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der Mennoniten in Brasilien
Teil 1
Hier finden wir einige Texte aus der Mennonitischen Rundschau, die über die Überfahrt der Mennoniten im Jahre 1930 und die Anfänge in Brasilien berichten.
Der erste Text wurde am 11. Dezember 1929 veröffentlicht. Da saßen unsere Vorfahren in Moskau fest, viele waren schon zurückgeschickt worden, weil Kanada die Immigrationstore geschlossen hatte. Der mennonitische Moses, B.H.Unruh, hatte aber emsig gearbeitet, um sein Volk hinauszuführen und da kam das erlösende Willkommen von der brasilianischen Regierung.
Brasilien bietet Zuflucht an
Brasilien hat sich bereit erklärt, einen großen Prozentsatz der deutsch-russischen Flüchtlinge, von denen eine Anzahl bereits in Deutschland weilt, während die übrigen auf Gelegenheiten warten, Russland zu verlassen, aufzunehmen.
Den Bauern sollen in Südbrasilien Wohnstätten zugewiesen werden, wo bereits eine erhebliche Anzahl deutscher Siedlungen vorhanden ist.
Von den 13.000 deutsch-russischen Bauern, die in der Hoffnung, nach Kanada und Südamerika auszuwandern, ihr Land und Gut verkauft hatten, werden jetzt an die 9.000 im Nordwesten der Sowjetrepublik, wie in dem Hilferuf aus Berlin gemeldet wird, in Frachtwagen wie Vieh wieder in ihre Dörfer abgeschoben.
Es erwarten sie dort trostlose Anlagen, in denen sie früher als Siedler lebten. Sie werden jetzt mit Knechtschaft wohl rechnen müssen. Dabei ist der Erlös aus dem Verkauf ihrer Besitztümer mittlerweile wieder in den Staat aufgegangen. Den 4.000 anderen wird die Ausreise mit Hilfe ihrer Papiere gestattet, wie das russische Außenministerium dem deutschen Botschafter in Moskau versicherte.
MR 1929-12-11
Am 5. Februar 1930 lesen wir in der Rundschau:
Es war in Erfahrung gebracht worden, dass die deutsche Regierung bereit war, den nötigen Kredit zu gewähren für den Transport von einhundert Familien von Deutschland nach irgendeinem Hafen oder einer Station in Paraguay. Ferner wurde die Mitteilung gemacht, dass die Kolonisten Land auf Kredit anschaffen können, und zwar wird ihnen von den jetzigen Eigentümern des Landes noch etwas finanzielle Mithilfe für den Anfang in Aussicht gestellt.
MR 1930-02-05
Denn wie sonst sollten diese Flüchtlinge übers Meer kommen? Zwar gab es die (billige) Alternative, sich von brasilianischen Kaffeepflanzern die Reise bezahlen zu lassen. Dann aber müssten die Mennoniten auf weit auseinander liegenden Pflanzungen in São Paulo jahrelang arbeiten, um die Reisespesen abzuarbeiten. Gemeinde und Gemeinschaft wären unmöglich. Dagegen sträubte sich das MCC. Ebenso B.H.Unruh.
Die Mennoniten in den deutschen Lagern wollten unbedingt zu Verwandten und Bekannten in Kanada, die in den vergangenen Jahren dorthin ausgewandert waren. Meine Grossmutter väterlicherseits, Thiessen von Geburt, hatten eine Reihe Brüder und Schwestern in Kanada und stemmte sich mit allen Kräften dagegen in den Urwald zu ziehen. Darum geriet dann mein kränklicher Grossvater mit seinen Mädchen und nur einen Sohn auf Stoltz-Plateau - ein absolut undurchführbares Unternehmen, dort Bauer zu werden.
B. H. Unruh vermittelte unter den Lagerinsassen folgende Informationen über Brasilien. Ich gebe nur Ausschnitte aus dem ursprünglichen Text wieder:
Zur etwaigen Auswanderung der Mennoniten nach Brasilien.
(Auf Grund verschiedener Quellen von B. H. Unruh)
Brasilien ist der größte Staat Südamerikas. Seine Oberfläche hat eine Größe von 8½ Millionen Quadratkilometern. Die der Vereinigten Staaten beträgt 9 Millionen, Europas 10 Millionen. Während jedoch in Europa 420 Millionen Menschen wohnen, in den Vereinigten Staaten 100 Millionen, beträgt die Bevölkerungszahl Brasiliens nur 36 Millionen, unter ihnen zählt man ½ Million Deutsche.
Brasilien liegt auf der atlantischen Seite des südamerikanischen Erdteils. Sein gewaltiger Landraum liegt in der heißen und gemäßigten Zone, seine Bodenschätze sind groß und reich, seine Wasserkräfte zahlreich und stark. Umfang und Lage befähigen Brasilien zu einer Groß- und Weltmacht.
Die deutsche Mitarbeit an der Kolonisation und Kultur Brasiliens setzte schon bald nach der Entdeckung des Landes ein. Es kamen deutsche Abenteurer ins Land und deutsche Jesuiten als Indianermissionare. Die Tochter des Kaisers Franz I. von Österreich, Leopoldina, die Gemahlin des Kaisers Don Pedro I. (1817–1826) wurde die Patronin der deutschen Kolonisation.
Die erste Welle von Kolonisten kam 1824–30 ins Land, etwa 5000 Menschen. Sie gründeten São Leopoldo in Rio Grande do Sul, São Pedro in Santa Catarina, Rio Negro in Paraná. – Die zweite Welle 1845–59 brachte neue Einwanderer (besonders auch Legionäre für den Krieg gegen Argentinien 1851).
Der im Jahre 1849 gegründete Hanseatische Kolonisationsverein führte 1851 die ersten Siedler nach Dona Francisca (Joinville) ein. 1850 entstand Blumenau.
Ein Schiff des Norddeutschen Lloyd oder der Hamburg-Südamerikalinie bringt uns von Deutschland in etwa 25 Tagen Fahrt nach Brasilien. In dem guten Hafen, aber kleinen Städtchen São Francisco steigen wir in den Küstendampfer über bis Itajaí. Ein kleiner Flussdampfer bringt die Reisenden in etwa acht Stunden über Gaspar bis zum Marktplatz von Blumenau, einer Stadt mit rund 5.000 Einwohnern.
Von Blumenau aus führt eine Eisenbahn weiter über Indaial, Warnow und Aquadaban (Bürgerbach) nach Hammonia, dem Hauptort der Kolonie. Der Ortsname erinnert an Hamburg, das in dichterischer Sprache ebenfalls so genannt wird. Bevor die Bahn existierte, wurden Frauen, Kinder und Gepäck in Wagen weiterbefördert, während die Männer und Jungen zu Fuß marschierten – eine Art Vorbereitung auf die Zeit, in der es stärker als je zuvor hieß: „Selbst ist der Mann.“ Hammonia liegt 150 Meter über dem Meeresspiegel und ist etwa 150 Kilometer von der Küste entfernt. Um die Hauptortschaft herum ist das Gelände bergig, jedoch der Boden ist von sehr guter Beschaffenheit.] Die Ländereien der Hansakolonie sind von vielen Bach- und Flussläufen durchzogen, an welchen die Siedlungslinien entlanggelegt werden.
Die wichtigste Feldfrucht, welche immer in erster Linie angebaut wird, ist der Mais. Der Kolonist braucht den Mais als Mehl zum Brot, als Kraft- und Mastfutter für Rindvieh, Pferde, Schweine, Geflügel; deshalb muss das Maisfeld möglichst groß angelegt und sorgfältig von Unkraut reingehalten werden; denn wenn der Mais in der Wirtschaft fehlt, dann muss sie zurückgehen.
Schwarze Bohnen, das beliebte brasilianische Volksgericht, werden viel angepflanzt und kommen schon in großen Mengen zur Ausfuhr. Weizen gedeiht sehr gut. Mit Roggen, Weizen, Gerste und Hafer sind verschiedene Anbauversuche gemacht worden; hauptsächlich Roggen gedeiht sehr gut. Die gewöhnliche deutsche Kartoffel gedeiht schlecht. An Knollenfrüchten gibt es eine große Anzahl (Kartoffeln, Yipim, Taja, Mangorito, Bataten). Zu Schweinefutter kultiviert man Inhame, zur Bereitung von Farinha (Maniok-Mehl) Maniok und zur Bereitung von Stärkemehl Ararutknollen.
.....
Man kann aber hoffen, dass die Besiedlung bald wieder intensiver vorwärts geht, – sind doch die Verhältnisse jetzt ganz andere als in den ersten Jahren. So fällt z.B. jetzt die Indianergefahr fort, welche früher ein großes Hindernis für die Kolonie war.
Zur Polenta der Italiener haben sich die Deutschen allerdings nicht verstanden; ihre Frauen verstehen aber mit Beimischung dortiger Knollenfrüchte ein recht schmackhaftes Maisbrot zu backen, und wenn es die Haushaltskasse erlaubt, kommt mitunter auch Weizenmehl dazwischen, das aus Argentinien seinen Weg auch in die brasilianische Kolonie findet.
Früher wurde in Brasilien fast nur dänische und französische Butter verbraucht. Die Blumenauer Bauern und Kaufleute brachten zuerst in größerer Menge einheimische brasilianische Butter auf den Markt und machten damit lange Zeit ein gutes Geschäft.
In großer Menge werden Schweine gezogen; das Schmalz, das ausgeführt wird, wertet pro Kilogramm etwa eine Mark. Die Hausfrau braucht also mit der Fleischnahrung nicht so zu sparen wie in Deutschland; ein Huhn in den Topf, ein Dutzend Eier in die Pfanne nimmt sie nicht so schwer.
Aus der Maniokwurzel wird ein körniges Mehl (farinha) hergestellt, das dem Brasilianer die Stelle von Weizen- und Maismehl vertritt. Es lässt sich aber nicht backen; es wird nur mit heißem Wasser aufgebrüht zu einer Art dickem Kleister, und das „Brot“ ist fertig.
Für die weltliche Arbeit, das Umwandeln von Waldland in Kulturboden, gilt das Sprichwort: „Im Schweiße deines Angesichts sollst du essen.“ Doch ist die Arbeit nicht so schwer zu erlernen, wie es anfangs scheint. Es handelt sich um einfache Handgriffe, die rasch vertraut werden. Mit der Buschmachete wird Unterholz niedergelegt, mit der Axt an die Stämme gegangen. Oft gibt es mehr Dickicht und Bambusrohr als große Baumstämme, die eher das steinige Land an den Bergen bevorzugen. Besonders geschätzt werden Harthölzer wie verschiedene Arten von Canella, Loro, Jacaranda, Ipe und Carajuba. Leicht zu spalten und dauerhaft sind Suquerajuba und Canjerana, die oft für Zaunpfähle genutzt werden.
Das gefällte Waldstück, nachdem es einige Wochen getrocknet ist, wird abgebrannt. Bei guter Vorbereitung und trockenem Wetter erzeugt das Feuer ein beeindruckendes Schauspiel aus Flammen und Knattern. Ausgedehnte Waldbrände wie in Nordamerika sind selten, da der Waldinnergrund meist feucht ist. Schlecht brennender Wald hingegen erfordert mühsames Räumen und das Verbrennen in Haufen.
Nach dem Abbrennen ist das Land bereit für die Pflanzung, auch wenn es kein „deutscher Acker“ ist. Die Baumstümpfe bleiben stehen oder liegen. Mit der Hacke werden kleine Pflanzgruben ausgehoben, um Mais, Bohnen, Zuckerrohr, Bataten und andere Knollenfrüchte zu setzen. Unkraut wächst im frisch abgebrannten Land kaum, und ein Pflanzfeld nimmt oft zwei bis drei Kulturen gleichzeitig auf.
Mais wird mit Bohnen, Kürbissen oder Grasranken kombiniert, sodass nach der Maisernte das Gras bereits eine fertige Weide bildet. Die Zäune werden aus Holz des Waldes gebaut, ergänzt durch Stacheldraht. Gute Zäune sind essenziell, um Streit zwischen Nachbarn über freilaufende Tiere zu vermeiden, die die Pflanzungen anderer zerstören könnten.
Der erste Bau von Hütten und Häusern ist sehr einfach. Den einheimischen Brasilianern liefern Palmen und Palmiten das gesamte Baumaterial: die Ständer und Balken, die Latten und das Flechtwerk, das mit Lehm ausgemauert wird, sowie die Blätter zum Decken des Daches. Ähnlich behelfen sich die Deutschen anfangs, gehen dann aber bald zum Bretter- oder Fachwerkhaus über, sobald die Mittel es erlauben.
Der fleißige, vorwärtsstrebende Kolonist möchte seine Familie möglichst schnell aus dem Einwandererhaus auf die Kolonie überführen. Da reicht es trotz großer Familie oft nur zu einer kleinen Hütte; inmitten großer Weiträumigkeit ist doch „Wohnungsnot“, wenn auch noch Geflügel, Schweine und Hunde sich hereindrängen.
Ein denkwürdiger Tag ist die Anschaffung der ersten Kuh. Früher hatte der Einkauf manche Enttäuschung im Gefolge; denn gutes Milchvieh war selten, da das einheimische Vieh nur zum Schlachten gehalten wird. Jetzt sind deutsche Rassen eingeführt worden, vom Hochland- und Niederungsschlag; ebenso Rasse-Schweine. Doch ist die schon einheimische Macao-Rasse auch sehr leicht fett zu machen, was sich aber von langschnauzigen, hochbeinigen Kampfschweinen nicht sagen läßt.
Das Leben des Kolonisten ist ein bäuerlich-ländliches und hat in diesem Rahmen seine Freuden. Manche, die aus der Stadt, aus dem Handel, aus Industrie und Gewerbe gekommen sind, waren nicht zufrieden. Der Grund lag aber weniger im Wechsel des Landes als im Wechsel des Berufs! Der Boden lohnt mit größeren oder kleineren Ernten, je nach dem Jahrgang und der Zahl der Arbeitskräfte, wirft aber keine unerwarteten, außerordentlichen Gewinne in den Schoß.
Ehe der Kolonist jedoch zu behäbigem Bauernwohlstand vorgedrungen ist, bevor sein Leben hinfließt im friedlich-beschaulichen Gleichmaß der Tage eines winterlosen Landes, in dem beständig gepflanzt und geerntet wird, hat er es noch zu spüren, dass er an den Grenzen der Kultur wohnt.
Zwar sind es nicht reißende Tiere des Waldes, die ihn bedrohen. Der Kugel seiner Büchse erliegt der Jaguar, und der Puma flüchtet sich beizeiten. Die Tapire (Antas), die Wasser- und Wildhirsche, Pakas (eine Art Dachs), Jakutingas und Waldhühner jagt er bei völlig freiem Jagdrecht mit gutgelernten Hunden fast bis zur Ausrottung.
Die Giftschlangen könnten größeren Schaden anrichten, doch glücklicherweise sind sie sehr träge, wie z. B. die Jararaca. Kleinere Plagegeister wie Stechmücken oder Sandflöhe werden mitunter recht lästig. Dem Rindvieh setzen im Sommer die Maden einer Art Dasselfliege oft schwer zu. Ein tüchtiger Kolonist sollte daher niemals auf Kreolin, einige Hausmittel und etwas Verbandzeug verzichten.
Gefahren durch die Indianer
Doch der Indianer oder Buger streift noch durch den Wald, dann und wann die Gelegenheit erspähend zu einem räuberischen, ja mörderischen Überfall. Nicht ohne Blutvergießen auf beiden Seiten hat sich dieser Kampf abgespielt (vor 1914 geschehen; seither kein Überfall mehr).
Was über das Leben dieser bisher wilden Stämme durch gefangene Frauen und Kinder bekannt wurde, ist nicht so abstoßend, wie man denken möchte. Es herrscht im Stamm große Zucht, Arbeitsteilung und williger Gehorsam. Die gefangenen Kinder zeigen sich gescheit und gelehrig, obgleich sie fast aus der Kultur der Steinzeit in die unsere versetzt wurden.
Trotz dieser Nachricht, wenn Mennoniten nachts durch Waldpfade gingen, haben sie sich oft vor einer Begegnung mit Wildtieren oder Indianern gefürchtet.
Nun lesen wir zwei Berichte über die Überfahrt der Monte Olivia, und anschließend der 3. Transport mit der Baden. Ebenso lesen wir, wie unterschiedlich die Erfahrungen auf der Blumeninsel waren.
An Bord des Ozeandampfers „Monte Olivia“, den 23. Januar 1930
Einige Stunden vor der Hafenstadt „Las Palmas“ auf den Kanarischen Inseln.
Lieber Bruder im Herrn!
Den Frieden Gottes zuvor! Die mennonitischen Kreise Canadas und der U.S.A. dürfte es wohl interessieren, dass am 16. Januar 1930 der erste Mennonitentransport von Hamburg nach Süd-Brasilien abfuhr, in die Kolonie Blumenau im Staate Santa Catharina — in den Urwald.
Wir sind im Ganzen 179 Personen. Andere Gruppen werden wohl nachkommen. Etwas ganz Neues in der Mennonitengeschichte. Weil die Tore von Canada für die meisten von uns geschlossen sind, haben wir im Vertrauen auf Gottes allmächtigen Beistand die Reise nach Brasilien angetreten. Gott wird uns helfen und beistehen. Er hat schon so wunderbar geholfen, und Er hat auch Menschenherzen bewogen, uns viel Liebe zu erweisen. Auf Ihn vertrauen wir auch ferner und wollen an Ihm festhalten, wenn’s auch viel Schwierigkeiten geben wird.
Wir empfehlen uns der Fürbitte aller lieben Geschwister im Herrn!
In Liebe grüßend,
Heinrich Martins,
Leiter der Gruppe.
MR 1930-03-05
M.S. „Monte Olivia“
Hafen Rio de Janeiro, Brasilien
Den Frieden Gottes zuvor! Gott hat Gnade gegeben zu unserer Reise über den Ozean. Heute Abend erreichen wir die Hauptstadt Brasiliens, Rio de Janeiro. Bis São Francisco sind es noch zwei Tage, und dann sind wir unserem letzten Ziel, der neuen Ansiedlung, schon nahe.
Alles hat sehr gut geklappt. Von Seekrankheit fast keine Rede, mit Ausnahme von ganz vereinzeltem Unwohlsein auf dem Biskaya-See an der französisch-spanischen Küste.
Alle sind gesund und munter, haben uns auf der Reise erholt. Wir durften jeden Tag unseren gemeinsamen Abendgottesdienst halten, auch vor jeder Mahlzeit einen Vers gemeinsam singen.
Die Schiffsverwaltung war uns sehr freundlich gesinnt und äußerst entgegenkommend; Unterkunft und Verpflegung gut, ja ausgezeichnet!
Gott war sichtbar mit uns und hat über uns gewaltet mit Seinem Schutz. Ihm sei Ehre und Dank dafür!
Wir erwarten manches Schwere auf der neuen Ansiedlung unter Brasiliens Sonne, aber wir haben keinen Grund zu verzagen, solange wir Gott auch weiterhin unseren Führer sein lassen! Ihm empfehlen wir uns für die nächste Zukunft und erbitten von Ihm auch Seinen Segen über alle lieben Geschwister in Kanada, U. S. A., in Deutschland, Holland und Russland!
Tragt uns und auch die Zurückgebliebenen in Russland auf betenden Händen, damit unser Glaube bewahrt bleibe, auch durch trübe und schwere Stunden dieses Lebens!
Am 27. Januar um 9 Uhr morgens wurde der Familie Jakob Isaak ein Töchterchen geboren, das den Namen „Olivia Martina“ erhielt; am 3. Februar morgens segnete Gott auch die Familie Jakob Kliewer mit einem Töchterchen namens „Anna Olivia“. Wichtige Seelenkinder; Gott segne Eltern und auch Kinder!
Mit den besten Grüßen verbleibe ich in Liebe,
Dein Heinrich Martins.
MR 1930-04-09
In G. Schierlings Bericht erfahren wir auch schon einiges über die Anfänge am Krauel.
Am 22. Februar reisten wir mit dem 3. Transport auf dem Dampfer „Baden“ von Hamburg aus. Die Nordsee war ungewöhnlich ruhig. In der Biscaya begann dann das richtige Schaukeln. Meine liebe Frau und meine Mutter mussten am stärksten darunter leiden. Nachdem wir Spanien und Madeira bei gutem Wetter angelaufen hatten, ging es in ununterbrochener Fahrt bis zur Hauptstadt Brasiliens, Rio de Janeiro, wo wir am 13. März landeten. Eigentlich wollten wir direkt nach São Francisco do Sul, aber auf Befehl der Regierung mussten wir den üblichen Weg aller Einwanderer gehen, nämlich zehn Tage im Immigrationshaus auf der Blumeninsel verbringen.
Als unser Dampfer uns zur Blumeninsel brachte, fuhr der 2. Transport an uns vorbei, um nach fast dreiwöchigem Aufenthalt die neue Heimat zu besiedeln. Es tat uns sehr leid, dass wir keine Gelegenheit hatten, uns mit ihnen zu treffen, da viele nahe Verwandte darunter waren. Ich muss etwas zurückgreifen. Bei der Ankunft in Rio begrüßten uns als Erste Herr Pastor Treuz vom Hilfsverein und der Vertreter der deutschen Botschaft. Es tat uns ungemein wohl. Sie versprachen, uns in allem zu helfen, und ich muss sagen, sie haben Wort gehalten. Als es am nächsten Tag auf dem Zollamt Schwierigkeiten wegen des Roten-Kreuz-Gepäcks gab, haben sie unermüdlich geholfen. Mir persönlich war es nur sonntags vergönnt, bei den Lieben zu verweilen; die anderen Tage war ich jeden Tag in Rio im Ackerbauministerium, Hilfsverein und Zollamt. Dank des energischen Eingreifens der deutschen Vertretung und des Hilfsvereins, konnten wir das Gepäck einen Tag vor der Abreise noch erhalten. Es bestand aus 30 Kisten, Ballen usw. Der Gesundheitszustand des 3. Transports war im Gegensatz zum 2. sehr gut.
Am 23. März fuhren wir dann auf einem Küstendampfer los nach São Francisco do Sul, immer der Küste entlang, wo man nur bewaldete Höhen sah. Den 28. März verließen wir dann das Schiff, nachdem wir beinahe einen Monat auf dem Wasser gewesen waren. Wir waren herzlich froh und Gott dankbar, dass wir endlich festen Boden unter den Füßen hatten.
Bei unserer Ankunft begrüßten uns die Vertreter der deutschen Regierung, so auch Herr Dr. Lange und der Ortspfarrer. Nachdem mit dem Gepäck aufgeräumt war, bekamen wir alle eine kräftige Suppe, Wurst und Weißbrot. Der Herr Pastor war so freundlich, uns trotz großer Schwierigkeiten ein paar Flaschen für die Kleinsten zu beschaffen.
Um 3 Uhr ging’s los per Bahn bis Paragua (Jaraguá?), von da bis Blumenau auf Motomobilen, dann wieder bis Hammonia per Bahn, wo wir Samstag abends ankamen. Sonntag nachmittags ging es dann los per Achse unserer neuen Heimat zu, immer durch Täler und an den Seiten hohe Berge. Wohl mancher dachte mit schwerem Herzen zurück an die lieblichsten russischen Ebenen.
Dank der Umsicht des Herrn Dr. Lange und des Führers des ersten Transports, H. Martins, war für uns schon alles geregelt, in den Baracken fanden wir Unterkunft, auch für Essen war gesorgt. Oft stieg bei uns die Frage auf: Wie werden wir uns ernähren ohne Geld und Mittel, aber Gott sei Dank, wir sind mit allem versorgt.
Eine jede Familie bekommt je nach der Anzahl der Glieder zwei Drittel des Bedarfs in Produkten und ein Drittel in Geld frei. Diese Hilfsaktion ist auf 12 Monate vorgesehen. Zudem bekommen wir Äxte, Feilen, Buschmesser, Samen, Laternen und anderes Gerät. Außerdem hat jeder Transport vom Roten Kreuz Küchen- und Wirtschaftsgeräte mitbekommen. Wir können dem deutschen Volk und der Regierung nicht genug dankbar sein für all die erwiesene Liebe.
Nachdem wir in den Baracken übernachtet hatten, ging es am nächsten Tag gleich los mit dem Aussuchen von Kolonien (Farmen). Natürlich wurde manchem schwindelig, wenn er die hohe Serra hinaufkroch, und doch sah man in den Bergen prächtige Aipem (Maniok) stehen, welche ein gutes Nahrungsmittel, sowohl für Menschen als auch Vieh ist. Die Mehrzahl schlägt schon mutig Wald (Roça). Man sieht auch schon recht oft neue Gebäude. Die Riesenbäume liefern Schindeln und Bretter, andere Bäume das Rundholz.
So bestrebt sich ein jeder wieder ein neues Heim zu gründen. Die Stimmung ist im Allgemeinen in letzter Zeit besser. Man hofft sich, trotz vieler Schwierigkeiten durchzufinden. Ein großer Mangel ist, dass für Kinder und Alte nicht Milch zu bekommen ist. Wie wir zu einer Kuh kommen werden, sieht uns bis jetzt noch schwierig, und doch haben wir das Vertrauen zum Herrn, dass Er uns helfen wird.“
Die Furcht vor Schlangen ist geschwunden. Mir kommt es so vor, als ob im Süden Russlands mehr Schlangen waren als hier. Lästig sind die kleinen Sandflöhe, welche sich unter den Nägeln der Zehen nisten.
Der Haupterwerb ist hier Viehzucht. Man sieht durchschnittlich Holländerkühe. Trotzdem die Kühe gut an Leib sind, geben sie weniger Milch als unsere roten Kühe in Russland. Die Schweinezucht rentiert sich nicht hier oben. Obst und Gemüse wächst europäisches. Hauptnahrungsmittel sind schwarze Bohnen, Aipim, Bataten (süße Kartoffeln) und Mais.
Wenn wir in Prenzlau, Deutschland, von Maisbrot sprachen, dann meinten wir, es sei ungenießbar. Wir finden es mit einem Drittel Weizenmehl, wie es hier allgemein üblich ist, ganz schmackhaft, so auch Klöße, Kuchen und anderes. Natürlich müsst Ihr Kanadier in Betracht ziehen, dass unser Gaumen in letzter Zeit nicht sehr verwöhnt ist; stimmt’s, Peter Penner, Prenzlau? Und dann ist der hiesige Mais auch viel mehliger als der russische. Er ähnelt dem russischen „Konstij Zub“.
Bataten ist ein herrliches Gewächs, viel schmackhafter als Kartoffeln und auch nahrhafter. Kaffee wird, trotz dass er billig ist, nicht viel gebraucht. Man trinkt Mate (Paraguay-Tee). Meine Kolonie (Farm) hat nicht viel Mate-Bäume. Der Tee hat nach hiesigen Aussagen unzählige gute Eigenschaften. Wenn der Editor unruhig wird über meinen langen Brief, dann schicke ich ihm ein Päckchen eigener Fabrikation als Verkostungsmittel. (Bitte, Zahlung wird folgen. Ed.)“
Eine besondere Wohltat ist es für uns, dass man hier hunderte Kilometer fahren kann und nur Deutsche trifft, man kann sich immer verständigen. Mein lieber Bruder Glenbusch ist wohl ein wenig enttäuscht, da wir nicht nach Kanada kamen. Joh. Rempel, warum lässt Du nichts von Dir hören? Dann sind da noch Joh. Kröker und seine Schwester Maria, Frau Peter Sawatzky, leider haben wir Eure Adressen in Russland gelassen. Ja, Schwager Sawatzky, wenn Du für mich auf die Mennonitische Rundschau abonnieren würdest, so wäre der Editor, (auch noch ein wenig bekannt von Nikolajewsk), gewiß so freundlich, sie mir per Post zuzuschicken. (Sie kommt. Ed.)
Die lieben Geschwister und Freunde in Prenzlau, Franz Görz, Peter Penner, Tante Töws mit Söhnen sind wohl schon in Kanada? Bekamen gestern einen Brief von Russland, wo man schreibt, dass Joh. Töws, Ignatjewka wahrscheinlich nach Deutschland kommen wird. Möchte Gott es geben. Mein lieber Schwager Peter Janzen ist verbannt nach Kotlas, Archangelsk Gouvernement. Schwager Joh. Friesen und Jakob Görz, so auch mein Bruder Klaas Schierling sind aus dem Gefängnis entlassen.
Unser Gebet ist täglich, dass Gott das Los dieser Märtyrer wenden möge. Besonders schwer wird es für Dich, Schw. A. Isaak, Arnaud, schon der zweite Bruder verbannt. Schreibt uns auch einmal. Abram Isaak ist im Krankenhaus, so wie wir aus dem Briefe verstehen im Gefängnis. Trotzdem dass die Zeitungen schreiben, dass der Terror nachgelassen hat, wird es noch immer schlimmer.
Noch einen herzlichen Gruß an alle Verwandten und Bekannten, auch an Ält. G. Regehr, Mountain Lake
G. Schierling.
Meine Adresse: Brasilien, S. Catharina, Hammonia, Alto, Rio Krauel.
P.S. Bitte noch besondere Grüße an ihre Eltern und Korn. Neufeld, Sen. Ist Korn. Neufeld, Sr. schon da? (Ja. Ed.)“
MR 1930-05-21
Die Meldung der deutsch-brasilianischen Presse, der 5. Transport werde am Rio dos Indios angesiedelt (Der frühere Name des Krauelflusses), entspricht nicht den Tatsachen. Der 5. Transport, der mit 250 Köpfen mit der „Madrid“ soeben von Deutschland abgereist ist, kommt nicht an den Alto Rio Krauel, sondern in das obere Dona-Emma-Gebiet (Stoltz-Plateau, zu Ehren des früheren Besitzers, dessen Name "Stoltz" war).
Von Interesse ist noch, dass, während bisher alle Kosten von den von der deutschen Reichsregierung zur Verfügung gestellten und aus der Sammlung „Brüder in Not“ stammenden Mitteln bestritten wurden, soeben bezüglich der Mennoniten ein Abkommen zwischen der deutschen Reichsregierung und dem Ausschuss der Mennoniten getroffen worden ist, wonach die Mennonitenkirche die gesamten Kosten für den Abtransport des mennonitischen Teiles der Flüchtlinge, deren Höhe auf sechs Millionen Reichsmark veranschlagt wird, übernimmt.
(Eingesandt von Pfarrer Friedrich W. Brepohl, Brasilien.)
MR 1930-06-04
Johann Kornelsen, aus Hammonia, stellt einen kurzen Bericht in die Mennonitische Rundschau vom 18.Juni 1930, wo er u.a. erwähnt:
....
Unsere Familie besteht aus 6 Mädchen: Sara, Anna, Maria, Katharina, Margaretha und Helena....
MR 1930-06-18
Wiederholte Male begegnet man der Vermutung, dass Kanada lieber Familien mit Söhnen aufnahm. Familien mit vielen Töchtern wie bei meinem kränklichen Grossvater oder bei diesen Kornelsens sollen eher abgewiesen worden sein.
Wie machte es dieser Mennonit, um die Urwaldriesen zu erlegen? Mein Grossvater lag oft krank im Bett, meine Tanten zogen bald los, in der Stadt eine Dienststelle zu übernehmen, mein Vater, als 21jähriger, plagte sich alleine einige Jahre damit, auf Stoltz-Plateau eine "roça" zustandezubringen, bis auch er es aufgab.
Pastor Brepohl, ein lutherischer Pastor in Ponta Grossa, hat schon lange vor der Ankunft der Mennoniten zu ihren Gunsten bei der brasilianischen Regierung gewirkt. Nun gestattet er einen Besuch bei seinen Schützlingen am Krauel ab.
Mennonitische Pionierarbeit in Brasilien.
Auszug aus dem Bericht von H. Martins, Hammonia, Estado Santa Catarina, Brasilien, vom 7. März 1930:
Heute, Freitag, der 7. März, ist ein bewegter Tag für mich und das neue Mennozentrum! Solche Tage gibt's wöchentlich 2-3.
Auf zwei Autos hatten wir heute hochrangigen Besuch: Der Direktor der Hansa, Herr Meckien, der Ingenieur, Herr Austrich, Herr Dr. Lange und Pfarrer Wilhelm Brepohl mit Gattin. Ich weiß nicht, ob Du diesen Herrn bereits kennst, der in der Immigration nach Amerika keine unbedeutende Rolle gespielt hat.
Der Name dieses Herrn mit seiner brasilianischen Adresse wurde mir bereits in Mölln vom Nachrichtenkommissar Herrn Dr. Stücklein mitgeteilt. Er weiß ziemlich Bescheid in der Mennonitengeschichte, besonders in der Emigrationsbewegung der Nachkriegsjahre.
Er teilte mir heute mit, dass Brasilien sich bereit macht, annähernd 100.000 Emigranten aufzunehmen, abhängig von der Aufnahmefähigkeit der Hansa. Dies soll erfolgen:
• Im Chapeco (Staat Santa Catarina): 1.000 Familien
• In Ponta Grossa (Staat Paraná): 40 Familien
• In Mafra (Paraná): Platz für 200 Familien reserviert
Schon heute steht an diesem Ort ein Schuppen für 200 Personen fertig.
Herr Pfarrer Brepohl teilte mir noch mit, dass der Staatspräsident von Paraná (grenzt im Norden an unseren Staat Santa Catarina) von der Regierung in Rio de Janeiro Anweisung erhalten hat, 600 Familien in seinem Staat unterzubringen. Er muss für diese Anzahl in Paraná Platz finden.
Ich halte mich ununterbrochen auf meiner Kolonie auf, habe zu tun mit Lebensmittelverteilung, Abrechnungen, Ausstattungsgegenstände zu verteilen, Besuche zu empfangen und verrichte nebenbei Koloniearbeit, soweit ich dazu Zeit finde. Behilflich sind mir meine beiden Nachbarn, die jungen Familienväter Jakob Mahn und Heinrich Rempel.
Der Bruder dieses Jakob Klassen ist in Riga und möchte gerne zu seiner Braut, die sich in unserem Hause befindet.
Es ist wohl manches anders als wir es in Russland gewohnt waren, aber jeder kann auch hier ein Fortkommen haben. Die ersten Jahre mögen ärmlich sein, später kann es besser gehen. Auch ein relativer Wohlstand findet sich, wie wir das an den hiesigen Kolonisten sehen, die bis zu fünf Jahre auf ihrer Kolonie gearbeitet haben.
Die Hansa-Kolonie kann heute noch recht viele Familien aufnehmen; sie hat Platz für noch 500 Familien, wenn das Land auch noch nicht ganz vermessen ist, 3/4 noch unerforscht.
Nach Eintreffen des 2. und 3. Transportes (der, wie ich annehme, auch aus Mennoniten besteht), will Direktor Meckien in Begleitung seines Ingenieurs mit mir die für die nächsten Transporte in Frage kommenden Ländereien untersuchen.
Auf jeden Fall ziehe ich eine Ansiedlung in der Hansa jeder Ansiedlung in einem anderen Staat Brasiliens vor, denn in Brasilien ist heute Wahrheit und Ehrlichkeit eine Höchstseltenheit.
In den letzten Jahren hat sich die Zahl der pflügenden Bauern erhöht, besonders unter den Deutsch-Russlanddeutschen, die aus dem Kaukasus stammen und seit 1923 eingewandert sind. Diese Bauern gelten als tüchtige Leute, heute sind sie alle wohlhabend. Sie zählen sich zur sogenannten "Gemeinde Gottes". Ihr Führer und Vorsteher, Bruder Weitmann, begrüßte mich vor einigen Tagen.
Für die neuen Kolonisten hier in der Hansa ist für die ersten Jahre die Hauptaufgabe: Viehzucht und Obstzucht. Von Obstbäumen wachsen hier (müssen allerdings angepflanzt werden): Pflaumen, Birnen, Aprikosen, Pfirsiche, Kirschen, Apfelsinen, Mandarinen u.a.
Es ist inzwischen 1 Uhr nachts, ich muss für heute schließen.
Der 2. Transport ist immer noch nicht da, wurde in Rio aufgehalten. Vermutlich wegen der Präsidentenwahlen, die jedes vierte Jahr vorgenommen werden und mit Revolution und Blutvergießen in Verbindung stehen. Gut, dass wir hier im Urwald von dem Trubel nichts mitbekommen haben.
Wir siedeln hier als Farmer an, nicht als geschlossenes Dorf. Das Land ist faktisch dazu zu groß. Unsere ganze neue Heimat hat noch keinen speziellen Namen. Wie wäre es, wenn wir sie Neu-Witmarsum tauften? Was sagst du dazu?
Mit freundlichen Grüßen,
Dein Heinr. Martins.
MR 1930-06-25
Auszug aus dem Bericht von H. Martins, Hammonia, Estado St. Katharina, Bras., vom 30. März 1930.
Es ist heute Sonntag. Eine geraume Zeit ist seit meinem letzten Bericht verstrichen. Ich musste inzwischen fast alle Korrespondenz unterbrechen, weil die Schreibmaschine defekt war. Die letzten Tage brachten noch manche Drückerei mit sich durch Ankunft des zweiten Transportes.
Dieser hat 17 Tage auf der Blumeninsel bei Rio zugebracht, ist dadurch körperlich stark heruntergekommen, durchweg alle mit furchtbar verdorbenem Magen bis zur roten Ruhr. Kein Wunder, wenn diese Leute niedergeschlagen und fast mutlos hier ankamen. Dann der weite Weg bis hier, die vielen Berge und Urwald ohne Ende, Barackenwohnung mit Ritzen in den Wänden, noch keine fertigen Wege zu den Kolonien, - alle diese Umstände machten die ersten Tage recht schwer.
Erst jetzt nach einer guten Woche hat sich alles etwas beruhigt. Durch Opium und andere Mittel sind die meisten Mann wieder in Ordnung gebracht, die Leute haben sich ausgeschlafen und sich satt gegessen, nun sehen die Berge und Wälder nicht mehr so schrecklich aus.
Die Verteilung der Kolonien an die Familien des zweiten Transportes hat eine ganze Woche benötigt, verschiedene Wünsche und Forderungen sollten berücksichtigt werden. Das war bei diesem Transport schwerer als beim ersten. Es hatten sich eine ganze Reihe kleinerer Gruppen gebildet, die unbedingt zusammenbleiben wollten, dadurch wurde die Kolonienverteilung dieses Mal etwas erschwert. Ich habe alle Tage immer Geduld und Ruhe gepredigt, ich selbst konnte ruhige Nerven behalten, und wir sind auch dieses Mal über diesen schweren Punkt hinweggekommen. - (Muss unterbrechen, das erste voll beladene Auto vom dritten Transport ist soeben angekommen. Habe mich zu kümmern um Unterbringung und Verpflegung.)
Es ist inzwischen Freitag geworden. Ein paar drückende Tage liegen wieder hinter uns. Der dritte Transport ist hier wohlbehalten eingetroffen, außer zwei Familien, die man in Rio auf der Blumeninsel zurückbehalten hat, wo auch dieser Transport sich 10 Tage aufhalten musste.
Die beiden Familien sind wegen Hautausschlägen bei Kindern zurückbehalten worden; diese Ausschläge werden durch die neuen Klimaverhältnisse hervorgerufen. Die meisten Kinder des ersten Transportes hatten auch voll Ausschläge und kleine Wunden im Gesicht und an den Händen, das ist nach einigen Wochen aber ausgeheilt und ist nichts Gefährliches.
Der dritte Transport war im Vergleich zum zweiten eher mutvoll, nicht enttäuscht, war mit allen sehr zufrieden und dankbar, fand alles besser, als man es gedacht hatte. Wir konnten uns aufrichtig freuen über den dritten Transport.
Das Kolonieaussuchen oder -Verteilen machte beim 3. Transport keine Schwierigkeiten: die Leute haben diese Angelegenheit unter sich selbst geregelt, ohne mich überhaupt zu rufen. Die beiden Transporte sind fast alle untergebracht in 7 Holzbaracken, etwa 10 Minuten von hier entfernt. Einige Familien haben bei alten Siedlern Unterschlupf gefunden. Sehr wohnlich sind die Baracken gerade nicht, deshalb bemüht sich jeder, baldmöglichst eine eigene Wohnung zu beziehen, und wenn es ein kleines Waldhaus ist. Eine Reihe von Familien des 1. Transportes wohnen schon in Hütten auf ihrer Farm.
Auch der zweite Transport findet sich gut ein und mit großem Mut machen die Leute sich an ihre Arbeit: Wald schlagen, Schindeln und Bretter spalten und ihre ersten Wohnungen bauen. Die meisten Familien des ersten Transportes erklären heute ganz offen, dass sie ihre jetzige Heimat weder mit Kanada noch mit Russland vertauschen würden. – Wenn das Wetter mitspielt, stehen wir ja vor der Regenzeit, dann werden fast alle Familien in höchstens zwei Monaten auf ihrer Farm wohnen.
Die Verpflegung wird gleichmäßig auf alle Transporte ausgedehnt. Die von Herrn Dr. Lange berechnete Ration reicht manchmal knapp, das kommt daher, weil wir uns noch nicht genügend mit der landesüblichen Kost „zurechtgefunden“ haben. Mehl, und besonders Weizenmehl, darf nicht die Hauptnahrung sein, weil es viel zu teuer kommt. Maniok und Süßkartoffeln, die brasilianischen Stärkefrüchte, schmecken allen noch nicht so recht, aber viele Familien wissen diese brasilianischen „Kartoffeln“ schon recht schmackhaft zuzubereiten.
So viel sehen wir schon, dass weder die Ureinwohner Brasiliens noch die deutsch-reichsdeutschen Kolonisten alle Arten von Wissen erfunden haben. Für uns Mennoniten aus Russland ist noch genug Spielraum geblieben, wo ich unsere Muttersprache geltend machen kann. Wenn wir jetzt gerne Ratschläge von alten Kolonisten anhören und annehmen, so werden unsere Leute auch manche Neuerungen, eigentlich Verbesserungen, in den Urwaldbetrieb hineinbringen. Es ist einfach eine Freude, eine ganze Reihe von Familien zu beobachten, mit welcher Freude und Energie sie an ihre Arbeit gehen, um sich eine neue Heimat aufzubauen.
Wenn nicht besonders schwierige Verhältnisse eintreten, was überall der Fall sein kann, dann hat diese Ansiedlung im Urwald auch ihre Zukunft. Natürlich wird es nicht ausbleiben, dass einige Familien trotz der größten Bemühungen auf keinen grünen Zweig kommen werden, weil sie eben Störche sind oder sich in die neuen Verhältnisse nicht einfinden wollen. Es sind auch manche darunter, denen die russische Heimat noch schwer in den Gliedern liegt, das muss erst ausgeglichen werden. Ruhe, Geduld, Mäßigkeit in allen Dingen, Ausdauer, vor allem – das richtige Gottvertrauen! Mehr hier fühlen wir, dass Gott mit uns ist! Was fehlt uns dann noch?
Meines Erachtens ist es deshalb nicht notwendig, dem Gedanken nachzuhängen: Wie bringen wir die Unglücklichen wieder aus Brasilien heraus? Ich weiß wirklich nicht, weshalb wir denn so schrecklich zu bemitleiden sind? Der alte Gott ist mit uns gegangen, Regierungen, Gemeinden, liebe Brüder und Schwestern kümmern sich um uns, wodurch das Ansiedeln bedeutend erleichtert wird. Außerdem haben wir die Zusicherung, dass man auch weiterhin an unser Leiden denken wird. Wir wissen ja nicht, wie sich die Verhältnisse weiter entwickeln werden, aber heute sind die meisten froh, hier in Brasilien eine Heimat zu haben.
Für das Andachtslokal (gleichzeitig erste Schule) werden die Bretter schon herangefahren. Wenn uns die Regentage keinen Strich durch die Rechnung machen, dann sitzen wir nach einigen Wochen schon im eigenen Andachtslokal! Die Rechnungen für das Material schicken wir alle an unseren allmächtigen Herrn Gott und vertrauen ihm, dass er die nötige Summe uns durch helfende Hände zuschickt.
Die Lehrerfrage ist auch noch nicht geregelt; die Lohnfrage ist dabei die schwierigste. Es wäre furchtbar schade, wenn unsere Kinder ein ganzes Jahr ohne Schule sein sollten. Lehrer sind da, sie würden auch arbeiten, wenn sie materiell abgesichert würden. Sie könnten in ihren Kolonien arbeiten.
Die Lehrerlöhne könnten hier auf zwei Arten entrichtet werden: etwas Gehalt und entsprechende Arbeit für den Lehrer auf seiner Kolonie. Weil aber jede Familie in den ersten 5 bis 6 Monaten sehr viel Arbeit für sich hat, mit Rodungen, Hausbau, Setzlingen für den Frühling, dann Jäten und Säen im Herbst, so bleibt fast keine Zeit für allgemeine Arbeit. Nach einem Jahr kann und wird sich die Sache schon ganz anders gestalten, wenn jeder die erste, schwierigste Arbeit auf seiner Kolonie gemacht hat. In diesem Fall wäre eine Unterstützung im Laufe des ersten Jahres sehr zu begrüßen in Höhe von etwa 600 bis 800 Mark für den Lehrer und noch eine ähnliche Summe für die notwendigen Schulmaterialien.
Bücher und Papier sind in Brasilien ein teurer Artikel. Aber durch Vermittlung von Herrn Direktor Meckien können wir alle notwendigen Schulmaterialien mit einer Ermäßigung von 50% erhalten. Das ist ja schon eine große Erleichterung, aber sie müssen bezahlt werden. Im Gegensatz zu einem meiner vorigen Briefe muss ich hier betonen, dass wir aus den Verpflegungsgeldern nichts werden sparen können. Mit gemeinsamer Arbeit kommt auch größerer Appetit, und – wir essen alles auf. Deshalb ist heute auch keine Möglichkeit da, die notwendigen Schulmaterialien aus eigener Tasche zu bezahlen. Vielleicht findet der liebe Gott gute Menschen, die uns auch hierin unter die Arme greifen!
MR 1930-07-02
Wir lesen nun einen Brief von Heinrich Martins, dem ersten Siedlungsleiter, von B.H. Unruh selbst ernannt.
Er schreibt den Brief am 9.Juli 1930, also kurz nach der Ankunft des dritten Transports.
Am 9. März besuchte uns der lutherische Pastor Auringer und hielt uns eine Ansprache über Jeremia 51, Vers 50: "Gedenkt des Herrn in fernen Ländern und lasst euch Jerusalem im Herzen sein!" - Sehr passend, nicht wahr? (Die Lutheraner waren mittlerweile schon 70 Jahre lang in Brasilien. In den deutschen Lagern empfingen die Mennoniten eine sehr liebevolle Betreuung von lutherischen Pastoren, nun besucht sie dieser Pastor, vielleicht aus Blumenau, also eine sehr beschwerliche Anfahrt, um den Angekommenden mit einem sehr treffenden Bibelvers zu begrüssen)
Zufrieden beiderseits, befanden wir uns umschlungen, nachdem wir viele Stunden geplaudert hatten, die uns innerlich näher gebracht haben.
Wie ich bereits in einem meiner vorherigen Briefe erwähnte, ist das Klima hier trocken, der Ernteertrag wird nur gering sein. Für uns war die Witterung bisher günstig; wir arbeiteten ununterbrochen im Wald, nur zweimal gab es Regenwetter. Hier ist es Herbst, die Tage werden kürzer, der Himmel ist oft bewölkt. Jeden Morgen Nebel; nachts kann es recht kalt werden, und wer keine guten Decken hat, friert. Tagsüber ist es angenehm warm, abends muss man den Pullover anziehen. (Es ist Juli, Hochsommer, die Mennoniten pflanzen zum ersten Mal Aipim, Mais usw, was ihnen bisher vollkommen unbekannt war. Höchstwahrscheinlich haben sie sehr wenig gepflanzt, denn das ganze Tal war voller Urwald)
Alle Wohnungen hier sind einfach gebaut; man deckt sich nachts nach Möglichkeit gut zu. Sobald die Sonne aufgeht, ist genug Wärme da, um alles durchzuwärmen. Mit der Zeit werden wir auch immer empfindlicher gegen Kälte; das Blut wird dünner. Die alten Kolonisten erzählen, dass 5-10 Grad Frost für einen Brasilianer unerträglich sind. Wir sind heute auch schon viel empfindlicher als vor anderthalb Monaten, aber die Leute hier sind nach harter Arbeit und einfacher Ernährung widerstandsfähiger. (5-10 Grad Frost seien unerträglich. In Russland hatten sie bis viele Grad unter Null gehabt)
Im Großen und Ganzen ist der Gesundheitszustand zufriedenstellend. (Gott sei Dank!) Es kommen aber auch schwere Fälle vor: Unfälle beim Waldarbeiten (bis jetzt vier Fälle, darunter ein Nasenbeinbruch), große Geschwüre im Zusammenhang mit der Akklimatisierung, alles Fälle, die einer besonderen ärztlichen Behandlung bedürfen, mitunter einer Operation, die hier "amerikanisch" bezahlt werden muss. Für diesen Zweck gibt es keine speziellen Mittel. Bisher hat Dr. Lange diese Kosten aus seinen Verpflegungsgeldern bezahlt, die dadurch "verfüttert" werden, wenn ein Neuer kommt. (Dr. Lange ist der Repräsentant der deutschen Botschaft. Ihm stehen von Deutschland aus Gelder zur Verfügung, um das Einleben der Emigranten zu erleichtern)
Dr. Lange hat es mir sehr ans Herz gelegt, über die Frage nach Europa oder Amerika zu schreiben, vielleicht kann ich hierin etwas machen. Es fehlt an einem Fonds für Krankheitsfälle, wie sie schon vorausgesagt wurden und noch unbedingt vorkommen werden. Wenn Mittel da wären, könnte mit dem Arzt in Hammonia oder Blumenau ein Vertrag getroffen werden, wonach er uns monatlich einmal hier oben besucht. Wir haben ja auch einen erfahrenen Homöopathen unter uns; vielleicht lasse ich mit ihm etwas vereinbaren.
Nach Brasilianischen Gesetzen darf der Arzt nicht frei praktizieren, nur wenn eine größere Gemeinschaft ihn als Arzt anerkennt und einen entsprechenden Vertrag aufstellt, lässt ihn die Polizei in Ruhe. Er darf für seine Dienste jedoch nichts beanspruchen; die Gemeinschaft entschädigt ihn durch Arbeit oder Naturalien. Das Hauptproblem liegt darin, dass der Heilkundige nichts fordern darf. Er muss mit dem zufrieden sein, was die Gemeinschaft ihm bietet. (eingewanderte Ärzte durften schon damals ihren Beruf nicht frei ausüben, sie mussten ersten die brasilianische Anerkennung erhalten)
Geld haben wir keines; in den ersten Monaten ist jeder ziemlich beschäftigt innerhalb unserer Kolonie. Wir könnten ihm auch gegenwärtig weder Geld noch Arbeit anbieten, daher macht jedes Vereinbaren etwas schwierig. Vielleicht findet ihr drüben einen Ausweg für uns?
Die Apothekenausrüstung ist etwas Gutes und Notwendiges. Die Liste ist bereits zusammengestellt. Es würde nichts schaden, wenn bei weiteren Transporten auch Opium und ein Fläschchen Spiritus mitgeführt würden.
Die Mitglieder des ersten Transportes haben bereits alle ihre provisorischen Besitztitel für ihre Kolonien in Händen.
Herr Dr. Lange war hier, wir haben viel besprochen und geregelt. Dr. Lange hat mich darauf hingewiesen, dass man auf einem Pferd eine große Anzahl von Familien bei der Arbeit auf ihren Farmen unterstützen kann.(Man sollte also versuchen ein Pferd für viele Familien gemeinsam kaufen)
Die gesamte Verpflegung und Organisation aller drei Transporte erfordert anfangs recht viel Arbeit. Nach 4-6 Wochen wird es leichter gehen, wenn jede Familie weiß, wie viel Lebensmittel sie für einen ganzen Monat benötigt und wenn sie mit allen Notwendigen ausgerüstet ist für die Arbeit im Wald, im Gemüsegarten und Obstgarten.
Die nächsten Transporte von Deutsch-Russland kommen nach Nova Donna Emma (Stoltz-Plateau), etwa 5-7 Stunden entfernt von hier. Dr. Lange und Herr Meckien wünschen, dass ich auch an diesem Standort behilflich sein möchte bei der Neugründung und Einrichtung. Ich will auch mein Möglichstes tun, besonders wenn es sich um Mennoniten handelt.
Der nächste, 4. Transport, soll aus 92 mennonitischen Familien bestehen. Diese können in unserer Kolonie Rio Grande nicht alle aufgenommen werden. Sie bilden den Anfang der Mennonitenansiedlung in Donna Emma. Wahrscheinlich sind das nicht die letzten Mennoniten; wir erwarten noch mehr.
Dr. Lange teilte mir mit, dass der hiesige Sanitätsreferent, Herr Meckien, telegraphische Anweisungen erhalten hat, die weiteren Vermittlungen einzustellen, weil insgesamt nicht mehr als 1.000 Personen zu erwarten sind. Wir wissen hier ja nicht, was in Europa und in Holland vor sich geht. Die Briefe nach hier brauchen fast einen Monat.
Die Nachrichten, die wir hier aus Briefen erhalten, werden immer beunruhigender. Wenn es einigen glücken sollte, aus Russland herauszukommen und wenn nach hier Kommenden auch solche Unterstützung gewährt werden kann wie uns, dann sollen die Leute nur ruhig nach Brasilien kommen. In Südbrasilien kann man sich satt essen, gut kleiden, in seinem eigenen Hause wohnen, sein eigen Vieh besitzen: natürlich nicht in ein paar Jahren reich werden. Vieles ist anders als wir es gewohnt waren, aber man kann sich gut in alles hineinfinden. Das schwerste ist immer, den Anfang überstehen! Die ersten zwei bis drei Jahre sind die schwersten, wie alle alten Kolonisten behaupten.
Es ist inzwischen Sonnabend geworden, der 5. April. Heute war wieder ein drocker Tag: Lebensmittelausgabe an den dritten Transport. Das Gepäck dieses Transportes kam heute hier herauf, die notwendigen Küchengeräte und Ausrüstungsgegenstände wurden verteilt.
Sind froh, dass mal wieder ein Sonntag ist. Wann freiere Zeit für mich kommen wird, lässt sich heute nicht voraussagen. Wir haben schon Gemüse gepflanzt, und meine Frau begießt es fleißig. Das Gemüse steht dicht am Fluß in einer Ecke unserer Kolonie, wo der Weideplatz für das Vieh im Frühling sein soll, denn vorläufig können wir uns keine Kühe anschaffen, weil die Mittel fehlen.
Können wir uns noch auf eine "Kuhspende" etwas verlassen oder sollen wir es nicht tun? Ds. Gorter, Holland, schreibt mir, dass die Holländer uns noch weiter unterstützen wollen. (Also, die Spende der "holländischen Kuh" war in diesem Augenblick noch nicht geregelt)
Was wichtig und von Bedeutung wäre für unser gedeihliches Fortkommen, als erste Basis für den Haushalt, für die Verpflegung unserer Familien, das ist eine Kuh pro Familie. Ende Juni, anfangs Juli wäre ungefähr die richtige Zeit für Anschaffen dieser Kühe, weil es dann in den Frühling geht, und die Frage des Zufütterns bei Milchkühen sich viel leichter macht.
Es gibt hier genug fettes Vieh, aber Milchkühe werden durchweg nachgefüttert mit gewissen Gräsern, Sträuchern und Aipim. Gut ist es, wenn unsere Leute diese Nachfütterung von den Erträgen ihrer eigenen Kolonie machen können, und heute haben wir schon die Aussicht, dass zum Juni bis August jeder Kolonist seine eigene Weide, Aipim und Bataten haben wird.
Nach der ersten Woche schon bemüht sich jeder, baldmöglichst zu eigenem Häuschen zu kommen und dann Land fertig zu machen für Weide und Pflanzung. Jetzt für den Herbst und Winter, besonders aber zum Frühling, für Mais und Aipim. Die meisten Arten Gemüse werden jetzt im Herbst gesetzt, außer Gurken, Pomidoren, Tomaten, Bohnen und Arbusen, wie auch Melonen, die im Frühling gesetzt werden. Wir hoffen, in wenigen Wochen eigenes Gemüse auf dem Tisch zu haben.
Es fehlt uns auch sehr im dieser neuen Kost. Man hat wirklich seine Freude daran, wieder einmal eigenes zu haben und nicht in jeder Kleinigkeit von Unterstützung und Liebesgaben abhängig zu sein. Wenn die Ameisen (sogenannte "Schlepper") die Pflanzungen nicht vertilgen, d.h. wegschleppen, dann kann man bald zu etwas eigenem kommen. Man darf aber nicht träge sein, muss die Nester der Ameisen suchen und vertilgen.
Verschiedene Wassermühlen, Sägewerke und dergleichen werden bald unter unseren Leuten in Gang gebracht werden, schade nur, dass beim Transport aus Deutschland entsprechende Ausrüstung nicht mitkam. Eine Feldschmiede, auch einige wären hier sehr angebracht, ja, sie fehlen hier sehr notwendig bei den vielen Geräten, die täglich in Arbeit sind. Auf einer Strecke von annähernd 20 km keine Schmiede. Wir haben genug eigene Handwerker, aber keine Mittel für Anschaffung der Schmiedegeräte.
Wenn es sich machen lässt, dann bringen die nächsten Transporte, wenn sie kommen, 3-4 komplette Schmiedeausrüstungen mit an meine Adresse.
Möchte jemand uns etwas ganz besonderes schenken, dann sei es ein Ein-Tonne-Fordwagen, den wir recht bald sehr notwendig brauchen werden bei dem regen Verkehr, der sich zwischen unserer Ansiedlung und Hammonia entwickelt, hauptsächlich aber werden wir den Wagen benötigen zur Heranschaffung von Lebensmitteln in unsere Ecke. Nach 2 bis 3 Jahren könnten hier auch Versuche mit "Entwurzelung" gemacht werden mit speziellen Traktoren, wie sie zu diesem Zwecke in Canada angewandt werden, nachdem die Wurzeln 2-3 Jahre gefault sind.(Er meint das Ausreissen von Baumstämmen)
Der 2. Transport hatte 4 lutherische Familien. Sie haben sich in einer Ecke einer Nebentiefe angesiedelt. Mit dem nächsten Brief kann ich schon eine Karte von den belegten Kolonien der ersten drei Mennonitentransporte schicken. (Wo sind diese mitgekommenen Lutheraner geblieben? Sind sie später ausgezogen? Haben sie sich mit den Mennoniten vermischt? Ich könnte mir gut vorstellen, dass ein Mennonit bei ihnen sich eine Frau geholt hätte)
Es ist viel technische Arbeit mit der Verpflegung verbunden, daß ich zu meinem Bedauern die notwendige Korrespondenz nicht rechtzeitig erledigen kann.
In Liebe grüßend,
Dein H. Martins.
MR 1930-07-09