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Deutsche im Sonnenland
Walter Quirings Reise 1932/33
in die eben gegründeten Kolonien
der Mennoniten in Paraguay und Brasilien
Teil 1
Dr. Walter Quiring machte 1932/33 eine Reise nach Süd- und Nordamerika. Über ein Jahr lebte Herr Quiring bei mennonitischen Glaubensgenossen im Chaco von Paraguay und reiste von dort über Argentinien und Uruguay nach Brasilien, wo er etwa drei Monate lang in den mennonitischen Hansakolonien arbeitete.
Er schrieb danach ein Reisetagebuch, das im "Boten" veröffentlicht wurde. Ich gebe es etwas gekürzt in den folgenden Ausgaben wieder.
1. Abschied von Deutschland.
Am Abreisetag früh weckt mich Kindergesang. Ich begreife gleich, was eigentlich los ist, dann aber schaltet sich das Bewusstsein ein. Richtig, heute beginnt mein zweijähriger Urlaub, und die erträumte Reise in den weltentrückten paraguayischen Chaco soll nun Tatsache werden. Unsere Schüler haben sich an meiner Schlafzimmertür versammelt und singen mir zum Abschied ein frisch-frohes Wanderlied.
Ich kleide mich rasch an. Der strahlend schöne Junitag ist schon vor uns aufgestanden. Die Schneeflecken der Alpenkette, die ich von meinem Arbeitszimmer aus sehe, glitzern silbrig weiß. Wir, Kinder und Lehrer, wohnen zusammen in dem alten Schloss Hohenfels. Als ich in den Speiseraum komme, sitzt die große Familie bereits beim Frühstück. Aber ich bin ja frei und habe hier vorerst keine Verpflichtungen mehr. Zum letzten Mal setze ich mich zu den Kindern an den Tisch. Aber was die noch alles wissen möchten! Der eine bestellt eine Schlangenhaut, ein anderer einen Indianerbogen und ein Dritter verlangt mein Ehrenwort, dass ich ihn auch wirklich schreiben werde.
Mein Nachfolger lässt die erste Unterrichtsstunde ausfallen, und Kinder und Lehrer sammeln sich um den Kraftwagen. Endlich ist das Gepäck verstaut, und wir können Platz nehmen. Alles winkt „Gute Reise!“ Und „Grüssen Sie auch die Indianer!“ ruft der kleine Rolf.
Langsam rollt der Wagen zum Tor hinaus und den steilen Schlossberg hinunter der Landstraße zu. Meine Frau und einer der Kollegen begleiten mich ein Stück Weges.
Schon in Überlingen, dem freundlichen Kurort am Bodensee, unterbreche ich die Fahrt für einen Tag. Hier wollen wir meinem mennonitischen Ehepaar noch den Geburtstag meiner Frau feiern. Der Geburtstagstisch ist bereits freundlich gedeckt, als wir eintreffen, und die heimlich besorgten Geschenke sind neben farbenfrohen Blumen aufgebaut. Auch unser Oberrealschüler, den wir von Hohenfels aus benachrichtigt haben, erwartet uns hier.
Am anderen Morgen begleiten mich meine Frau und Hellmut noch bis Friedrichshafen. Hier erst beginnt meine eigentliche Reise, und wir nehmen Abschied. Lange stehen meine Jungs auf dem Bahnsteig und winken, und erst als der Zug sich in die Kurve legt, entschwinden sie meinen Blicken.
In Karlsruhe bringt mich das kleine Bimmelbähnle in die anmutige Gartenstadt Rüppurr, wo Herr Prof. Unruh wohnt. Sein Haus liegt hart an der Straße, und vom Gehweg aus sehe ich ihn über den Schreibtisch gebeugt am Fenster sitzen – breit und wuchtig. Jedesmal berührt es mich eigentümlich, wenn ich dieses Arbeitszimmer betrete. An einer großen Wand steht hier Leitzordner an Ordner mit unzähligen Akten und Briefen, während die anderen drei Wände ein einziger Bücherschrank zu sein scheinen. Unschätzbar wertvoll ist dieses übersichtlich angeordnete und mit kluger Voraussicht angelegte Archiv. Was hier in vielen Jahren alles an Not und Angst abgelagert und wieviel Schäden von Rüppurr aus wieder gutgemacht werden konnten, wissen nur Wenige. Ein warmes Scherzwort von Benjamin löst wie immer die erste Spannung, und schon fühlt sich der Besucher wie zu Hause.
Abends fahren wir hinaus auf den Bahnhof, um Herrn Oberregierungsrat Kundt abzuholen. Auch der Vorsitzende des Lutherischen Welthilfswerkes, Prof. Ulmer, trifft gerade ein, und ich wohne im Hause Unruh einer Sitzung bei wegen der vierhundert deutscher Flüchtlinge (aus Harbin), die morgen in Marseille in Frankreich erwartet werden und mit denen zusammen ich nach Südamerika reisen will.
Man wird sich auch einig, den beiden Familien Niebuhr und Mierau, die wegen Krankheit vom ersten Charbiner Transport in Südfrankreich zurückgeblieben sind, telegrafisch vorzuschlagen, mit der lutherischen Gruppe mitzufahren, und Unruh legt mir diese leidgeprüften Volksgenossen besonders warm ans Herz.
2. Quer durch Frankreich.
In einer knappen Stunde sind wir an der französischen Grenze in Kehl. Langsam schiebt sich der Zug über die Rheinbrücke. Deutsche und französische Zollbeamte eilen geschäftig hin und her. Merkwürdig: die Franzosen – sie tragen schwarze Dienstanzüge und niedrige Kappis – fallen auf durch nachlässige Haltung und Kleidung. Ein deutscher Zollbeamter, wohlgepflegt und in tadelloser Uniform, geht durch den Zug, kontrolliert die Pässe und fragt nach der Höhe der mitgeführten Bargeldsumme. [Anm.: typische Haltung der meisten deutschen der Nazizeit, von Franzosen, Polen und Juden abschätzig zu reden] Als ich ihm die Genehmigung des Finanzamtes zeige, sieht er von einer Durchsuchung meines Gepäckes ab. Ihm auf dem Fuße folgt der Franzose, der aber sehr unvorteilhaft gegen seinen deutschen Kollegen absticht. In seiner mitgenommenen Kleidung macht er beinahe den Eindruck eines Strolches. An meinem Pass hat er nichts auszusetzen, umso mehr aber die französischen Zollbeamten, die mit ihm gehen, an meinen Sachen. Sie wühlen die beiden Koffer um und um und ziehen ein Stück nach dem anderen meiner Ausrüstung hervor.
Ich erkläre ihnen, dass ich auf einem französischen Dampfer nach Südamerika reise. „Haben Sie Schiffskart? Nig? Dann fix einpacken, Zollverschluss!“ „Das fehlte gerade noch,“ denke ich, aber was soll ich machen? Meine Erklärung, dass ich die Sachen ja auf der Reise brauche, wird nur achselzuckend zur Kenntnis genommen. Auch ein russisch geschriebener Brief des Direktors der Gesellschaft, mit deren Schiff ich reise, verschlägt nichts. So mache ich mich denn in aller Ruhe an das Einpacken, denn wenn ich nicht jedes Stück sorgsam zurechtlege, kann ich die Koffer nicht wieder schließen.
Da, kurz vor der Abfahrt des Zuges kommt einer der Beamten zurück und sagt schon etwas freundlicher: „Macht nix, kann lajjen!“
Na also. Jetzt kann ich alles wieder schön in Ordnung bringen.
Nun bin ich also in Frankreich. Es ist etwa zehn Uhr abends. Der Bahnhof in dem ehemals deutschen Straßburg soll mit seinen französischen Anschriften und Schildern schon das eigentliche Frankreich vortäuschen. Aber überall höre ich unter den Reisenden noch deutsch sprechen.
Um 4 Uhr wird es schon hell, u. ich bringe mein Äußeres, so gut das geht, in Ordnung. Im Waschabteil sehe ich, dass die französischen Wagen im Gegensatz zu den deutschen weder Handtücher noch Seife führen. Auch die Sauberkeit lässt schon hier allerhand zu wünschen übrig.
Dass ich ausgerechnet nachts durch Frankreich fahren muss, habe ich ohnedies bedauert, und nun will ich noch ein möglichst großes Stück von dem fremden Lande sehen. Mir fällt auf, dass die Menschen hier nicht so gut gekleidet sind wie in Deutschland. Auch ist das Publikum beim Ein- und Aussteigen nicht so ruhig und geduldig wie bei uns.
Unser Schnellzug hält merkwürdig oft, aber ich bin froh darüber, denn jedes Mal erhasche ich einen kleinen Ausschnitt französischen Lebens. Die Bahnhöfe machen im allgemeinen einen recht dürftigen Eindruck, der durch die farblosen Reklameschilder noch verstärkt wird. Die Häuser sind hier durchweg kleiner als bei uns und alle in einem gleichmäßigen Grau gehalten.
In Paris: Es ist halb acht Uhr, und ich gehe in das nächste Cafe, um erst einmal zu frühstücken. Die Tische stehen hier auch draußen auf dem Bürgersteig, und es ist für uns etwas ungewohnt, wenn sich die Fußgänger geduldig durch die vielen Tischchen hindurchdrängen.
Ich bestelle einen Kaffee. Aber dieser französische Kaffee ist ein Kapitel für sich. Er wird auf eine merkwürdige Weise zubereitet und hat für uns einen ausgesprochen hässlichen Geschmack. Schwarzbrot, das ich verlangte, gibt es in Paris offenbar keines. Die Franzosen backen etwa einen halben Meter lang „resche“ Stangen oder auch kleine „Franzbrötchen“, wie sie früher auch in Russland zu kaufen waren.
An einem Nebentisch lassen sich drei Soldaten nieder, ordentlich in Haltung und Kleidung und mit recht intelligenten Gesichtern für ihren Stand.
Ein stellenloser russischer Agronom ist bereit, mich für 25 Franken den ganzen Tag durch Paris zu führen, und wir machen uns gleich auf den Weg. Wie schmutzig die Pariser Straßen im Vergleich zu denen einer deutschen Stadt doch sind! Zeitungen, leere Schachteln u.a. wirft der Pariser einfach auf die Straße, von Zigarettenstummeln und Straßenbahnkarten ganz zu schweigen. Da würde unsere rührige Polizei manche Reichsmark Strafgeld einstecken.
Eine Viertelstunde vor der Abfahrt des Zuges bin ich am Bahnhof. Aber mein Zug, der bis Spanien durchgeht, ist schon gedrängt voll, so dass es ganz unmöglich ist, in der dritten Klasse noch einen Platz zu bekommen. Auch der Gepäckträger kann nichts finden, und ich muss daher für die zweite Klasse eine Karte lösen.
Um sieben Uhr früh sind wir am Ziel. Ich gebe meine Koffer zur Aufbewahrung ab und gehe in ein Cafe. Hier in Spanien sitzt zu so früher Stunde schon eine Gesellschaft bei Kartenspiel und Wein. „Merkwürdige Sitten“, denke ich.
Schon in Paris waren mir in den Straßen hin und wieder schwarze Herrschaften begegnet, und hier unten wimmelt es förmlich von ihnen. Auch die meisten Briefträger, Schaffner usw. sind Schwarze [Anm.: In Deutschland waren damals noch alle Menschen mit heller Hautfarbe].
3. Fahrt in die Tropensonne.
Um neun Uhr früh lasse ich mich an den Hafen fahren. Schon aus einiger Entfernung sehe ich die „Lipari“, einen kleinen weißen Dampfer von nur 11.000 Tonnen, am Kai liegen.
Ich verfüge mich zuerst in das Büro, um meine Schiffskarte in Empfang zu nehmen und den Pass abstempeln zu lassen. Während der jüdische Beamte meine Personalien aufnimmt, kommt ein älterer Herr auf mich zu und fragt plattdeutsch:
„Entschulje Se, se Se nich Herr Quiring ut Dietschlaunt?“ „Jao, de sen etj.“ „Min Naomen es Niebuhr“ sagt er, und ich sehe an seinem Gesicht, dass ihn dieses Zusammentreffen sichtlich freut. Er erzählt mir, dass seine Frau in Marseille an Typhus krank gewesen ist und dass Herr Micrau dort hat sterben müssen. Nun reist die Witwe mit ihrem Sohn zu ihren Kindern nach Paraguay. Niebuhr hilft mir meine Koffer tragen, und wir begeben uns über die schaukelnde Brücke an Bord. Ein Steward in einem Anzug, der einmal weiß gewesen sein mag, führt mich in meine Kabine. Diese wirkt mit ihrem weißen Anstrich hübsch und freundlich. Zwei Waschbecken mit Spiegel, Sekretär mit vielen Fächern, Kleiderschrank und zwei Kojen bilden die Ausstattung. Das obere Bett ist hoch geklappt und verhängt, während man das andere für mich gerichtet hat. Dieses also wird für drei Wochen meine Wohnung sein. Ich verschließe die Mappe im Kleiderschrank und gehe hinaus auf Deck.
Ein leichter Regen rieselt nieder. Auf dem Zwischendeck haben sich die vierhundert deutschen Russlandflüchtlinge versammelt, und Herr Prof. Ilmer, den ich zusammen mit Herrn Regierungsrat Kundt schon vorhin im Schiffsbüro begrüsst habe, hält ihnen gerade eine Abschiedspredigt. Mit innerer Anteilnahme sehe ich mir die Volksgenossen da unten an. „Was für Gesichter“, denke ich. Mein Blick saugt sich förmlich fest an ihnen. Auf jedem steht eine eigene schwere Geschichte geschrieben. Sorgen, Angst und Hass haben ihren Ausdruck geprägt. Was Wunder, dass jetzt viele roh u. stumpf u. sogar boshaft aussehen. In den nächsten Tagen fällt mir immer wieder das tiefsitzende Misstrauen dieser Menschen auf, das in ihren Augen bei der Unterhaltung aufflackert. Ihr Glaube an die menschliche Güte ist nicht nur erschüttert, er ist für immer vernichtet.
Bald werden Besucher und Begleitmannschaften von Bord gebeten. Von der Kommandobrücke herunter ertönen Befehle. Die Sirene heult dreimal, Taue werden gelöst und der Anker wird hochgezogen. Langsam stößt die „Lipari“ von der Kaimauer ab.
Die Flüchtlinge stehen noch beisammen und singen eigentümlich schleppend-langsam die altbekannten Lieder: „Nimm, Jesu, meine Hände“, „Jesu, geh voran“ und „Gott ist die Liebe“. Aber dieser traurige Gesang wirkt unter diesen Umständen unendlich hoffnungslos, und ich bin froh, als er endlich verstummt.
Die Garonne (ein Fluss in Frankreich) ist hier vielleicht zwei km breit und weitet sich, je näher wir der Mündung kommen. Am Ufer reiht sich Hebekran an Hebekran. Das Fabriksschild „Demag Duisburg“ zeigt auf Deutschland als auf das Ursprungsland, und wahrscheinlich wurden auch diese Kräne auf Reparationskonto geliefert.
Der Regen will nicht aufhören, und von dem Hafenbild, das bei sichtbarem Wetter zum mindesten sehenswert sein muss, ist wenig zu erkennen. Alles ist in milchiges Grau gehüllt. Die flachen Ufer sind nur weitläufig bewaldet und ebenso dünn mit Schlössern, Villen, Fabriken und Dörfern besät. Vier Stunden brauchen wir bis ins offene Meer. Nicht weit von der Mündung des Flusses liegt vor Anker das größte Schiff der Welt, die „Atlantique“, die ein Jahr darauf ein Raub der Flammen wurde.
Bis zum Mittagessen bleibe ich draußen und nehme das ungewohnte Bild in mich auf. Als es zum Essen gongt, habe ich Mühe, den Speisesaal zu finden. Die Anzahl der Fahrgäste scheint nur gering zu sein, denn ich sehe nur drei Tische gedeckt. Neben jedem Gedeck liegt eine Karte mit dem Namen des Platzinhabers. Ich komme bei Kutjepow zu sitzen, was mir auch wegen meines mangelhaften Französisch angenehm ist. Man grüßt sich gegenseitig mit „Messieurs“ ohne sich die Hand zu reichen. Links neben mir sitzen ein argentinischer Ingenieur und ein brasilianischer Konsul aus Teheran in Persien, ihnen gegenüber ein älterer Bolivianer mit Tochter, während auf dem Ende der Kapitän mit der Frau des Bolivianers Platz nimmt. Der Kapitän, ein sympathischer Mann in mittleren Jahren, scheint einen Augenblick zu schwanken, ob er mir, dem Deutschen, guten Tag sagen soll. Dann aber gibt er sich einen Ruck und reicht mir die Fingerspitzen.
„Der Bote" Mittwoch, den 4. Dezember 1935
Auf dem Schiff:
Dass ich keinen Wein trinke, fällt meinen Tischgenossen auf, und man hält es offenbar nicht für ganz höflich, wenn ich immer wieder dankend ablehne. Kutjepow rät mir russisch, wenigstens zum Schein mitzutrinken, aber ich verspüre keine Lust, diese Komödie drei Wochen lang mitzumachen und giesse ruhig Wasser in mein Glas.
Nach dem Mittagessen gehe ich hinunter, die Mennoniten zu besuchen. Nach langem Suchen finde ich sie in einer Innenkabine in der nur ein schwaches rötliches Licht brennt. Frau Niebuhr ist von ihrer Krankheit noch nicht ganz wiederhergestellt und liegt fast den ganzen Tag in der Koje. Die drei kleineren Jungen aber sind ununterbrochen auf Entdeckungsreisen und müssen von den Matrosen manchen Anschnauzer einstecken, weil sie keinen Winkel undurchsucht lassen mögen.
Ich höre zu meinem Bedauern, dass die spanischen Häfen Vigo und La Coruña diesmal nicht angelaufen werden sollen. Auch Pernambuco und Bahia will man wegen der Flüchtlinge liegen lassen. Herr von Kutjepow aber, der die Reise in dem Jahre schon zum zweiten Mal macht, freut sich über die Beschleunigung.
Nachts kullere ich in meiner schmalen Koje von einer Seite auf die andere, aber ich gewöhne mich bald daran, umso mehr, da ein festes Gitter das Hinausfallen verhindert. Zum Glück ist in den Kabinen wie in den anderen Räumen alles niet- und schraubenfest: Stühle und Tische, Schränke und Kojen. Die beweglichen und zerbrechlichen Gegenstände stehen fest in kleinen „Zäunen“. Das Fenster lasse ich für die Nacht offen und atme mit Genuss die frische Seeluft ein. Am Morgen ist die Müdigkeit wie weggewischt.
Auch das Wetter ist besser geworden, und schon blinzelt hie und da die Sonne durch und zeichnet auf unserer Fahrbahn einen langen glitzernden Streifen.
Tags sitze ich viel im Zwischendeck bei den Flüchtlingen und lasse mir von ihren Schicksalen erzählen. Dabei stelle ich mit Genugtuung fest, dass ich mein Plattdeutsch noch genau so gut spreche, wie vor vierzehn Jahren (als Quiring Russland verliess, um in Deutschland zu studieren. Und weil sich die Lage im bolschewistischen Russland verschlechterte, ging er nicht ins mennonitische Dorf zurück), obzwar ich es die ganze Zeit nie mehr habe auffrischen können. Der Kapitän, der jeden Morgen um zehn seinen Rundgang macht, ist zuerst sichtlich erstaunt, mich hier unten sitzen zu sehen, da ich mich aber nicht stören lasse, findet er sich in das Unabänderliche. In seinen Augen habe ich aber offensichtlich ein gut Teil Achtung eingebüßt. Ungeheuerlich sind die Schicksale dieser gehegten Wanderer. Und die furchtbaren Erlebnisse in Russland haben sie innerlich verwandelt. Misstrauen, Eigennutz und Missgunst mussten unter jenen Verhältnissen förmlich gezüchtet werden.
Einen kennzeichnenden Fall charakterlicher Zersetzung erzählt mir Niebuhr. Sein Bekannter in einem Amurdorf, Ott, entschloss sich heimlich, nach China zu flüchten, da er jeden Tag mit plötzlicher Verhaftung und Verbannung rechnen musste. Heimlich traf er die Vorbereitungen und vermied es dabei besonders sorgfältig, seinen Nachbar Dyck, einen Spitzel der GPU, etwas von seinem Vorhaben merken zu lassen. Aber irgendwie bekam Dyck doch Wind.
Am Morgen des für die Flucht festgesetzten Tages sieht Ott den Prediger Klassen zu Dyck hinübergehen. „Jetzt werden sie dort mein Schicksal entscheiden,“ denkt er, und geht auch eilig zu Dyck hinüber.
„Naobasch,“ sagt er mit zitternder Stimme, „woa Jie mi nich feraoden, woa etj disse Nacht äwagaonen. Fe mie is et Liet . . .“
Langes, betretenes Schweigen. „Mienswäjen kaust äwagonen,“ sagt schliesslich Dyck, „etj woa nuscht sajjen.“
„On Di, Klassen, Du best je so schtellen.“
„Mie is daut ook enjohnt, wan Di äwajeist. Daut de Sach sea jefährlich es, daut wetst Du.“
Kaum aber hat Ott Dycks Hof verlassen, als Klassens Sohn auch schon im Galopp in der Richtung der GPU zum Dorfe hinaussprengt. Sofort geht Ott zu Dyck zurück und schenkt ihm seine beste Kuh als Schweigegeld. Dyck verspricht noch einmal, reinen Mund zu halten.
Und wirklich: am Nachmittag erscheint die GPU im Dorf. „Dieser Besuch gilt niemand anders als mir,“ denkt Ott, schleicht sich auf Umwegen zu Dyck und versteckt sich dort draußen im Stroh. Als es nachts ganz ruhig geworden ist, geht er in sein Haus zurück, packt rasch einige notwendigste Sachen zusammen und kommt glücklich über die Grenze.
Am fünften Reisetag passieren wir die Kanarischen Inseln, allerdings in einer Entfernung von über 100 km. Aber bei der außerordentlich klaren Luft täuscht die Entfernung ungeheuer, und die Inseln scheinen gar nicht so weit weg zu sein. Wir sehen ganz deutlich drei riesige Kegel aus dem Wasser ragen. Über allem thront der 4000 m hohe Pik Teneriffa, ein erloschener Vulkan. Heute noch sieht man deutlich, wie die breiige Lava an den Hängen langsam hinuntergelaufen ist. Die uns zugekehrte Seite des Berges sieht wie gestrichen glatt aus mit langen, tiefen Rinnen.
Geradezu herrlich ist das Bild, als die Sonne untergeht. Der graue Berg ist übergossen von rosarotem Licht, das mit dem Tiefergehen der Sonne wechselt, bis es sich beim Dunkelwerden in ein eigentümliches helles Blau verwandelt. Noch lange sehen wir rückwärtsschauend das Eiland als dunklen Schattenriss vom abendlichen Horizont sich abheben.
Die Fahrgäste beginnen, sich nach wenigen Tagen zu langweilen, und die Schiffsverwaltung veranstaltet darum abends Kinovorstellungen. Auch ich gehe in die erste Vorstellung, die einen Film „Wie fessele ich meinen Mann“ zeigt. Aber ich bringe es nicht fertig, diesen Kitsch länger als fünf Minuten mitanzusehen und gehe wieder hinaus in den herrlichen Abend. Beinahe kommt es mir wie Entweihung vor, in dieser Natur stundenlang derartigen Schund anzusehen. Nun habe ich auch die Mondseite des Schiffes ganz allein für mich und wandle einige Stunden auf und ab.
Der Kapitän hat für uns auf dem Oberdeck eine Badegelegenheit einrichten lassen. Matrosen nageln eine etwa sechs Meter lange und vier Meter breite Kiste aus dicken Bohlen zusammen, legen ein großes Segeltuch hinein und lassen den Behälter voll Seewasser laufen. Das Wasser wird jeden Tag erneuert, und es ist eine Lust, früh morgens, wenn noch alles schläft, in dem geräumigen Becken herumzuplanschen.
Tags liege ich lange auf den bequemen Stühlen und lese oder schreibe Briefe. Wenn ich mich etwas aufrichte, sehe ich fliegende Fische in Scharen durch die Luft sausen. Einmal stürzen einige Fahrgäste auf Deck und rufen immer wieder ein mir unbekanntes Wort und zeigen auf etwas Dunkles, das sich in bedeutender Entfernung kaum merklich vom Wasser abhebt.
Ein Walfisch sei da zu sehen, behaupten sie. Und da glaube auch ich einen langen Körper aus dem Wasser ragen zu sehen, im selben Augenblick aber verschwindet das Ungeheuer und lässt sich nicht mehr blicken.
Wir nähern uns dem Äquator, und es wird täglich wärmer. Bald empfinden wir die drückende Schwüle als etwas Unentrinnbares, Lästiges. In allen Räumen brummen die Ventilatoren. Man warnt die Fahrgäste, sich ohne Kopfbedeckung den Sonnenstrahlen auszusetzen. Alles ist in Weiß gekleidet. Dass es die Franzosen mit der Sauberkeit im allgemeinen nicht so genau nehmen, ist eine bekannte Tatsache, die ich immer wieder bestätigt finde. Mein Steward ist ein recht schmutziger und bequemer Bursche. Jeden Morgen kommt er herein, macht das Bett, legt mir ein sauberes Handtuch hin und verschwindet wieder. Staubwischen und Auskehren spart er sich auf für die Heimkehr. Ich setze ihm schließlich auseinander, dass ich meine Kabine nicht nur einmal in der Woche, sondern jeden Tag gesäubert sehen möchte. Da ich kein Französisch und der Franzose weder deutsch noch englisch kann, halte ich ihm die Gardinenpredigt plattdeutsch, und sie verfehlt ihre Wirkung nicht.
Am 22. Juni fahren wir „über“ den Äquator, aber von der erwarteten Gluthitze ist nichts zu merken. Den ganzen Tag weht eine erfrischende Brise, und auch nachts kühlt es angenehm ab. In den nächsten Tagen wird es wieder kühler, so dass ich bald wieder einen wärmeren Anzug aus dem Schrank hole. Wir fahren in den tropischen Winter hinein.
Fortsetzung folgt