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Menonitas no Brasil

Mennoniten in Brasilien

   Nachrichten und Mennonitische Geschichte 

22.12.2025


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Editor: Udo Siemens

Nova edição: segundas, às 13 hs

Guaratuba, Morro do Cristo
In diesen Tagen fahren in Brasilien Millionen Urlauber zum Strand. Kleine Orte mit 30 tausend Einwohnern schwellen an und beherbergen 300 tausend Besucher, besonders zwischen Weihnachten und den ersten Januartagen.


Ich mache jetzt Pause und kehre, so Gott will, im Februar wieder.
Ich wünsche allen Lesern eine gesegnete Weihnachtszeit und ein frohes neues Jahr.

 

Russland, 1929

in Deutschland

Teil 11

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Ein neuer Roman, der vierte, von Christine (Wieler) Dyck, Curitiba.

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Âncora 1

Russland, 1929

in Deutschland

Teil 11

    Walter Quiring, ein Mennonit aus der Ukraine, der zum Studium nach Deutschland kam und dort neben B.H. Unruh sich für die auswandernde Mennoniten einsetzte, schreibt den folgenden Text, der uns heute nur befremden kann:

      Auch das Blut der Mennoniten ist rein deutsches Blut, und der Schuss etwa polnischen Blutes ist sehr, sehr gering. Bei Blutuntersuchungen an russlanddeutschen Flüchtlingen in Deutschland (1929) hat man festgestellt, dass unser Blut sogar reiner (deutscher), ungemischter ist als das der Deutschen im Reich! Auch die Mennoniten in Frankreich sind deutschen Geblüts, sind Alemannen, ferner sind deutsch die Mennoniten in Polen und die in der Schweiz.

W. Quiring

Der Bote, Mittwoch, den 25. Juli 1934

      Das ist ein totaler Unsinn vom "reinen deutschen Blut" zu reden. Das war aber der damals herrschende Gedanke der Nazis und Quiring liess sich davon ganz und gar gefangen nehmen. Auch Benjamin Unruh sagte den ungeheuerlichen Satz: "Ich bin ein Nazi". Schade. Man merkt an ihnen, dass auch kluge Menschen sich von politischen Ideologien blenden lassen können.

     Auch Heinrich Schroeder, jemand der oft im Boten geschrieben hat, war ein fanatischer Nazi:

     Die im Lager Hammerstein, im Jahre 1929, bei den russlanddeutschen Flüchtlingen vorgenommene anthropologische Untersuchung soll im allgemeinen gut ausgefallen sein. „Gut“ heisst hier im nordischen und damit im friesischen Sinne!

Heinrich Schröder. Tümpling b. Camburg, Saale, Deutschland.

    Der Bote, Mittwoch, den 12. September 1934

    Er bestätigt seinen mennonitischen Lesern in Kanada und den USA, dass die auswandernde Mennoniten den Test bestanden haben und es sich beweisen liess, dass sie zur "nordischen" Rasse gehören. Schroeder wollte sogar nicht zulassen, dass viele Mennoniten ursprünglich aus den Niederlanden gekommen wären. Nein, sie wären alle friesischer Abstammung und darum Deutsch, Deutsch, Deutsch.

      Abschiedsfeier des dritten der letzten Transporte im Mennonitenheim Mölln in Lauenburg, am 10. Juli 1931.

      Leider bin ich nicht dazu gekommen, einen kurzen Bericht über die Abschiedsfeier des 2. Transportes, der gleich dem ersten, ebenfalls nach Brasilien ging, einzuschicken. Es gingen damals 81 Personen.

      Zum drittenmal versammelte sich die immer kleiner werdende Lagergemeinde um 8 Uhr im Andachtsraum. 70 Personen sollten am nächsten Tage ihre 40-tägige Reise nach Paraguay antreten. Zu unserer großen Freude waren Prof. Unruh und Oberregierungsrat Dr. Kundt erschienen. Nachdem von der Gemeinde und vom Chor, den Br. Thielmann rasch zusammengestellt hatte, etliche Lieder versungen waren, sprach zuerst Herr Pastor Märker, der Schwiegersohn unseres Lagerpfarrers. Er vertrat seinen Schwiegervater, der zu seinem großen Bedauern nicht an der Feier teilnehmen konnte.

      Alsdann verlas der Bürgermeister Dr. Wolff den 121. Psalm. Er betonte in seiner kurzen, aber inhaltsreichen Ansprache, daß man in allen Lebenslagen seine Augen aufheben müsse zu den Bergen, von denen alle Hilfe kommt. Er habe seine Hilfe noch niemandem versagt, der aufrichtigen Herzens zu ihm kam. Aus seiner Rede merkten wir, daß er sich mit schwerem Herzen von uns trennte. Viel Liebe ist uns von ihm und seiner lieben Frau erwiesen worden, die wir nie in unserem Leben vergessen werden. Es sei ihnen beiden im Namen aller Flüchtlinge noch einmal herzlich gedankt.

     Als dritter trat ich auf. Zu Anfang sagte ich, wie ich mich immer vor Südamerika gefürchtet hätte. Ich wollte durchaus nicht dahin gehen. Alle Hebel wurden in Bewegung gesetzt, um in Deutschland bleiben zu können. Endlich hatte ich es mit Hilfe des Prof. B. Unruh soweit gebracht, daß der Missionsbund „Licht im Osten“ mich anstellte. Doch als der erste Transport am 13.6. ging, wurde ich unruhig. Ich wollte mich nicht von meinem Volk trennen. Dann bestimmte mich auch Deutschlands schwere Lage. Nun, da ich den Entschluß gefaßt habe mitzugehen, kann ich mit dem Dichter sagen: „Das, was mich erschreckte, erschreckt mich nicht; ich sah eine Liebe so tief wie das Meer.“ Es ist nun ruhig und still geworden.

    Ich sagte dem Herrn Bürgermeister und seiner Frau Dank für ihre anderthalbjährige unermüdliche, selbstlose Arbeit. Ich dankte Herrn Prof. Unruh, der fast Tag und Nacht für die Flüchtlinge gearbeitet. Dann bat ich Herrn Pastor Märker, seinem Schwiegervater, unserem verehrten Lagerpfarrer, Herrn Hauptpastor Bruns, herzliche Abschiedsgrüße zu übermitteln. P. Bruns hat sich bei den Mennoniten sehr verdient gemacht. Im Laufe der anderthalb Jahre sind wir von ihm mit dem Worte betreut worden. Er ist nicht müde geworden, den weiten beschwerlichen Weg zur Eisenbahn zu machen. Ein offenes Herz und Ohr hatte er für die Bedürfnisse aller. Wenn eben möglich, wurde niemandem eine Bitte abgeschlagen. Durch ihn hat ja die Luth. Kirche Großes an uns getan. Laufende RM sind ihm in die Hand gedrückt worden, um den Flüchtlingen zu helfen. Herr P. Bruns wollte mir auch noch mal die Summe ins Ohr sagen, aber leider konnte er nicht dazu kommen. Ich danke an dieser Stelle unserem lieben Pastor und der Luth. Kirche im Namen aller Flüchtlinge vielmals und rufe ihnen Matth. 25, 40 zu. Wir werden die Liebe nicht vergessen.

     Herrn Oberregierungsrat Dr. Kundt dankte ich dafür, daß er ein Herz für die Flüchtlinge hat. Er war es, der mit der russ. Regierung verhandelte, sie bewog, den Familiensplittern die Auslandspässe zu geben. Dieser hohe freundliche Herr hat sich sehr verdient gemacht. Er begleitete uns sogar bis ans Schiff. Bald trug er ein Flüchtlingskind auf dem Arm, bald trug er einen Koffer. Vielen, vielen Dank im Namen sämtlicher Flüchtlinge nochmals diesem verehrten Herrn! Ich sagte zu ihm beim Abschiede: „Zwei Kolonien habe Deutschland auch heute; eine in Brasilien und eine in Paraguay.“

     Herr Dr. Kundt, der darauf auftrat, wies in kurzen Worten darauf hin, daß der Dank nicht ihm gebühre. Er habe im Auftrage der deutschen Regierung gehandelt und nur seine Pflicht erfüllt. Er bat uns, in Zukunft unser Deutschtum zu bewahren, wie das in Rußland der Fall war.

Prof. Unruh sprach zum Schluß seinen Dank den Flüchtlingspredigern, die mit H. Pastor Bruns zusammen der Lagergemeinde mit dem Wort gedient. Auch dankte er den Ausschußmitgliedern für ihre pünktliche treue Arbeit.

     Den 11. fuhren wir nach Hamburg, um mit dem Dampfer „Württemberg“ die lange, beschwerliche Reise anzutreten. Die ganze Lagergemeinde begleitete uns zum Bahnhof. Langsam setzte der Zug sich in Bewegung, die Taschentücher winkten, und bald war das uns lieb gewordene Mölln für immer unsern Augen entschwunden.

     Mölln, diese kleine Stadt, mit der Eisenbahn-Schule oben auf dem Berge, wird von 5.600 Deutsch-russischen Flüchtlingen nicht vergessen werden. Viel ist daselbst gebetet, viel das teure Gotteswort verkündigt worden. Manche Segensstunde ist genossen worden, aber auch manche Träne vergossen, mancher harte Kampf gekämpft worden. Hier mußten alle die Entscheidung fürs ganze Leben treffen, und was das mit sich bringt, das weiß nur der, der in der Lage gewesen ist. Ja, „alles hat seine Zeit; Lachen hat seine Zeit und Weinen hat seine Zeit.“ „Wir haben hier keine bleibende Statt, sondern die zukünftige suchen wir.“ „Wir sind ein Volk vom Strom der Zeit gespült an's Eiland. Voll Unruh und voll Herzeleid, bis heim der Herr uns holet."

     So leb denn wohl, du deutsches Reich, und wisse, daß in den Urwäldern Brasiliens und Paraguays ein kleines Häuflein armer deutsch-russischer Flüchtlinge lebt, das deine Großtat nicht vergessen wird! Kindern und Kindeskindern soll es gesagt werden, was du an uns getan.

Peter Klassen, Prediger.

      "Der Bote", Mittwoch, den 19. August, 1931

      Der Schreiber dieses Textes, Peter Klassen, Gründer der "Brücke" am Krauel, kam später nach Curitiba, wo er in "Bibel und Pflug" viele Texte veröffentlicht hat. Danach zog er nach Kanada.

      Er bekennt im obigen Text, dass er sich davor gefürchtet hatte, nach Südamerika zu ziehen und tatsächlich war es am Krauel für einen Lehrer nicht leicht.

      Beim Abschied werden die scheidenden Mennoniten ermahnt, ihr Deutschtum zu erhalten, so wie ihre Väter es in Russland getan hatten. Die Zeiten aber waren anders. Auch die Bedingungen. Die Mennoniten Paraguays, im abgeschiedenen Chaco, konnten diese Empfehlung am längsten einhalten.

      Auch erinnert Klassen daran, welch grosse Entscheidung unsere Väter in Mölln treffen mussten, die alle ihre Nachkommen nun betreffen würden, nämlich die Entscheidung ob man nach Paraguay oder Brasilien ziehen würde.

     Zur Zeit entwickelt sich Paraguay zur neuen Schweiz Südamerikas.

 

    Es folgt ein Brief aus Russland, der die Lage der Zurückgebliebenen beschreibt:

Die Lage der Zurückgebliebenen in Russland:


1. Dezember 1930: Man lässt auf vier Personen eine Kuh, die anderen Kühe gehen in das Kollektiv. Wir mussten diese Woche zwei Kühe, 1 Färse, 1 Schaf und 1 Schwein abgeben...

4. Dezember: Denkt euch, kein Bettgestell, kein Tisch, keine Bank, kein Stuhl, alles weggenommen.

5. Dezember: Wir essen zu drei Mann mit einem Löffel, viele essen die Suppe mit der Brotkrume, weil keine Löffel vorhanden sind. Was hier alles an der Tagesordnung ist, werdet ihr ja wohl wissen. Multipliziert alles mit 10, dann habt ihr ein richtiges Bild.

6. Dezember: Nur von Artel und Kommune ist die Rede. Die Pferde sind alle zusammengestellt. Ich denke, die werden wir im Frühjahr alle am Schwanz müssen aufhelfen. Die Pferde lassen alle die Köpfe hängen und trauern mit uns. Unsere Scheune ist abgebrochen, der Zaun zerfällt auch. Ein Reparieren gibt's nicht, nur ein Fortschleppen, und das nennt man Aufbau. In F. hat es von eurer Wirtschaft ein Theater und eine Lesehalle gegeben. Die Wände sind von ihnen alle herausgerissen, sodass jetzt ein großer Saal zum Vorstellen geworden ist.

      "Der Bote", Mittwoch, den 18. Februar, 1931

      Unsere Vorfahren haben es sich schwer gemacht, dass sie nicht nach Kanada durften und sich zwischen Brasilien und Paraguay entscheiden mussten. Aber kein einziger hat es bereut, Russland verlassen zu haben.

   

     Ein Brief aus Mölln beschreibt, wie der Auszug aus Russland war und diesen grossen Zweifel, sich zwischen Brasilien und Paraguay entscheiden zu müssen:

     Mölln i. Lbg., Deutschland, den 5. Juli, 1931 (früher Schöneberg Alte Kolonie, Südrußland).

Liebe Eltern und Geschwister: Zuvor einen Gruß der Liebe und den Wunsch des Friedens und des Wohlergehens. Ganz unerwartet, wovon wir vor etlicher Zeit nichts ahnten, befinden wir uns in Deutschland. Pfingsten zwar kam ein Brief von Peter Klassen, Deutschland, nach Schöneberg, in dem es hieß, daß sie hofften, sich bald mit etlichen Schönebergern wiederzusehen; aber darauf wurde wenig geachtet, weil solche Nachrichten schon oft gekommen waren.

      Unerwartet brachte uns die G.P.U., die so oft schon herzzerreißende Nachrichten gebracht, die frohe Kunde, daß wir fahren konnten. Sehr schade war es uns, daß die Eltern meiner Frau nicht mitkonnten. Es fiel sehr schwer, uns von den Eltern und Geschwistern zu trennen, besonders meiner Maria. Sie sehnt sich jetzt auch sehr, aber dennoch waren wir froh, dass wir weg durften. Die Reise machte sich gut. Wir fanden eine schöne Aufnahme, trafen es auch sehr gut im Lager an.

      Aber jetzt legt sich etwas schwer auf uns, das mich treibt, an euch zu schreiben: Wir sollen entscheiden, ob wir nach Brasilien oder nach Paraguay wollen, wenn nach Brasilien, dann können wir schon den 18. Juli losfahren. Nun, dazu können wir uns in so kurzer Zeit nicht entschließen, nicht eher als bis wir von euch Nachricht haben. Wir möchten ja am liebsten zu euch nach Canada, womit wir auch rechneten, als wir von Hause wegfuhren.

      Die meisten gehen nach Brasilien, bekommen auch reiche Mithilfe von hier. Diejenigen, welche nach Brasilien gehen, loben es sehr, welche nach Paraguay gehen, loben wieder dieses Land, so daß man gar nicht klug daraus wird. Wenn es gar nicht nach Canada geht, könntet Ihr vielleicht auch nach dem Süden kommen? Wir möchten am liebsten mit Euch vereint sein. Oder wohin ratet ihr uns?

     Lange werden wir hier wohl nicht bleiben können. Die Leute, welche nach dem Süden fahren, nehmen sehr viel mit. Von allem haben sie; sie haben viel Geld verdient und dafür eingekauft, u.a. Tischlergerätschaft, etliche haben sich sogar Fensterrahmen gemacht, so daß wir uns mit ihnen nicht vergleichen können. Hätten wir es von Hause gewußt, daß es ging, Geld einzuwechseln, dann hätten wir etwas mehr Geld gemacht. Bei uns ging noch etwas zu verkaufen, auch mitzunehmen, hielten noch ein Abschiedsfest und wurden zur Bahn begleitet. Wir sind aber mit andern zusammen gereist, die alles stehen und liegen gelassen haben und heimlich weggefahren sind.

     Ich glaube, daß der Herr es ist, der uns bisher geführt hat. Er wird uns auch weiter führen, und ihm empfehlen wir uns und hoffen, daß wir noch zu euch kommen werden. Gott gebe uns ein baldiges Wiedersehen.

      Zum Schlusse seid noch herzlich gegrüßt von Euren Kindern Hans und Maria Fröse. 

     "Der Bote", Mittwoch, den 19. August, 1931

     Ich bin nicht ganz klug daraus geworden. Es scheint so, dass der Schreiber bekundet, dass manche Mennoniten in Deutschland "viel Geld verdient und dafür eingekauft, u.a. Tischlergerätschaft, etliche haben sich sogar Fensterrahmen gemacht".

     Aber es stimmt, dass einige zum Krauel manches mitgebracht haben, sogar Fahrräder.

     Es fällt der Trennungsschmerz auf, nicht nach Kanada ziehen zu können zu Eltern und Geschwistern. Die Frau stellt sogar die Frage, ob die Verwandten nicht auch nach Brasilien ziehen könnten, um doch wieder im Familienkreis versammelt zu werden.

     Ob wir heute noch so grossen Wert auf unsere Familienkreise geben?

      Die letzten Wochen im ehemaligen Möllner Flüchtlingslager, jetzt Mennonitenheim

       So lange Monate, Wochen, Stunden, ja sogar Minuten beim Warten auch erscheinen mögen, so gibt es doch einen Wendepunkt, wo das Warten aufhört, und man das Erwartete empfängt und sich dessen freut, oder aber wider den persönlichen Willen sich in das Befürchtete versetzt sieht, dem man gerne entgangen wäre, aber nicht zu entgehn vermochte.

     Auch für die Lagerinsassen des Möllner Mennonitenheims ist es nach einem langen geduldigen und ungeduldigen Warten zu einem Wendepunkt gekommen. Es ist aber nicht der sehnsüchtig erwünschte, sondern der im Stillen befürchtete. Fast alle im Lager Zurückgebliebenen warteten auf eine offene Tür nach Canada. Im Geiste sahen die bejahrten Väter und Mütter schon, wie sie in Canada von ihren sie lange vermissten Söhnen und Töchtern würden empfangen werden und träumten von schönen, stillen Stunden auf ihren alten Tagen. Andere, Männer und Frauen, in mittleren Jahren freuten sich auf das Wiedersehn mit ihren leiblichen Geschwistern und wurden durch Briefe aus Canada in dieser Hoffnung immer wieder bestärkt. Jüngere Personen, ledig oder verheiratet, schauten mit Ungeduld aus, wann sie endlich würden zu ihren Eltern fahren können, die dort für sie schon für Unterkunft und Arbeit gesorgt hatten, wo sie die eingeschlafenen Muskeln ihrer jugendlichen Kraft wieder würden in Bewegung setzen können.

     Und da ereilt alle die so wohl unerwartete als auch unerwünschte Nachricht: Canada nimmt keine Familien mehr auf. Das war ein harter Schlag, und man braucht es nicht zu verraten, dass eine schwere niedergedrückte Stimmung die Gemüter beherrschte. Ein mancher hatte doch anhaltend und ernstlich um eine offene Tür für Canada gebetet. Man glaubte darin auch Gottes Willen erkannt zu haben. So glaubten es auch die Verwandten in Canada! Und nun das Gegenteil. Steht es doch geschrieben: „Wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn, so werdet ihr Berge versetzen,“ – Dies ist ja doch ein großer Berg. Wessen Glauben ist stark genug, ihn ins Meer zu versetzen, damit wir trockenen Fußes hinübergehn? Oder haben wir uns getäuscht? Sangen wir nicht:

      „Keiner wird zuschanden, welcher Gottes harrt,

       Sollt ich sein der erste, der zuschanden ward?“

       Doch da erschallt die Antwort auf dieses Fragen von der Kanzel aus dem Munde derer, die sich selbst durch diese Dunkelheit hindurch zu ringen haben: Es ist der Herr. Mir wird nichts mangeln im finstern Tal. Und wenn wir jetzt einen anderen Weg ziehn müssen. Das gibt wohl Licht und Trost fürs mürbe Herz, aber dann kommt wieder der Alltag mit seinen Überlegungen und Auseinandersetzungen hinsichtlich der nächsten Zukunft in Süd-Amerika. Wohl sagt mancher mit schwerem Herzen: „Wenn ich dann auch schon auf ein Wiedersehn mit den Meinigen verzichten muss, aber was soll ich 50-jähriger Mann oder alleinstehende Frau im Urwalde Brasiliens oder in dem dichten Gestrüpp Paraguays? Ich kann es doch nicht mehr durchsetzen, was ich in meinen jüngeren Jahren konnte.“ – Der andere, ein jüngerer Mann, dem aber der Wurm einer tückischen, langwierigen Krankheit seine Manneskraft untergraben hat, seufzt still: „Wie wird es wohl mit meiner Kinderschar werden, wenn ich eines Tages in der tropischen Hitze zusammenbreche?“ Er spricht mit diesem und jenem Zagernden, und da hört man denn, wie es sich gleichsam ihrem tiefen Innern entreißt, wie einst bei Maria und Martha: „Herr, wärest du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben.“ (Joh. 11, 21) Andere wieder, die mitanhören, sagen bei sich selbst: „Ja, aber unsere Lage ist noch schlimmer. Unsere Frauen liegen schon monatelang auf dem Siechbette, können weder leben noch sterben. Wir wissen nicht hin noch her. Wer hilft uns aus dieser Lage?“ Doch:

              „Wer sich kränket,

               weil er denket,

               Jesus sei von ihm entfernt,

               Der muss klagen und sich plagen

               Bis er besser glauben lernt.“

     Doch sie wollen ja auch besser glauben lernen. Aber es geht durch Nacht zum Licht.

     Wenn ich hier nun etwas von der Nacht mancher Seelen verraten habe, so wäre es nicht recht, wenn ich nicht auch noch sagen würde, dass wir auch noch recht viel Mutige unter uns haben, die trotz des inneren Schmerzes und der großen Enttäuschungen den Kopf nicht sinken lassen, sondern im Vertrauen auf Gottes Beistand, gestützt auf seine Verheißung, sich in den neuen Weg geduldig fügen und dadurch auch die anderen trösten und ermuntern.

     Auch die schrecklichen Nachrichten aus Russland tragen dazu bei, dass man mit seinem Los zufrieden wird. Denn im Lichte jener Not schwindet der Mut zum Klagen. Dann haben wir noch genug Ursache zum Danken...

    Jetzt bereitet man sich schon energisch zur Abreise vor. Die des Tischlerhandwerks Kundigen zimmern fleißig an großen Reisekisten. Es sind bald 70 fertig. Andere versehen sich mit dem nötigen Tischlergerät, welches sie dort zu gebrauchen hoffen. Denn bald kommt unser vielgeplagter Moses (Prof. B. Unruh), und dann wird es heißen: „Was schreiest du zu mir; sage den Kindern Israels, dass sie ziehn. Du aber hebe deinen Stab auf und recke deine Hand über das Meer und teile es voneinander, dass die Kinder Israels hingehn, mitten hindurch auf dem Trockenen.“ Dann wird es wohl aus vieler Herzen gesprochen sein:

              „Weiß ich den Weg auch nicht, du weißt ihn wohl.

               Das macht die Seele still und friedevoll.

               Ist’s doch umsonst, dass ich mich sorg’ und müh’,

               Dass ängstlich schlägt mein Herz, sei’s spät, sei’s früh.“

Peter Klassen.Mölln in Lauenburg, den 31.3.1931.

     "Der Bote", Mittwoch, den 29. April, 1931

     Dieses alles habe ich aus dem Mund meiner Eltern gehört. Das war aber, als sie schon viele Jahre in Brasilien waren und sich mit der neuen Heimat abgefunden hatten. Wie klingt es doch anders, schmerzvoller, wenn wir es hier in einem Briefe aus dem Jahre 1931 lesen, als die letzte Gruppe das Lager verliess!

Erinnerungstafel der russlanddeutschen Flüchtlinge

in der St. Nikolai-Kirche zu Mölln i. Lbg.

    Im November und Dezember vorigen Jahres kamen nach unsäglichen Leiden rund 6000 deutsche Volksgenossen als Flüchtlinge aus Russland und baten Deutschland um kurze Herberge auf ihrer Wanderung nach Kanada, das ihr Ziel war. Sie wurden in den drei Lagern Hammerstein, Prenzlau und Mölln i. Lbg. untergebracht. Mölln wurde, nachdem die Organisation der an ihnen zu leistenden Fürsorge geregelt war, zum Durchgangslager bestimmt, in dem alle Abwandernden auch aus den beiden anderen Lagern für kurze Zeit vor ihrem Abtransport untergebracht wurden, damit hier die letzten Vorbereitungen getroffen werden.

      Es konnten nämlich nicht alle ihrem Wunsche entsprechend nach Kanada befördert werden; ein großer Teil wurde in Brasilien und Paraguay angesiedelt. Infolgedessen verzögerte sich auch die Abreise; aus der kurzen Zeit, an die man anfänglich dachte, ist nun schon fast ein Jahr geworden, und noch sind über 500 Flüchtlinge in Mölln. Die beiden anderen Lager sind schon seit Monaten geräumt; Mölln, das fast alle beherbergt hat, besteht noch und wird noch auf mehrere Monate belegt bleiben. Es kommen doch auch in diesen Wochen noch im ganzen rund 110 Flüchtlinge von Persien her (das heutige Iran).

    Im Juni äußerten die Flüchtlinge den Wunsch, ein bleibendes Erinnerungsmal an das, was Deutschland an ihnen getan hat, zu hinterlassen, mit dem sie ihrem Dank Ausdruck verleihen wollten. Nach Besprechung mit dem Lagerpfarrer, Hauptpastor Bruns, in Mölln, wurde in Aussicht genommen, eine einfache Spruchtafel, die sich in den Rahmen des alten herrlichen Möllner Gotteshauses einfügen müsste, herstellen zu lassen. Es wurde der junge Kieler Bildhauer Hans Rickers gewonnen, der es übernahm, für die geringe, von den Flüchtlingen unter sich gesammelten Summe ein würdiges Kunstwerk zu schaffen.

     Nachdem Kirchenvorstand, Landeskirchenamt und der Provinzialkonservator den ganzen Plan und den von Hans Rickers gelieferten Entwurf genehmigt hatten, wurde an die Ausführung des Planes herangetreten. Der Künstler hat eine schlichte, rechteckige Eichenholztafel geschaffen, die in einem breitovalen Felde die Worte trägt:

            Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid,

            ich will euch erquicken, nehmet auf euch mein Joch und lernet von mir;

            denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.

            Gestiftet von den dankbaren Russlanddeutschen Flüchtlingen A. D. 1930

    Die Schrift ist erhaben herausgearbeitet und vergoldet, sodass sie sich wirkungsvoll von dem Eichenholzgrunde abhebt. Die Eckwinkel sind einfach verziert. Der Eindruck der Tafel im Ganzen ist dem Zweck entsprechend schlicht und würdig und dem Rahmen der Kirche angepasst.

    Am Sonntag, 9. November, fand im Hauptgottesdienst die Übergabe der Tafel statt. An der Feier nahmen teil als Vertreter der deutschen evangelischen Kirche Landessuperintendent D. Lange, Ratzeburg, sowie Lagerdirektor Major Kirstein und die Vertreter von „Brüder in Not“, Bürgermeister Dr. Wolff-Mölln (für das Rote Kreuz) und Hauptpastor Bruns-Mölln (für den Zentralausschuss für die Innere Mission), und die kirchlichen Körperschaften von Mölln.

Nach Orgelspiel, Gesang des Flüchtlingschors und der Gemeinde hielt Hauptpastor Bruns die Liturgie, in die Chorgesänge des Möllner Frauenchors unter Leitung von Organist Uhde eingeflochten waren. Darauf übergab Herr Löwen, Vorsitzender des Flüchtlingsausschusses, die Tafel dem Vertreter der Kirche, Landessuperintendent D. Lange, mit einer Ansprache, in der er von den Gründen sprach, die zur Auswanderung aus Russland geführt haben, und den Dank der Geretteten an das deutsche Volk aussprach. Nach einem weiteren Liede des Flüchtlingschors übergab Landessuperintendent D. Lange die Tafel an die Kirchengemeinde Mölln zu treuer Hut mit einer Ansprache.

     Nach herzlichem Dank an den Bruder, der die Tafel überreicht, an den Künstler, der sie geschaffen, und an die Spender, die dafür geopfert, stellte der Landessuperintendent die Feier unter das Wort Römer 8, 35 bis 39.

     Die Verfolgung um des Glaubens willen aus den ersten Jahrhunderten, die uns der Vergangenheit anzugehören schienen, sind in unserem 20. Jahrhundert wieder furchtbar Gegenwart geworden. Wir grüßen in inniger Verbundenheit die anwesenden Glaubensgenossen unter dem Kreuz. Wir gedenken derer, die vor ihnen hier waren, auch aller, die nicht kommen konnten, aller um ihres Glaubens willen Verfolgten, Verbannten, Gefangenen und Getöteten. Der alte böse Feind regt sich mit großer Macht. Aber der Herr ist noch größer in der Höhe. Sein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

     Mag Vieles und Großes hinfallen, Gott bleibt, Christus bleibt. In allen Nöten der Gegenwart und Zukunft trösten wir uns dessen: Was immer uns genommen werden kann, eins kann durch nichts und niemanden uns genommen werden, die Liebe Gottes, die uns in Christo geschenkt ist. Mag es noch so schwer werden, wir kommen hindurch. In dem allen überwinden wir weit um deswillen, der uns geliebt hat. Ein’ feste Burg ist unser Gott!

    Am Schluss überreichte der Landessuperintendent die Gedenktafel an Herrn Hauptpastor Bruns als einen Schmuck für die alte schöne Kirche mit einem warmen Dankeswort namens der Landeskirche für seinen treuen Dienst an den um des Glaubens willen Flüchtlingen und mit herzlichem Segenswunsch für die Gemeinde.

    Es folgte Gemeindegesang, worauf Hauptpastor Bruns über den auf der Tafel verzeichneten Spruch (Matth. 11, 28 bis 30) die Predigt hielt. Die freundliche Einladung des Heilandes, so führte er aus, gibt uns Christen Kraft zum stillen, geduldigen Ausharren auch in den schwersten Lebenslagen. Dass solches Vertrauen nicht umsonst ist, dafür sind die Erfahrungen der Flüchtlinge Zeugnis. Das ist uns in tiefer Not zu Herzen gewiesen als Mahnung, dass auch wir unsere ganze Hoffnung allein auf Gott setzen. Zum Wohl des Heilands der Flüchtlinge sprach Landessuperintendent D. Lange das Vaterunser und endlich die Gemeinde mit dem Segen des Herrn.

    Die schlichte Feier hat auf alle Beteiligten tiefen Eindruck gemacht. Möge unser Volk sich auf die Quelle seiner Kraft besinnen.

    Am Montag Vormittag folgte auf dem Möllner Friedhofe eine kurze Feier zur Übergabe des vom Reichskommissariat für die Flüchtlinge hergerichteten Begräbnisplatzes an die Kirchengemeinde.

    Hauptpastor Bruns predigte in dieser Ansprache über 2. Mose 19, 5 bis 6 und sprach von der Zukunftshoffnung. Vor und nach der Ansprache sang der Flüchtlingschor.

    Auf dem Begräbnisplatz ruhen 12 Kinder und 5 Erwachsene. Nach einem von Lagerdirektor Major Kirstein entworfenen Plan ist auf dem Platz ein großer Findling aufgestellt mit der Inschrift: „Hier ruhen Russlanddeutsche Flüchtlinge. 1930.“ (Die Zahl wird später hinzugefügt, wenn sie nach der Abreise der Letzten genau festgestellt ist.) Umgeben ist der ebene Platz, der mit Rasen angelegt werden soll, von einer Reihe von kleinen Findlingen, über die eine dickere Eisenkette läuft. Die ganze Anlage ist gerade durch ihre Einfachheit besonders wirkungsvoll.

Eingesandt von P. Klassen.

Rosthern, Saskatchewan, Mittwoch, den 3. Dezember 1930

   Die Feier zum 25. November, als Gedenktag der Auswanderung aus Russland wird nur von den Mennoniten Paraguays und Brasiliens gefeiert. Wann begann das? Schon in Deutschland.

Erinnerungsfeier in Mölln am 30. Nov. 1930

    Am 25. November 1929 war der mit Sehnsucht erwartete Tag, an welchem der deutsche Reichstag den Beschluss fasste, den bei Moskau angesammelten deutschstämmigen Bauern die Erlaubnis zur Einreise nach Deutschland zu geben und für ihre weitere Versorgung aufzukommen. Den Jahrestag dieses für die russlanddeutschen Flüchtlinge so wichtigen Ereignisses haben die im Möllner Lager noch befindlichen über 500 Flüchtlinge am 4. Adventssonntag feierlich begangen.

    Nachdem in der Wochenschlussandacht am 4. Adventssonntag, den 29. November, der Lagerpfarrer, Hauptpastor Bruns, schon darauf Bezug genommen hatte, fand am Sonntag um 9:30 Uhr ein feierlicher Dankgottesdienst in der Möllner St. Nikolaikirche statt. Die Predigt hielt Hauptpastor Bruns über Römer 13, 11 bis 14 und rief die Mahnung in die Gemeinde, aufzustehen vom Schlafe der Gottentfremdung. Diese Mahnung gilt jedem Einzelnen zum Advent: denn so allein ist wahres Leben zu finden. Das gilt aber auch dem ganzen Volke. Am Beispiel der Zustände in Russland sehen wir, dass Gottlosigkeit den Tod eines Volkes bedeutet.

    Sodann sprach Prediger Peter Klassen über Lukas 17, 11 bis 19. Er führte die Gemeinde im Geiste nach Moskau und schilderte die furchtbare Lage der 18.000 deutschen Flüchtlinge, die sich dort aus Teilen des russischen Reiches gesammelt hatten, mit dem Wunsche, sich in Kanada eine neue Heimat zu gründen. Als die Lage soweit war, dass man der Verzweiflung nahe gekommen war, weil die Sowjetregierung mit zwangsweisem Rücktransport der Flüchtlinge nach ihren alten Wohnsitzen begonnen hatte, kam die Nachricht von Deutschland, dass man sich der bedrängten Volksgenossen annehmen wolle. Für diese Gnade Gottes, so mahnte der Prediger, wollen wir Gott danken und Kindern und Kindeskindern diese Dankespflicht einschärfen.

      Dem deutschen Volke aber rief er die Mahnung zu, aus den Ereignissen in Russland zu lernen und nicht den Weg der Gottlosigkeit zu gehen wie das russische Volk. Der Gottesdienst wurde eröffnet mit dem Gesang des Liedes „Tochter Zion, freue dich“, durch den Möllner Frauenchor; die beiden Ansprachen wurden eingerahmt durch Lieder des Flüchtlingschors unter Leitung des Chormeisters Thielmann.

     Am Nachmittag fand ein Kindergottesdienst im Lager statt, bei dem durch Prediger Nickel und Lehrer Fast den Kindern die Bedeutung dieses Tages nahegebracht wurde.

Abends versammelte sich dann die Flüchtlingsgemeinde mit einigen Freunden aus der Stadt im großen Saale des Flüchtlingslagers. Der Flüchtlingschor sang die Hauptteile aus dem Oratorium „Israels Auszug aus Ägypten“ von August Rilker. Durch die Erinnerung an das, was das Volk Israel in der schwersten Zeit seiner Geschichte erlebt hatte, Erlebnisse und Erfahrungen von Not und Gottes gnädiger Hilfe, sollte das Herz der Hörer, die an diesem Tage an gleiche Erlebnisse und Erfahrungen erinnert werden, zum Dank gegen Gott aufgemuntert werden.

Außerdem hielten Ansprachen Prediger Konrad über Psalm 13, Prediger Schellenberg über 2. Mose 12,26; 13, 8—10; 5. Mose 7, 7—8, und Hauptpastor Bruns über Lukas 19, 10.

Rosthern, Saskatchewan, Mittwoch, den 24. Dezember 1930

 

Die letzten Deutsch-Russen verließen Mölln.

     Als im Jahre 1929 die deutsch-russischen Flüchtlinge nach Deutschland kamen, wurde in Mölln in der ehemaligen Unteroffiziersschule ein Flüchtlingslager eingerichtet, das im Laufe der vier Jahre von Tausenden von Flüchtlingen belegt wurde. Hier wurden die Leute, die teilweise weiter nichts gerettet hatten als das, was sie auf dem Leibe hatten, neu gekleidet. Viele wurden nach Amerika befördert, um sich in Brasilien anzusiedeln. Auch in Mecklenburg wurde ein Teil angesiedelt. Die letzten Flüchtlinge, etwa 60 Köpfe, wurden jetzt nach Wandsbek gebracht, wo die deutsche Mennoniten-Gemeinde ein Haus für die Leute gemietet hat, in dem sie untergebracht wurden.

     Der Bote, Mittwoch, den 10. Januar 1934

     Hier erfahren wir, dass einige Mennoniten in Deutschland angesiedelt wurden und als das Lager geschlossen wurde, wurden die letzten 60 in einem Haus in Wandsbek untergebracht. Was ist aus denen geworden? Wohin sind sie dann gezogen? Das erfahren wir nicht.

    Davon hatte ich noch nie gehört, was im kommenden Bericht erzählt wird, nämlich dass eine mennonitische Familie 1934 aus Russland herausgekauft wurde:

      Auszug aus dem Brief einer mennonitischen Familie, die 1934 aus Russland nach Deutschland kommen konnte:

     „Ja, ist denn wirklich wahr, dass eure Lieben endlich wieder, nachdem sie aus dem Lande der Schrecken und der Hungersnot herausgerettet und im sicheren Hafen der lieben Heimat geborgen sein dürfen, etwas von sich hören lassen? — Ja, ihr Lieben, Stürme der Not, des vielen Hungerns, der Entbehrungen, Entsagungen und Ängste und der mancherlei Krankheiten sind über uns hinweggegangen. Und Gott der Herr, der da reich ist an Erbarmen, hat unser langjähriges Sehnen und Gebet erhört und uns auf deutschen Boden gebracht. Ungefähr 4000.00 Reichsmark mussten meine lieben Eltern und Geschwister durch den euch vielleicht bekannten „Intourist“ den Kommunisten geben, bis sie endlich nach 13-monatiger Verhandlungen uns die Erlaubnis zur Auswanderung gaben.

    Wir hatten, so weit wir wissen, als erste Familie in Russland diesen Schritt auf eigene Lebensgefahr hin gewagt, im Vertrauen auf den, der von Tode erretten kann. Und siehe: Er gab uns trotz grosser Befürchtungen und Vermutungen seitens unserer Freunde und Bekannten gnädiges Gelingen!

    Menschlich betrachtet, wären wir wohl kaum – hätte man auch nur den geringsten Makel an meines Mannes Betragen und Verhalten der kommunistischen Regierung gegenüber gefunden – herausgelassen worden. Nun, wie dem auch sei: nach schier endlosen Schreibereien und Fahrten erhielten wir endlich unsere Auslandspässe und machten uns gleich auf die Reise. Durch die vielen Ängste und Aufregungen der letzten Zeit brach meine Kraft in Moskau vollends zusammen, so dass ich glaubte, dort sterben zu müssen. Doch nach 5 Tagen konnten wir unsere Reise fortsetzen und fuhren – dank des hohen Lösegeldes wohl – von Moskau bis Berlin Expresszug, wie die Fürsten. Wir fühlten uns jedoch nicht als solche, solange wir uns in den Strassen der Räuber befanden.

     Unsere Ahnung wurde bestätigt, als wir auf der Grenze ins Zollamt expediert wurden. Dort hob denn eine ganz schändliche Untersuchung an, die sich bis auf den nackten Leib erstreckte. Und als man rein gar nichts Verstecktes bei uns fand, wie es auch tatsächlich der Fall war, nahm man uns brutal auch noch das letzte Geld ab und schob uns wie Lumpen oder Verbrecher in den Zug zurück, und fort ging’s aus dem „gelobten Land“.

    Wie es uns war, als wir hineinfuhren ins Vaterland, das teure, könnt ihr euch vorstellen: seid doch auch ihr einen ähnlichen Weg gegangen..."

„Der Bote" Mittwoch, den 10. April 1935

P.S.: Diese ganze Serie kann zu jeder Zeit nachgelesen werden. Siehe weiter unten!

Ende

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