Mutter und den Geschwistern Nachricht zu bringen.

    Er war aber erst einen Tag zu Hause, als Nachricht kam, dass die Krankheit sich verschlimmere, und doch jemand von den Angehörigen hinkommen möchte.

So fuhr sein Sohn dann am 15. wieder dorthin.

    Er traf den Vater in nicht gutem Zustand an. Er hatte große Atemnot und Schmerzen. Am darauffolgenden Tag war es viel besser, die Atemnot war weg und eben so auch die Schmerzen. Er hatte guten Appetit und erzählte sogar gern. Daraufhin wollte sein Sohn dann einen Brief nach Hause schreiben. Vorsichtshalber fragte er den Arzt aber erst noch, wie es stehe und was er schreiben könnte. Dieser sagte dann, es sei besser nicht zu schreiben, wenigstens keine Hoffnung geben. Das war auffallend. Was dem Sohn noch auffiel, war, dass Vater jetzt, wo es doch schien, dass er bald gesund sei, die Gemeinde grüßen ließ und manches zu regeln bestellte, was er vor seinem Tode gern geregelt haben wollte.

    An diesem letzten Vormittag hat er noch, während sein Sohn in die Stadt ging um Schreibmaterial zu kaufen, einer dortigen Schwester seinen ganzen Lebenslauf erzählt. Als der Sohn dann zurückkam, saß er auf dem Bett und las.

    Er sagte dann noch zum Sohn, er habe sich etwas verspätet, sie hätten schon Mittag gegessen. Während sein Sohn nun auch noch aß, legte er sich aufs Bett, fing an zu röcheln und starb, ohne noch ein Wort zu sagen.

    Am 16. Mai 1960, war das Ende eines so viel bewegten Leben. Aber sein Wunsch, seinen Kindern nicht lange zur Last zu fallen, wurde ihm vom Herrn erfüllt. Ganz schnell ging er hinüber in jene Heimat, auf die er sich sein Leben lang vorbereitet hatte.

(Ende)

Die kostbaren Geschichten des Mennoniten

Wilhelm Hübert

    Wie viele Geschichten kennst du über die Zeit der Mennoniten in Russland, ihre Auswanderung nach Brasilien und die Anfänge am Kraul?

      Meine Eltern haben mir zum Glück ein reiches Erbe übergeben, indem sie mir Erfahrenes und Erlebtes aus ihrer Vergangenheit in Russland weitergereicht haben.

- Mutti, woher hattet ihr euren Salz?

- Ja, mein Kind, das waren ganz andere Zeiten. Vater spannte zwei Pferde vor den Wagen, lud einige Holzfässer auf und fuhr zu einem entfernten Salzsee. Wir kochten das Wasser solange, bis es verdunstet war. So kamen wir zu unserem Salz.

- Wie oft im Jahr machte er so eine Fahrt?

- Das habe ich schon vergessen.

- Vati, wo blieben eure Kühe im Winter?

- In Sibirien fielen die Temperaturen weit unter Null. Da wurde das Vieh für ein halbes Jahr im Stall eingesperrt. Wenn der Herbst kam, mussten wir einschätzen, wie viel Futter wir gelagert hatten. Demnach entschieden wir, wie viele Schweine, Hühner, Enten und Ochsen geschlachtet werden mussten. 

- Wie habt ihr das ganze Fleisch gelagert?

- Nun, die Familien waren im allgemeinen sehr groß und man brauchte viel Fleisch für den langen Winter. Das Schlachten geschah Ende Herbst, wenn der erste Schnee fiel. Viel Fleisch wurde geräuchert, anderes in Schmalz eingekocht, aber ich erinnere mich noch, wie ich große Fleischstücke hoch trug und unters Dach legte. Zwischen einem Fleischstück und dem anderen kam dann eine Schicht Schnee. Das war wie im Gefrierfach der heutigen Kühlschränke. 

    Ich hörte diesen Geschichten zu und ging dann an meine Aufgaben, ohne daran zu denken, dass ich vieles vergessen würde. Hätte ich doch alles aufgeschrieben und es nicht für selbstverständlich gehalten, dass diese Zeugen für immer mit ihren Geschichten an meiner Seite bleiben würden. 

     Als mir Willi Hübert, Colônia Nova, RS, 2012 die Erzählungen seines Vaters Wilhelm überreichte, war mir von weitem nicht bewusst, was für ein kostbares Geschenk in meine Hände gefallen war. Danach kamen mehrere Umzüge und dieser Schatz verschwand in einer Bücherkiste, bis er kürzlich zufällig wieder auftauchte. Ich war sofort davon gefesselt, denn dieser Mann hat einen für brasilianische Mennoniten beispielhaften Werdegang: die vielen Umzüge in Russland, der Forsteidienst, viele Kinder und Verwandte zu Grabe getragen, die große Angst in den Tagen vor der Auswanderung in Moskau, die verweigerte Einreise in Kanada wegen einer faulen Ausrede des Arztes, so wie im Falle der Familie meines Vaters, die schweren Anfänge am Kraul.

    Seine Erzählungen sind anschaulich und fesselnd. Frau Dr. Rosvitha Friesen Blume schrieb mir nach der Lektüre dieser Biografie: "Soeben habe ich die Autobiographie von Wilhelm Hübert zu Ende gelesen!! Ich bin hier, ganz gerührt, unter dem Eindruck dieses Lebensberichtes".

    Es lohnt sich, andere auf ihn aufmerksam zu machen, denn die meisten in unserer Mitte haben nur noch spärliche Kenntnisse über die Erlebnisse ihrer Vorfahren. Viele Einwanderer haben nur wenige Geschichten erzählt und wenn sie es getan haben, haben ihre Nachkommen sie schon längst vergessen.

    Die Autobiografie des Mennoniten Wilhelm Hübert kann somit als beispielhaft für die Vorfahren der brasilianischen Russlanddeutschen Mennoniten gelten. Wenn du, lieber Leser, diese Erzählungen liest, kannst du ziemlich genau nachempfinden, was deine Vorfahren durchgemacht haben.

  Der Auszug unserer Väter

              

Die schwere Entscheidung, alles zu verlassen

     Der Ausbruch des ersten Weltkriegs brachte schon vieles durcheinander. Wilhelm Hübert erzählt, dass sich die Lage sehr erschwerte, „weil nun im Verlauf des Krieges gegen Deutschland der Deutschenhass zu heller Flamme entbrannt war.

      Das Ende des Krieges brachte auch ein neues Regime an die Macht, die Kommunisten. Die ließen auch bald ihren Einfluss selbst in den abgelegendsten Ecken Sibiriens spüren. Hübert: Wir waren ehe der Krieg ausbrach gerade im Schwung.“ Als der Zar fiel, „wurden auch große Verheißungen gemacht. Aber die waren nicht stichhaltig, denn eben hatte der Bauer sich nach dem Kriege etwas erholt, dann fingen die Roten an zu rupfen.“ „Die Inflation war da. So oft die Regierung wechselte, so ging's auch mit dem Geld. Man lernte es kaum kennen, dann war es wertlos, und anderes kam an seine Stelle. Alles zählte nach Millionen. Jeder war wohl in kurzer Zeit vielfacher Millionär geworden. Für ein Pferd bekam man 2-3 Millionen, aber nach kurzer Zeit bekam man kaum eine Spule Zwirn dafür.“

    Ich fragte mal meinen Vater, warum sie so lange gewartet hätten, um das Land zu verlassen. „Ja, mein Sohn, heute scheint das selbstverständlich zu sein. Aber Russland war uns damals schon zur Heimat geworden. Niemals mehr wollten wir ein so herrliches Land verlassen. Und dachten alle: die Bestimmungen, die aus Moskau kommen sind so absurd, dass die Regierenden ihre absolut evidente Dummheiten einsehen würden und es ändern würden. Wir konnten einfach nicht glauben, dass so viel Absurdidäten sich auf die Länge ziehen könnten.

    Als sich Wilhelm Hübert dann entscheidet, das Land zu verlassen, ist es Hochsommer, die hart erarbeiteten Erntefelder luden ein, da zu bleiben, wie es auch seine Verwandten sagten. „Sie hatten es immer nicht glauben wollen, dass wir ernst machen. Jetzt versuchten sie mit aller Gewalt, mich umzustimmen. Die Wirtschaft mit 20 Hektar Ernte schon gemäht, fertig zum Dreschen, stehen und liegen lassen. Ich sollte, wenn wir schon weg wollten doch noch erst die Ernte einbringen und verkaufen. Ich mache mir doch einen großen Schaden, meinten sie.

    Und da war noch eines, das die Abfahrt beinah unmöglich machte: „Wo wir bitter arm angefangen hatten, wo so viel Tränen und so viel Schweiß in den ersten Jahren geflossen waren, doch später sich alles zum Guten gewendet hatte, wo uns 15 Kinder geboren wurden. Sieben Kinder von diesen ruhten hier auf dem Friedhof, blieben hier, niemand würde sich nachher um ihre Gräber kümmern. Vor uns selbst stand eine ungewisse Zukunft. War es nicht doch zuviel, was wir wagten?

    All seine Verwandten und sonstigen Dorfbewohnern, die sich nicht entschliessen konnten, haben es später nicht mehr geschafft, das Land zu verlassen. Man versperrte nun die Bahnhöfe, damit niemand mehr einsteigen konnte. Wer die „passende“ Zeit abgewartet hatte, z.B. die Zeit nach der Ernte, kam nicht mehr weg. Nur jene, die die Zeichen der Zeit richtig gedeutet hatten, und zur „Unzeit“ Heim und Hof verlassen hatten, kamen nach Moskau und weniger als die Hälfte von ihnen, schaffte es auszuwandern. Die große Mehrheit der Mennoniten musste in Russland bleiben.

Der Chaos und die Unsicherheit in Moskau

     Die Mennoniten Moskaus liefen einzel zu den Behörden, um die Ausreise zu erwirken. Wären sie nicht stärker gewesen, wenn ein Komitee im Namen aller Tausenden aufgetreten wäre? Vielleicht. Niemand wagte es. Warum nicht? Hätte es die Polizei dann nicht viel leichter gehabt, die Bewegung einzudämmen, indem sie die Führer gefangen genommen hätte?

    In der Ausgabe vom 20. März dieses Jahres veröffentlichte ich den Bericht über die Familie David Unruh. In seiner Biografie erzählte er über seine Erfahrung in Moskau: „Um ein Haar wäre alles schief gegangen. Ich wurde gefangen genommen und blieb 54 Stunden im Gefängnis Buterka. Hier versprach ich schriftlich, freiwillig in die Heimat zurückzufahren. Daraufhin kam ich frei, konnte aber drei Wochen später das Rote Tor passieren und in die ersehnte Freiheit gelangen.

    So ist es wahrscheinlich doch die bessere Taktik gewesen, vereinzelt bei den Behörden zu erscheinen. Das Auftreten Tausender Bittsteller hat wohl psychologisch einen größeren Druck ausgeübt als wenn eine Kommission im Namen aller aufgetreten wäre.

 

Der Auszug, besser die Auszüge

    Pr. Fridbert August bemerkte kürzlich auf dem Familienfest, dass sich irgendwie eine falsche Vorstellung vom Auszug in unserem Gedächtnis festgesetzt hat, nämlich dass Stalin eine Genehmigung erteilt hätte und dann alle in den Zug eingestiegen wären, angstvolle Stunden darin verbracht hätten, bis sie das Rote Tor gesehen hätten und dann „Nun danket alle Gott“ gesungen hätten.

     Er hat recht mit seiner Feststellung. Es gab nicht EINEN EINZIGEN Auszug, sondern viele Auszüge, nicht nur mit der Bahn, sondern auch mit dem Schiff, wie wir es nun in den Beschreibungen Wilhelm Hüberts erfahren durften. Und diese, die mit Schiffen auswanderten, sind durch kein Rotes Tor gefahren. Haben sie das berühmte Lied gesungen? Hübert spricht nicht darüber.

     Es waren also viele Auszüge, in verschiedenen Zugtransporten, in Schifffahrten von Leningrad und dann sind da noch diejenigen, die auf dem anderen Ende Russland auszogen, nämlich über den Amur, über China, ein sehr schwerer Auszug, aber da brauchte man dann wenigstens keine Erlaubnis von der Regierung. Im kommenden Jahr möchte ich die Erzählungen vom „Blinden Heinrichs“ veröffentlichen. Seine Eltern gehörten zu der Amurgruppe.

     Und eine oft vergessene Gruppe zu der Elisabeth Peters, Curitiba, gehört. Sie hat nun ihre Autobiografie veröffentlicht: „Minha Peregrinação“, siehe weiter unten das Foto! Ihre Eltern zogen während des Krieges aus, mit den rückziehenden Truppen der deutschen Wehrmacht.

     Der Auszug unserer Väter ist eine in die Entfernung rückende Erinnerung. Sie verblast immer mehr. Was sollten wir aber auf keinen Fall vergessen? Die Eltern, bzw. die Großeltern haben damals einen hohen Preis gezahlt. Was war dabei das wichtigste, das sie uns Nachkommen erhalten wollten?

Udo Siemens

 Beim Auszug waren alle gleich arm,

aber bei der Weiterwanderung nach Brasilien ...

                

    Sie wussten es, dass Deutschland nur eine Haltestelle sein würde. Erschüttert noch von den Strapazen der vergangenen Monate im Dorf, dann in Moskau, fanden sie in Deutschland keine richtige Erholung. Viele geschwächten Kinder starben dort, die Durchwanderer erlebten Deutschland in tiefem Winter.

     Dann kam die große Enttäuschung nicht nach Kanada zu den anderen Mennoniten ziehen zu können, was ihnen vieles erleichtert hätte. Kanada war wenig daran interessiert, Notleidenden zu helfen, sondern pickte sich nur solche heraus, die dem Land nützlich wären; bei den anderen wie im Falle von Wilhelm Hübert, der „nur“ Mädchen hatte, erfand man Augenleiden, um sie abzuweisen: "Wohl aber gefiel ihnen unsere Familie nicht, weil ich allein eine männliche Arbeitskraft war, die ältesten drei Kinder waren Mädchen, die andern Kinder unter 12 Jahren."

     Schon in Deutschland kam es dazu, dass unsere Väter sich ökonomisch in zwei Klassen von Mennoniten aufteilten. Hübert: „Weil wir nur etliche Tage in Mölln waren und nur einmal in der Kleiderkammer waren, dann da gerade nicht was war, hatten wir nur sehr wenig und schlechte Kleider bekommen, die vorher schon keiner mehr wollte, während manche andere, die dort viele Monate gelegen hatten und immer wieder das Beste aus der Kleiderkammer für sich eingepackt hatten, hier (in Brasilien) glänzende Geschäfte mit den Kleidern machten. Es wurden Kühe und Pferde für die Kleider eingehandelt, man ließ Wald schlagen oder andere Arbeit tun, alles aus der Kleiderkammer Deutschlands.

     Auch mein Vater hatte mir schon davon berichtet, dass seine Familie „arm“ nach Brasilien gekommen war und andere schon von Anfang an es viel besser gehabt hatten, weil am Kraul Pferde für Kleider eintauschen konnten. Meine Mutter musste am Kraul bei einem dieser „reicheren“ Mennoniten dienen gehen, um ein Pferd für ihren armen Vater abzuarbeiten, „und dabei musste ich anpacken und zu Diensten stehen, um Bäume zu fällen und schwere Mannsarbeit zu machen“, was später schwere Folgen auf ihre Gesundheit hatte.

    Bei dem ungleichmäßigen Zugang zu den Kleiderdepots kann niemand beschuldigt werden, denn in dem Augenblick gab es keine geregelten Zustände unter den Auswanderern. Es waren zwar Prediger unter ihnen, zusammengewürfelt aus ganz Russland, die noch keinen oder sehr geringen Einfluss auf die Gruppe hatten. Es galt noch das Gesetz: „Jeder sorgt für sich selbst“, jeder war sich selbst überlassen. Denn selbst später am Kraul war die Gruppe sich noch sehr wenig einig und darum gab es auch so viel Streit. Erst die gemeinsame Geschichte hat unsere Väter in Brasilien allmählich näher gebracht.

    Diese Phase des Übergangs in Deutschland führte zu Missstimmungen unter den Flüchtlingen. Mein Großvater Warkentin hatte acht kleine Kinder und kam nicht an die Kleiderdepots, andere brachten Kisten wertvoller Kleider mit. Diese "Armen" schauten zu den anderen „Reichen“ rüber und fühlten sich mit Recht benachteiligt.

    Zwar sind alle in totaler Armut aus Russland ausgewandert, als man aber in die Schiffe nach Brasilien einstieg, waren nicht alle gleichmäßig arm. Es hatte sich schon wieder eine Zweiklassengesellschaft gebildet, nämlich die reicheren und besser ausgestatteten Mennoniten und jene, denen der Anfang sicherlich schwerer sein würde.

Udo Siemens