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Deutsche im Sonnenland

 Walter Quirings Reise 1932/33

in die eben gegründeten Kolonien

der Mennoniten in Paraguay und Brasilien

Teil 12

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     Manchem meiner neuen Bekannten macht es Spaß mich durch irgendeine für ihn knifflige Frage in Verlegenheit zu bringen. So sagt einmal einer meiner Freunde während der Unterhaltung in größerem Kreise:

     „Dü, saj emaol,. Dü best doch son Schreftjeleeda, wo schrieft maun daut Woet Gurtjen op höogditsch?"

     Ich schreibe das Wort auf meinen Notizblock.

     „Na, heet, Du wetst aul noch," meint er bewundernd. Aber da mischt sich ein zweiter ein:

     „Jao, Gurtjen, dauts doch nuscht, aoba schriw emaol Keinhaon, daut es nigh so efach." Dass ich auch diese schwierige Aufgabe löse und richtig Kannenhowen hinmale enttäuscht ihn sichtlich.

     „Na, met däm ditschländschen Omtje mucht etj nijh schtriden," erklärt die Frau des Hauses. . .

     Fehrs haben einen Papagei, der Dick heißt. Ich bemühe mich vergebens um seine Freundschaft. Sobald ich meine Hand ausstrecke, um ihn zu berühren, haut er mit seinem krummen Schnabel nach mir.

     Jeden Morgen quäle ich ihn solange, bis er sich zu einem „guten Morgen" bequemt; aber unzählige Male plappert er dazwischen:

     „He? Wat sajhst?"

     Eines Tages erscheint ein Junge aus dem Dorf, während wir frühstücken. Dick ist gerade gut aufgelegt, und schnattert in einem fort:

     „Guten Morgen, guten Morgen."

     Als der Junge gar nichts antwortet, beginnt der Papagei unruhig auf seiner Stange hin und herzurutschen, plustert sich auf und kreischt ärgerlich ins Zimmer hinein:

     „Na, kaust nuscht sajen?"

     Erschrocken fährt der Junge zusammen, stottert seinen Spruch rasch zu Ende und bringt schleunigst die Tür zwischen sich und den frechen Vogel.

     Über ein Jahr bin ich nun schon im Chaco und beginne allmählich an die Weiterreise zu denken. Das Material für mein Chacobuch habe ich beisammen, und zwar in einer Ausführlichkeit, wie ich es mir anfangs gar nicht geträumt hätte. Auch rund sechshundert photographische Aufnahmen habe ich gemacht und etwa dreihundert in Menno von verschiedenen Freunden geschenkt bekommen.

     In allen Dörfern der beiden Ansiedlungen bin ich nun längere oder kürzere Zeit gewesen und glaube den Chaco jetzt einigermaßen zu kennen.

     Zum zweitenmal versammeln sich die Ohms und Komiteemänner beim Ältesten Martin Friesen in Osterwick, und ich lese ihnen den Teil meines Buches, der von Menno handelt, noch einmal vor. Besinnlich machen die Männer ihre sachlichen Einwendungen, und ich habe Gelegenheit, verschiedenes zu ergänzen und richtigzustellen, und nehme die Gewissheit mit, dass meine Ausführungen auch geschichtlich wahr sind.

      Von Osterwick reite ich Ende Juli noch einmal nach Fernheim, besuche dort einige Bekannten und verabschiede mich.

      Isaak Fehr hat sich erboten, mich an die Bahn zu fahren, und am 1. August treffe ich wieder in Laubenheim ein. Am zweiten bin ich bei D. R. Fehr zur Hochzeit eingeladen, und auf den dritten habe ich die Abreise festgesetzt.

     Spät brechen wir Sonntag nach Waldheim auf. Es soll dies meine letzte Ochsenfahrt im Chaco sein, und Tom und Bill zeigen noch einmal, was sie leisten können. Diese kanadischen Wagen sind übrigens eine Sehenswürdigkeit. Sie sind ziemlich breit und tragen ein hohes, viereckiges Dach aus Blech, über das im Busch die Äste immer so schön kratzend und klappernd rumpeln. Das ist nichts für nervöse Leute.

      So sitzen wir bei dem kühlen Wetter unter dem schützenden Dach auf richtigen Stühlen. Ganz sachte, Schritt um Schritt, geht die Fahrt. In zwei Stunden sind wir am Ziel. Durch die Drahtgitterfenster hören wir das verheißungsvolle Klappern des Geschirrs.

     „Da kommen wir offenbar gerade recht", meint Fehr, und richtig: wir werden sofort zu Tisch gebeten. Pflaumenmus und gekochtes Schinkenfleisch, das überlieferte Festessen. Während der Mahlzeit wird kaum gesprochen, nicht nur weil jeder mit sich selber beschäftigt ist, es scheint das in Menno so Sitte zu sein.

     Dann gehen wir wieder hinaus auf den Hof, denn die Zimmer werden heute anderweitig benötigt. Es ist draußen etwas wärmer geworden.

     Bald nach dem Mittagessen beginnen die Hochzeitsgäste einzutreten, zu Fuß und auf Ochsenkarren. Viele der Mumtjes bringen in Tücher gebunden Geschirr mit, Tassen und Kaffeekannen, um der Hausfrau auszuhelfen. Manche haben in dem runden Blechkessel auch noch Milch zum Kaffee mitgebracht. Das ist eine schöne überlieferte Sitte, die sich mit manchen anderen im Chaco hoffentlich noch lange halten wird. Auch backen helfen alle Frauen des Dorfes bei solchen Gelegenheiten.

     Fehr hat anschließend an das Wohnhaus aus Zeltbahnen einen größeren Raum hergestellt, in dem die Trauung stattfinden soll. Wir warten noch auf einen verspäteten Gast, den Vorsänger, einen Mann übrigens, der sich erlaubt, gegen den Strom zu schwimmen. Er hat sich nämlich den Bart stutzen lassen und trägt ein Ziegenbärtchen. Und trotz aller Vorstellungen und Ermahnungen der Gemeinde will er von dieser Ketzerei nicht lassen.

     Die verlesene Hochzeitspredigt ist nur kurz. Die Brautleute müssen aufstehen und die üblichen Fragen beantworten. Dann werden sie eingesegnet.

     Da es unterdessen Kaffeezeit geworden ist, singen wir draußen gemeinsam auch gleich das Tischlied.

     Aber dieser Kaffeetisch würde auch jeder Hausfrau in Deutschland Ehre machen. Und diese Torte! Sie könnte auch ein Konditor nicht appetitlicher herstellen. Und dann erst die Kuchen! Auch die russischen „Grufnitj", die mir solange nicht mehr begegnet waren, stehen hier auf dem Tisch. Dazu selbstverständlich Bohnenkaffee, Twebaktjes on Tjrinjel.

     Beim Kaffee ist die Unterhaltung schon reger als beim Mittagessen, aber es gelingt mir nicht, festzustellen, ob das Überlieferung oder Zufall ist. Bedient werden wir nicht von Mädchen, sondern von jungen Männern in weißen Schürzen.

     Die Jugend sammelt sich gegen Abend im Dachgeschoss und ich höre durch das Drahtgitter recht flotte Saitenmusik. Förmlich ausgehungert bin ich auch nach Musik, aber jetzt will ich alles das bald nachholen.

     Endlich um neun werden unsere Ochsen eingespannt, und wir reisen nach herzlichem Abschied von all den guten Bekannten und Freunden ab.

     Es ist wieder einer der stillen, so stimmungsvollen und silbrighellen Chacoabende, wie ich sie nun schon so viele erlebt habe.

     Schweigend fahren wir durch den schlafenden Busch. Fehr wirft ab und zu eine Frage, einen Satz hin, aber ein Gespräch will nicht im Schwung kommen. Ich bin einsilbig und mit meinen Gedanken nicht mehr so ausschließlich im Chaco wie bisher.

     Um halb fünf Uhr schon rasselt der Wecker neben meinem Bett. Ich habe noch keine Lust aufzustehen, aber da erscheint auch schon Fehr mit dem heißen Mate im Flaschenkürbis. Frau Fehr hat uns heute ein ganz besonders kräftiges Frühstück gerüstet.

     Der Abschied von meinen Freunden ist herzlich. Es sind viele gute Eindrücke und wertvolle Erinnerungen, die ich aus Menno mit hinausnehme. Alle diese konservativen Kolonisten waren bei allen Gelegenheiten gastfrei und nett, und erleichterten mir meine Arbeit, wo immer sie konnten. Hausmütterlich hat auch Frau Fehr wochenlang für mich gesorgt und sogar meine Wäsche für die Reise gerüstet.

      Ich will noch etwas sagen, aber Fehr schneidet mir die Frage ab: „Na, fang ja nicht etwa an, von Bezahlen zu sprechen, sonst ist es aus mit unserer Freundschaft... Sont es bi ons nijh Mod."

    Diesmal sind es Maultiere Queen und Nelly, die uns ziehen sollen. Schon in wenigen Minuten sind wir an dem verzwickten Krüppelwald, und ich wende mich noch einmal um und werfe einen letzten Blick auf das kleine Dörfchen im Sand, das gegen mich so gastfrei gewesen ist.

      Wir nehmen den Weg über Lindenau, wo der junge Peter Fehr wohnt. Er hat letztes Jahr rund 4000 Kgr Baumwolle geerntet und diese für 16,000 Pesos verkauft. Er und sein Bruder wollen mich bis an den Hafen begleiten, „doamet Du unja de schpaonsche Junges nijh noch feloeren jeist," sagt Fehr mit einem Unterton freundlicher Besorgnis.

     Nachts ist es wieder recht kühl gewesen, und wir freuen uns, als die Sonne erst von oben in den Busch zu gucken beginnt.

„Der Bote" Mittwoch, den 22. Juli 1936

 

 

     Und dann kommt der große Augenblick, wo ich die Ansiedlung und diese Urwaldeinsamkeit für immer verlasse. Ich bin in Feiertagsstimmung. Ein ganzes Jahr Chaco! Zwölf Monate fleißiger Arbeit in der Wildnis! Und nun ist es geschafft. Nicht ein einziges Mal bin ich krank gewesen, trotz Blattern, Typhus, Malaria, Trachom und anderen Krankheiten, unter denen die Kolonisten zu leiden hatten.

     Ich gehe ein Stück zu Fuß vorauf, gebe es aber bald wieder auf. Sand und Staub sind hier sehr tief, und ich klettere doch lieber auf den Wagen. Meinen Sitz habe ich in dem großen Kasten hinten auf einem Bündel Reissstroh. Werde ich vom Sitzen müde, so kann ich mich auch ausstrecken. Das ist auf die Dauer sehr angenehm, denn es „stuckert“ geradezu unheimlich. Irgendwann einmal sind die Baumstubben zwar so tief wie irgendmöglich abgehauen worden, dann aber gingen schwere Kolonistenwagen tausende Male über sie hinweg. Immer tiefer wurden dadurch die Löcher und immer höher die Stumpen. Und nun rasselt unser Wagen über sie hinweg, dass es manchmal kracht und knackt, als müssten die Räder unter uns zusammenbrechen.

    Bis zur Bahnstation sind es rund siebzig km, und als wir etwa die Hälfte des Weges zurückgelegt haben, wird unter einem mächtigen Quebrachobaum Rast gemacht. Unsere Maultiere bekommen Reisstroh vorgelegt, das sie gern fressen.

    Auch wir wollen Mahlzeit halten. Der Fehrsche „Äteskausten“, die Futterkiste, ist von stattlichem Umfang. Aber was hat Mutmtje Fehrsche uns nicht auch alles hineingepackt! Eier, Fleisch, Ölsardinen, Obst in Büchsen und Pressobst, Schnettje, Kuchen, Piroschtji und anderes. Für mich liegt sogar noch ein besonderes Paket bereit, das ich auf der Flussreise verzehren soll, obzwar man auf den Schiffen gut verpflegt wird.

      Dann „stuckern“ wir wieder. Wir passieren Hoffnungsfeld und Pozo Azul, wo unsere kanadischen Kolonisten 1927 lange gelebt und gelitten haben. Dort am Buschrand sehe ich den vernachlässigten Friedhof — eine Reihe verwaschener Hügel mit einigen gebleichten Sandsteinen als Grabmäler.

      Weiter… Busch und Kamp, Kamp und Busch... Es staubt ungeheuer, und meine Sonnenbrille wird immer wieder völlig undurchsichtig. Die hohen Räder schaufeln mir mit Hilfe des Windes ganze Ladungen voll Sand ins Gesicht. Aber was schadet das, es geht ja ostwärts, heimwärts...

     Gegen Abend sehe ich weit vor uns auf einem Kamp den Bahnhof auftauchen, den schon bekannten Wellblechschuppen. Aber hier hat sich im letzten Jahr mancherlei verändert. Km 145 ist Endstation auch für einen Heeresabschnitt, und ein großes Militärlager mit Proviant-häusern, Verwaltungsgebäuden, Krankenhaus usw. ist auf Fred Engen entstanden. Hier sehen wir auch die von den bolivianischen Bombenabwürfen herrührenden tiefen Erdtrichter.

     Vor dem Schuppen steht eine Reihe deutscher Wagen. Auch meinen Freund Harder aus Weidenfeld treffe ich hier. Er schenkt mir gleich eine prachtvolle Apfelsine. Wie gut die schmeckt! Das ist hier wirklich ein Geschenk, besonders nach dem langen Fasten im Chaco, wo dem Körper Obst und Gemüse völlig fehlten.

      Unversehens bricht der Abend herein. Ich habe etwas Wasser aufgetrieben zum Waschen, und dann kochen wir uns einen Yerba. Brennholz liefert der schwere Palysander, dessen weihrauchähnlicher Brandgeruch mir noch lange erinnerlich sein wird. Der Bahnvorsteher räumt uns in einem Winkel seines Schuppens einen Platz ein zum Schlafen. Das ist eine große Vergünstigung, die nur wenigen gewährt wird.

     Nachts erwartet man einen Militärzug aus Casado, und wir wollen versuchen mit diesem mitzukommen.

     Aber an Schlafen ist bei dem Krach nicht zu denken. Das ist ein Schreien, Kommandieren, Autohupen die Nacht hindurch, dass wir gar nicht zur Ruhe kommen können. Gerade bin ich etwas eingenickt, als ich draußen eine Frau durchdringend aufschreien höre. Das war beinahe kein menschlicher Schrei mehr. Ich höre Hilferufe und Laufen, Schuss fällt, und dann ist es wieder still. Eine der vielen Tragödien im Urwald. Schnaps und Weiber...

      Um Mitternacht trifft unser Zug aus dem Hafen ein. Ich lausche mit Wonne dem Prusten der Lokomotive. Beinahe wie Musik klingt mir das, und ich habe das Empfinden, als komme der Zug nur, um mich abzuholen. Die Verbindung mit der großen Welt dort draußen wird wieder hergestellt. Erst hier kommt es mir so recht zum Bewusstsein, wie unendlich einsam unsere Leute in dem weltentrückten Chaco doch leben!

      Das Liegenbleiben hat unter diesen Umständen doch keinen Zweck mehr, und wir stehen auf. Indianer, hier sind es die Tobas, verladen beim trüben Schein einiger Laternen die Chacobaumwolle. Immer Ballen zu 70 kg. Ein ganzer hoher Berg liegt da aufgestapelt vor dem Schuppen. Deutscher Fleiß! Weißes Gold der buschbedeckten Sandwüste des Chaco geborgen. Wäre nicht die glühend heiße Chacosonne, dann müsste diese Baumwolle jetzt noch vom Schweiß der deutschen Siedler tropfen...

     Wir suchen uns einen Wagen aus, der zur Hälfte mit Kartoffeln und zur anderen mit Baumwolle beladen ist. Hier hoffen wir ungestört schlafen zu können. Die Baumwollballen sind nicht hart, und wir bauen uns eine bequeme Bettstatt.

     Ein und wieder wird die Tür aufgerissen, da auch viele Kranke, Verwundete und Urlauber mitverladen werden.

     „Waut es?“ fragt Fehr dann.

     „Ah, mennonitas!“ und die Tür wird sofort wieder respektvoll zugeschoben. Wie rohe Eier behandelt man die „mennonitas“, denn diese Pioniere bedeuten für Paraguay ein Kapital, ein ganz großes Vermögen.

     Nun können wir unseren versäumten Schlaf sozusagen ohne Übereilung nachholen, denn unser Zügle braucht für die 145 km diesmal 16 Stunden.

     Das Land scheint hier, nach dem höheren Busch zu urteilen, besser zu sein als im Inneren des Chaco, aber die häufigen Überschwemmungen machen eine Besiedlung unmöglich. Etwa gegen fünf Uhr abends sehen wir vorne Hügel auftauchen, die schon am Ostufer des Flusses liegen. Wie wohl diese erste Ausweitung des Blickes doch tut! Es sind jenes die ersten Bodenerhebungen, die ich seit einem Jahr zu Gesicht bekomme. Über ein Jahr hat der Blick auf den kleinen Urwaldkämpen nie weiter als drei bis vier Kilometer vorstoßen können. Und dort schimmert auch schon ein Zipfel des Paraguayflusses durch.

    Als der Zug sich unserem „Hotel“ nähert, springen wir ab, laufen neben dem Zug her und heben nacheinander unser Gepäck herunter, um dieses nicht so weit schleppen zu müssen. Dort rechts liegen die langgestreckten Baracken, in denen die Einwanderer aus Kanada vor Jahren der Tropensonne schmorten und starben. In der Ferne blinken durch die Bäume weiße Grabsteine, unter denen 110 deutsche Heimatsucher der Ewigkeit entschlafen. Massengräber der Eroberer des Chaco!

     In einem Hotel steht ein Bursche, der uns gelangweilt entgegenguckt. Uns zu helfen fällt ihm nicht ein, dazu sehen wir zu sehr nach dem Chaco aus.

     Nachlässig trottet er voran und schließt die Tür eines Zimmers auf, d. h. er gibt der Tür einen Fußtritt, dass sie krachend auffliegt.

     „Da wären wir also!“ meint Fehr.

     Ich sehe mich in dem Zimmer um. Die Wände sind mit tausenden von Mücken geradezu besät. Gut also, dass wir auf Vorrat geschlafen haben. Zwei steinerne Betten ohne Matratzen und ein wackeliger Stuhl bilden die Ausstattung.

„Der Bote" Mittwoch, den 29. Juli 1936

     Als wir uns etwas hergerichtet und auch in die Fehrsche Futterkiste noch einmal Einblick genommen haben, gehen wir an den Hafen. Die „Pingo“ hat gerade angelegt.

     An der Anlegestelle ist ein riesenhafter Baumwollballenhaufen aufgestapelt, den der Hafenbesitzer, Jose Casado, gerade mit Kennerblicken begutachtet. Diese störrischen „mennonitas“! Was die nicht alles fertigbringen! Die sind auch für ihn eine wahre Fundgrube. Gelingt deren kühner Versuch, dieses wilde Urwaldgebiet, das nicht viel kleiner ist als Deutschland, zu erschließen, dann steigt der Preis seines Landes (es sind immer noch zwei und einhalb Millionen Hektar!) um das Vielfache. Misslingt das Unternehmen aber, dann nimmt den Chaco im nächsten Jahrhundert kein Mensch mehr nicht einmal umsonst.

     Der Dampfer fährt von hier erst noch flussaufwärts bis zum „Hafen“ Sastre und soll dann gegen morgen wieder in Casado sein. Das bedeutet für mich eine dritte schlaflose Nacht.

      Dem Asuncioner Vertreter Fernheims, Franz Heinrichs, habe ich mein Eintreffen drahtlich gemeldet. Wir holen gleich mein Gepäck herüber. Es ist unterdessen dunkel geworden, und ich freue mich an dem hübschen Bild, das die erleuchtete „Pingo“ bietet. Das Auge wird im Chaco nicht verwöhnt und ist sehr bescheiden geworden. Meine vierbettige Kabine hat fließendes Wasser, und was viel wichtiger ist: saubere Betten!

     Wir haben noch eine Stunde Zeit, und setzen uns in den hübsch ausgestatteten Speisesaal und trinken eine Rosellelimonade. Ganz vornehm komme ich mir vor. Ist das ein Gegensatz zum Chaco!

      Höflich verneigt sich der Kellner und nimmt meine Wünsche entgegen: „Si senior!“ Jawohl, mein Herr! Unnachahmlich ist dieses „Si, senior!“ der südamerikanischen Kellner. Die ganze Gefühlsskale einer Dienerseele ließe sich daran ablesen, wenn nicht auch immer so viel Selbstbewusstsein und Würde durchklänge.

     Weit, weit weg ist plötzlich mein Chaco. Dort irgendwo weit drin im Busch liegt er, fast traumhaft fern...

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