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Deutsche im Sonnenland
8. Vier Tage Ochsenfahrt.
Unseren Güterwagen haben wir bald wohnlich eingerichtet, und es dauert nicht lange, bis der Tee kocht. Ein grösserer Koffer dient als Tisch und die kleineren Kisten als Stühle.
Während wir Vespern gehen Indianer-Männer, Frauen und Kinder an unserer Wagentür vorüber und schielen neugierig zu uns herein. Eine Gruppe bleibt vor der Tür stehen, und der Häuptling, den ein buntes Stirnband kennzeichnet, fragt zu unserem grössten Erstaunen plattdeutsch: „Na, faspa Ji aul?“
„Jav, kaust Dü plautditsch?“ frage ich.
„Vestje. Wo hetst?“ ist die Antwort.
Ich nenne meinen Namen, aber er bemüht sich vergebens, ihn auszusprechen.
„On wo hetst Dii?“
„Nazike (Häuptling) Panna“.
„On de?“ frage ich und zeige auf einen alten braunen Herrn.
„Sprijack“.
„Sprijack!?“
„Jao. Daut Lews, daut Hibat.“ und er stellt mir seine Gefolgschaft vor. Seine Sippe ist kürzlich aus dem Chaco-Inneren hierhergekommen, um am Hafen zu arbeiten.
Als ich den Wagen verlasse, bin ich bald von den Rothäuten umringt. Mein blauer Anzug erregt ihre allergrösste Bewunderung und sie bestürmen mich, ihn oder doch wenigstens Hose oder Weste zu verkaufen.
„Gif Beso“, sagt der Häuptling, und hält mir einen der schmierigen, abgegriffenen Paraguayer-Scheine hin, dessen Wert 25 Pfennig gleichkommt. Aber als ich auch auf das vorteilhafte Angebot von hundert Pesos nicht eingehen mag, wird das Interesse an mir sichtlich geringer. Die Rothäute sehen in mir einen unerfahrenen Menschen, der vom Wert des Geldes keine Ahnung hat.
„Der Bote" Mittwoch, den 15. Januar 1936
Gegen Abend trifft eine Anzahl Fuhrwerke aus Fernheim ein, die uns abholen sollen. Sehr vornehm sehen unsere Siedler nach der anstrengenden Fahrt in Sonnenglut und Sandsturm wahrhaftig nicht aus. Viele gehen barfuss, manche tragen auch Sonnenbrille und Strohhut, und der Eindruck der Verwilderung wird durch den verstaubten Stoppelbart noch erhöht.
Um sieben Uhr früh soll unsere Ochsenfahrt beginnen, und mit deutscher Pünktlichkeit bin ich zur Stelle. Aber von unseren Fuhrleuten ist niemand zu sehen. Wir warten eine Stunde, zwei und drei, aber niemand lässt sich blicken.
Da endlich um elf erscheinen sie mit ihren Ochsen am Buschrand.
„Daut es hia nijh so aus en Rußlaunt,“ meint Balzer, ein Bekannter aus Orenburg, mit dem ich mitfahren soll, „de Oise gaone tseaowest em Bosch, on tjena met, woa de Tiere hanbeiseln...“
Aber wenn ich glaubte, dass nun eiligst eingespannt werden würde, so sehe ich mich getäuscht. Der Begriff der Zeit scheint unseren Kolonisten im Chaco zum Teil abhandengekommen zu sein. Immer wieder wundere ich mich über ihre geduldige Ruhe.
Unser Gepäck wird erst gewogen, und auch wir müssen uns auf die Waage stellen, weil die Fuhrleute nach dem mitgebrachten Gewicht entlohnt werden.
Kurz vor zwölf Uhr mittags sind wir endlich so weit. Ich gehe voraus in den wunderreichen Urbusch hinein, voller Spannung, ihn kennenzulernen. Der Weg ist sandig, und von Norden fegt ein heftiger Sturm über Busch und Kamp, so dass wir bald in eine grosse Staubwolke gehüllt sind.
Die Wegschneise ist nur schmal, weil es viel Arbeit gekostet hätte, sie weiter auszuhacken. Ich gehe weit voraus und freue mich an der Unberührtheit, der Wildheit und Stille des Busches. Auch hier ist er nur niedrig und sehr trocken, und nur vereinzelt sind auch höhere Bäume zu sehen. Der Wald scheint sehr dicht zu sein, und ein Eindringen in ihn ist sicherlich gänzlich unmöglich.
Abends um acht sind wir auf der ersten Futterstelle. Langsam klettern die Fuhrleute von den Fuhren herunter, nachdem sie sich einige Minuten darüber unterhalten haben, ob wohl die Weide hier gut sein werde. Die Ochsen werden ausgespannt und mit einem Klaps auf Rist oder Schenkel „hao, Ohla“ in den weiten Busch entlassen. Wohin sie sich wenden werden und wo sie am nächsten Morgen zu finden sein mögen, weiß der Besitzer nie.
Rasch wird Reisig gesammelt, an dem hier kein Mangel ist, ein Knippel wird zwischen die Speichen gesteckt, an seinem Ende ein Kessel aufgehängt, und der Herd ist fertig. Bald kommen weitere Fuhrwerke von der Bahn nachgefahren, andere treffen aus Fernheim ein, und allmählich bilden wir ein richtiges, belebtes Lager. Der Mate-Tee schmeckt nach dem drückend heißen Nachmittag ganz vorzüglich.
Um fünf Uhr etwa hat der Sandsturm ganz plötzlich aufgehört, und bald darauf ist unvermittelt die Dämmerung hereingebrochen. Nun liegt über dem Busch eine eigenartige, fast feiertägliche Stimmung, hervorgerufen auch durch das eigentümliche zarte Licht des Mondes.
Auf ebener Erde neben den Wagen haben wir unsere Lager gerichtet. Aber ich mag noch nicht schlafen gehen und spaziere auf der Straße ein Stück in den Busch hinein, der wie ausgestorben daliegt. Die Lautlosigkeit ringsum ist von einer fast unwirklichen Innigkeit, sie fesselt den Fremden, indem sie Ahnungen und Erinnerungen wachruft, und nimmt ihn völlig gefangen.
Irgendein Tier, wahrscheinlich ein Fuchs, tritt aus dem Busch auf meinen Weg, bleibt verwundert stehen und blickt mich lange an. Schließlich trottet es ohne Eile weiter. Von fernher tönt plötzlich in die Stille der abgestufte Lockruf eines unbekannten Vogels.
Schließlich strecke auch ich mich auf dem Lager aus, das Balzer mir so weich wie möglich gerichtet hat. Aber schlafen? Unmöglich. Ganz von selber wandern die Gedanken unserem Tempo voraus in den Chaco und dann rückwärts, heimwärts nach Deutschland, bis sich der Blick in den unbekannten Sternen, im Kreuz des Südens, fängt. Wie in einem Brennpunkt verdichtet sich das Erlebnis dieser ersten unvergleichlichen Tropennacht im Tasten der Seele nach dem Ursprung aller Dinge.
Auch am zweiten Morgen können wir nicht gleich losfahren, denn wieder müssen die Ochsen bis Mittag gesucht werden. Dadurch kommen wir bald in die größte Hitze hinein. Der löcherige und mit vielen Stumpen besetzte Weg wird ständig sandiger und staubiger und unser Wagenzug ist immer eine einzige große Staubwolke. Ich gehe wieder viele Kilometer zu Fuß voraus, und kann daher von Zeit zu Zeit im Schatten und in staubfreier Luft etwas ausruhen.
Abends sind unsere „Charbiner“ müde zum Umfallen und verzichten sogar auf das Abendessen. Nur trinken, trinken...
Ich habe in der ersten Nacht etwas rascheln hören, mag daher nicht mehr auf der Erde liegen und richte mir ein Lager auf der harten Salzfuhre. Unsere Fuhrleute schmunzeln nachsichtig: sie selber scheinen die Schlangengefahr nicht ernst zu nehmen. Wir sehen sie auch nachts barfuß durch das etwa einen Meter hohe Kampfgras gehen.
Lange Strecken sitze ich während der Fahrt auch auf dem Wagen, und Balzer erzählt nun von ihrem schweren Anfang im Chaco. Ihre Einnahmen seien vorerst zwar gleich Null, aber dafür sei das Leben hier auch billig. Sie bräuchten im Winter weder Brennmaterial für die Öfen noch Futter für das Vieh, doch sei der Verbrauch an Kleidern und Wäsche wegen der Hitze, des ewigen Schwitzens und der Arbeit in dem stacheligen Busch außerordentlich groß. Wir alle sehen bald so grau aus wie der Chaco selber – unglaublich verstaubt. Die Kleider unserer Fuhrleute sind beim Ochsensuchen in dem dornigen Busch vielfach zerrissen. Auch ich lasse mich mit Wonne verwahrlosen. Die bald eine Woche alten Bartstoppeln, der schmutzige Kragen, der verknitterte und verstaubte Anzug – alles das wirkt wie eine Schutzfarbe, und die vielen Militärwagen, denen wir begegnen, interessieren sich nicht weiter für mich.
In Hoffnungsfeld, einer größeren Militärstation, sind wir noch 12 km von der Ansiedlung Menno entfernt, und ich bringe mein Äußeres wieder etwas in Ordnung. Aber das wird mir beinahe zum Verhängnis. Gleich der erste Kraftwagen hält uns an. Die vielen Blicke aus den kohlschwarzen Augen der Paraguayer durchbohren mich förmlich.
„Da haben wir einen bolivianischen Spion erwischt!“ lese ich in ihren Augen.
Zwei Offiziere kommen an unseren Wagen.
„Mennonita?“
„Ja.“
„Ihren Pass, bitte.“
Einer der Offiziere klettert auf den Wagen, und als er meinen Koffer und seinen Inhalt sieht, entfährt ihm ein überraschtes „Ah!“
Aber wieder tut mein Passierschein seine Wirkung. Die Offiziere werden sehr höflich und reichen mir die Hand:
„Auf Wiedersehen, Doktor.“
Am dritten Reisetag nähern wir uns dem ersten Dorf der Canada-Deutschen, Gnadenfeld. Lange fahren wir in der Dunkelheit durch den engen Busch, bis sich endlich ein Kamp auftut. Unsere Fuhrleute halten gleich am Buschrand und spannen die Ochsen aus.
Als die Tiere zum Tränken ins Dorf geführt werden, gehe ich mit. Der helle Mond lässt uns das Dorf ziemlich gut erkennen. Die mit hohem Bittergras bewachsene Straße ist etwa dreißig Meter breit und wird von einem Stacheldrahtzaun abgegrenzt. In der Nähe der verschließbaren Tore liegt das Vieh angebunden im Pferch – wie in Russland. Und ziemlich weit weg von der Straße sehe ich die schilfgedeckten Häuschen der Siedler. Nur wenige sind geweißt und mit Blech gedeckt.
„Der Bote" Mittwoch, den 22. Januar 1936
In dem mit fahlem Licht übergossenen schlafenden Dorf ist es fast unheimlich still. Nirgends schlägt ein Hund an, obwohl unsere Ochsen mit ihren Glocken ziemlich viel Geräusch verursachen.
Wir müssen weit in das langhingestreckte Dorf hineingehen, um einen Brunnen zu erreichen, diese sind hier noch selten. Balzer geht an eines der kleinen Häuschen, die statt der Glasfenster nur Drahtgitter haben, heran und fragt:
„Onkel?“
„Wat is?“ höre ich drinnen eine verschlafene Stimme.
„Tje, wi bi dän Oss’e dränke?“
„Jao, oba nijh tjitern...“
Das Wasser wird mit einer Winde, der „Wrann“, hochgezogen. Nicht weit weg von der Straße steht auch der oben runde Backofen, und auf den Pfählen des „Hocks“ hängen einige „Schabaltjes“, die unsere Mädchen beim Melken brauchen. Durch das Fenster höre ich das gleichmäßig abgemessene Ticken einer Wanduhr:
„Dut mott ne Tirrejuschklock senne,“ meint Balzer.
Eine eigenartige Stimmung drängt sich mir bei dieser ersten Berührung mit meiner Vergangenheit auf, und ich spüre, wie stark doch in unseren Russlanddörfern die Eindrücke der Jugend gewesen sind. Wie weggewischt sind die langen mit ganz anderem Erleben ausgefüllten Jahre der Trennung, und wie ausgelöscht die mannigfachen Eindrücke in völlig verschiedener Umgebung. Ich habe das Gefühl, als sei ich niemals weggewesen von meinen Volksgenossen...
Unsere Mitreisenden schlafen schon, als wir zum Wagen zurückkehren. Sie haben sich weder durch Wasser erfrischt, noch einen Tee getrunken, eine Lebensweise, die den Körper in diesen ungewohnten Verhältnissen bald zum Erliegen bringen muss.
Ich kann den Morgen kaum erwarten, und als einer der Ersten bin ich zum Aufbruch bereit. Nach dem Prips gehe ich zu Fuß durch Gnadenfeld, um besser beobachten zu können. Die Lehmhäuschen sind fast ausnahmslos klein, was daran liegt, erklärt mir Balzer, dass sie im Busch nur schwer geeignetes Bauholz finden. Aber auf den meisten Höfen ist doch rühriges bäuerliches Leben zu sehen. Hier „klebt“ jemand eine neue Scheune, dort wird der Stacheldrahtzaun, der um das ganze Grundstück läuft, ausgebessert, ein Dach geflickt oder neu gemacht...
Mitten im Dorf begegne ich dem ersten Siedler, einem Harder. Ich begrüße ihn und frage, wie es ihm hier gefalle.
„No“, sagt er, „mi sust Dü doannao nijh fröagen. Wo saul etj fom Tschako Godet sajen, wan etj noch emma fom canaudjichen Zelt tosett.“
Harder fragt nach meiner Hantierung, und als er hört, dass ich aus Deutschland komme und Lehrer bin, wird er merklich kühler und redet mich mit „Er“ (Se) an.
Einige Häuser weiter stoße ich auf einen alten Siedler; es ist Prediger Johann Sawatzky.
„Wie es mir gefällt?“ sagt er, „ganz gut bis jetzt. Ich glaube, dass wir uns hier werden halten können.“
Da sehe ich, dass Harder mir gefolgt ist: auch er hat die Worte des Ohms gehört.
„Na, Ohm Sewautitje“, sagt er, „ji se wada sea motijh, oba nämt blot emaol de Schaubeln; de senn doch aula voll Warm on Tinipaich.“
„Daut es je so“, entgegnet ruhig der sympathische Ohm, „oba de hannt je de Backen...“
Ich weiß zwar nicht, was er damit sagen will, aber ich schlussfolgere, dass es hier noch sehr viele ungelöste Probleme gibt, was mein Studium ohne Zweifel umso reizvoller machen wird.
Angrenzend an Gnadenfeld liegt Heidenfeld, das schon einige verhältnismässig größere Gebäude aufzuweisen hat. Hier gibt es auch einen bescheidenen Kaufladen, den ich mir ansehe.
Die Landschaft blieb sich die Tage hindurch völlig gleich. Stunde um Stunde fahren wir durch den dornigen Krüppelwald und treffen nur gelegentlich eine freie Urwaldblöße, einen Kamp. Auf solchen Kamps sind auch die deutschen Dörfer angelegt.
Am 21. Juli fahren wir spät abends durch Rosengart und Schöntal der Ansiedlung Menno und kommen zu unserer letzten Futterstelle.
Weit vorn sehen wir einen weithin leuchtenden Kampbrand, an den wir heranmüssen. Eine starke Hitze schlägt uns hier entgegen, aber die Ochsen bleiben gleichmütig, und wir kommen gut vorbei.
Unter einem Baum mit weitausladenden Ästen machen wir halt, lassen die Ochsen los, machen Feuer an und lagern uns auf dem ausgebreiteten Segeltuch. Es ist jeden Abend wieder reizvoll, das Kampieren unter freiem Himmel, unter diesem Himmel.
Aber unsere Fuhrleute sollen diese letzte Nacht kaum zum Schlafen kommen. Ihre Ochsen sind hier, so nahe an der Ansiedlung, unruhig und müssen gehütet werden. Dabei sind die Männer im Busch unvermutet auf einen Silberlöwen, vielleicht war es auch ein Jaguar, gestoßen, der seine Anwesenheit zum Glück durch drohendes Knurren angemeldet hat. So konnten sie ihm in weitem Bogen aus dem Wege gehen.
Endlich bricht unser letzter Reisetag an, sonnig und verheißungsvoll. Schon um neun Uhr früh erreichen wir den sog. Corporationsbrunnen, einen geschichtlichen Kamp, auf dem die meisten der Einwanderer nach ihrer Ankunft längere Zeit gewohnt haben. Ein Prediger Unruh aus Lichtfelde steht an dem Ziehbrunnen und füllt die Tröge für das Vieh, das aus dem Busch hierher zur Tränke geführt wird.
Die letzte Wegstrecke führt uns durch eine schnurgerade Waldschneise Philadelphia, der Stadt, zu. Im Busch begegnen wir einigen Fernheimern zu Fuß, die freundlich grüßen. Und dann kommt endlich der große Augenblick.
„Nu se wi doa,“ sagt Balzer, als wir aus dem Busch wieder auf einen Kamp kommen, einen Kamp, der genau so aussieht, wie hundert andere auch, die ich in den letzten Tagen gesehen habe.
„Es ditt de „Staut“?“ frage ich. „Ajo, ditt es se.“
Aber ich sehe vorerst gar nichts, als die große baumbestandene Lichtung. „De Hüsja senn doa hinjrem Bosch“, erklärt Balzer.
„Aha. Richtig, da erscheint zwischen den Bäumen irgendein Holzbau.
„Das ist unser Sägewerk,“ sagt Balzer, nicht ohne Stolz, wie es mir scheint, in dem auch Mühle und Oelpresse arbeiten. „Und das kleine Haus davor, das ist das Kolonieamt und hier rechts der Konsum. Unsere Stadt ist noch nicht sehr groß,“ meint er entschuldigend, „erst drei Häuser sind es heute mit nur vier Einwohnern. Aber so klein haben ja alle die großen Städte einmal angefangen, auch das Philadelphia in Nordamerika...“
Ganz von selber bleiben die Ochsen vor der Tür des Konsums stehen, da man hier ihre schwere Last abzunehmen pflegt. Ich springe vom Wagen und schüttle den gröbsten Staub von mir ab. Nun bin ich in Fernheim.
9. Die Welt ist klein geworden.
Ich klettere von der Fuhre herunter und schüttle den gröbsten Staub von mir ab. Sehr vornehm sehe ich nicht aus nach dieser vorgeschichtlichen Ochsenfahrt, nein, wahrhaftig nicht... Balzer zeigt mit dem Peitschenstiel auf ein Drahtgitter:
„Dort ist das Büro.“
Da kommen auch schon zwei Herren mir entgegen: der Oberschulze David Löwen und der Direktor des Konsums Franz Heinrichs.
Offenbar gibt es auch im Chaco schon eine drahtlose Nachrichtenübermittlung, da man von unserer Ankunft genau unterrichtet ist, obwohl uns keines der vielen Ochsenfuhrwerke überholt hat.
Im Büro treffe ich eine Anzahl leitender Männer der Ansiedlung beisammen, und ich höre eine ganze Reihe Namen nennen, die mir schon aus dem „Mennoblatt“ geläufig sind: „Nikolai Wiebe, Johann Teichgräf, Nikolai Siemens, Gerhard Thiessen, Heinrich Rempel, Johann Junt...“
„Wat! Tjuntj, Wiebe?“
„Jao!“
Also ein Schulkamerad aus Chortitza.
„Wilhelm Klassen“, auch das ist ein Schulkamerad, sogar noch aus Ignatjewo.
Wie klein doch die Welt geworden ist, klein für uns ewig wandernde Heimatsucher. Ausgerechnet hier in diesem Urwald, im Herzen von Südamerika, trifft man nach Jahrzehnten alte Bekannte aus Russland wieder.
Die Herren sind bei einer wichtigen Besprechung. Der Staatspräsident Ayala wird in den nächsten Tagen erwartet, und man ist dabei, die Empfangsfeierlichkeiten zu beraten und vorzubereiten.
Ich will nicht weiter stören und gehe hinaus über den Hof auf das sogenannte Industriewerk zu.
Die große Säge ist gerade heute zum ersten Mal im Betrieb, und eine Anzahl Männer stehen interessiert um sie herum. Ich begrüße sie der Reihe nach. Einige schauen mir offen und freundlich ins Gesicht, andere sind verschlossen und scheinen misstrauisch. Was mag der Mann aus Deutschland hier auch wollen?
„Wa mi daut Dintje hia nijh hadden, wea wi schlemm draun. Met däm Holtsägen met'em Maunt ha wi ons meist dotjerafat...“
Rasch sieht er mich von der Seite forschend an.
„Na, etj well je nijh klägen. Wi han Ditschlaunt fäl to fedanken, on de gaunse Maschineri hia...“
Da sehe ich jemand auf mich zukommen. Den muss ich doch auch kennen! Aber wer ist das bloß gleich? Offenbar ist es der Schmied, das zeigen Lederschürze und das verrußte Gesicht.
„Na, Waltja, Dü best seja sea schtolt jeworden en Ditschlaunt, tjanst mi woll nijh mea?“
Da erkenne ich ihn wieder. „Mensch, Tilitzkis Peta üt Numma acht! Wa haud daut jedacht!“ Vor rund dreißig Jahren saßen wir zusammen auf der Schulbank in Orenburg, und eigentlich müssten die vielen blauen Flecke, mit denen wir uns damals gegenseitig bedachten, heute noch zu sehen sein.
Balzer hat unterdessen abgeladen.
„Wa se red senn, tjä wi faoren.“
Die Herren Wiebe, Siemens und Teichgräf fahren mit uns auf Balzers Wagen.
Gleich gehen Frage und Antwort hin und her.
„...on waut moaken Jene Radau-Breda, de Nazis?“ fragt Klassen zwischendurch.
„Radaubrüder,“ sagst Du? Diese „Radaubrüder“ sind Deutschlands einzige Hoffnung; wenn auch die versagen, geht es uns in Deutschland bald genau so, wie Euch in Russland. Dann siegen Juden und Kommunisten (Man muss hier damit rechnen, dass Quirings Tagebuch in den dreissiger Jahren geschrieben wurde. Wie die meisten Deutschen, also auch die Mehrheit der Mennoniten, sah man Hitler als den Retter Deutschlands vor dem drohenden Kommunismus und man stellte sich ganz auf seine Seite, nicht ahnend dass er eines der grössten Mörder des Jahrhunderts werden würde. Die Judenfeindlichkeit nahm man als etwas Selbstverständliches, nicht nur in Deutschland, sondern in der ganzen Welt).
„Radaubrüder“ ist in diesem Falle übrigens ein Ehrentitel. Du dachtest sicher gerade daran, wie die Nationalsozialisten vor einigen Wochen die galizischen Juden und Kommunisten aus dem preussischen Landtag hinausprügelten?
Klassen lässt das Thema zwar sofort fallen, aber ich spüre doch seinen inneren Protest. Eine Arbeit beginnt sich da für mich abzuzeichnen, eine Aufklärungsarbeit, die gerade unter uns menn. Auslanddeutschen so dringend notwendig ist (Quiring sah es als seine Aufgabe, für Hitler unter den Mennoniten zu werben. B.H. Unruh war ebenso seiner Meinung und schrieb einmal mit ganzer Überzeugung: "Ich bin ein Nazi!" Schade!).
Kurz vor dem ersten Dorf sehe ich links im Busch einen kleinen Weizenacker liegen. Die Frucht ist bereits reif.
Siemens springt vom Wagen und pflückt einige Ähren ab. Er rubbelt sie umständlich aus, bläst die Spreu heraus und schüttet mir die harten, goldgelben Körner in die hohle Hand.
Tatsächlich, es ist richtiger Weizen. Der erste Chacoweizen. Als Sohn eines Bauern kann ich unseren Kolonisten Stolz und Freude über diesen Erfolg nachfühlen.
„Meinen Sie, dass Sie ihn hier werden ziehen können?“
„Das ist heute noch schwer zu sagen,“ antwortet der alte Onkel Wiebe in seiner langsamen, besinnlichen Art. „Er hat hier zwei Feinde, der Weizen: Frost und Trockenheit. Ob wir mit diesen fertig werden, d.h. ob es uns gelingen wird, eine Sorte zu züchten, die Frost und Trockenheit aushält, ist noch ungewiss. Wir müssen abwarten.“
„Na, naojäwen woa wi jedenfauls nijh foets“, wirft jemand ein.
„Nä“, denke ich, „da mußt ji nijh mennische Tietjapps sennen“, sage aber laut:
„Daut's rejhtijh, woa wea wi fendöog aula top, wa wi emma foets naojejäft hauden.“
Da haben wir auch schon das erste Dorf erreicht, Friedensruh. Die ganze Niederlassung, die auf einem Kamp liegt, ist von einem Stacheldrahtzaun eingefasst. Siemens steigt wieder ab und öffnet das Tor. Es ist hier ungeschriebenes Gesetz:
„Wer das Tor offen lässt, ist ein Lump, er schädigt die Gemeinschaft.“
Das also ist ein deutsches Chacodorf! Langausgestreckt liegt es in starrer Einförmigkeit vor mir. Bekanntes russlanddeutsches Muster. Aber die Straße ist hier im Gegensatz zu denen in Menno völlig sauber.
„Das Verdienst des Staatspräsidenten,“ sagt Ohm Wiebe und führt mein Lob so auf das verdiente Maß zurück.
Rechts und links von der Straße liegen die Häuschen, klein, oft winzig klein. Beinahe wie Spielsachen sehen einige aus. Die meisten sind auch hier ungeweißt.
„Warum baut Ihr denn alle so klein?“
„Erstens, weil wir hier nicht so viel Raum brauchen, wie in dem kalten Russland. Hier sind wir sehr viel im Freien, und zwar das ganze Jahr hindurch. Die Küche liegt meist in einem Nebenhaus. Und dann haben wir hier im Urwald auch wenig Bauholz, so unglaublich das klingt: es ist sehr schwer, in unserem Busch höhere Bäume zu Quer- und Tragbalken zu finden.“
Auch hier sehe ich überall ein Schattendach um das Haus laufen. Wohl niemand hat Glasfenster. Vor den meisten der Fenster hängen einige Lumpen, Säcke oder alte Mäntel. Sie wehen hin und her zerstreut und erst ganz wenige haben richtige Holzläden. Diese stehen an die Wand gelehnt. Nur an wenigen Fenstern sehe ich Vorhänge und an keinen Blumen. Die vermisse ich.
„Genügt das Schattendach allein nicht, um die Sonne abzuhalten?“
„Nä, bim Meddachschlaopen mott daut doch dista sennen,“ Balzer meint's. „Na, und dann die Sandstürme! Das ist hier im Winter beinahe so wie in Orenburg im Schneesturm, nur dass wir hier statt Schnee den feinen Sandstaub haben. Aber das werden Sie alles bald selber erleben. Dass es heute nicht auch wieder tobt, ist reinster Zufall...“
„Der Bote" Mittwoch, den 5. Februar 1936