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Teil 8

     Dr. Walter Quiring machte 1932/33 eine Reise nach Süd- und Nordamerika. Über ein Jahr lebte Herr Quiring bei mennonitischen Glaubensgenossen im Chaco von Paraguay und reiste von dort über Argentinien und Uruguay nach Brasilien, wo er etwa drei Monate lang in den mennonitischen Hansakolonien arbeitete.

    Er schrieb danach ein Reisetagebuch, das im "Boten" veröffentlicht wurde. Ich gebe es etwas gekürzt wieder.

      Vormittag ist in Schönwiese Gottesdienst und am Nachmittag „Gemeindestunde“. Ich sitze am Fenster und genieße beides: den Vortrag und den Chacoausschnitt vor meinem Fenster. Da draußen balgen sich im Sande zwei Eidechsen. Die eine hat hübsche grüne Hosen an und eine bunte Mütze, während die andere graubraun aussieht. Erst als sich einige Hühner um sie sammeln und dem seltsamen Schauspiel komisch aufmerksam zuschauen, lassen sie voneinander ab. Plötzlich höre ich in der Luft ein eigenartiges Rauschen. Es hört sich an, wie wenn ein heftiger Strichregen vom Winde getrieben heranzieht. Die Zuhörer werden unruhig. Verständnisvoll nicken sie einander zu. Nur ich begreife nicht. Und da beginnt es auch schon an zu schneien - in großen, dunklen Flocken. Ganz deutlich sehe ich, wie sie aus der Luft auf die Erde niederschweben. Ich traue meinen Augen nicht. Schnee im Chaco? Bei 42 Grad Hitze? Und da klappert es auch schon auf das Blechdach, wie wenn große, schwere Regentropfen fielen. Mein Nachbar beugt sich zu mir herüber:

      „Nu se se doa!“ „Wäa?“ „De Heischratjen!“ und er zeigt auf die schwarze Wolke draußen.

      Im Sande beginnt es zu wimmeln. Die Hühner laufen Sturm. Für sie fällt Manna vom Himmel. Hunderttausende, ja Millionen dieser Schrecken schweben auf die Erde nieder, ein ganzes riesengroßes Heer.

      Mit der inneren Sammlung ist es vorbei. Die Gedanken aller sind jetzt auf den gefährdeten Äckern, bei der jungen Saat, die so vielversprechend sprosste, dem armen Mais, den Bohnen und Arbusen und der wieder einmal vergeblich getanen Arbeit.

      Die Versammlung wird geschlossen. Auffallend still sammeln sich alle auf dem Hof und sehen bald auf die Erde, deren Oberfläche sich in einer Richtung vorwärtszubewegen scheint, bald in die Höhe, wo in einer Schicht von vielleicht fünfzig Metern ein unübersehbarer, gewaltiger Schwarm vorüberzieht.

      Die stattlichen Urundeibäume auf dem Schulhof sind von unten bis oben mit Heuschrecken geradezu beklebt; offenbar sagt ihnen die Rinde zu.

     Dann liege ich halbaufgerichtet im Bett und schaue dem herrlichen Schauspiel zu. Ist das ein Aufruhr! Ein richtiger Orkan! Die Blitze setzen gar nicht mehr aus. In der Luft steht ein ununterbrochenes, unruhiges Flimmern. Mit ungeheuerlicher Wucht fährt Blitz auf Blitz in den Busch nieder. Ganz unwillkürlich zucke ich bei den ersten harten Schlägen zusammen. Aber dann kommt mir die ganze Lächerlichkeit dieser unwillkürlichen Regung zum Bewusstsein. Einen äußeren Schutz gegen diese Urgewalten gibt es nicht.

     Immer wieder stürzt sich der entfesselte Südsturm auch auf den alten Mantel an meinem Fenster, als sei ihm dieser Kleiderfetzen besonders im Wege. Und dann endlich glückt ihm der Griff. Mit einer geradezu ingrimmigen Heftigkeit packt er plötzlich den Lumpen, stößt und reißt, als ginge es ihm einzig und allein um meinen Fensterladen, und nimmt ihn schließlich triumphierend mit in die Luft. Jetzt hört sich aber das Vergnügen auf! Klatschend rauscht der Regen auf meinen Tisch nieder. Rasch einmal muss Kornelius hinaus in das Unwetter und einen zweiten „Fensterladen“ befestigen.

      Alles wird vom Sturme wild hin und hergezaust. Das aufgewühlte Buschwerk vor meinem Fenster neigt sich vor dem herrischen Willen bis auf die Erde. Das sieht beinah aus wie eine magisch beleuchtete, heftig bewegte See. Jeden Augenblick kann der hohe Urundei vor dem Hause unseres Nachbarn umstürzen und die ganze Familie unter dem Häuschen begraben.

     Bald beginnt es durch unseren stellenweise nicht mehr ganz dichten First durchzuregnen. Immer dichter fallen die Tropfen auf mein Bett herunter. Wenn das so weitergeht, bin ich bald klatschnass. Da kommt mir ein Gedanke. Ich hole meinen Gummimantel, dessen Gummibelag die Tropensonne übrigens längst aufgelöst hat, aus dem Koffer, und spanne ihn übers Bett. So kann's gehen. Nun läuft das Wasser hübsch ab.

     Auch bei Fröses höre ich Möbel rücken und aufstapeln. Überall im Hause tropft und rieselt es durch. Irgendjemand steht an der Tür und schaufelt Wasser über die Schwelle. Und dann schlafe ich trotz des tobenden Unwetters, trotz Donner und Regentraufe doch ein ...

„Der Bote" Mittwoch, den 22. April 1936

 

      Gegen morgen weckt mich ein starkes plätscherndes Geräusch. Unser Keller ist vollgelaufen. Draußen tobt der Regensturm mit unverminderter Heftigkeit. Ich leuchte mein Zimmer ab. Sieht das hier aus! Alles steht unter Wasser. Fröses sind dabei, den Keller auszuschöpfen. Der Fußboden im Flur ist völlig aufgeweicht; auch er steht unter Wasser. Die eine Innenwand macht Anstalten, sich auf die Seite zu legen. Rasch wird sie durch einige Baumstämme gestützt. Und noch einmal versuche ich’s mit dem Schlaf. Aber eine seltsame fremde Welt ist dieser Chaco doch.

      Morgens liegt wieder schönster Sonnenschein über Lichtfelde. Es ist völlig windstill. Draußen scheint alles ein einziger großer See zu sein. Unter meinem Bett wühlt in Lehm und Wasser unser rotes Ferkel. Zum erstenmal hole ich meine wasserdichten Schuhe hervor. Sorgfältig fette ich sie ein und ziehe mich auch sonst den Umständen gemäß an. Das Thermometer zeigt nur 19 Grad! Das ist meine größte Freude. Jetzt werde ich einige Tage mit Volldampf arbeiten können.

      Auch unser Haus steht in einem flachen Teich. Gerade als ich hinausgehen will, zum Nachbar hinüber, schreit Frau Fröse: „Doa kjemmt je ne Schlangennen!“ Tatsächlich, eine Korallenschlange, eine schwarz-weiß-rot geringelte, schwimmt heran. Ich ergreife einen Spaten und versetze ihr einen Schlag, so dass sie im Wasser verschwindet. Aber dort kommt sie wieder hervor. Es ist das etwa einen halben Meter lange Schwanzende, während das Kopfende weiterweg auftaucht. Ein zweiter Hieb teilt den davoneilenden Rest nocheinmal in zwei Hälften, doch auch der vermag nicht, das zähe Leben auszulöschen. Doch der Kopf taucht unter und bleibt verschwunden.

      Auf der Schwelle unserer großen Stube sitzt Tusik, der kleine Indianerhund, und jault, dass ihm die Tränen über die schwarzen Hundebacken laufen. Er scheut das Wasser und weiß sich keinen Rat, aus dieser Sintflut wieder herauszukommen. Auch unser Hausferkel ist nicht müßig: es schnüffelt, grunzt und wühlt in allen Räumen.

      Ich wate durch den See draußen zu Friesens, wo ich frühstücke. Friesens Wohnung ist weniger mitgenommen, da das Dach dem wuchtigen Anprall standgehalten hat. In Rosenfeld ist ein Haus eingestürzt, erzählt Frau Friesen, und in Lichtfelde viele Backöfen und wohl alle die kleinen Häuschen im Hintergarten.

      Ich lasse mein Zimmer notdürftig herrichten und setze mich an die Arbeit. Diese kühlen Tage will ich bis auf den letzten Rest ausnutzen. Niemals im Leben hatte ich bis dahin daran gedacht, auch für einen kühlen Tag dankbar zu sein. Hier lerne ich's.

     Unser Busch ist nach diesem durchdringenden Regen nicht wiederzuerkennen. Jetzt erst ist er völlig erwacht. Es singt und klingt, pfeift und schnarrt, klappert und orgelt von morgens früh bis spät in die Nacht. Und über allem steht das Rauschen der vielstimmigen Froschkonzerte. In allen Pfützen, Löchern und Brunnen hocken sie, die Frösche, und verursachen einen Lärm, dass man anfangs versucht ist, sich die Ohren zuzuhalten. „Paaapaaa, Paaapaaa! Gao, das... ! Panasch Peta, Panasch Peta...! mi hungat, mi hungat...!“ so flötet und quatscht das ohne Unterbruch den ganzen langen Tag. Dazwischen pfeifen Zikaden hell, gellend, messerscharf, dass das Trommelfell schmerzt. Die Königin unter ihnen lässt sich nur abends hören, und zwar in der kurzen Zeit, während die Sonne in den Busch niedersinkt. Man glaubt dann weit weg die Lokomotive eines Zuges pfeifen zu hören und träumt sich für Augenblicke hinaus aus der nie gelockerten Enge des Busches.

     Wenn ich in das nahe Rosenfeld, in dem die Kolonisten aus Polen wohnen, will, muss ich zwischen den Dörfern ein kleines Stück Busch passieren. Dabei gerate ich eines Abends unversehens in ein riesengroßes, ungeahnt starkes Spinnennetz. Schwarze, kugelrunde Spinnen haben über die Straße ein dichtes, etwa fünf Meter hohes Netz gespannt, in das ich mitten hinein laufe. Es ist an zwei größeren Bäumen befestigt und reicht fast bis auf die Erde.

     Sofort bin ich von dem klebrigen Netz, in dem es von Hunderten dieser Mückenjäger kribbelt und wimmelt, förmlich eingewickelt. Mit einem Satz springe ich vor, beleuchte mich mit der Taschenlampe und schüttle und streiche hastig an mir herum. Aber das lästige kribbelnde Gefühl in Gesicht und Nacken soll ich den ganzen Abend nicht mehr los werden.

     Sobald ich abends die Lampe anzünde, beginnt sich mein Zimmer zu beleben. Zu Tausenden dringen die Insekten in meine Behausung, jetzt noch viel mehr als im Winter. Die Wand ist in wenigen Minuten bunt, voll kleiner und kleinster Lebewesen. Aber merkwürdig: für die Nacht verschwinden die Eindringlinge dann irgendwohin, und nur ein kleines braunes Käferchen versteckt sich gern in den Kleidern.

     Es ist nicht so fix, wie die erwähnten winzigen Ameisen, und manchmal lässt sich eins erwischen. Mein Bekanntenkreis unter den Indianern wird immer größer, obgleich die Rothente sich wegen der Soldaten viel seltener ins Dorf kommen. Schweigend stehen sie oft an meinem Fenster, drücken die Nase an das Gitter, betteln nach einem „Bittje Brot“ und gehen dann ohne Hast ihres Weges. Eines Tages erscheint auch der selbstbewusste Häuptling Parmanziko, ein jüngerer Indianer mit sympathischem, energischem Gesicht. In seiner Begleitung befindet sich Junges Jakob. Beinahe patzig stellt sich Parmanziko vor mein Fenster und fragt etwas von oben herab: „Tjannst mi?“ und weist mit dem Finger auf seine braune Brust. Ich schüttle den Kopf. „Nä?!“ sagt er erstaunt. „Kazike Parmanziko nich kjanne?“ „Nä!“ Er sieht mich einige Augenblicke lang ungläubig an, winkt ärgerlich mit der Hand und geht ab. Nach wenigen Minuten aber steht er wieder vor mir und fragt noch einmal beinahe drohend: „Nijh kjanne? Gans nijh?“ „Nä Maun.“ Da schleudert er mir einen Blick grenzenloser Verachtung zu und verlässt mit langen Schritten unseren Hof. Das ist ihm offenbar noch nie vorgekommen. Den Häuptling Permanziko nicht zu kennen! Wer kennt in Deutschland den Hitler nicht? Vielleicht ist Permanziko der Hitler des Chaco? Nie hat er sich bei mir wieder blicken lassen.

 „Der Bote" Mittwoch, den 29. April 1936

 

 

      In den Mondscheinabenden mache ich mir die in den Tropen ganz besonders notwendige Bewegung im hinteren Garten. Dabei erschrecke ich abends immer wieder, wenn sich der dunkelgefiederte Ziegenmelker lautlos vor mich auf den Weg niederlässt. Es scheint jeden Abend dasselbe Pärchen zu sein, und mir kommt der Gedanke, zu versuchen, die Vögel an mich zu gewöhnen. Und tatsächlich: nach einigen Wochen werden sie schon zutraulicher. Immer näher lassen sie mich heran. Ich will eines wenigstens einmal berührt haben. Und in drei Wochen bin ich soweit. Das Weibchen scheut meine Hand kaum mehr und lässt sie ganz nahe heran. Und eines abends fahre ich ihm ganz leicht über den Rücken, wobei es zitternd sitzen bleibt. Dann aber fährt es doch erschrocken auf.

      Auch eine der früher erwähnten Vogelspinnen gehört hier zu meinen näheren Bekannten. Sie wohnt nahe am Gehweg unter einer Maisstaude. Immer wenn ich vorbeikomme, sitzt sie am Eingang ihrer Wohnung und starrt mich an. Komme ich näher, so taucht sie ängstlich unter. Aber auch sie gewöhnt sich an das Auf- und Abgehen, und bleibt schließlich ohne Scheu vor ihrer Villa sitzen. In Ruhe kann ich sie nun von allen Seiten betrachten. Nur als ich sie einmal mit einem Stöckchen auf den Rücken legen will, reißt ihr die Geduld und sie beißt wütend in den Stock. Einige Tage ist sie mir ob dieses Missbrauchs ihrer Zutraulichkeit grantig und lässt sich nicht blicken.

     Meine Waschgelegenheit steht im Vorraum auf einer umgestülpten Kiste. Während ich mich eines Tages wasche, sehe ich, wie eine grüne Schlange den Kopf unter der Kiste vorschiebt und vorsichtig nach mir äugt. Ich trockne mich rasch ab und beobachte, wie die Schlange in unsere „große" Stube kriecht und dort zwischen dem Schuhwerk unterm Bett verschwindet. Das ist hier eine oft gemachte Beobachtung: die Schlangen machen sich's gern in Schuhen bequem.

     Als ich darauf meine Waschkommode etwas näher untersuche, sehe ich, wie ein etwa acht cm langer Skorpion die Wand hochklettert. Wahrscheinlich wurde er von der Schlange in seinem Versteck gestört.

     Tante Fröse sind derartige Erlebnisse nichts Neues mehr. „Jao, daut es hia en Älent met daut Tjleintjefa,“ sagt sie und stochert mit dem Besenstiel unterm Bett, wo die Schlange zusammengerollt in einer Ecke liegt, „waut ha wi hia aul Schkorpijonen dotjemaucht, en emma wada kaomen de Kjrätens ennen...“ Verschiedentlich sind Leute auf der Ansiedlung schon gestochen worden, aber noch niemals verlief so eine Vergiftung tödlich, wenn sie manchmal auch geradezu wahnsinnige Schmerzen verursachen soll.

     Unterdessen ist auch die ersehnte Arbusenzeit herangekommen. Leider ist die herrliche Frucht gerade in diesem Sommer weniger gut geraten. Zum Überfluss stehlen die Soldaten allnächtlich so viel sie irgend mitschleppen können; die halbreifen lassen sie zerstückelt zurück. Fröses kommen überhaupt nicht dazu, welche zu essen, und um sich nicht jeden Tag neu „bossen" zu müssen, pflügen sie dies „Baschtan“ eines Tages um, und wir alle haben Ruhe. Am meisten bedauere den Gemüseausfall ich. Gerade in den Tropen braucht der Körper bekanntlich Obst und Gemüse noch nötiger als etwa in Europa. Mich wundert überhaupt, dass die Kolonisten bei dem Genuss des vielen Schweinefleisches gesund bleiben. Ab und zu schicken mir Bekannte aus den Dörfern einige Arbusen. Eine der ersten ist bei 53 Pfund 72 cm lang. Wir sind bei Tisch sieben Esser, und darunter was für welche!, aber diese Arbuse zwingen wir auf einmal doch nicht.

     Die Soldaten sind auf die Wassermelonen wie versessen. Sie schneiden sie in zwei Hälften, streuen Zucker darüber und schöpfen sie mit dem Löffel aus.

     Aus den drei Monaten, die ich im Chaco bleiben wollte, sind allein in Fernheim sechs geworden. Und noch war ich nicht einen Tag in Menno. Wir sind bereits mitten im Hochsommer. Die Bäume sind längst abgeblüht, und Kafir und Mais sollen demnächst geschnitten oder gebrochen werden. Auch steht Weihnachten schon vor der Tür. Weihnachten bei 42 Grad Hitze!

     Am heiligen Abend wird auch bei uns von früh morgens geschrubbt und gebohnert, gescheuert und gewaschen. Auch die Backöfen haben es bis spät in den Nachmittag hinein „druck“. Aber schließlich ist alles vorbei. Wir richten uns für die Christbaumfeier in der Schule.

    Da es noch etwas früh ist, setze ich mich an den Tisch und schreibe an meine Jungs einen Weihnachtsbrief. Wenn ich hinausschaue, sehe ich über unseren grünen Batatenacker auf Unruhs Kuhpferch und den Schweinekoben. Gerade zieht Frau Unruh die letzten braunen Pläppanät aus dem Ofen, während ihr Junge noch rasch den Hof kehrt.

     Noch um 4 Uhr nachmittags ist es 40 Grad heiß. Von ferne tönt Geschützdonner herüber. Die Front liegt nur 35 km westlich von der Ansiedlung, und die Ansiedlung ist seit Monaten Etappe. .

     Tannen oder Fichten gibt es im Chaco nicht, und Lehrer Kliewer hat sich als Ersatz einen sog. „Aprikosenbaum“ ausgesucht, dessen eigentlichen Namen niemand kennt. Der Baum hat kleine, schmale Blätter und läuft oben hübsch aus. Selbstgefertigte Papierketten, Sterne und Schächtelchen bilden den Schmuck. Auch eine einzige rote Kugel, die der Zertrümmerung auf der langen Reise durch irgendeinen glücklichen Zufall entgangen ist, hängt an einem vorstehenden Ast. Aber die kleine Gesellschaft unter dem Baum freut sich bestimmt nicht weniger, als die Kinder in Deutschland. Ist das ein aufgeregtes Geraune und Getuschel: „Schau mal hier und sieh mal das!“ Vergebens bemüht man sich, die Kerzen am Baum anzuzünden. Sie sind von der Hitze aufgeweicht und fallen immer wieder um. Ich sitze erst einige Minuten in dem überfüllten Raum, als ich schon wie in Schweiß gebadet bin. Dabei hat die Klasse keine Glasfenster. Die Männer ziehen ungeniert ihre Jacken aus. Auch die Taschentücher sind bald wie in Wasser getaucht, und als auch die Hemdärmel nicht mehr aufnahmefähig sind, lässt man den Strömen freien Lauf.

      Der Kindergesang ist gut und kann sich mit den in deutschen Schulen wohl messen. Auch den frischen Gemeindegesang höre ich immer wieder gern.

      Bald ist es drinnen nicht mehr auszuhalten, und ich gehe hinaus. Und merkwürdig, die Weihnachtsstimmung, die drinnen nicht kommen wollte, hier draußen stellt sie sich ein. Vielleicht macht es diese sicherlich nicht alltägliche Umgebung. Die hellerleuchteten Fenster, die erwartungsvollen hochroten Kindergesichter, die im Halbdunkel sitzenden Gäste, draußen an den Fenstern die spanischen Soldaten und Offiziere, die dieser eigenartigen Feier mit größtem Interesse folgen, die großblättrigen Rizingsbäume um das Haus - das alles erzeugt eine hellwache Stimmung, die mit einer Weihnachtsstimmung einige Ähnlichkeit hat.

 „Der Bote" Mittwoch, den 6. Mai 1936

 

      Der erste Feiertag bringt, mir gleich morgens ein unangenehmes Erlebnis. Wir rüsten zum Kirchgang. Wenige Meter weg vom Schulhaus gibt gerade eine Maschinengewehrkompanie. Von Toledo herüber, einem „Fort", das vielleicht dreißig Kilometer entfernt sein mag, hören wir Geschützdonner und das Scheppern der Maschinengewehre. Die schweren zwischendurch hörbaren Einschläge rühren offenbar von Bombenabwürfen her. Als man dem diensttuenden Leutnant sagt, dass die Kolonisten jetzt ihren Gottesdienst abhalten möchten, entschuldigt er sich höflich und zieht mit seiner Abteilung sofort ab in das etwa 10 Minuten von Lichtfelde entfernte „Fortin". Ein parag. Offizier kommt mit in den Gottesdienst. Der Zufall will es, dass gerade Friesens ihn zum Mittagessen einladen. Er ist Rheinländer und ehemaliger Angehöriger der Reichswehr. Nebenbei bemerkt er im Gespräch, dass man seit heute früh im „Fortin" von meinem Hiersein wisse.

      Einer der seltsamen Zufälle ist dabei, im Spiel gewesen. Ich hatte kurz vor Weihnachten aus Deutschland Post bekommen. Frau Fröse nimmt eines Tages einen der Briefumschläge aus meinem „Papierkorb", einer Benzinbüchse, um etwas Essbares hineinzutun, das sie an einen Soldaten verkauft hat. Die formt den Umschlag im „Fortin" achtlos weg. Zufällig liest die Anschrift ein Offizier und meldet seine Wahrnehmung dem gerade im „Fortin" weilenden Armeekommandanten, Ayala. Was tut ein deutscher Akademiker hier an der Front? fragt man sich in der Kommandantur. Auf die Deutschen ist man ohnedies nicht gut zu sprechen, seit der ehemalige deutsche General Rundt Oberbefehlshaber der bolivianischen Armee ist. Sofort nach dem Mittagessen gehe ich in das „Fortin" hinüber, um mich ordnungsgemäß zu melden. Ein russischer Emigrant, General Ern, der im parag. Heer Dienst tut, dolmetscht, und ich erkläre dem Kommandanten den Zweck meines Hierseins. Liebenswürdig hört er mich an, und lässt dann seinen Adjutanten rufen. Dieser erhält irgendeine Weisung, von der ich nichts verstehe, knallt die Hacken zusammen und geht wieder in das Büro zurück. „Sie dürfen auch weiter in den Kolonien bleiben und sich innerhalb der Ansiedlungsgrenzen bewegen," erklärt der Oberst, und wenn man Sie belästigen sollte, wenden Sie sich an den Adjutanten.

      Meine erste Fahrt mit Pferdefuhrwerk im Chaco hätte um ein Haar ein schlimmes Ende genommen. Ich bin in dem von Lichtfelde 6 km. entfernten Gnadenheim und werde von Jakob Penner, dem Manne, der in einer Hand auf einmal zehn Eier festhalten kann, eingeladen, heimwärts mitzufahren. Er will in unserem „Fortin" Eierkisten kaufen und nimmt auf alle Fälle 180 Eier als Tauschobjekt mit. Auch der andere Teilhaber der Eierfirma, Jakob Eckert, schließt sich uns an. Wir haben Heinrichsens, des Konsumdirektors Wagen geborgt, ein niedriges Wägelchen mit schmalen Brettern an den Seiten. Eckert und ich sitzen hinten auf einer richtigen „Sitzleiter", während Penner vor uns auf seiner behüteten Eierkiste thront. Bis zum „Fortin" geht alles gut. Die hübschen Schimmel sind wohlgepflegt und brauchen nicht erst angefeuert zu werden. In der Nähe des Soldatenlagers müssen wir auch am Schlachtplatz vorbei, wobei unsere Pferde durch den üblen Geruch und die hochaufgestapelten Rinderhäute scheuen und unruhig werden. Zum Unglück schenke ich einem an einer Krücke einherhumpelnden Soldaten eine meiner Arbusen, die ich in Gnadenheim gekauft habe. Das ist das Signal für die übrigen Soldaten, unseren Wagen zu stürmen. Penner wirft ihnen während der Fahrt noch eine Arbuse hinunter, was die Ausgelassenheit der hemmungslosen Burschen nur noch steigert. Als die vordersten unseren Wagen fast schon erreicht haben, zieht unser Fuhrmann die Leine an und schnalzt mit der Zunge. Hei, wie da unsere Schimmel ausgreifen! In wenigen Sekunden haben wir uns von der übermütigen Bande gelöst und einen großen Vorsprung gewonnen.

      Penner lässt die übermütigen Schimmel einige Kilometer laufen und versucht dann, sie langsam zu zügeln. Aber das ist gar nicht so einfach. Die Pferde laufen nicht mehr aus Übermut, sondern aus Angst, und steigern sich in ein immer wilderes Tempo hinein. Das wäre auf freier Straße auch nicht weiter schlimm, aber hier in dem schlechtgerodeten Busch, wo hart an dem sehr schmalen Weg Stumpen an Stumpen steht, ist das etwas anderes.

     Immer toller, immer rasender wird unsere Fahrt. Penner sitzt längst flach im Wagen, reißt aus Leibeskräften an der Leine und schreit Ein einem fort prr, prrr, prrrrrr. Jeden Augenblick müssen wir gewärtig sein, mit voller Wucht an einen, Baum geschleudert zu werden. Auch ich packe schließlich die Leine und helfe ziehen, aber es verschlägt gar nichts. Da vorne kommt schon die scharfe Rechtskurve. Jetzt wird es kritisch! Gleich haut's uns totsicher! Nun schreien wir schon alle drei prrr, prrrrr, prrrrrr! ohne in der Aufregung daran zu denken, dass die paraguayischen Pferde diesen russischen Zuruf überhaupt nicht verstehen. Wie ein schwankendes Boot wird unser Wagen von einer Seite auf die andere geschleudert. Längst ist unser Brettersitz gebrochen und alles vom Wagen hinuntergefegt worden. Kurz vor der gefährlichen Kurve überlege ich gedankenschnell: abspringen oder sitzenbleiben! Aber auch hier steht Stubben an Stubben, und der Absprung bedeutet bestimmt irgendeinen Bruch. Doch da biegen die bereits in Schweiß gebadeten Schimmel von selber nach links ab in einen alten nicht mehr befahrenen Waldweg, der vorne auf dem nahen Soldatenkamp, wie wir wissen, durch einen Graben abgesperrt wird. Und da sausen wir auch schon wie auf wilder Flucht aus dem Busch geradewegs auf den verhängnisvollen Graben zu. Eins, zwei, drei zähle ich aus irgendeinem Grunde, und da gibt es auch schon einen gewaltigen Stoß, einen splitternden Krach, und ich sehe, wie Penner im Bogen hinausgeschleudert wird und auch Eckert vornüberschießt. Ich bleibe an der Runge hängen.

      „Da sind wir also!" meint zuerst Penner und rappelt sich langsam auf. Offenbar sind alle noch heil, denn wir können uns ja bewegen. Nur im Fußgelenk spüre ich einen heftigen Schmerz. Und da sehen wir die ganze Bescherung. Zäume, Leine, Sielen - alles ist zerrissen und Deichsel mit Ankertau zerbrochen. Einer der Schimmel kniet noch im Graben, während der andere zitternd quer zum Graben steht. Beide sind vollständig aus den Sielen geschlüpft. Hunderte Soldaten haben unsere stürmische Anfahrt mitangesehen, aber niemand rührt sich, uns zu helfen. Da ertönen einige harte Kommandoworte, und 50-60 der grauen Gestalten stürzen auf uns zu. Alle wollen uns jetzt helfen. Sonst aber reagieren sie auf unser Pech ganz anders, als wir vielleicht angenommen hatten. Unser Unfall löst bei ihnen nämlich nicht etwa Bedauern aus, sondern ungeheure Heiterkeit. Viele halten sich den Bauch vor Lachen und schnarren immerfort: „Prrr, Prrrrr, Brrrrrrrrr!" Aber man hebt unseren Wagen doch aus dem Graben. Langsam klauben wir das Knäuel auseinander.

      Nun erst sehen wir, warum all unser vereinigtes Ziehen und Zerren gar nichts genutzt hat: das Zaumgebiss ist abgebrochen. Und wie sehen wir selber aus! Über und über mit Dreck bespritzt! Gesicht und Kleider kaum eine Stelle ist sauber geblieben. Penner blutet stark an den Füßen. Er hat diese immer wieder gegen einen langen Nagel im Dungbrett gestemmt und dabei die Fußsohlen tief aufgerissen. Als wir das Geschirr mühsam zusammengeflickt haben, geht Penner zurück, unsere im Busch zerstreuten Siebensachen zusammenzusuchen. „Ja, und die Eier?" fällt ihm plötzlich ein. Richtig, die Eier! An die hat bis jetzt niemand gedacht.

       Lange müssen wir warten, bis Penner zurückkommt. Aber kaum taucht er aus dem Busch auf, als ein geradezu brüllendes Gelächter ausbricht. Ich beiße mir die Lippen wund, um Penner nicht zu kränken. Aber das Bild ist wirklich sehenswert. Da kommt der baumlange Mann an, schwarz wie aus dem Sumpf gezogen und trägt behutsam unsere zerschmetterte Eierkiste vor sich her. Er hält die Bescherung soweit von sich wie nur möglich, da aus allen Ritzen der rohe Rührei träufelt und fließt. Einige Soldaten laufen ihm entgegen und halten die zusammengelegten Hände unter. Ist das ein Bild! Und gerade jetzt habe ich meinen Photoapparat nicht dabei! Aber da packt den Penner doch die Wut. Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Auch im Chaco nicht. Entschlossen packt er die Kiste und schleudert sie den Soldaten vor die Füße: „Doa schlaubat de Eiamos!" Und die grauen Jungs lassen sich nicht nötigen. Im Nu schließt sich der Ring um die Kiste, und ein großer Haufen Menschenleiber bemüht sich strampelnd und stoßend an den begehrten Inhalt der Kiste heranzukommen. Endlich können wir wieder einsteigen. Im Schritt fahren wir in das nahe Lichtfelde hinüber. Erstaunt schaut man uns im Dorf ob dieses seltsamen Aufzuges nach. Penner weigert sich, seine Füße reinigen und verbinden zu lassen und muss das später mit einer langwierigen Kur büßen. --

„Der Bote" Mittwoch, den 13. Mai 1936

 

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