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Die Mennoniten Brasiliens sterben aus
Ihre Geschichte aber bleibt.
Peter Klassen, Paraguay, hat sie aufgezeichnet.
Schauen wir uns Teile daraus noch mal an!
Teil 10
In einer Ausgabe von Bibel und Pflug vom 1. September 1995 lesen wir sehr scharfe Reaktionen gegen die Geschichte der brasilianischen Mennoniten von Peter Klassen. Da wird folgendes Gespräch wiedergegeben:
- A.F./B.: „Warum werden unsere Väter so in den Dreck getreten?“
- „Haben Sie das Buch gelesen?“
- „Bis Seite 17. Was ich dann von anderen gehört habe, hat mir gereicht!“
Ein anderer, dessen Namen sich unter den Buchstaben L.P.H./B. verbigt, urteilt: „Das Buch müßte verbrannt werden!“
Im heutigen Text und in der kommenden Ausgabe stossen wir auf den Kern dieses Streites der Leiter.
Der erste Leiter war Heinrich Martins gewesen, von B.H.Unruh selbst eingesetzt. Er hielt es nur 3 Jahre aus und verliess dann die Siedlung. Dann übertrug man es dem Schreiber der "Brücke", Peter Klassen. Dieser war wahrscheinlich ein freundlicher Mensch, der es allen Recht machen wollte und bald dann auch davon müde wurde. Am Ende seiner Amtszeit schrieb er: "so daß es mir lieb wäre, wenn wir zu einer strafferen Ordnung kommen könnten."
Warum meinte er das? In den Siedlungen wurde Unfug getrieben, der Genuss von Alkohol war bei einigen grenzenlos und führte zu Unordnung und schlechtem Zeugnis besonders, wenn diese Personen dann aus der Kolonie hinausfuhren.
Peter Klassen fand in H.H.Löwen einen starken Verwalter, der sich über die Einmischung von B.H. Unruh irritierte. Darauf schrieb Unruh: "H.H. Löwen schreibt mir grobe Briefe. Ich wollte alles versuchen, um die Schuld der Ansiedlung bei der deutschen Regierung zu ermäßigen. Euer stinkender Streit verdirbt auch diese Sache. Ich habe es satt."
Man fand dann in David Nikkel diesen Mann, der es verstand mit straffer Ordnung und grosser Leitungskunst und viel Fleiss und Arbeit endlich die Siedlung auf eine gute Spur zu bringen. Das gefiel nun der grossen Brüdergemeinde nicht, denn man empfand sein Handeln oft als ein Eingriff in Gemeindeangelegenheiten.
Peter Pauls Sr, der Nikkel nachfolgte, bekannte viele Jahre später: "Hier beginnt ein Kapitel unserer Geschichte, das an dieser Stelle nur angedeutet werden kann. Es ist kein Ruhmesblatt, wenn von scharfen Auseinandersetzungen, vom Zusammenprall der Meinungen, vielfach in bester Absicht beiderseits, wenn von Unnachgiebigkeit, Spaltungen und leider auch oft vom 'Sturm im Wasserglas', die Rede sein muß. Der Werdegang der Siedlungsgemeinschaft war nicht schmerzlos."
Siedlungsleitung und Genossenschaft
Wiederholt ist bereits darauf hingewiesen worden, daß die einzige vom Staat anerkannte juristische Person der Siedlung die Genossenschaft war, die "Sociedade Cooperativa Witmarsum" - (SCW), im Umgang meist nur "Sociedade" genannt.
Daraus ergab sich ein zwiespältiger Zustand, der als Unbehagen empfunden wurde, aber anscheinend nicht endgültig und zufriedenstellend gelöst werden konnte. Die Ursache dafür lag wohl darin, daß die Genossenschaft von ihrer wirtschaftlichen Potenz her, bestärkt durch ihre Legalität, durchaus bestimmend sein konnte, andererseits aber kaum in der Lage war, auch den gesamten kulturellen und kommunalen Bereich abzudecken. Eine gewisse Rivalität mit der gewählten Siedlungsleitung brach deshalb immer wieder auf.
Am 15. Dezember 1934 wurde auf einer "außerordentlichen allgemeinen Versammlung der Mitglieder der Genossenschaft" ein Beschluß gefaßt, der an sich einsichtig erscheint. Es heißt in dem Protokoll: "Da wir nur eine gesetzlich anerkannte Organisation haben, die landwirtschaftliche Genossenschaft, unsere selbstgeschaffenen bürgerlichen Dorfgemeinden mit den gewählten Schulzen und Oberschulzen aber für unser Fortbestehen als Organisation von großer Bedeutung sind, so beschließt die Versammlung, die jeweiligen Dorfschulzen als Obmänner der Sociedade zu bestätigen, ohne sie in ihrer Funktion zu beschränken. Die Dorfversammlungen sind als Teilversammlungen der Sociedade anzusehen, auf denselben haben folglich auch nur Mitglieder der Sociedade Stimmrecht. Beschlüsse der Dorfversammlungen gelten aber nur für diese, nicht für die Genossenschaft."
Wenn Walter Quiring diesen Vorgang in seinem Entwurf sehr negativ beurteilt, schrieb er wahrscheinlich im Sinne mancher Zeitgenossen, die das auch so sahen. Quiring unterstellt dem Vorsitzenden der Genossenschaft Heinrich H. Löwen Machtstreben mit der Absicht, die bürgerliche Verwaltung auszuschalten. Löwen sei mit dem Oberschulzen vom Krauel Peter Wieler nach Blumenau gefahren, um ihm dort von amtlicher Seite bestätigen zu lassen, daß eine unabhängige bürgerliche Verwaltung mit Polizeigewalt hierzulande ungesetzlich sei.
Quirings Urteil: "Nun erst hat Löwen wirklich freie Hand. Jetzt liegt die Verwaltung sicher in seinen Händen. Der Oberschulze ist ausgeschaltet, und der Verbindungsmann' (Peter Klassen) macht keine Ansprüche auf die eigentliche Leitung; ihm genügt der Schein."
Peter Klassen scheint mit dieser Einschränkung seiner Zuständigkeit als Siedlungsleiter auch einverstanden gewesen zu sein, obwohl er sie bedauert: "Leider fehlt uns für die Gesamtleitung der Siedlung eine einheitliche Linie", schrieb er in der von ihm herausgegeben Zeitschrift "Die Brücke". "Wir sind uns darüber bis heute nicht klar geworden. Trotzdem sehe ich die Dinge so, daß uns die Praxis von den Experimenten weg auf einen einfachen Weg gewiesen hat. Wir sollten den Vertrauensmann nicht in alle Einzelfragen des bürgerlich-wirtschaftlichen Lebens hineinziehen, sondern ihm in der Hauptsache die Vermittlung zwischen der Siedlung und den mennonitischen Komitees überlassen. Für das bürgerlich-wirtschaftliche Leben haben wir in der Sociedade eine stabile gute Organisation, zumal die Schulzenordnung hier im Lande nie eine administrative Vollmacht bekommen wird."
Der Zwiespalt ergab sich aus dem Anspruch einerseits und dem Unvermögen andererseits. Der Anspruch lag unterschwellig in der ganzen Gemeinschaft, der doch immer noch das Ideal einer straff geführten Siedlung mit bürgerlicher Ordnung und sozialem und kulturellem Aufbau vorschwebte. Das Unvermögen lag zum Teil in den politischen Gegebenheiten, zum Teil aber auch im Mangel an Persönlichkeiten mit der richtigen Haltung in der gegebenen Situation.
Peter Klassen brachte sein ganzes Unbehagen am Ende seiner Amtsperiode in einem Brief an B.H. Unruh zum Ausdruck: "Es hat sich hier etwas mit einem 'starken Siedlungsleiter!' Diese Stelle ist hier Vertrauensache. Keine Machtmittel als die der Gemeinde stehen hinter ihm. Wie oft klaffen hier Beschlüsse und Ausführung derselben weit auseinander. Da wir nur eine gerichtlich anerkannte Organisation haben, die SCW, gruppiert sich bei uns alles, was nicht rein kirchlich ist, um diese Stelle. Sie spielt natürlich dadurch in unserer armen Welt eine besondere Rolle, weil sich dort die greifbaren Dinge vorfinden. Man hat mir zuweilen den Vorwurf gemacht, ich ginge zu sehr mit H.H.Löwen. Das tue ich, weil dort die Wirtschaft konzentriert ist... Und doch; wenn auch ein Siedlungsleiter hier nicht Ähnlichkeit mit einem Oberschulzen früherer Prägung hat, so bin ich doch schon lange dafür, daß wir eine Stelle haben, von wo aus die Fragen energisch einer Lösung entgegengeführt werden, so daß es mir lieb wäre, wenn wir zu einer strafferen Ordnung kommen könnten..." (8.10.36).
Ordnung und Ordnungskräfte
In seiner richtungweisenden Wahlrede am 26. August 1933 hatte Peter Klassen den versammelten Siedlern noch einmal deutlich zu machen versucht, daß es darum ginge, alle Kräfte zu sammeln, um das, was man "mennonitische Siedlung" oder auch "mennonitisches Völkchen" nannte, wiederherzustellen und zu erhalten.
Ein wesentliches Motiv dabei war, auch nach außen hin den allgemein guten Eindruck, das Gesamtbild von den Mennoniten zu wahren. Um das zu erreichen, mußte die Bereitschaft zu einem gewissen Wohlverhalten, zum Einstehen für die gesellschaftliche Ordnung erreicht werden.
Die mennonitische Gemeinschaft hatte - wohl unbewußt - das Ideal der reinen Gemeinde "ohne Flecken und Runzeln" nach Epheser 5,27, das ein Ideal Menno Simons und seiner Glaubensbrüder gewesen war, auch auf eine geschlossene mennonitische Siedlung übertragen. Damit verband sich nun der starke Drang, die Mitglieder der Gemeinschaft zur Einhaltung der als richtig erkannten Ordnung zu bewegen und, wenn das nicht möglich sei, sie unter öffentlichen Druck zu setzen oder sie gar auch aus der Gemeinschaft auszuschließen.
Für eine normale polizeiliche Ordnung und öffentliche Gerichtsbarkeit waren die Führungskräfte der Siedlung nicht zuständig. Das hatte man inzwischen begriffen, wie aus der zitierten Fahrt Heinrich H. Löwens mit dem Oberschulzen Peter Wieler zur Polizeistelle nach Blumenau deutlich hervorgeht. Man hatte damit Abschied genommen von der aus Rußland mitgebrachten Vorstellung, daß Mennoniten in ihren geschlossenen Dörfern und Kolonien auch für polizeiliche Ordnung und Gericht verantwortlich sind.
Doch bei der Sorge um die Ordnung in der Siedlung ging es oft um Dinge, die nach dem öffentlichen Recht nicht verboten waren, um die sich der Siedlungsleiter aber zu kümmern hatte. Daraus erwuchsen ihm dann große Schwierigkeiten, weil seine Machtmittel begrenzt waren. Andererseits war aber gerade dieser Zustand der Anlaß für den Ruf nach Ordnung, nach einer starken Siedlungsleitung, nach dem "starken Mann."
Dazu ein Protokollauszug von einer Beratung der Siedlungsverwaltung vom 9. September 1933: "Peter Klassen macht darauf aufmerksam, daß am Krauel einige Glieder unserer Gesellschaft sich dem Schnapstrinken hingeben. Ob dagegen etwas zu machen wäre? - Auch wird darauf hingewiesen, daß das Betragen einiger Fuhrleute auf dem Weg nach Neu-Breslau und Hammonia manches zu wünschen übrig läßt. Altkolonisten beklagen sich über solche Personen. - Anknüpfend an solche Mißstände glaubt die Verwaltung berechtigt zu sein, gegen verschiedene Unordnung in der eigenen Gesellschaft vorzugehen."
Der "Schnapshandel" ist immer wieder Anlaß zu Beratungen. Protokoll vom 13. Oktober 1933: "Peter Klassen macht einige Mitteilungen über den Schnapshandel am Krauel. Nach Rücksprache in Hammonia und Blumenau besteht Aussicht, daß dem Händler das Handwerk gelegt wird. Wichtiger ist aber, was wir mit unsern Leuten tun. Wie können wir innerhalb unserer Gesellschaft vorgehen? Er macht den Vorschlag, hierüber öffentlich vor großen Versammlungen etwas Entscheidendes zu sagen. Auch müßten die kirchlichen Gemeinden von sich aus vorgehen!
J. Riediger: Wenn ein Familienvater durch Trinken seine Familie gefährdet, haben wir wohl das Recht, dagegen vorzugehen.'
Der Fall G.L., der in betrunkenem Zustand eine große Summe Geldes verspielt haben soll, wird besonders besprochen..
J. Riediger weist darauf hin, daß es Fälle gibt, bei welchen man sich fragt, ob die betreffende Person nicht auszuschließen sei von allem ...
Der Verwaltung der Sociedade soll gesagt werden, daß sie den Fuhrmann P.D. entläßt, weil er der Gesellschaft durch sein Verhalten keine besondere Ehre macht..."
Sorge machte auch Fehlverhalten und Randalieren Jugendlicher. Über den "Fall H.P." wurde am 8. Dezember 1933 protokolliert: "Zugegen sind außer den fünf Verwaltungsmitgliedern der Oberschulze von Auhagen W. Berg, die Schulzen P. Töws und Ewert, die beiden Ältesten Rosenfeld und Janzen, Lehrer D. Enns und H.H. Löwen... Es liegt ein Protestschreiben der Paca-Dorfgemeinde gegen das Verhalten des Jünglings H.P. vor, der Mitglied der Siedlung Auhagen auf Stoltz-Plateau ist. Es lautet: Ungefähr 10 Uhr abends am 26. September 1933 übte H.P. als Protest gegen ein übles Gerede, das gegen ihn auf der Serra geht, einen Überfall auf das Mitglied des Paca- Dorfes P.H. aus, indem er ihn veranlaßte, das Bett zu verlassen und den Versuch machte, ihn zu schlagen..."
H.P. wird aufgefordert, die Sache zufriedenstellend zu regeln.
"Im Falle der Verweigerung unserer obigen Forderung beauftragen wir den Vorstand unserer Siedlung (Schulze, Oberschulze, Siedlungsleiter), betreffende Sache mit Hilfe auswärtig zuständiger Personen in dem von uns gewünschten Sinne zum endgültigen Abschluß zu bringen."
Es folgen 18 Unterschriften.
Der Vorstand beratschlagte den ganzen Vormittag über den Fall, und er kam zu dem Schluß, "daß ein großer Teil unserer Jugend demoralisiert ist und wenig Achtung vor Älteren zeigt, vielleicht nicht ohne deren Schuld, wobei als ein Beispiel darauf hingewiesen wird, daß die letzte Bürgerversammlung auf Auhagen (Besprechung der Grundlagen für die neue Siedlungsverwaltung) schlimme Nachklänge bei der Jugend gezeitigt hat: Gewisse Uneinigkeit bei den Alten, Verhandeln über Prügelstrafe u.a. Das habe keinen guten Eindruck bei der Jugend gemacht. Auch die heutige Verwaltung habe wenig Achtung. Es muß Vertrauen zwischen jung und alt geschaffen werden."
Das Urteil über H.P. lautete: "H.P. wird aufgefordert, sein unehrerbietiges Verhalten gegenüber der Gesellschaft in Ordnung zu bringen. Wenn er das nicht tut, wird er als Mitglied der Gesellschaft ausgeschlossen." H.P. ging nach Blumenau und kümmerte sich nicht weiter um die gesellschaftlichen Beschlüsse.
Trotz Unvermögen und Widerwärtigkeiten schrieb Peter Klassen nach einer vierjährigen Amtszeit auf seinem unklar definierten Posten als Siedlungsleiter an B.H. Unruh, daß er nur eine, und zwar ganz bestimmte Linie gehabt habe: "Alles einsetzen, damit die einzige wirklich geschlossene Siedlung der Mennoniten in Brasilien erstarkt und gedeiht" (8.10.36).
Die Abhängigkeit von den Komitees in Europa
Die im August 1933 durchgeführten Wahlen machen auf den Leser jener Reden, Briefe und Protokolle einen seltsamen Eindruck. Der ganze Vorgang scheint unter einem gewissen Druck zu stehen, auf den oben bereits hingewiesen wurde.
Die europäischen Komitees, das HDEB und Prof. B.H. Unruh hatten ein sehr starkes Interesse sowohl an der Strukturierung der Siedlungsverwaltung als auch an deren Besetzung. So verständlich es ist, daß Gorter in Holland und Unruh in Deutschland es in Brasilien mit Partnern zu tun haben wollten, die sie kannten und denen sie vertrauen konnten, da es um den richtigen Einsatz ihrer Hilfsgelder und zum Teil auch um deren Rückzahlung ging, der Eindruck bleibt, daß der starke Druck von außen die internen Spannungen nur noch steigerte.
Peter Klassen sagte in der bereits zitierten Wahlrede mit Bezug auf den Punkt "Prof. B.H. Unruhs Forderung": "Ich weiß, daß ich jetzt an eine tiefe, nicht vernarbte Wunde rühre. Wir dürfen uns heute aber nicht von weichlichen Empfindungen leiten lassen. B.H. Unruh fordert, daß Heinrich Martins als vollberechtigtes Mitglied in einer künftigen Siedlungsleitung mitarbeitet. Erlaubt mir, daß ich, als einer, der Prof. B.H. Unruh zu verstehen versucht, euch obige Forderung erkläre. Prof. Unruh steht in einer weltweiten Organisation, die neuerdings wieder vor große Aufgaben gestellt ist. Diese Organisation braucht starke Stützen des Vertrauens von allen mennonitischen Gruppen, besonders aber von solchen, die Hilfe von ihr empfangen haben . . . Prof. Unruh sieht nun aber in H. Martins den Gewährsmann für die Erfüllung obiger Forderungen... Wenn ihr den Vertrauensmann B.H. Unruhs in die Leitung mit hineingewählt habt, dann habt ihr gezeigt, daß ihr wirklich die Neuordnung der Verhältnisse wollt..."
Die "Aussprache" vor der Wahl am 26. August 1933 zeigte die ungute Stimmung. "Die Versammlung ist sich einig darin, B.H. Unruh das vollste Vertrauen zum Ausdruck zu bringen, wünscht aber festzustellen, daß auf die Wähler kein Gewissenszwang ausgeübt werden soll," heißt es im Protokoll. Andere wiesen auf die Folgen hin, falls man den Vertrauensmann nicht wählen würde.
Die Sache war zerfahren. Martins selbst warnte davor, ihn zu wählen. Peter Klassen schrieb an Johann Riediger: "Selbst die, welche für Martins einstehen, können sich keine ersprießliche Arbeit denken, wenn Martins wirklich mit Hängen und Würgen durchkommt" (27.9.33).
Martins wurde wirklich mit in die Verwaltung gewählt, doch er ertrug die Spannung nur wenige Monate. Dann verließ er die Siedlung.
B.H. Unruh ließ seinen Druck noch nachträglich spüren. "Ich lehne eine Einmischung in Eure Wahlen ab," schrieb er an Klassen. "Ich habe Euch immer nur gesagt, daß ich eine vollwertige und vollwürdige Mitarbeit von Heinrich Martins verlange und daß ich zurücktrete, wenn eine solche Mitarbeit von Martins nicht möglich ist . . . Ihr könnt mir hierin nicht entgegenkommen, Ihr fühlt Euch vergewaltigt, Herr H.H. Löwen schreibt mir grobe Briefe und Du rätst mir, stiller zu werden" (4.1.34).
Dort die Forderungen der europäischen Komitees, die sicher alles dransetzten, den Siedlungen in Brasilien durch ihre Hilfe und Beratung eine gedeihliche Zukunft zu sichern, hier die ungeheure Siedlungsnot, die Abhängigkeit und die aufeinanderprallenden Meinungsverschiedenheiten.
B.H. Unruh empfand sie als Undank und Ungehorsam. Es klingt wie Resignation, wenn er schreibt: "Die Hälfte meiner Kraft ist zerstört worden durch den Unfrieden unter den Flüchtlingen. Das darf ich sagen, und das muß ich einmal ganz nackt aussprechen. Ich tue das nicht, um Euch traurig zu stimmen. Ihr werdet Euren Weg geführt werden, auch wenn ich Euch in Brasilien des weiteren nicht betreuen sollte. Es werden das dann andere machen. Ich möchte Euch aber bitten: Gebet der Welt nicht das Schauspiel eines unwürdigen Kampfes untereinander, wo unsere Gemeinden in Rußland buchstäblich zerbrechen" (8.5.34).
In einem andern Brief: "Ich wollte alles versuchen, um die Schuld der Ansiedlung bei der deutschen Regierung zu ermäßigen. Euer stinkender Streit verdirbt auch diese Sache. Ich habe es satt" (24.5.33).