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der Mennoniten in Brasilien
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Gerhard und Anna Fröse, aus Winnipeg, Kanada, berichten in der Mennotischen Rundschau, Ausgabe vom 11. September 1935, über ein schreckliches Geschehen, das ihre Kinder am Krauel befallen hat, welches sie durch Briefe von ihnen erfahren haben:
Ein schreckliches Ereignis am Krauel
Es diene unseren lieben Geschwistern und Verwandten folgender trauriger Vorfall zur Nachricht, die unsere lieben Kinder, Jacob und Agatha Wiens, Gnadenthal, Brasilien, betroffen hat.
Ihren zwei Briefen vom 28. Juli und 3. August entnehme ich folgendes:
„Also am 30. Juli, weil es kalt war, machten wir Feuer im Herd und nahmen unseren kleinen Sohn, Walterchen, von 2 Jahren und 7 Monaten nicht mit, wie sonst, weil er etwas erkältet war. Wir gingen in den Stall, ich zwei Kühe zu melken und mein Jacob, das Vieh zu füttern. Als er schon etwas Futter gegeben hatte, ging er ins Wohnhaus, nachzusehen, und fand alles in bester Ordnung. Er gab dem kleinen Boy zum Zeitvertreib noch ein Bilderbuch und etwas Candy und kam wieder in den Stall. Dann setzte ich mich bei der zweiten Kuh hin und als ich sie ausgemolken hatte, ging ich ins Haus. Doch als ich näher kam, hörte ich meinen lieben Sohn zwei Mal aufschreien. Ich ließ alles stehen und lief. Als ich die Tür aufriss, war das ganze Haus voll Rauch und ich sah bei unserem Liebling auf beiden Schultern etwas Feuer, welches er mit den Händen ausschlug, in dem Glauben, die Kleider haben angefangen zu brennen. Dann aber, welch ein Schrecken. Der Junge war ganz nackend und es waren die letzten Haare, die da noch brannten. Die Kleider waren von seinem Leib heruntergebrannt und hingen noch an seinen Beinchen. Er war ganz braun gebraten und die Haut steif gebrannt.
O liebe Eltern! Vor einer halben Stunde zog ich einen schönen, sauberen Sohn an, und jetzt habe ich in meinen Armen ein verbranntes Kind. Ich schreibe in meinem schweren Schmerz, den wir erfahren haben. Das Wasser geht uns bis an die Seele, wir sind nahe am versinken, doch wir wollen den Herrn nicht lassen und klammern uns immer fester an Ihn. Wir wollen es als aus Seiner Hand nehmen, ob das Herz auch schier bricht unter der Last, die der Herr uns auferlegt.
Liebe Eltern und Geschwister, helft uns beten, damit wir nicht verzagen. Bruder Eck, unser Arzt hier, wurde gleich geholt. Er sagte, es sei keine Hilfe. Er machte eine Unterspritze, um die Not etwas zu lindern. Darauf schlief unser Liebling bald ein und ich ließ ihn so auch hinüber zu seinem Garten, der ihn zu sich genommen hat, das kleine, uns so teure Lämmchen. Er starb zwei Stunden nach dem Unglück.
Wir spüren es, dass der Herr uns tragen hilft, sonst wären wir in diesen Tagen verzagt. Die ganze Ansiedlung hat uns große Teilnahme entgegengebracht, auch am Tage der Beerdigung, welche am darauffolgenden Tage, also den 31. Juli, geschah. Wie wohl solche Teilnahme tut, kann nur der verstehen, der in solchem Schmerz sich befindet.“
Eure Geschwister, Gerh. und Anna Fröse. 296 Burns Str., Winnipeg, Man.
MR 1935-09-11
Hätten sie doch das kleine Kind nicht sich selbst überlassen und lieber mit in den Stall genommen, würden wir heute sagen. Wahrscheinlich war dieses aber nicht möglich oder zu schwierig. Auf jeden Fall dachten sie, das Kindlein würde es drinnen besser haben.
Selbst mit den heutigen medizinischen Fortschritten wäre dem Kindlein nicht mehr zu helfen gewesen.
Zum Glück gab es einen Dr. Eck am Krauel und der konnte das Kindlein betäuben.
Zu bemerken ist auch die Anteilnahme der Kolonie an dem Leid. Das hat den betroffenen Eltern geholfen.
Wie lange wohl haben die eingewanderten Mennoniten ihrer verlorenen Heimat in Russland nachgetrauert? In den Tagebüchern meines Vaters tritt diese Sehnsucht immer wieder auf. Nicht das Sowjetrussland, aber die vergangene Heimat der weiten Steppen, des langen und stillen Winters, die klar definierten Jahreszeiten, der Einzug der Vögel beim Eintreten des Frühlings, ihr Abzug im Herbst und die damit verbundene Sehnsucht die Ferne kennenzulernen.
Traute Heimat meiner Lieben,
denk ich still an dich zurück.
Wird mir wohl dennoch trüben
Sehnsuchtstränen meinen Blick.
MR 1936-01-01
Vor kurzem waren sie den Krallen des fürchterlichen Kommunismus entflohen und mussten nun feststellen, dass dieser sich auch ihres neuen Zufluchtsortes bemächtigen wollte.
Eine von der Regierung ausgegebene Mitteilung besagte, es sei bewiesen worden, dass der fürchterliche revolutionäre Ausbruch in Brasilien durch Moskau und die Gesandtschaft hier angeregt wurde. Gemäß der Bekanntgabe hat die russische Gesandtschaft hier Schecks für große Summen nach unbekannten Empfängersorten gesandt und das Geld war, wie angenommen, dazu bestimmt, die fürchterliche Revolution in Brasilien zu finanzieren.
MR 1936-01-08
Wir können es uns heute nicht annähernd vorstellen, was die Mennonitische Rundschau den eingewanderten Mennoniten mitten im Urwald bedeutete. In den 30ger Jahren fing das Radio an, aber war den meisten noch nicht zugängig. Selbstverständlich gab es kein Telefon, kein Fernsehen, keine Verbindung mit den in der weiten Welt zerstreuten Mennoniten, außer die Rundschau, der kanadische BOTE und das lokale Blatt "Die Brücke".
Ein Leser aus Nordamerika gibt uns diesbezüglich einen Einblick.
Es werden wohl so bei 4000 Meilen sein, von hier bis dort, und das Blatt (die MR) macht diese Reise jede Woche. Verwandte aus Brasilien, Waldheim, schreiben uns, dass auch bis zu ihnen die Rundschau kommt; eine noch viel weitere Strecke, und sie lesen auch dort unsere Berichte. So sehen wir, dass die Verbindung über die ganze Welt hergestellt ist, bis in die fernste Heidenwelt. O wie wunderbar hat doch der liebe Gott alles erschaffen, und dem Menschen die Gabe gegeben, diese Postverbindung über die ganze Welt herzustellen. Ich lese gerne die Berichte von nah und fern, und es richtet uns gegenseitig auf, gibt uns frischen Mut, den Glaubenskampf weiter zu kämpfen. Die Erfahrungen werden mitgeteilt, so verschiedenartig sie auch sind, und man kann mitfühlen und für andere beten. Man wird mit vielen schriftlich bekannt.
MR 1936-01-22
Diese Mitteilung zeigt die globale Vernetzung der Mennoniten durch ihre Blätter, die Gemeinschaft im Glauben und der Austausch von Erfahrungen, der in jenen Jahren tröstend und stärkend wirkte im Norden wie im Süden.
Eines Tages hörte das dann aber auf. Die jüngeren Generationen hatten sich am Ort eingewurzelt und fühlten kein Bedürfnis mehr nach einer Verbindung mit den Glaubensbrüdern in der Ferne.
Heute lege ich zwei sehr interessante Texte aus Ausgaben der Mennonitischen Rundschau von Mai und Juni des Jahres 1936. Der erste Text behandelt das Heimweh der Eingewanderten nach ihrer verlorenen Heimat in Russland. Der zweite beleuchtet die Einwanderung in Brasilien einer Gruppe Deutscher aus Wolhynien, keine Mennoniten, aber zur gleichen Zeit wie unsere Väter. Da erkennen wir wie der Prozess bei ihnen ganz anders verlaufen ist.
Heimat, ach Heimat, wie warst du so schön!
Ich bin schon bald 15 Jahre in Amerika, aber das Heimweh nach dem schönen Süd-Russland ist in mir noch lange nicht ertötet. Zu stiller Nachtstunden höre ich im Geiste noch öfters die ukrainische Nachtigall im Fliederbusch schlagen. Oder ich sehe die im Mondenschein hell weiß schimmernden Ziegelzäune und Hofpfähle zu beiden Seiten der Dorfstraße in seligem Frieden dahinträumen. Und auf der Giebelspitze des Scheunendaches hebt sich die Silhouette eines Storchs scharf vom blauen Nachthimmel ab.
Welch eine Ruhe, welch ein Gefühl absoluter Sicherheit lag damals über unseren Dörfern. Lang ist es her! Ich war beinahe dreißig Jahre alt, als ich nach Amerika kam. Ob je ein Mensch stärkeres Heimweh gehabt hat als ich? Amerikanische Flachheit und Zerfahrenheit in Schule, Kirche und Politik brachten mich schier zur Verzweiflung. Ich wollte zurück – nach Hause.
MR 1936-05-06
In den Memoiren meines Vaters erklingt es ähnlich wie diesem Mennoniten in den USA: "Zu stiller Nachtstunden höre ich im Geiste noch öfters die ukrainische Nachtigall im Fliederbusch schlagen." Zu Ostern, wenn in Russland der Frühling begann, klingt es bei meinem Vater Jacob Siemens Jahr für Jahr nach wie schön es war, wenn die Zugvögel wieder erschienen. Oder wie arbeitsintensiv der Sommer war, dann die Massenschlachtung am Ende des Herbstes, beim ersten Schnee - sie hatten ja keinen Kühlschrank und dann der ruhige und stille Winter, wo man Zeit genug hatte bei Weihnachten drei Tage hintereinander zum Gottesdienst zu fahren, klar, wenn es nicht zu sehr schneite, denn manchmal waren Schneestürme so intensiv, dass man sich bei der Fahrt zur Kirche verloren hätte.
Land und Klima wirkten so stark auf die Gemüte der Mennoniten, dass sie diese Erinnerungen bis zu ihrem Tod mittrugen.
Von Wolhynien nach Brasilien.
Eine größere Zahl von Russlanddeutschen aus Wolhynien hat auch im Jahre 1935 wieder in Brasilien eine neue Heimat gefunden. Die Besitzer großer Kaffeeplantagen im Staate São Paulo gewährten ihnen freie Überfahrt. Nach übergehender Arbeit in den Plantagen gehen die Russlanddeutschen an den Aufbau eigener geschlossener Siedlungen. Ein deutscher Reiseprediger besucht sie regelmäßig und hält ihnen Gottesdienste. Mit großer Treue halten sie an ihrem Glauben und ihrem Volkstum fest.
MR 1936-07-01
Wolhynien lag/liegt zum grössten Teil in der heutigen Ukraine, angrenzend an Polen.Bis zum Ersten Weltkrieg lebten rund 250.000 Deutsche in etwa 300 Siedlungen in Wolhynien. Für kaum zwei Generationen wurde die Region um 1900 zu ihrer Heimat. Dann kamen aber die Wirren des 1. Weltkriegs und der Sowjetischen Revolution, dass viele auswanderten. Ähnlich wie unsere Väter hatten sie aber kein Geld, um die Überfahrt nach Brasilien zu bezahlen. Dieses Geld wurde von reichen Großgrundbesitzern in Espírito Santo und São Paulo vorgestreckt. Dafür mussten sie einige Jahre als Landarbeiter auf diesen Plantagen arbeiten. Danach versuchten sie, geschlossene Kolonien zu bilden. Das klappte aber nicht. Darum leben ihre Nachkommen heute überall zerstreut. Sie mussten sich also viel schneller in Brasilien integrieren. Im Vergleich zu den brasilianischen Mennoniten, war das besser oder schlechter?
Die Mennonitische Rundschau spiegelt die Befürchtungen der Mennoniten Kanadas, aber auch der eben eingewanderten Mennoniten in Brasilien.
Soeben waren sie den Krallen des sowjetischen Kommunismus entflohen und nun mussten sie wiederholte Male feststellen, dass ihre neue Heimat, Brasilien, nicht ganz sicher war.
Die kommunistische Bedrohung
Rio de Janeiro. Entlang der längsten Küstenlinie des amerikanischen Kontinents und an neun internationalen Grenzen hielten die brasilianischen Behörden scharfe Wacht, um zu verhindern, dass der frühere kommunistische Diktator Ungarns, Béla Kun, ins Land kommt. Kapitän Filinto Müller, der Polizeichef des Bundesdistrikts in Rio de Janeiro, hat den Angaben zufolge einen „langen Diplomatenbericht“ vorliegend, in dem dargelegt wird, der ungarische Bolschewik sei vom Komintern nach Brasilien entsandt worden.
MR 1936-08-05
Im November 1935 scheiterte in Brasilien ein kommunistischer Aufstand unter der Führung von Luís Carlos Prestes. Daraufhin errichteten die Regierung Vargas und Polizeichef Filinto Müller einen Ausnahmezustand und nutzten jedes Gerücht über eine internationale kommunistische Unterwanderung, um Repression, Zensur und Grenzkontrollen zu rechtfertigen.
Béla Kuns tatsächliche Situation 1936: Zu dieser Zeit lebte der ungarische Führer in der Sowjetunion und arbeitete in der Komintern-Bürokratie, verlor aber bereits an politischem Ansehen innerhalb des stalinistischen Regimes. Er wurde nie nach Brasilien ausgeliefert. Kurz darauf, 1937, ordnete Stalin persönlich Kuns Verhaftung an, und er wurde schließlich 1938 in Moskau hingerichtet.
Unsere Leute am Krauel und Stoltzplateau wurden also unnötigerweise beängstigt. Aber wie viele Gespräche zu diesem Thema wird es wohl vor der Kooperative oder nach den Gottesdiensten gegeben haben!
Dieser Brief (26. August 1936) aus der Mennonitischen Rundschau ist wie eine schriftliche "Fotografie" der vor 6 Jahren eingewanderten Mennoniten in Brasilien.
Ein Brief aus Brasilien
Unser Gott ist im Himmel, und alles muss gehen, wie Er will, Zeiten, Menschen, alles ist in Seiner Hand. Auch jetzt, wo es scheint, als wenn alles untergehen will, und besonders in der alten Heimat, sitzt Er dennoch am Ruder und sieht und achtet auf alles. Nichts wird bei Ihm in Vergessenheit geraten. Er wird die Ungerechtigkeit bestrafen, aber Gottes Zeitrechnung ist eine andere als unsere.
Wie die Zeiten eilen! Die Ernte hier in Brasilien ist eingeheimst. Es ist in diesem Jahre eine mittelmäßige, und zuweilen will der Blick in die Zukunft düster erscheinen, bei manchem. Doch der Herr, der soweit geholfen hat, der wird auch weiter sorgen. Gehungert hat noch niemand, wenn auch nicht immer alles ist, wie man es sich wünscht.
Das Erntedankfest liegt auch wieder hinter uns. Der Herr denkt an uns und segnet uns, können wir doch sagen, wenn auch die Ernte nicht so ausgefallen, wie man es sich wünscht. Das Erntedankfest war gut besucht, und auch eine dankbare Stimmung war da.
Vor großem Unglück hat der Herr uns auch bewahrt. Hatte selber das Unglück, mein Bein zu brechen. Das Bein, d.h. der Knochen, ist geheilt, aber - der Herr sagte: Noch ein wenig mehr. Habe jetzt solch schlimmen Rheumatismus bekommen.
Hat schon jemand von den Lesern Gebrauch von der Kette gegen Rheumatismus gemacht, welche in der Rundschau angezeigt ist. Ob sie hilft? Bitte, lasst mir wissen.
Vorigen Sonntag war hier die Hochzeit von Hans Boschmann und Helena Federau. Hans wurde im vorigen Jahre bekehrt und Lena kam mit ihren Eltern von Charbin hierher, sie ist auch neu Eigentum.
Die Versammlungen werden auch besucht, auch die Jugendversammlungen. Aber auch der Feind ist auf dem Platz, und die Kämpfe bleiben nicht aus. Gottlob, es kommt die Zeit, wo Jesus, unser Friedensfürst, regieren wird. Dann wird Ruhe sein.
A. G. R.
MR 1936-08-26
Die „alte Heimat“ ist noch immer gegenwärtig, die Harbiner Mennoniten integrieren sich (siehe die Hochzeit) und die Not umgibt die Siedler von allen Seiten: Die Ernte wird als „mittelmäßig“ beschrieben und der Blick in die Zukunft erscheint „zuweilen düster“. Dies zeigt, wie beschwerlich die Anfänge der Urwaldrodung und der Landwirtschaft in Brasilien waren.
Der Verfasser hatte einen Beinbruch erlitten und leidet nun an schwerem Rheumatismus. Seine Erkundigung nach der „Kette gegen Rheumatismus“ illustriert die eklatante medizinische Unterversorgung im Urwald: Mangels Ärzten griff man nach jedem Strohhalm. Womöglich hoffte man, dass durch den Hautkontakt und den Schweiß ein schwacher Strom erzeugt würde, der Entzündungen und Schmerzen „ableiten“ oder lindern könne.
Trotz aller Sorgen bleibt der Glaube an Gottes Vorsehung die zentrale, Halt gebende Kraft. Die Aussage „Gottes Zeitrechnung ist eine andere als unsere. Er wird die Ungerechtigkeit bestrafen ...“ (mit Blick auf die Lage in Russland) deutet auf das Aushalten von Unrecht hin – ganz im Sinne des wehrlosen, pazifistischen mennonitischen Glaubens, der die Vergeltung Gott überlässt.
Neben der Sorge stehen Bescheidenheit und Dankbarkeit: Obwohl die Ernte keineswegs ideal ausfiel, betont der Verfasser: „Gehungert hat noch niemand ...“ Das Erntedankfest wird als zentrales Gemeinschaftserlebnis hervorgehoben, das Trost und Zuversicht spendet.
Vieles hat sich seit jener Zeit verändert. Eines aber ist geblieben: der geistliche Kampf – „Aber auch der Feind ist auf dem Platz ...“
Auf einem mennonitischen Kongress in Nordamerika wird auch ein Referat über die vor wenigen Jahren eingewanderten Mennoniten in Brasilien gehalten. Es entstammt der Feder von Peter Klassen, dem Herausgeber der "Brücke", dem Blatt der Mennoniten in Santa Catarina. Unten folgt nun die Mitteilung der "Mennonitischen Rundschau" vom 16. September 1936.
Darin erkennen wir die Kämpfe der ersten Jahre, dass die Leute vom Stoltzplateau zum größten Teil ihre Kolonie schon aufgegeben haben, dass man am Krauel endlich den Pflug gebrauchen kann, usw.
Weiter folgte dann der Bericht von P. Klassen, Witmarsum, Brasilien. Er konnte nicht persönlich zugegen sein, hatte aber ein Referat eingesandt.
Den 16. Februar 1930 kam die Vorhut mit 180 Seelen auf dem Alten Rio Krauel an. Um anderthalb Monate kamen noch 300 Seelen und später die dritte Gruppe von 180 Seelen. Die holländische Organisation betreute diese Ansiedler, und auch das Deutsche Reich tut viel für diese junge Kolonie. Auch hier waren die Anfänge schwer. Von dem holländischen Komitee wurden Mittel vorgelegt um Mehl- und Schneidemühlen zu bauen, dann auch für Läden, ferner für Schulen, Krankenversorgung, für eine Kuh auf jede Familie, so wurde die Basis für das Fortkommen geschaffen. Auch eine kleine Büttere wurde eingerichtet. Auch hier hat es Enttäuschungen gegeben. Die Kolonie Auhagen beschloss im September 1931 die Kolonie zu verlassen und sich auf dem Paranáhochland niederzulassen, welches nach ihrer Meinung einen besseren Erfolg versprach. Es ist noch nicht klar, ob die Familien, welche Auhagen verlassen haben, den guten Teil gewählt haben gegen die, welche dort verblieben. 65 Familien haben Auhagen verlassen und 42 Familien sind noch geblieben. Die zurückgebliebenen sind eigentlich zu schwach, um vorwärts kommen zu können. Auch am Krauel haben viele die Kolonie verlassen.
Aber die Krise scheint jetzt überwunden zu sein. Es wird schon Pflugland gemacht.
Das erste gemeinschaftliche Haus war eine Schule, die auch als Kirche benutzt wird. Es sind hier vier Gemeinden vertreten, aber die verschiedenen Richtungen machten keinen Unterschied in ihren Gottesdiensten. Im Mai 1935 wurde die erste Konferenz abgehalten. Das neue Vaterland bietet ihnen religiöse Freiheit. Manche ihrer Lehrer haben bereits die brasilianische Sprache soweit erlernt, dass sie das Staatsexamen machen konnten. Sie haben auch die Möglichkeit die Kinder in der Muttersprache zu unterrichten. Die Schulgebäude sind aus holländischen Mitteln erbaut, sie haben mehrere Volksschulen, dann auch eine Mittelschule. An allen Schulen zusammen sind 270 Schüler. Sie haben dann weiter ein Krankenhaus. Auch in Brasilien ist die Gefahr, dass durch die Assimilation in der Zerstreuung viele unterer Leute uns verloren gehen werden.
Trotz mancher entmutigender Verhältnisse wollen sie Mut halten und weiterstreben.
MR 1936-09-16
Die Mennoniten der ersten drei Schiffe fanden Platz am Krauel; die Nachkommenden wurden auf das Stoltz-Plateau gebracht. Die holländischen Brüder halfen unseren Vätern, während sich das MCC lieber den paraguaischen Mennoniten widmete, denn diese könnten das mennonitische Ideal besser verwirklichen.
Die Holzverarbeitung brachte den Mennoniten zu Beginn ihr erstes Geld.
Aber die Krise war unübersehbar, denn die Leute vom Stoltz-Plateau fingen bald an wegzuziehen. Das Holz war dort viel härter als am Krauel und ließ sich schwerer zu Geld machen. Der Weg zur Kolonie war ebenfalls viel beschwerlicher.
Schule und Gemeinde funktionierten, aber die Gefahr der Zerstreuung der Mennoniten war schon da. Und das war allen klar: Das Mennonitsein hing davon ab, in geschlossenen Kolonien zu leben. So wie in Russland. Oder jetzt in Paraguay.
Die Ausgabe vom 2. Dezember 1936 der Mennonitischen Rundschau veröffentlicht einen Brief der Tochter des Kolonieleiters Heinrich Martins, der auch die erste Gruppe von Mennoniten nach Brasilien führte.
Ich stelle mir Gertrud als ein etwa elfjähriges Mädchen vor, das einem anderen Mädchen – vermutlich in Kanada – aus dem brasilianischen Urwald berichtet.
Die Einleitung des Textes stammt von der Redaktion der MR:
Der Briefwechsel mit Brasilien hat insofern interessante Seiten aufzuweisen, als es sich hier um ein landschaftlich sehr interessantes Gebiet handelt, das von russlanddeutschen Flüchtlingen im Jahre 1930 besiedelt wurde.
Wir lassen Gertrud Martins erzählen:
Witmarsum, den 26. November 1932
Liebe Frida,
Ich freute mich sehr, als ich von Dir einen Brief erhielt. Den besten Dank dafür! Ich will Dir jetzt auch viel erzählen. Im Herbst 1929 fuhren wir von Russland los und kamen auch durch das liebe Deutschland. Zuerst waren wir im Flüchtlingslager in Prenzlau, dann wurden wir ins Lager nach Mölln geschickt und von dort nach Hamburg. Hier stiegen wir in den Dampfer „Bayern“ und fuhren nach Amerika. Der Anfang war sehr schwer. Als wir erst konnten, bauten wir uns Häuser aus Holz. Dann dachten unsere Eltern an die Schule. Auf dem Bilde 1 siehst Du unsere Schule. Vor der Schule siehst Du eine Brücke über den reißenden Fluss Krauel, die haben auch unsere Leute gebaut. Es hat schon eine ganze Woche geregnet, und die Brücke ist jetzt unter Wasser. Wenn wir zur Schule wollen, müssen wir über einen dicken Baumstamm gehen. Wir wohnen am Nebenfluss vom Krauel, Kambara genannt, 5 Minuten von der Schule entfernt, aber einige aus meiner Schule müssen 2 Stunden gehen.
Wir wohnen in einem Bretterhäuschen, das ist 6 m lang und 4 m breit. Im Sommer ist es hier sehr heiß, da baden wir uns alle Tage bis dreimal im Krauel. Ich kann auch schon schwimmen. Wenn's auch viel Urwald gibt, aber unsere Umgebung ist sehr schön. Es gibt hier viele Arten von Affen. Die Brüllaffen schreien mehrere Tage vor dem Regen, so wissen wir immer, wann eine Regenperiode kommt. Dann gibt es hier noch viele meterlange Eidechsen und sehr viele Schlangen, darunter auch sehr giftige. Ich habe noch keine totgeschlagen, denn ich fürchte mich sehr.
Unlängst hatten wir ein schönes Schulfest. Wir Mädchen aus unserer Klasse trugen das Gedicht: „Zwiebelgemäße“ vor. Ich war die weiße Lilie. Auf dem Bild 8 siehst Du die Kinder, welche die Zwiebelgewächse unserer Heimat vorstellen. Es wurden auch viele Gedichte vorgetragen und Rotkäppchen gespielt.
Für heute genug. Es grüßt Dich
Deine Gertrud.
MR 1936-12-02
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Das Baden im Fluss: Ob sich die Mennoniten wohl auch schon im Dnjepr gebadet haben? Oder haben sie das Flussbaden erst von den Brasilianern gelernt? Der Krauel führte damals vermutlich noch deutlich mehr und vor allem saubereres Wasser als heute, sodass das tägliche Baden im Sommer sicherlich eine große Erfrischung und ein Vergnügen war.
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Brüllaffen als Wetterfrosch: Die Funktion der Brüllaffen als natürliche Wettervorhersage wird in Texten aus dieser Zeit immer wieder bezeugt.
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Die Angst vor Schlangen: Die Furcht vor Schlangen war unter den Siedlern riesig. Interessanterweise gibt es jedoch nur sehr wenige Berichte über tatsächliche Schlangenbisse – und gestorben ist daran in der Kolonie vermutlich niemand.