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Menonitas no Brasil

Mennoniten in Brasilien

   Nachrichten und Mennonitische Geschichte 

29.06.2026


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Editor: Udo Siemens

Nova edição: segundas, às 13 hs


Die Kälte ist da.
Ob's auch schneien wird?

 

 

Deutsche im Sonnenland

 Walter Quirings Reise 1932/33

in die eben gegründeten Kolonien

der Mennoniten in Paraguay und Brasilien

 



Hier
 

​​​​

Einwanderung und Anfänge

der Mennoniten in Brasilien

Teil 11

      Peter Klassen, der später Siedlungsleiter wurde, das Blatt "Die Brücke" herausgab und dann nach Curitiba umsiedelte, schreibt den folgenden Brief.

      Er berichtet über den schweren Anfang im Urwald, dass "sechs Geschwister" aus Kanada zu ihnen gekommen sind, usw. Ich kann es kaum glauben, dass so viele Mennoniten von Kanada nur zu Besuch gekommen wären, aber dass sie das Leben in Kanada aufgegeben haben, um hier zu wohnen scheint mir auch nicht glaubhaft zu sein.

Witmarsum, Brasilien. den 10. Februar 1934. Lieber Bruder Neufeld!

     Schon lange ist es her, dass ich Dir und den Lesern der „Rundschau“ etwas aus dem Urwald Brasiliens erzählt habe. Da wir aber so oft durch Euer Blatt von Canada hören, ist es nur in der Ordnung, wenn wir auch einmal schreiben. Nun fällt uns in der Weltabgeschiedenheit das Schreiben doch schwerer, als Euch in der Großstadt. Wir freuten uns, dass wir durch die 6 Geschwister, die wir aus Kitchener hierher bekamen, allerlei aus dem kalten Norden erfuhren. Solche persönlichen Berichte haben es bei denen, die immer noch darüber klagten, dass Gott sie nicht nach Canada (sprich „Kanaan“) geführt habe, bewirkt, dass sie in der jetzigen Lage zufriedener werden.

      Denn wir haben gehört, dass bei Euch der Dollar auch nicht einfach so an den Bäumen wächst, dass Ihr einen schweren Kampf kämpft. Nun soll ja der Stand des Dollars nicht ausschlaggebend für unsre inneren Entscheidungen sein. Wir müssen den Glauben immer fester halten, dass Gott führt, dass er uns an unseren Platz stellt. Dann werdet Ihr in Canada getreulich Eure Pflicht tun, dann werden wir im Urwald nicht verzagen, dann wird Gott gepriesen werden durch unser Vertrauen.

     Man beneidet uns in der mennonitischen Welt manchmal darum, dass wir in Südamerika die Möglichkeit haben, in geschlossenen Siedlungen unsre mennonitischen Traditionen zu pflegen, unsre Sprache, unsre Schule, unsre Dorfversammlungen usw. Dass es so bei uns in Brasilien ist, stimmt nur zum Teil. Für Paraguay trifft es mehr zu. Wir wohnen aber nicht in Dorfschaften, sondern jeder wohnt auf seiner Kolonie, eine Kolonie vom andern im Durchschnitt 200 Meter entfernt. Jeder ist auf seiner Kolonie Herr. Wohl schließen wir uns zu Dörfern zusammen. Solange, wie dieser Zusammenschluss Vorteile bringt, macht der Kolonist auch gerne mit. Wenn dieser Zusammenschluss aber von dem Einzelnen Opfer fordert, Hintanstellung der persönlichen Interessen zugunsten des Ganzen, dann versagen sehr viele. Lange nicht alle, aber sehr viele. Das Urteil über dieses Verhalten wird aber sehr milder, wenn man bedenkt, wie schwer der neue Anfang ist und wie arm wir im Durchschnitt noch sind. (In Kanada wohnten die eingewanderten Mennoniten zerstreut über das ganze Land und beneideten die brasilianischen Mennoniten darum, dass diese so wie im geliebten Russland in geschlossenen Kolonien wohnen konnten. Klassen aber korrigiert diese Ansicht.)

       Freilich, unsre mennonitische Geschichte hat es gelehrt, dass wir nur dann als Ganzes vorwärts kamen, wenn wir uns als ein Ganzes fühlten und einstellten. Mit sind ja die vielen Jahre Sowjetherrschaft schuld, dass unsre beiden mennonitischen Eigenschaften nicht mehr so stark in uns sind. Aber, Gott sei Dank, dass er noch seine Hand bei uns im Spiel hat, uns nach seinem Sinn zu formen. Wir haben auch viel zu danken im Blick auf unsre Siedlung. Viel Treue im kleinen Tag und wir hoffen, dass Gott uns auch wieder Großes anvertrauen kann.

     Wirtschaftlich sind wir in einer kritischen Zeit. Fast 6 Regenwochen haben das Reifen von unserm Brotkorn, dem Mais, aufgehalten. Das alte Korn ist aufgebraucht, kann hier in der heißen Welt auch nicht viel länger als ein Jahr gelagert werden. In den letzten Wochen hat es in manchem Haus nicht jeden Tag Brot gegeben. Wohl brauchte keiner buchstäblich zu hungern, weil wir allerlei andere Pflanzungen, Ananasfrüchte haben, aber Entbehrungen sind doch getragen worden. Und wenn Gott in diesem Monat Gnade gibt, können wir doch noch eine mittelmäßige Ernte einheimsen. (Am Krauel und in Stoltzplateau gab es keinen Weizen. Der musste von Argentinien importiert werden und war darum unbezahlbar. Die Mennoniten aßen Brot aus Maiskorn und Cará, was ihnen nicht so schmeckte, das wir aber heute wissen gesunder war als Weizenmehl.)

       Wir haben immer etwas zu Essen. Aber damit, dass der Kolonist etwas zu essen hat, sind seine Sorgen noch nicht alle behoben. Er hat an Kleidung zu denken, an Landschulden abtragen, an Schulen, an Verbesserungen in der Wirtschaft usw. Froh sind wir, da uns die Milchwirtschaft schon etwas einträgt, wenn auch nicht in Bargeld, so doch in Waren bei unsrer Genossenschaft. Mit Milch kann der Kolonist eine Kleinigkeit verdienen. Aber im Grunde ist es doch noch sehr wenig, was der Kolonist von der Kolonie abzweigen kann.

     Vielleicht sind wir, die wir in Russland an steten Fortschritt gewohnt waren, etwas zu ungeduldig. Menschen, die unsre Siedlung besuchen, wundern sich oft über das, was hier in vier Jahren schon erreicht ist. Man muss bedenken, dass vier Jahre (ja vier Jahre werden es in dieser Woche, dass H. Martins mit der ersten Gruppe im Urwald ankam!), dass vier Jahre für den, der von außen die Siedlung betrachtet, nicht lang sind, dass es aber sehr lange Jahre für den sind, der in ihnen Tag für Tag die schwere Kleinarbeit tun musste und dabei sich oft sagte: manchen Tag arbeitest du überhaupt umsonst. Immer wieder, besonders wenn Woche für Woche kaum ein regenfreier Tag ist, wächst dem Kolonisten das Unkraut so stark, dass er Zähigkeit braucht, um sich durchzusetzen. (Die Wetterverhältnisse waren unseren Väter ganz fremd. Wenn es im Sommer dann viel regnete, wuchs das Unkraut über Nacht. Einer beklagte sich, dass es in Brasilien nicht mehr die gemütliche Ruhepause gab, die sie im Winter in Russland genossen.) 

      Ihr seht also, dass hier schwere Arbeit getan wird. Es wird aber Arbeit getan, das ist die Hauptsache, die Hände werden nicht lässig in den Schoß gelegt. Das Auge schaut schon weit ins Tal hinein, der Urwald ist nicht mehr ein undurchdringliches Hindernis. Es hat, bei aller Beschwerde, doch für einen unternehmungslustigen Menschen seinen Reiz, die Entwicklung einer solchen Siedlung mitzuerleben.

     Auf geistlichem Gebiet, da ist es immer schwer, ein Urteil abzugeben. Denn hier handelt es sich nicht um greifbare Dinge. Hier kann eigentlich nur Gott ein Urteil fällen. Im Großen und Ganzen ist es eine träge Zeit. Wohl werden Menschen hie und da aus ihrem Schlaf erweckt. Besondere Freude haben wir unter unsrer Jugend erlebt, die in der Stadt Curitiba in Stellung ist. Dort hat sich ein Teil ganz klar für Gott und sein Reich entschieden. Als menschliches Werkzeug hat Gott dort die evangelische Gemeinschaft gebraucht, in der unsre Jugend eine Heimstätte gefunden hat. Mir sagten junge Leute, dass Gott sie erst habe aus der Siedlung herausnehmen und nach Curitiba führen müssen, damit sie auf den rechten Weg kamen. Das klingt so, als ob Gott sich auf der Siedlung nicht offenbaren könne. Er tut es aber auch hier. Es finden auch Taufen statt. So morgen auf Stolz Plateau, wo unter den Täuflingen auch der älteste Sohn des in der Verbannung umgekommenen Predigers N. Töws ist; so in nächster Zeit in Waldheim am Strauß. „Der Herr denkt an uns und segnet uns“. Wir müssen uns nur immer wieder als des Segens Gottes Unwürdige tief beschämt beugen. (Dieser Brief wurde Anfang 1934 geschrieben. Da arbeiteten schon viele Jugendlichen, besonders Mädchen, in Curitiba. Er spricht davon, dass diese erst in der Großstadt zum wahren Glauben erweckt wurden. Außerhalb der mennonitischen Hülle mussten sie plötzlich innerlich Stellung nehmen; in der Fremde merkten sie, dass der Glaube der Väter keine automatische Sache ist, wie es in der Kolonie zu sein schien.)

     „Die Rundschau“ wird hier auf der Siedlung mit großem Interesse gelesen. Durch sie ist es uns möglich, an Eurem Erleben teilzunehmen. Wir sind auch froh darüber, dass Ihr Euch an die strittigen Fragen wagt. Damals, als über den „Mennostaat“ so viele Artikel kamen, haben wir freilich geschmunzelt. Andere Probleme sind schon brennender, das betreffend Reichsschuld. Und dann auch anderes, was das innere Gefüge unserer Gemeinschaft anbelangt. Möge Gott Euch in N. Amerika Gnade geben stets den rechten Weg zu gehen, nach Gottes Willen zu fragen, möge Gott auch uns beistehen. (Anfang der dreißiger Jahre wurde in der Mennonitischen Rundschau in mehreren Ausgaben die Idee eines Mennostaates diskutiert. Jemand meinte, es müsste doch eine freie Insel in der Welt geben, die von den Mennoniten gekauft und besiedelt werden könnte, wohin dann alle Mennoniten ziehen könnten und niemand sie mehr vertreiben würde.)

      Euch allen viele Grüße von der ganzen Siedlung, besonders

                 von Eurem Peter Klassen.

Nachtrag: Herzlich bitten möchte ich um mehr zahlende Leser unserer Urwaldzeitschrift „Die Brücke“, die ständig Nachrichten aus der Siedlung bringt. Erscheint zweimonatlich, kostet im Jahr 60 Cent. Sie kann bei „Der Rundschau“ bestellt und bezahlt werden.

MR 1934-03-28


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Deutsche im Sonnenland

 Walter Quirings Reise 1932/33

in die eben gegründeten Kolonien

der Mennoniten in Paraguay und Brasilien

Teil 10

     Dr. Walter Quiring machte 1932/33 eine Reise nach Süd- und Nordamerika. Über ein Jahr lebte Herr Quiring bei mennonitischen Glaubensgenossen im Chaco von Paraguay und reiste von dort über Argentinien und Uruguay nach Brasilien, wo er etwa drei Monate lang in den mennonitischen Hansakolonien arbeitete.

    Er schrieb danach ein Reisetagebuch, das im "Boten" veröffentlicht wurde. Ich gebe es etwas gekürzt wieder.

       Ich gehe auf das Haus zu. Niemand von den Erwachsenen lässt sich blicken. Das wundert mich nach den bis jetzt in Menno gemachten Erfahrungen. Immer weiter dringe ich vor, klatsche wiederholt in die Hände, wie das im Chaco üblich ist, da eine Tür, an die man klopfen könnte, vielfach fehlt, schlage schließlich einen Vorhang zur Seite und sehe in einem Bett einen kranken Mann liegen. Es ist der Älteste.

      Sein Gesicht ist gerötet, und die Augen blicken trübe. Er muss hochgradiges Fieber haben. Mit sichtlicher Anstrengung richtet er sich auf, fällt aber gleich wieder kraftlos in die Kissen zurück.

      In einem Bett an der entgegengestellten Wand liegt seine Frau. Sie zieht sich sofort, als ich hereinkomme, die Decke über den Kopf und dreht sich von mir weg der Wand zu.

      Ohm Martin fällt das Sprechen schwer, und ich fasse mich kurz. Meine Augen haben sich bald an das Halbdunkel gewöhnt, und ich fasse das Gesicht vor mir plötzlich schärfer ins Auge. Was ist denn das? Was bedeuten denn die kleinen schwarzen Flecken da im Gesicht? Das sind ja die Blattern, die schwarzen Pocken!

      So ein Pech! Aber in Schöntal wusste niemand etwas Genaueres von der Art der Erkrankung.

      In Chortitza sind einige Personen an den Blattern gestorben, eine Frau und vier Kinder, das hatte ich gehört. Das paraguayische Sanitätskommando hat darum jenes Dorf abgesperrt und führt auf der ganzen Ansiedlung eine Zwangsimpfung durch.

       Einige Leute aber glauben nicht an eine Ansteckung und lassen sich nicht impfen. Manche Chortitzer gelangen an Sonntagen auf Schleichwegen nach Osterwick zur Kirche. Auch hält man es für Pflicht, die Kranken dort zu besuchen.

      Die Indianer sterben an den Blattern geradezu sippenweise. Erst vor einigen Tagen haben Osterwicker im Busch eine „Toldo“ entdeckt, um die in den verschiedensten Stellungen 14 tote Indianer lagen.

      Ohm Martin empfiehlt mir, zu einem Johann Fehr im selben Dorf zu „wanken“, der werde mir über mancherlei Aufschluss geben können. Ich wünsche baldige Genesung und verabschiede mich.

      Fehr wohnt auf dem entgegengesetzten Ende des Dorfes in einem Hause, das sich in Urwaldverhältnissen sehr wohl sehen lassen kann. Das Blechdach ist rot gefärbt.

      Auf dem Hofe treffe ich einen Jungen. Nein, der Vater sei nicht zu Hause, das heißt, zu Hause sei er schon, er jäte aber weit weg im Garten den Weizen. Er werde ihn sofort rufen.

     Gut. Zuerst aber nimmt er mir mein Pferd ab, führt es unter ein Schutzdach, und ich sehe, wie er ihm braunen Stangensirup vorlegt und eine Dose Schrot über sie schüttet. Sieh einer an! Das ist mir im Chaco auf meinen vielen Ritten noch nicht vorgekommen.

      Der etwa zwölfjährige Junge setzt sich auf einen mit „Tom“ angeredeten Gaul und sprengt ohne Zaum und Sattel den Gartenweg hinunter dem Weizenacker zu.

      Ich sehe mir währenddessen den vielversprechenden Obstgarten an. Der ganze Hof ist gut in Schuss und lässt einen umsichtigen Wirt erkennen. An einem Schuppen steht eine kleine Dreschmaschine, eine offenbar selbstgefertigte. Auch ein kleiner Gasmotor ist daneben aufgebaut.

      Und dort kommt auch schon Fehr selber, ein Mann mit offenem, glatt rasiertem Gesicht. Freundlich sagt er „wellkom“ und schüttelt mir die Hand. Dann führt er mich ins Haus. Auf einem sekretärartigen Schreibtisch sehe ich verschiedene Zeitungen und Briefschaften liegen. Also geistige Interessen hat dieser Siedler auch. Nach kurzer Unterhaltung steuere ich auf mein Ziel zu. Die Angelegenheiten interessieren ihn sichtlich. Aber da werden wir unterbrochen. Ein kleines blondes Mädel mit braunen Augen kommt ins Zimmer, reicht mir unaufgefordert die Hand und sagt zu seinem Vater: „Pau, ji sullen äten kaomen.“

      Der Speiseraum befindet sich in einem Nebengebäude, etwa zwanzig Schritt weg von der Küche. Der Tisch ist reich gedeckt. Ich muss auf dem einen Ende neben dem Hausherrn Platz nehmen. An meiner Seite sitzen drei halbwüchsige Jungen mit aufgeschlossenen, klugen Gesichtern. Auf dem uns entgegengesetzten Ende haben zwei größere Mädchen ihre Plätze, und neben der Mutter sitzen die drei Kleinsten. Anhänger eines „Zweikindersystems“ sind mir im Chaco nicht begegnet.

     „Daut kroegen feschtäo wi nich,“ sagt Fehr aufmunternd, „aoba ät ju saut.“

      Das tue ich denn auch.

     Nach dem Essen setzen wir uns wieder in die „große“ Stube. Fehr lädt mich ein, während meines Aufenthaltes in Osterwick, bei ihnen zu wohnen. Sie hätten zwar, wie ich gesehen habe, viele Kinder, aber wenn es mir gut genug sei bei ihnen... Mit welcher Selbstverständlichkeit die Einladung, die doch für die Hausfrau eine spürbare Mehrbelastung bedeutet, hier vorgebracht wird. Das macht warm. Dankbar nehme ich an. Ich werde kommen, schon nächste Woche.

      Am Nachmittag fährt Ohm Schröder mich auf dem „buggy“ nach Blumengart. Bekannte habe ich dort natürlich keine, und ich werde zu einem Ohm Wiebe, dem Vorsänger, gefahren. Die alten Leutchen kommen uns entgegen und heißen uns willkommen.

    Im Hause schlägt mir ein Duft entgegen, der urplötzlich irgendwelche Erinnerungen wachruft. Es ist ein süßlicher, warmer Geruch, ein für mich uralter, den mein Geruchsorgan aber über zwanzig Jahre nicht mehr wahrgenommen hat. Richtig, das ist es. Schweinefutter wird hier in einem eisernen Pott gekocht. Dort steht er auf dem Herd und dampft. Dass der Herd hier einen Platz im Zimmer hat, sehe ich im Chaco zum ersten Mal.

     Wir sind im Mai, im Spätherbst, und darum mitten in der Zeit der „Schweinehochzeiten“. An kühleren Tagen höre ich in der Frühe oft das verzweifelte Schreien der Grunzer. Fast überall kommen zum Frühstück auch die Grieben, Leberwurst und Rippenspeer auf den Tisch. Dazu der anregende und erfrischende Mate, an den ich mich gern gewöhnt habe.

      Abends erscheinen die verheirateten Kinder zu Besuch; zwei Familien mit ihren Kindern, und unser Zimmerchen ist bald gesteckt voll. Anfangs ist man etwas scheu gegen mich und wohl auch ein bisschen misstrauisch, als sie aber hören, dass auch ich greiw on bleiw sage und gar nicht „stolz“ bin, taut man bald auf. Die Unterhaltungen sind immer sehr nüchtern und gegenständlich, dabei aber vernünftig.

      Ungewollt mache ich einen Fehler. Ich habe es mir angewöhnt, alles Neue, das ich irgendwo höre, sofort in Stichworten auf einem kleinen Notizblock festzuhalten.

      Gerhard, der Sohn des Hauses, erzählt gerade etwas von „tim und top und sultji“, und ich zücke unauffällig meinen Block, um diese englischen Worte zu notieren. Aber sofort stoppt der Erzähler.

     „Nu ha etj tosäl jesajht,“ meint er mehr zu sich als zu uns, und ich habe Mühe, dem Gespräch seine Unbefangenheit wiederzugeben.

      Wie zäh diese Auslandsdeutschen doch an Überliefertem festhalten! Das ist Vorzug und Nachteil zugleich. Die Kinder werden hier noch genau so urwüchsig-derb beim Vornamen gerufen, wie anno dazumal in Russland. Kosenamen scheinen geradezu verpönt zu sein. Dabei ist der Ton in den Familien keineswegs roh, sondern von einer herben, zurückhaltenden Herzenswärme.

      Ein kleines oft herzliches Mädelchen wird mit Stintje, Trintje, Tjootje, Gret oder Len gerufen. Und ein kleiner Hosenmatz heißt schon Jäokob, Dertj, Hendritj oder Aobraum.

„Der Bote" Mittwoch, den 17. Juni 1936

 

 

      „Warum die Russländer sie wegen ihres Wortes „Mejal“ immer auslachen,“ fragt man mich. Ich erzähle ihnen, dass dieses Wort von dem litauischen (aus Westpreussen!) „mergjele“ hergeleitet werde und dass ihre Nachbarn in Fernheim das deutsche Wort „Mädchen“ vorzögen. Das leuchtet ein.

      „Und warum sprechen die Fernheimer nicht so wie wir? Ist unser Plattdeutsch denn falsch, ist es wirklich so viel plumper oder entstellt?“

     „Nein, keineswegs. Euer Chortitzaer Plattdeutsch ist sogar sehr schön und klangvoll und durchaus auch zügig. Ihr solltet es auch weiter unbedingt beibehalten und es nicht vermischen lassen. Die Russländer sprechen nicht Euer Plattdeutsch, sondern ein etwas anderes. Jenes hat auch eine Daseinsberechtigung, das sog. Molotschnaer Platt, es ist genau so richtig wie Eures, nur ist es eben anders…“

      „Na, so is,“ meint Ohm Wiebe, der auf dem Bett sitzt, die Füße eng an den Leib gezogen, „daut ha etj emma jesajht: wi han de rejhtje deitsche Spräok.“

      Am anderen Vormittag besuche ich noch einige Nachbarn im Dorf. Meinen Bekannten vom Vortage, den „Storemann“ Derksen, treffe ich nicht zu Hause an. Sein Vertreter Giesbrecht hat verbundene Augen: Trachom, und was für welches! Das eine Auge ist bereits erblindet und das andere hat die Sehkraft zum Teil eingebüßt. Einen Arzt gibt es hier nicht.

      Ohm Giesbrecht, der Diakon, lädt mich zum Mittagessen ein. Hier gibt es als Nachspeise noch Arbusen. So spät im Herbst. Der Ohm schenkt mir auch die „Schulregeln“, die mir am Sonntag in der Kirche aufgefallen waren.

      Auf manchen Stellen treffe ich in Menno noch die altbekannten und fast berühmten „mennonitischen“ Kisten, die mit den großen gelben Knöpfen und der so geheimnisvolle Düfte ausströmenden „Beilade“. Manche von diesen Kisten mögen bald hundert Jahre alt sein und wurden noch aus Russland nach Kanada mitgebracht. Blitzblank sind die Knöpfe! Auch die großen aus Russland stammenden Wanduhren sehe ich vielerorts. Das kostbare Erbstück wird hoch in Ehren gehalten.

      Der Nachmittag sieht mich schon auf dem Wege nach dem etwa 30 km entfernten Weidenfeld. Dankbar empfinde ich, dass mir mehrere Nachbarn im Dorf ihre Fuhrwerke für die immerhin umständliche Ochsenfahrt anbieten. Selbstlose Hilfsbereitschaft scheint hier noch eine lebendige Tugend zu sein.

       Schneckenlangsam bewegen wir uns durch den stillen Busch, der mich, wie schon so oft, gleich wieder gefangen nimmt.

      Erst um zehn Uhr abends etwa kommen wir nach Weidenfeld. Aber hier liegt schon alles im Schlaf. Mein Fuhrmann fährt zu seinem Schwager, dem Schullehrer, während mich Ohm Schröder an eine Familie Peter Reimer empfohlen hat. Sie wohnt beim Lehrer über der Straße, und ich gehe sofort hinüber.

      Aber auch hier ist bereits tiefe Nacht. Ich lasse das Licht meiner Taschenlampe über den Hof gleiten, was die Hunde zu einem wütenden Gekläff reizt; doch im Hause bleibt alles still. Was nun? Wecken mag ich die unbekannten Leute nicht. Draußen übernachten? Es ist gerade heute etwas kühl, da der Wind vom Süden bläst. Langsam gehe ich wieder zurück zum Lehrer. Dessen Haus besteht nur aus einem einzigen, sehr kleinen Zimmerchen. „Das wird sich schon schicken,“ meint er gemütlich, „wir haben schon mehr Gäste untergebracht.“

      Währenddessen ist auch rasch seine Frau aufgestanden und hat uns rasch einen Imbiss gerichtet.

      Der Lehrer breitet in der allein stehenden Küche auf dem Fußboden ein Segeltuch aus, legt Kissen und Decken zurecht und wünscht uns gute Nacht.

      Wir verstopfen die breite Ritze unten an der Tür wegen der Schlangen mit Säcken, wickeln uns in unsere Decken und bald höre ich meinen Bettgenossen regelmäßig schnarchen.

      Morgens, wir sitzen in der Küche beim „Prip’s“, kommen schon etliche Nachbarn, die den nächtlichen Tumult gehört haben, und fragen nach meinem Woher und Wohin. Auch des Lehrers Nachbar, der Dorfschulze Harder, ist herübergekommen.

       Ich erzähle, dass ich in Weidenfeld gern einige Wochen arbeiten möchte, und frage, bei wem ich mich hier wohl einmieten könnte.

      „Einmieten?“ meint Harder, „nein, das gibt es bei uns nicht; für Essen und Schlafen nimmt man bei uns nicht bezahlt. Wenn Euch mein Haus gut genug ist, seid Ihr uns willkommen.“

       Dankbar nehme ich die Einladung an, und gleich nach dem Frühstück gehen wir zu ihm hinüber.

      Aber das Hardersche Haus hat nur zwei kleine Zimmerchen, und ich zähle neun Kinder! Wie ich hier arbeiten soll, ist mir vorerst ein Rätsel. Doch Harders wissen Rat. Sofort müssen die drei erwachsenen Mädchen an die Arbeit.

      Sie räumen eines der Zimmer vollkommen aus, verschmieren den Fußboden leicht mit Lehm und Kuhmist, stellen Bett, Tisch und zwei Stühle (ihre einzigen, wie ich bald sehe) hinein, und mein Arbeitszimmer ist fertig.

      „So, nun kann’s schon losgehen mit dem Geschichtenschreiben,“ meint Harder, und sieht mich wie um Entschuldigung bittend an.

       „Ja, und Ihre Kinder?“

      „Die Kinder? Für die ist bald gesorgt,“ entgegnet er, „die erwachsenen Mädchen richten sich auf dem Boden ein, die Jungs im Schuppen, und die Kleinsten kommen zu uns ins Zimmer. So haben wir alle gut Platz. Tags nehmen wir die laute Gesellschaft zu uns in die Küche und machen sie so ein bisschen unschädlich, damit ihr ungestört arbeiten könnt.“

      „Übrigens: wie alt seid Ihr eigentlich?“

      Ich nenne die Zahl meiner Jahre.

      „Dann sind wir ja ungefähr gleichaltrig, und wir könnten uns auch duzen, wenn’s Dir recht ist.“

      Mir ist’s recht, und herzhaft schlage ich ein.

      Und dieser Vorgang wiederholt sich ähnlich in den nächsten Monaten vielleicht vierzig, fünfzig Mal. Kaum habe ich mich mit einem neuen, etwa gleich alten Bekannten einige Minuten lang unterhalten, so erfolgt mit unbedingter Sicherheit die Frage: „Wie alt seid Ihr eigentlich?“ Und was in Deutschland taktlos und geradezu lächerlich wirken würde, ist unter diesen gütigen Menschen ganz natürlich und selbstverständlich. Niemals empfinde ich das Anerbieten der Duzbrüderschaft als ungehörig oder zudringlich, überall ist es echt und der Stimmung des Augenblicks mit einem feinen Gefühl angepasst. — Nur ein einziges Mal biete ich das Du von mir aus an und erlebe einen Reinfall. Ich wohne schon einige Tage bei einem Ohm, einem herzensguten, stets hilfsbereiten Menschen, und nach den bisherigen Erfahrungen wundert mich seine Zurückhaltung, als das Gespräch einmal zufällig auf das Duzen kommt. Ich glaube eine leichte Verlegenheit zu bemerken, deute sie falsch, gebe mir einen Ruck und biete es ihm an, das Du. Aber sofort merke ich, dass ich hier irgendeine Form, ein ungeschriebenes Gesetz verletze. „Ja, wenn Ihr das durchaus wollt,“ meint der Ohm gedehnt und schaut dabei zum Fenster hinaus, „ick bin mit der Ehre nicht geplagt. . .“ Und ich schlussfolgere: einen Prediger duzt man also nicht. „Sie haben mich missverstanden,“ sage ich (blitzartig spüre ich aber den großen Unterschied zwischen uns geistig beweglicheren, aber auch unwahrhaftigeren Europäern und jenen geraden, schwerfälligen Herzensmenschen), „mir kommt es natürlich nicht zu, einem Ohm Du zu sagen, aber es wäre mir lieb, wenn Sie mich duzen wollten...“

      „Ach so meintest Du das, ja das können wir natürlich"; und so haben wir's in Zukunft auch gehalten. Beim Mittagessen - auf dem Tisch duftet das Leibgericht dieser Kolonisten, die goldgelbe Hühnersuppe- erfahre ich, dass Harders vor einigen Tagen beraubt worden sind. Von der Front entlaufene Soldaten treiben sich im Busch umher und holen sich nachts aus den Gärten und Kammern der Siedler, was sie zum Unterhalt brauchen. So sind Harders um ihr ganzes Geschirr gekommen. „Wo haben Sie denn so bald Ersatz hergefunden?" frage ich und zeige auf die lange Reihe Löffel und Gabeln neben den Tellern auf dem Tisch. „Das ist sehr einfach," meint Frau Harder, wenn so etwas passiert, helfen die Nachbarn immer gern aus: der Eine bringt einige Gabeln oder Messer, ein anderer Teller oder Tassen usw. So haben wir heute nicht weniger Geschirr als vor dem Überfall, nur ein bisschen bunt zusammengewürfelt ist es ..." „Eine Versicherung für solche Fälle gibt es in Menno wohl nicht?" „Eine Versicherung?" fragt Harder erstaunt, „nein, von einer Versicherung steht nichts in der Bibel. Wenn unser Nachbar in Unglück gerät, sollen wir ihm freiwillig helfen und uns nicht erst durch Unterschrift dazu verpflichten. Und überhaupt: warum lässt man sich denn versichern? Doch nur darum, weil man seinem eigenen Herzen und dem der Nachbarn nicht mehr trauen kann..."

      Gegen Abend mache ich mir etwas Bewegung; ich gehe in der langen „Auffahrt" auf und ab. Aber das scheint unsere ganze Nachbarschaft zu alarmieren. Erst bleibt hier einer stehen, dann dort; Leute kommen aus den Häusern, halten die Hand schützend über die Augen und schauen zu uns herüber. Kinder klettern auf die benachbarten Zäune und versuchen das Rätsel meines seltsamen Verhaltens zu ergründen. „Woerom jeit de Ohmtje doa emma han on häa?" fragt ein kleiner Knirps. „Beltj doch nijh so, sest heet he daut noch!" Jedes von den Kindern hat eine dicke Zuckerrohrstange in der Hand, auf der schmatzend und schnalzend gelutscht wird. Der Kaugummi des Chaco. „Dü, etj jlem, de Ditschlända es domm jeworden." meint überzeugt ein Mädel. Ähnliches scheint auch mein Freund Harder zu fürchten. Breitspurig stellt er sich mir in den Weg, die Hände hinter den Hosenbund geschoben, und fragt: „Na, waut es dann nü los?" Ich erkläre ihm, dass ich abends keinen Appetit habe, wenn ich den ganzen Tag stillsitze. Das leuchtet ihm ein; Appetit muss man haben. Doch fällt ihm sichtlich ein Stein vom Herzen. Mit der Zeit aber finden sich unsere Nachbarn mit meiner sonderbaren Lebensweise ab, und ich mache jeden Abend ungestört meinen Spaziergang. Gleich in der zweiten Nacht ziehen zu mir Ameisen ins Zimmer. Ausgerechnet unterm Bett durchbrechen sie den Estrich des Fußbodens und überschwemmen den Raum. Auch zu mir ins Bett finden sie den Weg. Mit dem Schlaf ist es da natürlich vorbei. Es sind kleine gelbe Kerle mit schwarzem Hinterleib. Das zwickt, und kneift in einem fort, so dass ich nicht zur Ruhe komme. Gleich morgens beginne ich den Kampf; doch meine Methode versagt hier völlig. „Nä, daut Schlurren halpt nuscht bi disse Emstje", meint Frau Harder und schmiert einen dicken Streifen Teer und Wagenschmiere um das Loch. Das hilft. Dieser Geruch ist ihnen unangenehm; auch ist es für sie gar nicht so einfach, über die klebrige Maße hinwegzukommen. So habe ich nachts wieder Ruhe.

„Der Bote" Mittwoch, den 24. Juni 1936

 

 

 

      Am Pfingstabend komme ich nach R. zu Bückerts. Diese laden mich ein, am ersten Feiertag mitzufahren nach M. zur Kirche. Die Fahrt geht wieder durch den einsamen Busch, der sich überall ganz gleich bleibt, und durch die großen Wassertümpel der Kämpe.

      Mitten in solch einem Weiher, der nur zu bald wieder austrocknet, bleiben die Ochsen stehen und saufen langsam schlürfend durch das Zaumgebiss. Sie mögen dieses Wasser lieber als das aus dem Brunnen, und sogar Sumpfwasser ziehen sie diesem vor.

       Die Schneise nach M. ist schlecht ausgeschlagen, und wir müssen ständig auf der Hut sein, um von den kracheligen Ästen nicht ins Gesicht gepeitscht zu werden. Das ist ein dauerndes Bücken und Abwehren, und manchmal erwischt's einen doch. Aber nachdem ich erst einmal zurücklaufen und meinen Hut holen musste, halte ich einen Stock vor mich als Prellbock.

      Freund Bückert fragt mich aus über Deutschland. Ob wir noch das alte Gesangbuch benutzen, und ob sich die Mennoniten in Deutschland alle duzen. Aber auch kleinere Dinge möchte er wissen: was wohl meine Schuhe gekostet haben und ob wir alle so helle Hüte mit schwarzem Band tragen, ob ich auch ein Rundfunkgerät (er sagt englisch „Nädio“) besitze und was ich von dem Leierkasten halte.

Ahnungslos sehe ich ihm dessen Vorteile auseinander: Musik, die mir Bedürfnis sei, ab und zu ein Vortrag, politische Nachrichten, am Sonntag gelegentlich auch eine Predigt, da ich weit weg wohne von meiner Gemeinde usw.

      Aber ich sehe, dass sich Ohm Bückerts Gesicht mehr und mehr verfinstert.

      „Nein“, sagt er schließlich ernst, „das mit dem „Rädio“, das solltest Du doch lieber nicht machen. Das sind alles Werke des Teufels. Und wenn Du so ein quietschendes Ding schon hast, bist Du ja eigentlich kein richtiger Mennonit mehr . . . Dann gehörst Du womöglich auch zu den Menschen, die da glauben, dass die Erde rund ist und dass sie sich bewegt?“

       „Ja,“ bekenne ich fast schuldbewusst, „das muss ich schon gestehen.“

       „Und ist es bei Euch denn keine Sünde, einen Trauring zu tragen?“ fragt zwischendurch über unsere Schulter Frau Bückert, und zeigt auf meinen Ring.

       Also ein regelrechtes Kreuzverhör, denke ich, und setze mich auf den Baumwollsack, der uns als Sitz dient, quer, um den Frauen auf der „Sitzleiter“ ins Gesicht sehen zu können.

     „Sünde? Nein, der glatte Ring ist bei uns lediglich ein Zeichen, dass ein Mensch verheiratet ist. Trägt ein Ehemann keinen Ring, oder steckt er ihn, etwa auf einer Reise, in die Westentasche, so lässt das auf allerlei Absichten schließen.“

     „Ach so ist das bei Euch… Natürlich, das ist was anderes, wenn ihr den Ring als Schild haben müsst, sozusagen als Warnung oder auch als Pfand... Aber bei uns braucht's das nicht, wir wissen auch ohne Trauring, ob wir verheiratet sind.“

      „Ja, Du kommst da auf den Ring,“ sagt Ohm Bückert wie in Gedanken verloren, „auch bei uns fangen leider schon einige an ihn zu tragen… Aber das mit der Erde meine ich. Sieh mal, die Bibel, dort ist das ganz anders erklärt. Dort bewegt sich die Sonne und die Erde steht. Und die Bibel wird es doch wohl besser wissen, als Ihr Weltweisen, oder nicht?“

     „Aber weißt Du, woher alle diese verdrehten Ansichten kommen? Von der Hochschule. Jawohl. Bei uns in Kanada lernten sie in der „Hochschule“ sogar, wie lang der Darm eines Ochsen ist. Soweit können die Menschen kommen.

      Wie willst Du mir mit Deiner Gelehrsamkeit z. B. beweisen, dass die Erde rund ist?“

     „Kinderleicht das...“ sage ich und rücke Hut und Brille zurecht, die eben wieder unsanft von einem Ast gestreift wurden, „wenn Ihr z. B. auf hoher See…“

     „Nee, jetzt fängst Du mit Deiner See an, das Märchen kenne ich auch ohne Dich,“ unterbricht mich ungeduldig Ohm Bückert, „aber das ist nichts, das kannst Du kleinen Schulkindern einbilden… Du siehst schließlich auch den Rauch nicht mehr, willst Du sagen, und dann? Meinst Du, die können ewig so bergab fahren bis auf die untere Seite?“ fragt er belustigt.

     „Und wenn dann der Kapitän mal nicht aufpasst und etwas zu weit über den Rand fährt? Plumps, und die ganze Gesellschaft fliegt in die Tiefe,“ und Ohm Bückert schüttelt sich vor Lachen. „Nein, nein, so einfach ist das gar nicht, das musst Du mir schon etwas klüger erklären.

      Aber da sind wir auch schon in M., und ich bin fast froh, als sich das Tor knarrend öffnet, denn ich hätte es doch nicht vermocht, Ohm Bückert Form und Bewegung der Erde überzeugend zu erklären.

      Als wir gegen Abend heimkommen, warten zwei Fremde auf Ohm Bückert. Ob er ihnen nicht etwas Mehl verkaufen könne, fragen sie; der Kafir sei ihnen alle geworden, das Geld sei knapp usw.

      „Mehl? Ja, eigentlich habe er kaum genug für sich, aber wenn sie’s so nötig brauchten, müsse er ihnen wohl etwas abgeben. Einen Sack voll vielleicht, mehr werde er kaum erübrigen können, sie seien auch elf Esser...“

      Er nennt einen sehr mäßigen Preis, und der eine der Käufer beeilt sich zu bezahlen.

      „Dann können wir das Mehl hier gleich auseinanderwiegen,“ meint sein Begleiter.

      „Auseinanderwiegen? Wieso? Das Mehl habe ich natürlich für mich gekauft und nicht für uns beide. Du musst jetzt zusehen, wo Du auch welches herbekommst.“

      Aber der so Benachteiligte kriegt einen roten Kopf.

     „Ja, hör einmal, wir fahren zusammen Mehl kaufen, und da ist es doch selbstverständlich, dass wir uns das gekaufte Mehl auch einteilen.“

     „Nein, das finde ich keineswegs so selbstverständlich. Diesmal habe ich eben Glück gehabt, und das nächste Mal glückt’s vielleicht Dir.“

     Verärgert gehen sie schließlich im Dorf nach verschiedenen Richtungen auseinander. Aber es scheint in R. niemand mehr Mehl verkaufen zu können, denn bald kommen die beiden mit leeren Händen wieder zu Bückerts zurück.

     „Hör mal,“ meint da Bückert zu seiner Frau, „nun bekommt der Andere kein Mehl, und sein Freund gibt ihm nichts ab. Das geht doch nicht so...“

     „Ja, unseren letzten Rest kannst Du ihm doch nicht anbieten; ich muss gleich nach den Feiertagen backen. Dass man auch ausgerechnet am ersten Pfingsttag ausgeht, Mehl zu kaufen...“

     „Da hast Du recht, aber ich meine... sieh mal, sicher hat seine Familie nicht mehr viel zu essen, wenn er sogar Pfingsten auf die Suche gehen muss. Und Geld wird er natürlich auch nicht viel besitzen. Ich glaube, den einen Sack könnten wir noch entbehren...“

     „Na, schön, aber dann musst Du gleich nach dem Fest zur Mühle...“

     Ohm Bückert lädt die beiden „Hähne“, wie er sie nennt, ein zum Übernachten, „damit sie sich wieder gut werden,“ höre ich ihn zu seiner Frau sagen.

 „Der Bote" Mittwoch, den 1. Juli 1936

Fortsetzung folgt​




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