Zwei Schwestern

    Janaína, ungefähr 25 Jahre alt, setzt sich auf den Stuhl mir gegenüber. Ein Tisch zwischen uns. Noch bevor sie spricht, empfinde ich einen großen kulturellen Abstand. Ihre Gesichtszüge deuten auf eine Herkunft aus den Anden.

„Wie bist du in mein Sprechzimmer gelandet?“

„Eine Psychologin, die zu Ihnen kommt, hat Sie mir empfohlen.“

„Wie gut! Dann ist also schon etwas Vertrauen vorhanden. Was bedrückt dich?“

„Es ist die Beziehung mit meiner Mutter.“

„Wohnt ihr zusammen?“

„Nein. Meine Eltern sind in Bolivien. Ich wohne hier im Norden Paranás mit meiner Schwester.“

     Unangenehme Gedanken scheinen sie zu quälen. Sie bewegt sich, versucht eine andere Stellung auf ihrem Stuhl.

„Meine Schwester fährt in den nächsten Tagen unsere Eltern besuchen. Für mich eine unvorstellbare Sache, meine Mutter jemals wieder in die Augen zu schauen.“

„Du bist mir ihr zerstritten?!“

„Ja, unsere Beziehung ist so schlecht, dass nur meine Schwester mit ihr am Telefon spricht. Ich geh aus dem Zimmer, wenn Mutter anruft. Die beiden reden dann eine ganze Stunde. Wenn ich von meiner Schwester ans Telefon gezwungen werde, dann gebe ich das Telefon schon nach einer Minute wieder ab. Ich und meine Mutter haben uns nichts zu sagen. Es gibt eine Mauer zwischen uns.“

„Warum?“

„Ich weiß es nicht. Ich bin die älteste von uns beiden. Mit meinem Vater habe ich mich immer gut verstanden, aber mit Mutter ... es ist schlimm.“

„Woran liegt das?“

„Ich glaube, ich war ein schreckliches Kind. Darum war meine Mutter so hart mit mir.“

„Ich hoffe, dich heute für weitere Gespräche zu gewinnen, Janaína. So werde ich dann schrittweise deine Geschichte besser verstehen können. Eines aber möchte ich dir schon zu Beginn sagen: Es gibt keine ‚schrecklichen‘ Kinder.“

   Sie schaut mich fragend an. Ich ergänze: „Es gibt NUR ‚schreckliche‘ Eltern, die mit ihren Kindern einen schlechten Umgang pflegen. Das Kind kann die Beziehung nicht abschätzen und nimmt dann die Schuld für die gestörte Beziehung auf sich.“

    Ich merke, das ist ihr ganz neu. Vielleicht nimmt sie mir diese Behauptung nicht ab:„Berichte mir etwas aus dem Alltag der Beziehung mit deiner Mutter, als du noch klein warst!“

"Ich hatte zwar gute Noten in der Schule, Mutter hatte trotzdem die ganze Zeit ein Auge auf mich, dass ich mehr lernen sollte. Ich aber floh in die Nachbarschaft um zu spielen.“

„Wie reagierte deine Mutter darauf?“

„Sie wurde unbeschreiblich böse.“

„Strafte sie dich?“

„Sie hatte eine grausame Methode. Sie ergriff mich an den Beinen und tauchte mich kopfüber in einen Eimer mit kaltem Wasser und fragte dann, ob ich ihr gehorchen würde. Aus Sturheit sagte ich nein und sie, noch wütender, tauchte mich wieder ins Wasser, so dass ich dachte, ich würde ertrinken.“

„Eine Foltermethode.“

„Ich erinnere mich noch, wie ich dann nass auf dem Tisch saß und dachte: ‚Eines Tages ermorde ich sie‘.“

„Ich hoffe, du kommst noch oft. Du wirst sehen: durch die Wirkung des Heiligen Geistes werden wir Gespräche führen, die dich aus diesen Gefühlen hinausführen werden.“

    Stunden später kommt eine freundliche Frau in das Sprechzimmer. Ich merke gleich, das muss die Schwester sein.

„Was hat dich zu mir geführt, Bianca?“

„Ach, ich weiß nicht, ob ich Probleme habe. Mein Leben ist schön. Man sagte mir aber, dass ein Gespräch mit Ihnen gut tun könnte.“

„Nun schön. Ich möchte dich kennenlernen. Könntest du mir etwas aus deiner Kindheit erzählen?!“

„Ja, gern. Meine Mutter hatte es sehr schwer mit mir. Sofort nach meiner Geburt habe ich meiner Mutter große Sorgen bereitet. Ich wurde sterbenskrank und schwebte monatelang zwischen Leben und Tod. Meine Eltern wohnten weit im Innern des Landes und hatten keinen Zugang zu guten Ärzten. So mussten sie große Opfer erbringen, um Ärzte und Medikamente zu besorgen. Und wie durch ein Wunder habe ich überlebt.“

„Und deine Mutter ...“

„Ach, ein Engel! Wie hat sie Tag und Nacht für mich gesorgt!“

„Und wenn du mal unartig warst?“

„Dann hat sie mich belehrt, wie ich es besser machen könnte.“

„Wie waren deine Noten in der Schule?“

„Mittelmässig. Ganz anders als bei meiner Schwester, die immer die beste in der Klasse war.“

    Plötzlich stürzen ihr Tränen aus den Augen. „Es tut mir so weh, dass meine Schwester sich nicht mit meiner Mutter versteht. Ich sage ihr immer: ‚Sprich mit Mutter! Versuch es! Sie ist deine Mutter.‘ Aber es will mir nicht gelingen.“

„Bianca, du hast eben sehr liebevoll von deiner Mutter gesprochen! Wie sie sich für dich geopfert hat! Wieviel sie für dich getan hat. Diese Frau, von der du hier gesprochen hast, diese Mutter kennt deine Schwester nicht. Janaína, deine Schwester, hat eine ‚andere‘ Mutter.“

    Sie schaut mich verdutzt an. „Wir haben doch die gleiche Mutter!“

„Tut mir leid. Da liegst du im Irrtum. Ihr habt mir beide heute eure Kindheit erzählt. Ich stelle mit Sicherheit fest: ihr habt ABSOLUT verschiedene Mütter. Janaína hat deine Mutter noch nie gesehen. Eigentlich geschieht das in allen Familien. Nur nicht so krass wie in eurer. Keine Mutter schafft es alle Kinder GLEICH zu behandeln. In den meisten Fällen geschieht dadurch auch kein besonderer Schaden. Im Gegenteil: Kinder sind verschieden und erzwingen sozusagen auch eine unterschiedliche Handlungsweise der Eltern.“

„Das hatte ich so noch nie gesehen.“

„Die Bibel erzählt so eine Geschichte wie Brüder ihren Vater auf total gegensätzlicher Weise erlebt haben: Jakob liebte Joseph und hat es nicht mal gemerkt, wie sich die anderen Söhne von ihm übersehen und vergessen fühlten. Das weckte bei diesen einen so großen Hass auf den Vater, dass sie seinen Lieblingssohn ‚töteten‘, den Vater beschämten als er beim Missbrauch seiner Tochter untätig blieb und Simeon, wahrscheinlich um den Vater zu verletzten, eine seiner Frauen vergewaltigte.“

„Gibt es Hoffnung für die zerrüttete Beziehung meiner Schwester zu ‚ihrer‘ Mutter?“

„Wir Christen sind Kinder der Hoffnung. Und Seelsorge kann vieles erreichen. Wie schön, dass du gekommen bist und diesen Heilungsprozess nun angefangen hast!“

Udo Siemens