Menonitas no Brasil
Mennoniten in Brasilien
Nachrichten und Mennonitische Geschichte
20.07.2026
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Editor: Udo Siemens
Nova edição: segundas, às 13 hs


Deutsche im Sonnenland
Walter Quirings Reise 1932/33
in die eben gegründeten Kolonien
der Mennoniten in Paraguay und Brasilien
Hier
der Mennoniten in Brasilien
Teil 14
Jemand aus Nordamerika kommentiert die Lage des kleinen Grüppchens Mennoniten im Urwald Brasiliens. Dabei hebt er eine Nachricht aus dem Blatt dieser Gruppe "Die Brücke" hervor, das über die schwierige Lage ihrer Schulen berichtet. Dabei lobt er besonders die Person Peter Klassens, der das Blatt herausgibt, Lehrer in einer Schule ist und als Nachfolger Heinrich Martins die Leitung der Kolonie übernommen hat.
Eine zeitgemässe Warnung.
Brasilien, Süd-Amerika
In unsern brasilianischen Gemeinden ist Prediger Peter Klassen ein gebildeter und erfahrener Mann, wohl der Vertreter der dortigen Ansiedlungen, einer der einflussreichsten Arbeiter auch in bürgerlicher Beziehung. Er ist der Bevollmächtigte der Ansiedlungen der Regierung gegenüber und leitet die Verbindungen mit den deutschländischen und holländischen Mennoniten. Er gibt auch „die Brücke“, das Blatt der brasilianischen Mennoniten, heraus. Wenn er in der letzten Nummer seines Blattes auch davon spricht, dass der Unterricht in einer ihrer Schulen (Witmarsum) zum Teil aus ihren Händen gefallen ist, so verstehe ich das so, dass die dortige Regierung wegen Geldknappheit der Bewohner, sie übernommen hat. Nun schreibt er (Hat das auch in einem Vortrag der Jahresversammlung der Vertreter der dortigen Ansiedlungen ausgesprochen):
„Viel Kummer bereitete den Verantwortlichen unter uns die Tatsache, dass wir die Witmarsumer Schule, wenigstens, was den Unterricht betrifft, zum Teil aus den Händen lassen mussten. Wir glauben unserer mennonitischen Gemeinschaft und auch Brasilien am besten dienen zu können, wenn wir in unsern Schulen uns frei, nach unserer Eigenart, entfalten können. Die 140 Jahre Russlandsiedlung sagen es uns, dass wir nie etwas anderes erstreben dürfen, als eigene Schulen mit eigenen mennonitischen Lehrern. Auf Entschiedenste möchte ich gegen den Geist protestieren, der zum des puren Mammons willen mit leichten Herzen die Zügel des kulturellen Gespanns fallen lässt. Die Zentralschulfrage ist heute beleuchtet worden. Wir müssen und wollen den Weg weiter gehen. Es wird oft die Frage aufgeworfen, warum wir mit der Schule nicht noch gewartet haben. Ich antworte: Wenn wir warten, versündigen wir uns an unsern Kindern, an unserer Geschichte, an der Zukunft.“
MR 1935-05-01
Dabei ist zu erkennen, welchen hohen Stellenwert bei den Mennoniten eigene Schulen haben. Man ist davon überzeugt, dass nur eigene Schulen, mit mennonitischen Lehrern, wo alle Fächer auf Deutsch unterrichtet werden auch dazu führen können, dass die Eingewanderten ihr Mennonitsein in diesem so fremden Land bewahren können.
Von heutiger Sicht her gesehen, wissen wir, dass dieses Vorhaben unmöglich war. Schon die brasilianischen Staatsgesetze würden dieses nicht erlauben. Auch in Russland wurden in den mennonitischen Schulen die meisten Fächer schon auf Russisch unterrichtet. Das Land, in das eine Gruppe zieht, wird immer seine Kultur übergeben wollen. Und wo das heute in Europa nicht geschieht, wodurch z.B. die Eingewanderten weiterhin ganz arabisch, türkisch, usw bleiben wollen, entstehen große Unruhen.
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Deutsche im Sonnenland
Walter Quirings Reise 1932/33
in die eben gegründeten Kolonien
der Mennoniten in Paraguay und Brasilien
Teil 13
Dr. Walter Quiring machte 1932/33 eine Reise nach Süd- und Nordamerika. Über ein Jahr lebte Herr Quiring bei mennonitischen Glaubensgenossen im Chaco von Paraguay und reiste von dort über Argentinien und Uruguay nach Brasilien, wo er etwa drei Monate lang in den mennonitischen Hansakolonien arbeitete.
Er schrieb danach ein Reisetagebuch, das im "Boten" veröffentlicht wurde. Ich gebe es etwas gekürzt wieder.
14. Zwischen Paraguay und Paraná.
Als ich kurz nach acht Uhr aufwache, grüßt mich ein prachtvoller, taufrischer Morgen. Feiertagsstimmung nimmt mich gefangen. Durch mein Fenster sehe ich wieder nur Busch und Wasser, das mir noch von der Herreise so vertraute Bild.
Jetzt muss ich wieder etwas sorgfältiger Toilette machen. Meine Freunde in Menno würden sicherlich sagen, ich sei stolz geworden und passe gar nicht mehr zu ihnen.
Die Sonne scheint angenehm warm, und nach dem Frühstück suche ich mir einen bequemen Platz auf dem Achterdeck und genieße die vorüberziehende Landschaft. Schön ist sie nicht, das heißt, nicht schön im landläufigen Sinne, eher eintönig und darum für viele langweilig. Mich aber fesselt diese unberührte Wildheit immer wieder. So jungfräulich frisch und unberührt ist dieser Busch und so urgesund, dass ich die belebende Kraft, die von ihm ausgeht, geradezu handgreiflich zu spüren glaube.
In unserer Klasse reisen etwa ein halbes Hundert Offiziere mit. Morgens im Speiseraum wundert mich, dass mein Erscheinen eine auffällige Aufmerksamkeit hervorzurufen scheint.
Spionenfurcht? Misstrauisch werde ich auch am Vormittag in meinem Liegestuhl von der Seite beobachtet.
Und als ich mittags in den Speisesaal komme, dreht sich wie auf Verabredung fast die ganze Gesellschaft nach mir um. Nanu? Beinahe zu viel Ehre. Allerdings bin ich fast der einzige Zivilist. Aber trotzdem ...? An meinem Tisch sitzen ein Militärarzt, ein katholischer Feldgeistlicher und ein zweiter Zivilist, ein Jude, wie ich feststelle.
Wir sehen uns nur eine kurze Sekunde in die Augen, und schon wissen wir beide: der Krieg ist erklärt! Der Kampf des Weltjudentums gegen das neue Deutschland ist das! Ein erbitterter Kleinkrieg.
Auf meiner ganzen weiten Heimreise sehe ich das bestätigt: der Jude benutzt jede, auch die kleinste Gelegenheit, seinem verhassten deutschen Gegner irgendwie zu schaden. Und dieser Kampf wird nicht mehr aufhören, bis einer der Gegner am Boden liegt.
Ich spüre es handgreiflich, dass die Stimmung gegen mich von Mahlzeit zu Mahlzeit feindseliger wird. Und es ist nicht schwer zu erraten, woher das kommt. Vielleicht ist der Jude auch Geheimpolizist und tut nur seine Pflicht.
Am zweiten Morgen wird mein Gruß nicht mehr erwidert. Die Temperatur ist also auf dem Nullpunkt angelangt. Die Kellner wahren zwar noch die Form, aber sie sparen sich das verbindliche „Si, senior“. In manchen Blicken flackert der Hass. Wir nähern uns Concepcion, und wenn ich mir große Scherereien ersparen will, muss ich handeln.
Dazu bietet sich abends Gelegenheit. Die spanisch geführte Unterhaltung hat wieder einmal die deutschen Chacokolonien zum Gegenstand. Ich höre heraus, dass man die Russlanddeutschen, die „russos“, lobend herausstreicht, während die „canadienses“ weniger gut wegkommen.
Da mische ich mich in das Gespräch; erst deutsch, aber niemand versteht mich. Englisch kann nur der Arzt einige Brocken, noch weniger als ich, aber wir verstehen unser Kauderwelsch doch: „Ja, kommen Sie denn aus dem Chaco?“ fragt der Arzt erstaunt, „und sind womöglich auch mennonita?“
„Freilich, was meinten denn Sie?“
„Aber warum haben Sie das denn nicht gleich gesagt? Wir dachten nämlich… aber das ist ja gleichgültig. Jetzt müssen Sie aber erzählen.“
Wie ausgewechselt ist die Stimmung. Alles grüßt wieder freundlich, und viele versuchen, sich mit mir über die Kolonien zu unterhalten. Nur der Jude kann sein Misstrauen nicht ganz überwinden. Zum Glück für mich steigt er in Concepcion aus.
Am dritten Tag früh nähern wir uns Asuncion. Ich stehe im Sonnenschein auf dem Vorderdeck und schaue erwartungsvoll der „Welt“ entgegen. Hoffentlich empfängt sie mich nicht zu feindlich. Paraguay führt Krieg, und ich bin Ausländer, der von der Front kommt.
Bei einer Biegung des mächtigen Flusses werden die ersten Häuser sichtbar. Immer näher kommen wir der Hauptstadt, und bald liegt sie auf dem flachen Ufer ausgebreitet vor uns. Das ist von hieraus gesehen ein hübsches farbenfrohes Bild.
Langsam schiebt sich unsere „Pingo“ seitwärts an den Pier und macht fest. Einige Offiziere und Polizeibeamte kommen an Bord. Ich stehe in der auf die Passkontrolle wartenden Menge ziemlich weit vorn und komme als einer der Ersten an die Reihe. Aber wortlos legt der Beamte meinen Pass neben sich hin, und als ich nach ihm lange, sagt er schroff: „Sie warten.“
Da haben wir’s also. Eine geschlagene Stunde dauert es, bis alle abgefertigt sind.
Heinrichs hat mich durch das Fenster längst erblickt und gibt mir durch Zeichen zu verstehen, dass es ihm unmöglich sei, bis zu mir durchzudringen.
Aber da steht endlich auch der Letzte vor dem Tisch, und dann ist die Reihe wieder an mir.
„So, und nun Sie,“ sagt der Beamte englisch. „Sie waren also im Chaco...“
Aber da kommt mir auch schon ein liebenswürdiger Zufall in Gestalt des Kapitäns zu Hilfe. Der kennt mich ja aus Casado. Sofort erfasst er die Lage und greift in die Verhandlungen ein. Ich höre wiederholt die Worte „mennonita“ und „colonias“; aber das Misstrauen des Beamten ist nicht so leicht zu überwinden.
Doch da ist auch Heinrichs schon an meiner Seite, nun kann er dolmetschen. Ich zeige noch den vom Oberkommandierenden unterzeichneten Passierschein, und dann ist das Eis geschmolzen.
„Also mennonita aus dem Chaco? Warum haben Sie das nicht gleich?“
„Ja und nein!“ wende ich ein, aber der Kommissar winkt ab. Für ihn ist der Fall nunmehr klar. Gut denn, warum soll ich den harmlosen Irrtum unbedingt aufklären? Ich muss noch versprechen mich sofort im Polizeipräsidium zu melden, dann habe ich meinen Pass wieder.
Aber da ist noch eine nicht ungefährliche Klippe: die Gepäckkontrolle. Diese ist, wie ich beobachte, sehr gründlich und umständlich. Ich bin besorgt wegen meines Materials, der großen Karte der Kolonien, die ich mir habe anfertigen lassen, und der 400 unentwickelten photographischen Aufnahmen.
Aber Heinrichs weiß Rat. Schon viele Male hat er diese Stelle passieren müssen und kennt sich aus. Er hebt meine Koffer auf den blechbeschlagenen Zolltisch und spricht kurz mit dem Zollbeamten. Dieser kritzelt auf die Koffer einige flüchtige Freizeichen, und wir dürfen passieren. Erleichtert atme ich auf. Das wäre also auch glücklich geschafft.
Ein schäbiger, alter „Ford“ bringt uns in das deutsche Hotel „Wien“. —
„Der Bote" Mittwoch, den 5. August 1936
Eine ganze Woche dauert es in Asuncion, bis alle die Schwierigkeiten für die Weiterreise aus dem Wege geräumt sind. Zwei volle Stunden hält man mich allein im Polizeipräsidium fest, nimmt von allen zehn Fingern Abdrücke und lässt mich lange, lange Fragebogen ausfüllen, aber auf die Hauptsache, auf die nächstliegende Frage: „Was wollen Sie im Chaco?“ kommt man nicht.
Tagelange Laufereien sind erforderlich, bis ich alle die notwendigen Papiere beisammen habe: Ausreiseerlaubnis, Gesundheitszeugnis, Passierschein, Sichtvermerke usw. Die Behörden hier haben Zeit, und überall heißt es: „Manjana!“ „Kommen Sie morgen wieder!“ Und was ich bei uns an einem einzigen Vormittag erledigt hätte, dauert hier unten eine ganze Woche. Aber am Samstag bin ich endlich reisefertig.
Der Express Asuncion–Buenos Aires verkehrt nur zweimal in der Woche. Am Sonntag früh lasse ich mich an die Bahn fahren. Mein erstes Reiseziel ist die Stadt Villa Rica, die mitten im Lande liegt. Von dort möchte ich die große deutsche Ansiedlung Independencia besuchen.
Die innen und außen braungestrichenen Eisenbahnwagen sind lang, unbequem und schmutzig. So etwa sah es in den Wagen dritter Klasse in Russland aus. Abfälle aller Art liegen umher, Papier, Schachteln und unzählige Zigarettenstummel. . .
Aber freundlich und zuvorkommend sind die Spanier. Ich habe kein Kleingeld, den Gepäckträger zu bezahlen, und zum Wechseln reicht die Zeit nicht aus. Da langt meine Nachbarin, eine barfüßige Bäuerin, in ihre dünne Geldtasche und reicht mir wortlos fünfzehn Pesos.
Auf die Fahrt durch das paraguayische Land bin ich gespannt. Ostparaguay soll von Chaco grundverschieden sein. Der Boden besteht hier vorwiegend aus rotem Lehm, der aber sehr fruchtbar sein soll.
Längs der Bahn liegen zerstreut die kleinen Farmen, die „ranchos“ der Einheimischen, meist aus Lehm oder aus Palmenstämmen erbaut. Die meisten der Häuschen haben nur einen einzigen Raum mit wenigen oder gar keinen Möbeln. Oft kann ich durch die Ritzen quer durch das Haus hindurchsehen. Einen Herd gibt es in den Häusern offenbar nirgends. Alles wird entweder im Hause oder draußen auf offenem Feuer gekocht. An Brennholz ist auch hier kein Mangel. Im Vergleich zu diesen Farmern sind unsere Chacokolonisten schwerreiche Leute.
Aber der Paraguayer ist für unsere Begriffe auch außerordentlich genügsam und anspruchslos. Im allgemeinen pflanzt er nicht mehr, als er für sich und seine Familie braucht. Das Arbeiten für die Zukunft und Ansammeln eines Vorrates hält er für überflüssig. Wozu auch? Den Unterhalt gewährt ihm die Natur für ganz geringe Mühe, und ein Paar Hosen lässt sich gelegentlich schon verdienen. Geistige Bedürfnisse quälen ihn nicht, soweit diese nicht flüssiger Art sind.
Überall auf den Haltestellen sind die Bahnhöfe überfüllt, weniger von Fahrgästen als von Neugierigen. Der Argentinienzug oder „Express International“, wie er hier heißt, ist immerhin eine Sehenswürdigkeit, die man sich nicht entgehen lassen mag.
Manche Männer tragen hier stolz einen feuerroten Poncho, einen deckenartigen Überwurf, der in der Mitte ein Loch hat, durch das der Kopf gesteckt wird. Auch die meist stark gepuderten und geschminkten Frauen und Mädchen bevorzugen farbige Kleider, die im allgemeinen einen überraschend guten Geschmack verraten.
Dass die meisten dieser kleinen und zarten Frauen rauchen, und zwar die sehr dicken braunen Zigarren, ist für uns nicht nur ein komisches, es ist auch ein widerliches Bild. Auch kleine Mädels von oft nicht mehr als zehn Jahren paffen nicht nur, sie inhalieren auch nach allen Regeln dieser stinkenden Kunst.
Ich habe mir ein Abteil für Nichtraucher ausgesucht, aber niemand respektiert diese Einrichtung. Alles schmaucht und pafft vergnüglich drauflos. Und dieser starke Tabak reizt auch die Speicheldrüsen, und da hört sich dann die Gemütlichkeit für den Europäer bald auf.
Auf allen Stationen wird ein schwungvoller Handel mit Lebensmitteln getrieben. Geradezu versessen sind die Südländer auf süßes Gebäck; dieses wird am meisten gekauft. Schon im Chaco rannten die Soldaten den Kolonisten die Türen ein, nach „pan dulce“. Aber auch Obst und Fleischwaren werden feilgeboten, die letzteren allerdings in wenig reizendem Zustand.
Ich habe vergessen, mir aus Asuncion etwas Genießbares mitzunehmen und kaufe mir in Luque einen appetitlich aussehenden Obstkuchen. Der Verkäuferin fehlen die Finger der rechten Hand, registriert mein Blick, und da fallen mir auch die vielen eingefallenen Nasen und die sonst durch Krankheit entstellten Gesichter auf. Die starke Verseuchung der Bevölkerung in Südamerika ist zwar bekannt, aber ein so häufiges Vorkommen der Seuche war mir noch nirgends aufgefallen.
Mir gegenüber sitzt ein Soldat, ein blonder. Ich habe meinen Kuchen neben mich auf eine deutsche Zeitung gelegt. Da spricht mich der Nachbar deutsch an:
„Wissen Sie auch, was das ist?“ fragt er und zeigt auf ein Mädchen, dessen Gesicht von großen offenen Wunden furchtbar entstellt ist. „Aussatz ist das!“
„Donnerwetter!“ entfährt es mir. Luque: Richtig, Luque, das habe ich ja gelesen, dass gerade hier der Aussatz am häufigsten vorkommt. Daher also die vielen Verstümmelungen.
Meinen Kuchen schenke ich einem Soldaten, der sich nett bedankt und ihn mit sichtlichem Appetit verspeist. Ich will die anderthalb Tage bis Villa Rica doch lieber nur von Apfelsinen und Bananen leben.
Bis Mittag fahren wir noch weite Strecken durch Buschwald, dann aber werden die Kämpe häufiger und größer, und schließlich kommen wir hinaus in die Steppe. Geradezu als Befreiung empfinde ich diesen Durchbruch. Viele Kilometer weit kann hier der Blick durch die Landschaft schweifen und sich ferne am Horizont festsaugen.
Bei vielen kleinen Gelegenheiten lerne ich Höflichkeit und Gefälligkeit des Spaniers bewundern. Wie herzlich sie sich auch immer begrüßen und verabschieden. Ungeniert küsst man sich auch auf dem Bahnsteig. Die Männer umarmen sich regelmäßig und klopfen sich gegenseitig mit der Rechten auf Schulter und Rücken.
Auf einer größeren Haltestelle, ich lehne gerade zum Fenster hinaus, kommt ein mir völlig fremder Spanier mit allen Anzeichen freudigster Überraschung auf mich zugestürzt, umarmt mich fest, „beklopfert“ meinen Rücken und erzählt mir eine Menge sicherlich sehr netter Dinge, von denen ich leider kein einziges Wort verstehe.
Auch ich bin sehr erfreut, ob dieses glücklichen Wiedersehens, bearbeite freundschaftlich seinen Rücken und erkundige mich — plattdeutsch natürlich — nach Frau und Kindern, nach Gesundheit und Ernte. Da zieht der Zug leider schon an. Noch ein paar heftige Schläge auf den Rücken, ein herzhaftes Händeschütteln, und wir lösen uns voneinander. Lange steht mein „Amigo“ noch auf dem Bahnsteig und winkt mir nach...
Um die Mittagszeit liegt unerwartet Villa Rica vor uns. Es ist ein ausgedehntes Städtchen mit nur 9000 Einwohnern, landschaftlich schön gelegen.
Kaum steht der Zug, als ich draußen schon rufen höre: „Der Dr. Quiring!“
Aha, das ist er also, denke ich. Ich schaue zum Fenster hinaus. Jawohl, dort steht er, groß und schwarzhaarig, wie man ihn mir geschildert hat. Alexander Langer heißt er und ist im Ansiedlungsjahr sozusagen der böse Geist der Fernheimer gewesen.
Unsere Einwanderer aus Russland kauften das Land im Chaco von den Herren Samuel McRoberts und Robinette in New York. Diese gründeten in Asuncion eine Gesellschaft, die Corporacion Paraguaya, die ihrerseits Alexander Langer als ihren Vertreter in den Chaco entsandte. Langer sollte die Ansiedlung vorbereiten, Wegschneisen durch den Busch schlagen lassen, Kämpe für die Dörfer aussuchen, Brunnen graben usw. Auch hatte er die von der Corporacion in Asuncion gekauften Lebensmittel an die Einwanderer weiterzugeben.
Langer nun scheint eine merkwürdige Auffassung von seinen Pflichten gehabt zu haben. Hunderte Male schimpften die Kolonisten, wie er sie tatsächlich schikanierte, ihre Versorgung mit Lebensmitteln sträflich vernachlässigte, und wie er seine Lage, statt pflichtgemäß für die Ansiedlung zu sorgen, anderweitig vertrödelte.
Nach beharrlichem Kampf, bei dem sich der Vertreter des mennonitischen Zentralkomitees in den Vereinigten Staaten, Gerhard G. Siebert, tatkräftig für die Siedler einsetzte, gelang es, die Abberufung Langers durchzusetzen. Wie gesagt, wieder und wieder hatten mir die Kolonisten aus jener ihrer schwersten Notzeit erzählt, und ich hatte mir vorgenommen, diesen Langer persönlich kennenzulernen.
„Der Bote" Mittwoch, den 12. August 1936
Und nun lief er die Wagenreihe entlang und rief meinen Namen. Leider war er von meinem Kommen unterrichtet. Ich hatte in Asuncion nach Langers Anschrift gesucht, wovon seine Freunde erfuhren und ihn telegraphisch von meiner Ankunft in Kenntnis setzten.
Wir fahren zuerst in ein deutsches Gasthaus, und ich speise zu Mittag. Wie billig man in Südamerika doch überall lebt! Suppe, Hühnerbraten, Kaffee und Kuchen kosten nur fünfzig Pfennig.
In Asuncion hatte ich für ein Zimmer und fünf Mahlzeiten (Vorkost, Suppe, immer zwei Hauptgänge, Nachspeise, Obst, Kaffee und Kuchen) täglich nur 1.50 RM bezahlt. In Deutschland wären da sechs Mark das mindeste gewesen.
Langer lädt mich zu sich als Gast ein. Das nenne ich den Stier bei den Hörnern packen. Angriff ist die beste Verteidigung! Langer weiß natürlich, dass ich über ein Jahr im Chaco gewesen bin.... Die Situation ist nicht ohne Reiz. Natürlich sage ich zu.
Seine Farm liegt etwa sechs Kilometer von der Stadt entfernt. Ich bringe mein Gepäck in Villa Rica unter, und dann fahren wir hinaus.
Hundert Hektar nennt Langer hier sein Eigen, und es scheint ihm wirtschaftlich recht gut zu gehen. Ein hübsches Wohnhaus, zwei große Wirtschaftsgebäude, Gesindehaus, Schuppen usw., bilden ein großes Viereck. Und die Ausstattung der Farm ist für hiesige Verhältnisse reich und praktisch.
Von Langers Farm bis nach Independencia sind es noch etwa 40 km. Eine regelmäßige Verbindung dorthin gibt es nicht, und es heißt darum, sich auf einen glücklichen Zufall verlassen. Sofort nach dem Mittagessen gehe ich am anderen Tage hinaus auf die Landstraße, die hier übrigens mindestens hundert Meter breit ist, um auf eine Fahrgelegenheit zu warten.
Von vornherein fasse ich mich in Geduld. Es ist nämlich sehr wohl möglich, dass überhaupt kein Auto kommt und dass ich gezwungen werde, wieder einmal zu Langer zurückzukehren.
Das Urteil unserer Kolonisten über ihn habe ich bestätigt gefunden. Er ist offenbar einer der vielen in ihren Mitteln so wenig wählerischen Glücksritter, denen man gerade in Südamerika so häufig begegnet. Lange spaziere ich auf der Straße auf und ab, eine Stunde, zwei Stunden, aber ein Auto lässt sich nicht blicken. Da fängt es zum Überfluss auch noch an zu regnen. Ich habe nur einen dünnen Sommermantel mit und die Aktentasche. Rasch flüchte ich mich unter einen etwas dickeren Baum, der aber laublos ist, lege die Mappe auf die Füße und kann so das Schlimmste abwehren.
So sitze ich noch eine Stunde an den Baum gelehnt, schüttle von Zeit zu Zeit die Ameisen und Spinnen von mir ab und wechsle die Stellung, wenn das Wasser irgendwo durchzusickern beginnt.
Es grübelt sich so schön in dieser mageren Umgebung. Immer ist es ein wertvolles Geschenk, wenn einer der sehr seltenen Augenblicke kommt, wo die Zeit stillzustehen scheint. Urplötzlich erscheint einem das Leben dann in ganz neuem Lichte, in anderer Beleuchtung, und der Maßstab für die Erscheinungen des Lebens wird einem sozusagen neu geeicht. Vergeblich bemüht man sich, diese Sekunden festzuhalten oder zu verlängern; nur für einen Augenblick erscheint die Gegenwart durchsichtig erhellt, um sofort wieder in das dämmerige Halbdunkel zurückzufallen. —
Da höre ich in der Ferne Motorgeräusch und fahre aus meinen Träumen auf. Tatsächlich, dort kommt ein Lastwagen angeschaukelt. Auf mein Zeichen hält er. Ja, ich darf mitfahren, wenn ich noch einen Platz finde. Der Wagen ist hochbeladen mit Kisten, Fässern und Säcken. Ganz hinten sitzen unter einem schützenden Segeltuch vielleicht ein halbes Dutzend Leute.
Der Regen rauscht mit unverminderter Heftigkeit nieder. Die Benzinfässer haben einen erhöhten Rand, wo sich das Wasser so hübsch sammeln kann. Ich halte eines der Fässer schief, lasse das Wasser ablaufen und setze mich drauf. Krampfhaft muss ich mich die ganze Zeit an dem Vorderbau festhalten, um nicht hinuntergeschleudert zu werden. Bei den miserablen Wegen, an denen noch nie etwas getan wurde, schwankt der schwere Wagen wie ein Boot auf unruhiger See.
Bald hat sich auf meinem Fass wieder ein hübsches Wässerlein angesammelt, und ich beginne die Katastrophe zu spüren. Als ich schließlich wie in einem Bottich mit Wasser sitze, rücke ich die Fässer mit Aufbietung aller Kraft so nahe wie möglich aneinander und setze mich auf die Kante einer Kiste. So bin ich auch geschützter gegen die stacheligen Äste, die einen ganz aus dem Häuschen bringen können.
Nun habe ich das Benzinfass in Gesichtshöhe, und jeden Augenblick „schluppt“ so ein Spritzer über mich hinweg. Aber es ist ja gleich, nass bin ich ohnedies.
Die lehmige Straße ist längst aufgeweicht, und unsere Fahrt dauert darum endlos lang. Wiederholt bleiben wir im Morast stecken, und der Wagen muss dann so und so viele Anläufe nehmen, um wieder flott zu werden.
Zum Glück für mich hört es nach etwa zwei Stunden zu regnen auf. Die Gesellschaft hinten im Wagen schlägt das Segeltuch zurück. Es sind einige Offiziere mit ihren Damen und mehrere deutsche Kolonisten. Sie alle sind trocken geblieben und guter Dinge, stecken Zigarren und Pfeifen in Brand und unterhalten sich ganz vergnüglich.
Ich falle ihnen irgendwie auf, obwohl ich in diesem Aufzug, bis auf die Haut durchnässt, wirklich keinen sehr vorteilhaften Eindruck mache. Besonders einer der Offiziere, der von den andern sehr respektvoll behandelt wird, wendet sich immer wieder nach mir um. Es ist ein junger Mann, dem man die jüdische Abstammung auf den ersten Blick ansieht. Schließlich fragt er ohne irgendeine Einleitung: „Wie heißen Sie?“
Aber ich habe gerade jetzt für diese Art Gesprächseröffnung wirklich nicht viel übrig und antworte überhaupt nicht. Ich nehme meinen Hut ab und lasse das Wasser ablaufen. Ganz sachte rieselt mir ein Bächlein auch den Rücken hinunter und staut sich dort, wo die Richtung abgebogen wird. Auch in den Schuhen quietscht es...
Da lässt sich der Offizier seine Frage durch einen der Kolonisten deutsch wiederholen. „Sagen Sie dem neugierigen Herrn, dass ich auf seine Bekanntschaft nicht den geringsten Wert lege...“
„Das will ich mit Vergnügen ausrichten,“ antwortet der Kolonist lachend, „aber zwei Wochen Küche sind Ihnen dann sicher.“
„So? Na, von mir aus ... Hoffentlich regnet’s dort nicht durch.“
„Wirklich, Landsmann,“ beharrt der Kolonist, „Sie sollten nicht so schroff sein, das ist nämlich ein ganz großes Tier, der Herr da, trotzdem er so klein ist: nämlich der Gouverneur der Provinz ist das. Er ist erst vor einigen Tagen ernannt worden und fährt jetzt nach Independencia, um sich der Kolonie vorzustellen.“
Natürlich, das war schon immer und überall so: während die Söhne des Landes an der Front verbluteten, machte der Jude im Hinterland Geschäfte und Karriere. Aber ich nenne ihm doch meinen Namen.
„Sie sind also der deutsche Doktor, der aus Asuncion nach Buenos Aires reist?“
Ich horche auf. Seine Exzellenz scheint gut unterrichtet zu sein, und die Polizei arbeitet in diesem Lande offenbar doch nicht so schlecht, wie ich geglaubt habe.
Das Gelände ist hügelig und steigt, nachdem wir einen sehr großen Kamp passiert haben, ziemlich stark an. Die Ansiedlung Independencia liegt weit zerstreut in den Bergen. Immer näher kommt der dunkle Urwald. Aber dieser Wald ist mit dem im Chaco nicht zu vergleichen: hochstämmig ist er und geschlossen. Hier gibt es auch Bau- und Möbelholz in Fülle. Dicht verflochten ist der Wald, und ich beobachte viele Schlingpflanzen ganz anderer Art als die im Chaco.
An beiden Seiten des Weges liegen sehr weitläufig die deutschen Farmen. Es sind meist kleine dürftige Wohnhäuschen aus Holz mit einem elenden Schuppen davor und einem vernachlässigten Garten. Die Ansiedlung ist bereits zwölf Jahre alt und wurde von deutschen Kolonisten, die nach dem Kriege Südwestafrika verließen, gegründet. Später kamen noch eine Anzahl Österreicher hinzu.
„Der Bote" Mittwoch, den 19. August 1936
Fortsetzung folgt
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