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der Mennoniten in Brasilien
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Ein Brief von Heinrich Martens an seinen Freund Herman Neufeld:
Hansa-Hammonia, Witmarsum, Alto Rio Krauel, Santa Catharina, Brasil, den 6. Juli 1930.
Lieber Freund und Bruder im Herrn Herman Neufeld!
Einen Gruß der Liebe zuvor!
O was haben wir nicht für herrliche Gotteserfahrungen gehabt gerade in dem heutigen Rußland, wo alles wankt und bricht, es bleibt nur Jesus! Das will erlebt sein, soweit zu kommen, alles um sich für Schaden und Dreck zu achten, aber stark nur in Gott! Schwer, aber herrlich! Auf Adlers Flügeln getragen, wunderbar geführt und geleitet bis auf den heutigen Tag! Nur danken! Und wenn heute hier in Brasilien es manchen auch nicht so geht, wie er es sich wohl wünschte, so hat das wenig zu sagen, denn wir haben Gott auf unserer Seite! Bei Ihm sind wir geborgen, und nur Er allein hilft uns hindurch auch durch die alltäglichen Schwierigkeiten. —
Wir sind hier bei 700 Mennoniten groß und klein, am Alto Rio Krauel in der Hanseatischen Kolonie angesiedelt. Anfänglich waren einige Familien bei benachbarten alten Kolonisten einquartiert; als der zweite Transport kam, nach ihm der dritte, wurden diese in speziell dazu errichteten Holzbaracken untergebracht, und heute nach 4 Monaten sehen unsere Augen Wunder: mit Fleiß und Gottvertrauen ist schon sehr viel Urwald geschlagen und gebrannt, und fast alle Familien (mit ganz geringen Ausnahmen) wohnen heute in ihren eigenen Holzhäuschen, jeder auf seiner Kolonie! Wohl alle haben Getreide gepflanzt. Wir essen schon aus unserem Gemüsegarten. Die meisten Familien haben auch schon Obstgärten angelegt.
Ich will noch hinzufügen, daß an dem Wegebau stark gearbeitet wird. Noch wenige Wochen, und wir haben fahrbaren Weg da, wo vor wenigen Monaten dichter Urwald stand, es war kaum ein Fußweg oder Reitweg (Pikade — sagt man hier). Es ist eine Lust anzusehen, mit welchem Mut und Arbeitsfreudigkeit die meisten an ihre Arbeit gehen. Es ist kein leichtes Stück, Urwald urbar zu machen, es heißt da arbeiten und immer wieder arbeiten! Es gibt ja auch, allerdings jetzt weniger wie zu Anfang, Kopfhänger, die entweder Ägypten nicht vergessen können, oder immer wieder an Canada denken! Sie machen sich dadurch das Leben nur schwer! Heute nach 4 Monaten, sind solche schon sehr wenig, und ich denke, daß noch 4 Monate weiter sich solche Unzufriedenen auch werden beruhigt haben.
Der letzte Transport von Mennoniten — 74 Personen — traf vor zwei Wochen hier ein, und hat sich auf dem sogenannten Stolz-Plateau (ebenfalls in der Hansa, 700 Meter ü.d.M.) niedergelassen. Alle weiteren Mennoniten Transporte kommen dorthin, weil der Alto Rio Krauel, wo die ersten drei Transporte sich befinden, schon keine freien Kolonien hat. Das Stolz-Plateau ist etwa gute 8 Stunden Fuhrweges von uns entfernt, sodaß wir oft Verbindung haben und auch weiterhin noch reger unterhalten wollen.
Will noch erwähnen, daß die Ansiedlung am Alto Rio Krauel 400 Meter ü.d.M. liegt. Das Land auf dem Stolz-Plateau soll besser sein als das unsrige, darüber haben wir noch kein Urteil, weil Brasilien in seiner Bodenbeschaffenheit anders ist als eine russische Steppe. An Getreidebau ist in den ersten Jahren garnicht zu denken, ehe das Land frei ist von allen Wurzeln, vergehen doch mehrere Jahre. Knollen-Früchte: Aipim und Bataten, an die wir uns in dieser kurzen Zeit schon gewöhnt haben, bilden die Grundlage jedes Kolonisten. Als etwas Wesentliches kommt noch Mais hinzu. Aber nicht jeder Boden ist gut für Mais. Jede Kolonie hat verschiedenen Boden, man muß sich das geeignete Stück aussuchen auf seiner Kolonie und dann freischlagen. Es kommt also vor, daß ich vorne am Wege, wo ich wohne, Aipim und Bataten setze, ganz hinten aber, vielleicht 2 Kilometer rauf in meiner Kolonie, für Mais freischlagen muß, weil der Boden vorne nicht geeignet ist dazu. Auf andern Kolonien ist die Sache umgedreht. Aipim und Bataten sind genügsamer, Mais muß guten Boden haben.
Wir haben gegenwärtig Winterzeit — Regenzeit. Ausnahmsweise hat es bis heute wenig geregnet, wie die alten Kolonisten sagen. Das freigeschlagene Land hat noch zu wenig Feuchtigkeit. Der brasilianische Herbst war auch sehr trocken, so daß die diesjährige Maisernte nur sehr schwach ausfällt.
Wir haben gegenwärtig Regenzeit, aber es ist so kalt bei 5—10 Grad über 0, daß wir nachts und auch am Tage ordentlich frieren, wenn wir nicht warm angezogen sind oder uns nicht warm zudecken beim Schlafen. Sogar die Früchte und Melonen kann man hier gut abräumen, wenn auch nur kurze Zeit. Denn sobald die Sonne scheint, ist's für gewöhnlich so warm, daß man sich gerne im Schatten verweilt. Das ist brasilianischer Winter! Das macht wohl die feuchte Kälte!
Obstbäume und manches Gemüse werden jetzt im Winter gepflanzt, weil der brasilianische Frühling und Sommer zu heiß sind.
Es ist wohl alles anders, als wir es in Rußland gewohnt waren, und doch — wie bald gewöhnt der Mensch sich zu etwas Neuem! Weizenbrot, Kartoffeln und dergl. vergessen wir bald. Wir freuen uns an den schwarzen Bohnen, an Maniok und Bataten, und an Maismehl. Es ist doch wunderbar, wie der liebe Gott für die Menschen in allen Ländern auf Seine Art und Weise sorgt!
Auch für uns in unserer neuen Heimat! Die Verpflegung erhalten wir kostenlos bis zur neuen Ernte von der deutschen Regierung! Mit den allernotwendigsten Geräten sind alle Familien ebenfalls kostenlos versorgt worden. Viele Familien haben sich schon Hühner angelegt, und vor einigen Wochen erhielt ich aus Holland die Nachricht, daß die holländischen Brüder jede Familie mit einer Kuh bedacht haben. Ist das nicht großartig?
Und diesen Gott sollt ich nicht ehren? Und Seine Güte nicht verstehen?
Ebenso wird uns von den holländischen mennonitischen Brüdern auch eine Summe zur Verfügung gestellt für Schule, Kirche und Krankenhaus. Gott segnet sichtbar! Möchten wir hier am neuen Orte in dieser neuen irdischen Heimat, die Gott uns geschenkt, doch unser ganzes Leben aus Dankbarkeit so gestalten, dass Er Wohlgefallen daran haben kann!
Wir wohnen ca. 35 Kilometer von der nächst größeren Stadt Neu Breslau entfernt. Aber, wenn es Gottes Wille ist, gehen wir in nächster Zeit an die Gründung des ersten Mennonitenstädtchen. Anstossend an meine Kolonie hat die Hansadirektion in liebenswürdiger Weise uns eine kleine Kolonie von 8 und halb Hektar als Geschenk gegeben zum Stadtplatz. Ich habe das Geschenk dankbar angenommen. Der Name des neuen Städtchens, wo heute schon etwas über 2 Hektar frei geschlagen sind, ist: Witmarsum. Deren Namen erhält auch die mennonitische Ansiedlung am Alto Rio Krauel.
Der allgemeine Gesundheitszustand ist befriedigend. Besonders in der ersten Zeit, als es noch recht heiß war, traten verschiedene Krankheiten auf, die als Ursache hauptsächlich Malaria hatten. Sehr häufig sind Kratz- und Eiterwunden, die aber bald heilen bei richtiger Pflege, wenn man sich nicht weiter kratzt, was bei kleinen Kindern manchmal schwer ist. Fieber ist nicht viel gewesen. Die Gegend sind somit fieberfrei. In den Tiefen, wo noch wenig Wald geschlagen ist, tritt häufiger Fieber auf. Wir können sagen: Gott sei Dank, viel schwerere Krankheiten hat es bis heute nicht gegeben. Es sind verschiedene Unglücksfälle vorgekommen beim Waldschlagen: hin und wieder hackt sich jemand ins Bein. Bis heute konnten solche Fälle noch immer ausgeheilt werden. Gute Dienste leistet uns die reichhaltige allgemeine Apotheke, die jede Gruppe als Liebesgabe aus Deutschland mitgebracht.
Deine beiden Briefe, Du lieber Bruder Herman, habe ich schon bald vor Monaten erhalten. Es ist nicht recht von mir, daß ich Dich so lange habe warten lassen auf Antwort. Ich will mich auch gar nicht erst entschuldigen, denn das Versäumte läßt sich schwer nachholen. Aber ich möchte etwas zu meiner Rechtfertigung sagen: In den 3 ersten Monaten war ich so stark mit Arbeit belastet, daß meine Nerven versagen wollten, wie es in Rußland schon einmal der Fall mit mir war. Die gröbsten Anfangsschwierigkeiten unserer neuen Ansiedlung scheinen jetzt doch vorüber zu sein, ich kann etwas freier aufatmen und allmählich auch die recht zahlreich eingelaufene Korrespondenz erledigen.
Ich habe bis heute fast durchweg Tag und halbe Nächte durcharbeiten müssen, sodaß ich für die Arbeit auf meiner Kolonie fast gar keine Zeit erübrigen konnte. Die holländischen Brüder haben in großmütiger Weise auch an mich persönlich gedacht und mir eine Spende zukommen lassen, damit ich die gröbste Arbeit auf meiner Kolonie für Geld machen lasse. Wenn ich nicht Gott zum Beistand hätte, dann würde mich die ganze Arbeitslast doch erdrücken. Wir fühlen es, daß für uns viel gebetet worden ist und noch wird.
Wir danken allen dafür und bitten aber, fortzufahren, denn wir brauchen es! Wir wollen aber nicht eigennützig sein und nur an uns denken! Die schwergeprüften Zurückgebliebenen in Rußland bedürfen unser aller Fürbitte noch in viel größerem Maße. Es sind traurige, ja schreckliche Nachrichten! Möge der große allmächtige Gott ihnen auch weiter beistehen! Wir aber wollen uns demütigen unter Seine Hand, da wir nichts besser sind als diese, und doch auf eine wunderbare Weise ausgeführt worden sind! Wenn uns auch manches fehlt, und vieles noch nicht so ist, wie wir es gerne haben möchten, so müssen wir nur dankbar sein!
Gottesdienste haben wir an den Sonntagen auf mehreren Stellen, auch Sonntagsschule. In den ersten eineinhalb Monaten führte ich allein die Sonntagsschule neben den Gottesdiensten. Als mit dem zweiten Transport mehr Arbeiter kamen, hatte ich es leichter. Die Sonntagsschulen werden sehr gerne besucht von den Kindern. Es fehlt uns wohl an passendem Sonntagsschulmaterial, aber wir sind noch zu arm, uns verschiedenes zu kaufen oder zu verschreiben. Ebenso geht’s uns mit entsprechendem Material für den Religionsunterricht unserer heranwachsenden Jugend, auch haben wir Prediger durchweg zu wenig Hilfsbücher für unsere Arbeit im Weinberge des Herrn.
Ich wage Dich nicht um viel zu bitten, denn ich bin sehr dankbar für „Die Mennonitische Rundschau“! Sie ist mir ein lieber Gast, ich lese sie gerne! Wenn ich darf, werde ich auch weiterhin hin und wieder von uns etwas berichten! Die Rundschau ist mir ein freundlicher Gruß aus unserem mennonitischen Kreisen. Ich möchte diesen Gruß von uns, den brasilianischen Mennoniten, erwidern durch folgenden Wunsch: Gott segne alle, die an seinem Werke stehen, alle, die sich sein Eigentum nennen, sowohl Editor als auch die vielen Leser! Möchten wir uns in einem Punkt einig sein: Treu in der Nachfolge Jesu!
Ich grüße hiermit auch alle meine vielen Bekannten von Rußland her, die in diesen Jahren nach Kanada rüberkommen durften. Ich habe noch einige Briefe zu beantworten nach Kanada, und ich bitte, sich etwas zu gedulden! Jetzt kommt auch an Euch die Reihe!
Die herzlichsten Grüße an meinen lieben Freund C. F. Klaassen in Winnipeg, 146 Glendale Blvd., und an F. F. Isaak, Winnipeg, 250 Leighton Ave.! Entschuldigt, daß ich Eure mir sehr werten Briefe bis heute noch nicht beantwortet habe!
Meine Familie ist, Gott sei Dank, gesund! Um Ostern herum lag meine Frau schwer krank am gastrichen Magenfieber. Wir dachten schon, d. h. unsere 4 Kleinen und ich, dass Gott unsere liebe Mutter abberufen wolle. Aber Er ließ Gnade walten und schenkten sie uns wieder, die wir noch so sehr notwendig brauchen. Dank sei Ihm dafür! Heute sind wir alle ganz munter!
Jetzt muss ich schließen, sonst nimmt mein Bericht zu viel Platz ein! Du wirst mir deswegen doch nicht zürnen, mein lieber Freund Herman! (Nein, ich warte nur auf weitere lange Berichte, denn Eure Freuden sind unsere Freuden, und Euer Schmerz ist unser Schmerz. Ed.)
Bitte grüße Deinen alten Vater, den ich noch in Halbstadt kennenlernen durfte, auch Deinen Bruder Kornelius! Wenn’s möglich ist, dann schicke mir doch bitte den großen mennonitischen Katechismus mit den Glaubensartikeln! Wir könnten auch 24 Exemplare gebrauchen, ich würde Dir aber dankbar sein auch für ein Exemplar! Heute kann ich es nicht bezahlen, hab vielleicht ein Jahr mit mir Geduld, bis ich die ersten Früchte von meiner Ernte einheimse!
Gott segne Dich in Deiner schweren Arbeit!
Die herzlichsten Grüße von meiner Familie.
In brüderlicher Liebe verbleibe ich
Dein Freund Heinrich Martens.
MR 1930-08-13
Der folgende Text wird nur mit A.R. unterzeichnet. Viele Texte in der damaligen Mennonitischen Rundschau wurden anonym veröffentlicht. Am Krauel wusste dann wohl jeder Leser, wer sich hinter diesen Anfangsbuchstaben verbarg.
Der Schreiber beginnt seinen Text mit einem Loblied auf die neue Heimat.
Brasilien, das Land, wo sich die Berge reihen,
wo der Urwald mit seinen stolzen Riesen steht.
Brasilien, wo die Sonne wärmt und der Regen oft in Strömen,
wie man es nur so sagt, hernieder kommt.
Brasilien, wo der Gnadenbogen (Regenbogen) sich in solch einer Pracht
von einem Ende des Firmaments bis zum anderen Ende hoch über Berge und Bäume spannt.
Brasilien, wo eine Schar unserer Brüder aus Russland Zuflucht fand.
Brasilien, wo es immer „drock“ ist, wie man es nur so sagen hört.
Nach zwei Jahren in Brasilien ist A.R. voller Staunen über dieses Land. Die Berge, der Urwald, die Sonne, der Regen, es ist alles anders als die Herkunftsheimat Russland. Auch fällt ihm auf, dass es in Brasilien "drock" zugeht, es gibt keine Pausen mehr wie in Russland, wo der lange Winter das Tempo des Bauers zwangsweise verlangsamt wurde. Hier läuft man nun das ganze Jahr.
Na, wirklich hier in Brasilien ist immer Arbeit, weil alles im Anfang und Werden ist.
Viel ist schon getan worden in der Zeit, seit unsere Leute hierher kamen. Noch nur kaum 2 Jahre ist es, als sie durch die Wälder mit ihren Sachen auf dem Rücken zu ihren Farmen gingen. Da war kein Weg und schöner Steg, nur ein Fußweg durch den Wald durchgehauen und so wurde alles getragen nach den neuen Heimstätten von den Baracken, wo sie untergebracht waren als sie herkamen. Jetzt ist schon ein Weg, wo sogar Autos auffahren, wenn es nicht zu sehr regnet.
Ich wollte nicht die Strapazen dieser Gründungsväter durchgemacht haben, aber einen Ausflug in jene Zeit würde sicherlich bei einem jeden von uns grosse Bewunderung hervorrufen, was diese Mennoniten in so kurzer Zeit zustandegebracht haben.
Es sieht schon nach einer Kolonie aus, die im Werden ist. Jeder hat schon sein Häuschen, die meisten haben schon ringsum geräumt und Blumenbeete angelegt. Hühner und Enten tummeln sich auf den meisten Höfen. Es ist eine große Hilfe, wenn Eier und noch mal Geflügel für den Tisch da ist. Das Hauptessen ist ja Aipim, schwarze Bohnen und Korn, der Reis kommt auch schon zum Küchenzettel. Wird schon viel gepflanzt, gedeiht auch sehr, nur wollen die Vögel viel Schaden machen. Bis zum 15. April muss der Mais eingebracht sein, sonst nehmen die Vögel alles. Kartoffeln gedeihen auch gut, doch sind sie teuer und da das Geld so knapp ist, können nicht alle Saat kaufen. Doch will's Gott, wird es ja mit der Zeit besser werden. Gemüse wächst auch gut; aber auch da sind Feinde, die viel vernichten, die sogenannten Schlepper (Ameisen). Diese können in einer Nacht einen Garten ruinieren. Wo immer wir sind, ruht der Fluch auf der Menschen Arbeit und im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brot essen, bleibt wahr. Doch gottlob, wir wissen, es kommt eine andere Zeit nach diesen Tagen, droben bei unserem Herrn, da schweigen die Klagen.
Unsere Väter waren sich dessen bewusst, dass Mühe und Arbeit eine bessere Zukunft bringen würden. Das ist ein Generationenwissen, dass bei vielen Hiesigen fehlte. Sie sahen, wie Brasilianer sich mit dem täglichen Auskommen begnügten und nicht auf eine bessere Zukunft hin arbeiteten. Viele dieser Mennoniten haben diese bessere Zeiten nicht erlebt. Aber ihre Kinder. Doch diese haben es vergessen, wie schwer die Anfänge ihrer Eltern waren.
Der Mais ist wieder gepflanzt, steht auch sehr schön. Wenn der Herr es segnet, haben die Leute wieder auf ein Jahr Brot. Gegenwärtig ist Heuzeit. Es muss ja alles noch mit der Hacke bearbeitet werden und das Unkraut wächst sehr stark. Manche Schweißtropfen kostet es, ehe die Ernte eingeheimst kann werden.
In Russlang gebrauchten viele schon Traktore, um immense Felder zu bestellen. Mitten all den Stoppeln konnte am Krauel kein Pflug gebraucht werden. Man erntete nur so viel, wie man mit seiner Hacker bearbeiten konnte.
Haben aber auch schöne Versammlungen und Gesangchöre. Der Chor in Waldheim singt sehr schön, auch die Versammlungen sind rege. — Hier sind (nun soll man’s Dörfer nennen) drei beim Alto Rio Krauel. Witmarsum, dann Waldheim in Witmarsum und jetzt ist noch Gnadental hinzugekommen. Die Ansiedlung ist groß und ein jeder wohnt auf seiner Farm und so ist es wegen den Schulen nicht anders möglich, als dass sie auf mehreren Stellen sind. Gegenwärtig sind 3 Schulen hier, eine in Waldheim, eine in Witmarsum und eine in Gnadental. Die Regierung hat einen brasilianischen Lehrer bereitgestellt (Herr Martins (Der von B.H.Unruh ernannte Kolonieleiter) hatte darum gebeten und sie haben es getan), welcher die Kinder Portugiesisch lehrt. Paar Wochen zurück hatten die Schüler in Waldheim einen Schülerabend, machten es schön. Die Altdeutschen, die hier wohnen, wundern sich, wie die Mennoniten so auf Schulen halten und erst Schule bauen, ehe sie sich selbst Häuser bauen. Nun es ist wohl so wie jemand sagte: „Weil unser Volk auf Schulbildung hält, steht es höher als viele andere.“ Vorigen Sonntag war hier in Waldheim eine Predigerkonferenz, manches wurde durchgenommen. Möge unser Volk zum Segen werden, hier in Brasilien. Hier ist noch viel dunkle Nacht und viel Gelegenheit, für Jesus zu zeugen.
"Altdeutsche", es wohnten in der Umgebung Deutsche, die aber früher eingewandert waren und nicht aus dem Deutschen Reich gekommen waren, wie z.B. all jene Deutschstämmige, die in Ländern ausserhalb des deutschen Reiches gewohnt hatten so wie z.B. die Donauschwaben.
Mennoniten müssten also auch als "Altdeutsche" bezeichnet werden, denn sie kamen aus Russland. Wer direkt aus Deutschland kam, wurde "Reichsdeutscher" genannt.
Unsere Leute sind ja wie man es nur so sagt aus allen Gegenden von Russland hier zusammen gekommen und müssen sich erst zusammen gewöhnen. Manches muss abgerieben werden und muss Zeit haben, bis es sich zusammenschmilzt. Im großen Ganzen geht es sehr gut und mit Gottes Hilfe wird es immer weiter gehn. Armut ist da, doch hungern hat noch niemand brauchen, doch wer nicht arbeiten will, hat auch nicht zu essen, das ist buchstäblich wahr. Schwer ist es wenn die Arbeitskraft oder der Arbeiter krank wird, da ist es schlimm. Um in solchen Fällen zu helfen, haben die Brüder beschlossen die Eier, die die Hühner am Sonntag legen zusammenzubringen und zu verkaufen und das Geld dazu benutzen. Die Eier sind nur billig, aber es gibt doch was auf solche Art. Denn das Geld ist noch nur knapp, jeder hat mit sich selbst zu tun.
Der Schreiber dieses Textes zeigt jetzt schon ein tiefes Verständnis dafür, warum die Mennoniten am Krauel so viel untereinander gestritten haben: sie waren "aus allen Gegenden von Russland" gekommen, hatten dabei unterschiedliche Auffassungen von Richtig und Falsch, darum musste - so sieht er es treffend - manches erst"abgerieben werden und muss Zeit haben, bis es sich zusammenschmilzt".
So ein wenig, wie es hier bei unseren Leuten ist. Nur vielleicht noch ein Weilchen und dann kommt die Ruhe. Nicht immer währt der Pilgerlauf, einmal kommt die Heimat doch. Ob in Süd-Amerika, ob in Nord-Amerika, wir alle, die wir Jesu Eigentum sind, eilen einem Ziele zu. Darum wollen laufen, damit wir das Ziel nicht versäumen. A. R.
MR 1932-12-07
Darin hat der Schreiber sich gründlich geirrt. Diese Ruhe kam nicht. Das Streiten währte 20 Jahre lang, bis die (kleine) Mennonitengruppe Brasiliens definit auseinandersprengte und sich in drei verschiedenen Orten niederliess.
Hat sich diese ersehnte Ruhe heute eingefunden? Leben wir Mennoniten vereint? Wenn ich mir die wachsende Zahl von Gemeinderichtungen ansehe, dann habe ich den Eindruck, dass die Unruhe ein grundlegendes Merkmal ist, das uns weiter auseinandertreibt. Bis es keine Mennoniten mehr geben wird.
Gekürzter Auszug aus einem Brief aus Brasilien, von G. D. Rempel, früher Nr.10, Orenburg
Liebe Geschwister.
Friede zum Gruß!
Euren, uns sehr werten Brief erhalten. Danke sehr. Es ist das der erste, den wir in der ganzen Zeit von Kanada haben. Nur D. Rempels hatten gelegentlich einen Brief auch an uns beigelegt. Ob es Euch auch so geht wie uns? Wir können uns keine Briefmarken kaufen. Da wir es heute können, verdanken wir einer an uns befreundet gewordenen Frau aus Deutschland, die hat uns etwas Geld geschickt. Der Herr wolle es ihr lohnen.
Zunächst will ich Euch etwas von unserem Befinden und unserer Tätigkeit hier im tiefen Urwald berichten. Als wir hierher kamen, nahmen wir eine Kolonie auf und fingen dann an, uns eine Heimat zu gründen; aber wie sah das aus? Urwald, tiefer, finsterer Urwald, ringsumher. Die Bäume sind von ganz dick herab bis ganz dünne. Dann sind bis 5 Sorten Rohr, dicht, und von großer Länge. Der Wald ist so dicht, dass man meistens nur wenige Schritte vor sich sehen kann. Die Bäume sind bis 1 ½ Meter (das ist etwa 38 Zoll in Meter) dick und dann dünner. Dabei aber ist er derart dicht, dass Baum an Baum steht. Ja Geschwister, Ihr könnt Euch so eine Tiefe des Urwalds kaum, oder gar nicht denken. Die ganze Vegetation entlaubt sich selten, außer die Zeder und noch etliche andere Sorten. Doch auch nicht jedes Jahr. Dabei aber geht es mit den Bäumen so, wie mit dem Menschen: Wo der eine fällt, erhebt sich der andere.
Nun ging es denn im vollen Ernst an das Waldschlagen. Wir haben nach großer Anstrengung endlich 5 Hektar niedergeschlagen. Da wird zunächst das Ganze gefeistelt (eine krumme Art Beilhaue). Mit dieser wird Rohr, Gras und kleine Bäume ausgeschlagen und dann kommen die großen an die Reihe, die dann mit dem brasilianischen Beil niedergeschlagen werden. Gesägt wird wenig.
Ist nun erst ein Stück niedergeschlagen, bleibt es etliche Zeit in der tropischen Sonne liegen, bis es einigermaßen vertrocknet ist und dann wird es von allen Seiten angezündet. Ist es ein großer Fleck, dann scheint es, als ob auch schon die Erde brennt. Nach diesem muss der Rest zusammen geräumt und nochmals nachgebrannt werden.
Bei dieser Arbeit wird der Mensch so schwarz, als nur Holzkohle schwarz sein kann. Nur Zähne und Augen behalten noch etwas weiße Flecken. Für gewöhnlich ist die Hitze so groß, dass einem die Kleider und Hemden auf dem Leibe von stetem Schweiß verfaulen wollen. Na wenn es mal vorkommen sollte, dass Ihr ohne Brennstoff seid, wir würden Euch gerne einige Fuhren überlassen können. Es könnte Euch passen und uns helfen.
Bei dieser Arbeit ist man in der Gefahr, von fallenden Bäumen erdrückt, oder auch von giftigen Schlangen gebissen zu werden. Es kann das eine wie das andere vorkommen. Denn Schlangen sind sehr viel und mitunter auch recht große. Die mit dem platten Kopf sind die gefährlichsten. Sie sind von Natur aus sehr faul, sind sie aber erst aufgeregt, da muss der Mensch fliehen, selbst wenn er auch eine Waffe bei sich hat. Ich habe schon solche von 2 Meter Länge und fast Arm dick erschlagen.
Wild ist wenig da. Sieht mal ein Reh, einen Ameisenbär und ähnliches, doch nicht gefährliches Getier.
Wir können ganz frei unseres Glaubens leben und das macht uns froh. Gestohlen wird auch nicht so wie in Russland. Dorthin zurückschaut, bekommt man immer mehr Mut und Freudigkeit, zu der sogenannten Rode-Arbeit (geschlagener Wald).
An Pflügen ist noch gar nicht zu denken, das Land hat ja noch seine Stumpen, auch haben wir noch kein Vieh, so dass alles zu Fuß belaufen werden muss.
Das Land für sich selbst ist sehr uneben. Es gibt Täler, tiefe Steinklüfte, selbst hohe Felswände, von vielen Metern hoch, die zu überklettern sind. Wenn Du nun so bis 20 Kilo zu tragen hast, fällt es einem schwer. Es will der Rücken versagen. (Anmerkung vom Herausgeber der MR: Der Bruder ist 62 Jahre alt und sehr brüchig)
Gepflanzt haben wir Aipim, Bataten, Bohnen, Arbuzen, Kürbis und etwas Kartoffeln. Letztere wollen nicht gut gedeihen. Vieh gibt’s wie in Europa. Nur nicht gute Kühe. Die Schweine gedeihen so, dass sie schon in 8 Monaten fast wie voll Schmalz sind, bleiben aber kleiner. Wir haben eine Holländer-Kuh, 4 Schweine, 12 Hühner, 1 Kalb, Hund und Katze. Alles dieses haben uns in Deutschland ganz fremde Leute geschenkt. Zudem sehr viel Kleider, so dass wir an diesem keinen Mangel erleiden. Wir sind sehr zu Dank verpflichtet, gegen den Herrn und auch gegen Deutschland, unser altes und Vaterland.
Auch haben wir schon manches gebaut. Alle Bauten sind mir leicht aufgeführt. Das Wohnhaus ist etwas besser. Es kostet uns etwa 500 Milreis an Geld, ohne unsere Arbeit. Das Geld muss alles verdient werden und sind keine Verdienstmöglichkeiten da. Manche Leute bekommen von Freunden Unterstützung, dann geht das besser.
Mit den Schulen geht es auch langsam voran. Bisher hatten wir nur zwei Schulen mit den Lehrern David Enns und Jakob Schellenberg. Jetzt werden noch drei Schulen gebaut. Hierbei verdiene ich auch etwas.
In geistlicher Beziehung geht es uns sehr gut. Unsere Lehrer sind Prediger und unsere Prediger sind Lehrer. Die Arbeit geht einträchtig und im Segen vor sich. Es wird etwa so gearbeitet, wie wir es von früher gewohnt sind. Nur schade, dass wir, weil wir so lange in Deutschland waren, mit niemand von den Unsrigen zusammen getroffen sind.
In Deutschland haben wir 1 Jahr und 7 Monat verbracht und gar nichts verdienen können. Ich habe nur 7 Tage arbeiten und verdienen dürfen. Dort war alles sehr gut und billig zu kaufen, hatten aber kein Geld. Den ganzen Unterhalt, viel Kleider usw. hat man uns dort frei geschenkt. Ich habe von manchem so viel, dass ich dich, lieber Bruder, für Deine Mühe, die Du mit uns bereits des Eingangs in Kanada gehabt, etwas als Entschädigung mitteilen wollte. Auch die Überfahrt hat man für uns bezahlt.
Wir haben auch schon unsere eigene Zeitung „die Brücke“. Sie bringt manches Interessante von unserer Ansiedlung, über Kirche, Schule, Wald- und Feldarbeit und sonstiges mehr. Könnte ich nur die „Menn. Rundschau“ haben, um wenigstens etwas mit Euch in Fühlung zu bleiben.
Genug für dieses Mal. Grüßt doch unsre Kinder Joh. Penners und die andern alle und bittet einen jeden um einen Brief an uns. Ich will nicht klagen, aber das Brot aus Kornmehl, das wir bei der Arbeit essen, ist hart für uns; aber es hat alles nur seine Zeit, auch die unsere wird seinen Abschluss finden.
Grüßend verbleiben wir Eure Geschwister.
H. u. G. Rempel.
MR 1932-12-14
Es ist merkwürdig, wie leicht unsere Immigranten die russische Sprache verlernen. Viele von ihnen sagen wohl: „Wenn wir jetzt auch vergessen, so werden wir es später bei Gelegenheit nachholen“; aber ich fürchte, verlorene Positionen werden schwer wieder zu erobern sein. Einerseits ist wohl der Umstand, dass unserer im neuen Lande so viel Arbeit wartet, dass wir vermeinen, nicht Zeit zu haben für das Lesen russischer Bücher und Zeitschriften. Und doch – es sind noch viele unserer Brüder in der alten Heimat, wollten wir nicht schon um ihretwillen uns bemühen, die alte Heimat (d. h. Russland, sein Volk und auch seine Sprache) nicht zu vergessen?
Andererseits ist es wohl die Abneigung wider alles Russische, eingedenk der Greuel, die in den letzten Jahren dort verübt wurden. Aber die russische Sprache hat doch nichts mit der Revolution zu tun; vielleicht ist das russische Volk als solches nur in einem geringen Teile verantwortlich zu machen für die Schrecknisse der Revolution. Mir scheint immer, die Schuld ist bei den fremden Juden, Kaukasiern, Letten, Chinesen und anderen – und ihren Helfershelfern, Räubern und Banditen, zu suchen. Am allerwenigsten sollten wir deswegen die russische Sprache verachten. Die Russen haben im Laufe ihrer Geschichte unfäglich viel leiden müssen; und es liegt etwas Ergreifendes in der Leidenswilligkeit, die wir bei diesem Volke wahrnehmen müssen. Leidet die große Masse des Volkes weniger als unsere Brüder, und gleichen sie nicht heute mehr denn je dem unter die Mörder Gefallenen? Könnten wir daher für sie nicht auch ein ganz klein wenig Sympathie übrig haben?
Und noch eins – wir Mennoniten haben nicht von ungefähr 150 Jahre in Russland zugebracht; denn in dem Haushalte Gottes geschieht nichts von ungefähr. Unsere Vorfahren waren nach göttlichem Willen nach Russland eingeladen worden, um das Land „bauen und bewahren“ zu helfen. Waren unsere Aufgaben erfüllt und abgetan? Einige der Brüder meinen, wir hätten wenigstens in einem Stücke gefehlt, indem wir den Russen zu wenig von dem Worte des Lebens gesagt. Ei wenn es Gott gefiele, uns noch einmal Angesicht zu Angesicht mit dem Russen zu stellen? Würden wir dann wollen sprachlos sein? Wäre es nicht verfehlt, das Gedächtnis der alten Heimat auszulöschen? namentlich jetzt, in dieser Zeit, wo der Missionsgedanke so allgemein geworden ist?
Und es ist so einfach, die russische Sprache nicht zu vergessen. Man lese jeden Tag etwas russisch, und zwar mit Aufmerksamkeit, und gebe das Gelesene wieder. Auch schreibe man etwas, vielleicht einen Brief. Freunde der russischen Sprache und dito Literatur möchte ich auf die deutsche Buchhandlung (Winnipeg, 660 Main Str.) aufmerksam machen. Im vorigen Jahr hatte dieses Geschäft sogar einen Katalog eines für russische (nicht ukrainische) Bücher, welcher Katalog 56 Seiten stark war. Augenblicklich ist dieser Katalog scheinbar nicht erhältlich, da russische Bücher wenig gekauft werden. Aber einiges ist doch da, namentlich die russischen Klassiker. Es dauern mich auch die russischen Frauen (die mit uns herübergekommen sind und jetzt auch unseres Volkes sind), weil wir uns ihnen aus Mangel an Sprachkenntnissen nicht gut mehr verständlich machen können. Sie vereinsamen unter Umständen, da es für sie schwer ist, deutsch und englisch zu lernen.
Besonders empfehlenswert ist das Studium der russischen Bibel.
Ich lese durchschnittlich täglich etwas aus ihr. Wie schön ist doch die russische Bibel, und ich lese sie mit großem Genuss. Die Bibel ist ja immer das Beste, was in irgendeiner Sprache geschrieben worden ist. Die russische Bibel ist (wie auch jede andere) in sprachlicher Hinsicht sehr reichhaltig: sie erstreckt sich auf ein sehr großes Gebiet menschlichen Denkens: wir finden in ihr Geschichte, Weissagung, Geographie, Philosophie, Psychologie u.a.m. Das russische Testament ist für etwa 15 Cent erhältlich. Man schreibe an Mr. Salter, Bible House, 184 Alexander Ave, Winnipeg. Dieser Herr ist Sekretär der Bibelgesellschaft und kann deutsch, wortlos. Das Bibelhaus verkauft Bibeln, wenn ich nicht irre, in 100 Sprachen.
Unsere Eingewanderten sollten die Bibel in deutscher, englischer, russischer und holländischer Sprache lesen. Das Holländische ist leicht zu verstehen (zu beachten wäre übrigens, dass es in dieser Sprache verschiedene Mundarten gibt). Das vergleichende Bibelstudium ist sehr interessant und belehrend.
Die Übersetzung von Luther ist nach meiner Ansicht etwas veraltet und für eingehende Forschung nicht ausreichend. Man sagt, Luther habe volkstümlich schreiben wollen, und ist daher nicht immer exakt gewesen. Viele andere Übersetzungen weichen erheblich von Luther ab, stimmen aber untereinander ziemlich genau. Man entsetze sich nicht über diese meine Bemerkung: ich bin kein Bibelkritiker und will daher keine Kontroverse heraufbeschwören; auch lese ich am liebsten die Bibel von Luther, weil ich von Kindheit auf mit ihr vertraut bin. Aber, was ich vorher sagte, ist meine persönliche Erfahrung. Ich vergleiche gerne Luther mit anderen Übersetzungen: andere tun es, und ich tue es auch.
Die Bibel ist also, wie gesagt, in dem erwähnten Bibelhaus in allerlei Sprachen zu haben. Einige unserer Prediger haben die englische Bibel von dort geschenkt bekommen: natürlich will man damit das Lesen der englischen Bibel anregen. Solche Gemeinden, die die Bibelgesellschaft durch reges Kollektieren unterstützen, dürften vielleicht erwarten, für ihre Prediger einige Bibeln umsonst zu erhalten.
Ein Wanderer.
MR 1932-12-21
Als ich in die Uni kam und mich für das Studium der deutschen Sprache entschied, bemerkte mein Vater, dass er die russische Sprache ganz vergessen hatte. Schade, meinte er, denn sonst hättest du jetzt eine romanische Sprache (Portugiesisch), eine germanische (Deutsch) und eine slawische (Russisch)
Warum haben die Mennoniten das Russische vergessen? Sie brauchten sie nicht mehr und mussten ihre ganze Mühe einsetzen, um im neuen Zuhause zurechtzukommen. Die meisten haben viele Jahre gebraucht, um auch nur körnchenweise ein bisschen Portugiesisch zu beherrschen. Und nicht wenige haben es nie gelernt.
Die Frau im Urwald ist eines der schönsten und beeindruckensten Texte der Urwaldmennoniten Brasiliens. Suse Hamm ist eine, die ihrem Mann beisteht. Sie meistert Haus und Familie, aber auch die Rosse, das Arbeitsfeld ihres Mannes. Sie sieht die Hindernisse. Sie vertraut auf Gott und auf ihre eigenen Fähigkeiten, die schwierige Lage zu meistern.
Die Frau im Urwalde
Unser Leben hier im Walde ist so einfach, schlicht, prosaisch! Und doch macht uns Frauen gerade dieser Umstand so viel zu schaffen. Man hat sich lange Zeit nicht damit abfinden können. Waren wir nicht in ganz anderen Verhältnissen aufgewachsen? Unsere Voreltern hatten uns drüben so schöne ebene Wege gebahnt! Darum, will man die Arbeit der Hausfrau im Urwalde recht schätzen, muss man etwas zurückgreifen in das geregelte Hauswesen der Frau in der schönen, ebenen Ukraine vor der Revolution.
Man vergegenwärtige sich die so praktische und urgemütlich eingerichtete Bauernwirtschaft. Die Frau konnte darin ihr Arbeitsfeld so gut übersehen. Bis zum 1. Oktober (Ende des 7. Dienstjahres) war fast alle Außenarbeit erledigt: Die Ernte war eingeheimst, die Schweine waren für den Winter geschlachtet, Früchte und Gemüse eingemacht und das ganze Haus gesäubert. Alles war gemütlich und behaglich zum Winter eingerichtet. Großmutter saß strickend am Ofen und schmunzelte die Wiege ihres Lieblings, die erwachsenen Töchter machten Handarbeiten. Dazu summte der Teekessel seine Weise und es brodelte tief drinnen in der Ofenröhre der russische Borschtsch. Am Mädchenstübchen saß Waranja (das Dienstmädchen) flickte Säcke und sang dazu das wehmütige kleinrussische Volkslied: „Satschem menja matj rodila, satschem menja Bog…“ — „Waranja, buli choroscho imet’ la?“ — „O, da, mamascha, tak soloto, tak rumnjany!“ — „Dobre, dobre, Waranja, ty ushe wyutschila chleb pekti!“ — — O, diese Gemütlichkeit im ganzen Betrieb! Wie stolz und froh ging die Frau dann durch die Räume und freute sich der tadellosen Ordnung und des Besitzes. —
Denn wurde sie hinausgestoßen in die Fremde, und das wehe Gefühl, heimatlos zu sein, hat sie ganz besonders hart gepackt. Ein Schrei ging durch ihre Seele: „Herr, Gott, du Allmächtiger, lass uns eine Heimat finden! Schenke uns den eigenen Herd und lass uns noch einmal eigenes Brot essen!“ —
Etwa drei Jahre später sehen wir dieselbe Frau vor einem selbstaufgerichteten Lehmhaufen stehen. Sie ist reisemüde, Leib und Seele sind müde. Aber jetzt durchzuckt sie ein inneres Glücksgefühl, denn sie steht im Begriff, ihren eigenen Herd zu pflegen. — Von der niedrigsten Stufe hat sie anfangen müssen. War's nicht Menschen des 20. Jahrhunderts unwürdig, fast dem Zigeunerleben gleich! Davon zeugen der dem Verfall preisgegebene Blätterrand – primitive Hütte –, der eingescharrte Lehmherd und der Backofen. Beinahe will einem das Vieh dauern, das jetzt in dem Rancho untergebracht wird.
Doch, als sie den ersten Schritt in das Dickicht des Urwaldes tat, hat sie sich gleich gesagt: Wenn wir den Kopf hängen lassen, dann ist alles verloren. Da hat sie sich mit Mut und Unternehmungslust ausgerüstet, und über das alles setzt sie das große Vertrauen zu dem, der uns bisher nie verlassen noch versäumt hat. — O, war der Anfang schwer! Im allgemeinen Schuppen, der weder Fenster noch Türen hatte, wurde gewohnt. Auf Bretterlagen, die mehrstöckig gebaut waren, schlief Familie an Familie, nur durch Decken getrennt. Im Freien wurde gekocht, Kisten und Kasten dienten beim Essen als Tisch. — War das ein Chaos! Dieses wirre Durcheinander von Lachen, Weinen und Schreien der Kinder und durch alles hindurch das erschütternde Stöhnen und Wimmern unseres Sterbenskranken. Man hatte immer das Gefühl, als säße man auf Rostow am Don (großer Eisenbahnknotenpunkt in Südrussland) im Wartesaal und wartete auf den Zug, der uns heim bringen würde. Na, heim! ach, könnte man heimgehen!
Nach zwei Stunden Weges durch den Urwald haben zwei liebe, schwielige Hände einen Platz gelichtet. Erst einmal nur so viel, dass man etwas vom Blau des Himmels über sich erblicken kann. Dorthin hat sie im Geiste das süße Etwas, das man Heim nennt, hingetragen und es behutsam auf die rauhe Erde gelegt. Da ist es nach und nach hell in ihr geworden. Es wurde ihr plötzlich klar: Dieses süße Etwas muss Wurzel fassen und groß und immer größer werden, so groß, dass Vater, Mutter und alle Kinderchen sich hineinmuscheln können und sagen: „Hier, ja, hier ist es schön und traut, hier sind wir daheim!“ — — — Ei, ei, wie man noch bei all dem Lärm träumen kann! — und unterdessen haben ihr die Hunde des benachbarten Siedlers die Knochensuppe aus dem Kochtopf genascht! — Nur ja nicht träumen, o Menschenkind, nur nicht darüber nachdenken, wie weit entfernt noch das ersehnte Ziel ist. Mit frohem Mut und fester Hand ans Werk, dann wird’s schon gelingen!
So, also zurück zur Baracke. Von dort aus ging der Mann auf Arbeit in den Wald. Die Frau ist aber nicht zurückgeblieben. Gerade die Frauen, Mütter vieler Kinder, kämpfen sich so heldenhaft durch. Wo erwachsene Kinder in den Wald gingen, da konnte die Mutter eher ruhig in dem Schuppen bleiben. Anders dort, wo der Mann allein zu gehen hatte. Der Wald so dicht, die Bäume so dick, und er so allein, so mutterseelenallein.... Nein, nein, das durfte nicht sein! Schnell wurden die Kleinsten satt gemacht, den etwas größeren Kindern oder einem Großmütterchen zur Obhut übergeben. Abends vorher hatte man schon das Brot bei Laternenlicht gebacken. Die Bohnen waren unterdessen auch schon weichgekocht. Noch ein paar haltbare Sandwiches, dann ist der Proviantkorb bereit. Eine feste Mütze oder ein Tuch fest um die Stirn gebunden, hohe Stiefel an den Füßen, die Fäustel (Waldsense) über die Schulter, — So steht sie da, um ihrem einsamen Manne zu Hilfe zu eilen. Ihre Augen glänzen, ein Gedanke nur beseelt sie: Ich will hin und ihm helfen! Dieser Gedanke macht’s, dass sie so tapfer und flink ausschreitet, die schmale Pfade entlang, durch Morast und Pfützen.
Endlich, nach zwei Stunden Weges, hat sie die Stelle erreicht, wo ihr Mann arbeitet. Ein erstauntes: „Wie—, du willst mir helfen?“ — und „Du kannst doch nicht!“ — „Wir werden einmal sehen, es wird schon gehen!“ Sie verschwindet fast in dem Dickicht des Waldes, ein wirres Durcheinander von Bäumen, Strauch, Rohr, Lianen und sonstigem Zeug umgibt sie. Aber immer geübter wird der Griff, immer flinker die Fäustelhiebe. Es dauert nicht lange und es ist eine schöne Fläche gelichtet. Im Herzen des Mannes, der hinter ihr dem Waldriesen zuleibe geht, wird es immer lichter und heller. — Hier, gerade hier im Walde, hat sich die Frau als Weib dem Manne gegenüber so gut bewährt. Sie war ihm mehr als Weib, sie war ihm ein treuer Kamerad! Wie war es möglich, in kurzer Zeit so viel zu leisten? — Schulter an Schulter kämpfte mit dem Manne die Frau. Wollte Kraft und Mut des Mannes versagen, dann griff mit herzlichem Frohmut, ja mit einem Lied auf den Lippen die Frau zu dem Werkzeug des Mannes, und weithin hallten die Hiebe, geführt von kleiner, doch mutiger Hand. Diese hat früher kein derartiges Werkzeug berührt. In ihrem Köpfchen spukt’s. Da werden Pläne geschmiedet, wie sie so Hand in Hand mit ihrem Manne ein kleines, warmes Nest bauen will, so ein trautes Heim für sich und ihre Lieben.
Und da wird's warm in ihr, so warm, als säße sie mit ihrem Manne am Kachelofen daheim, in alter Zeit. — Der dumpfe Krach des gefällten Baumriesen bringt sie in die rauhe Wirklichkeit zurück. Der Abend naht, sie müssen zum Schuppen, zu ihren Kindern. Wie werden diese die Mutter vermisst haben! Wie werden sie sich freuen, wenn sie Vater und Mutter sehen! Dort angekommen, setzt sich der Mann auf einen Baumstamm und stützt sein müdes Haupt in beide Hände. Klein-Liesel fragt: „Papa, hast du Zahnschmerzen?“ Die Mutter sieht es, sie weiß, was ihn bedrückt. Schnell wird, so gut die Vorräte an Mehl und Fett es erlauben, sein Leibgericht bereitet. Dann geht sie, selbst gequält von Sorgen, aber doch mit einem freundlichen Gesicht, zu ihrem Manne, legt ihm die Hand leicht auf die Schulter: „Peter, komm an den Tisch, lass das unnötige Sorgen!“ Er blickt auf, schaut in die freundlichen Augen seiner Frau, und es ist ihm, als hätte er sie jetzt nach Jahren erst recht kennen gelernt. „Du mein guter Kamerad, du meine treue Gefährtin!“
Nach Einbruch der Dunkelheit folgt das Brennen. Eifrig läuft auch die Frau mit brennender Fackel die Pfade entlang und zündet an, damit Flamme mit Flamme sich begegne. Es ist ein Knallen, Knattern und Prasseln, wie aus unzähligen Maschinengewehren. Erschreckt flieht das Wild vor dem vernichtenden Geiste. Und die beiden Menschenkinder? Je verheerender die Flamme, desto freundlicher blicken sie drein. Bald setzt das Räumen ein. Gewöhnlich wird solche Arbeit erst nach einem Regen gemacht, damit Asche und Ruß abspülen können. Hier reichte die Geduld aber nicht so weit. Sobald die beiden wegen der Glut hintreten konnten, wurden die nicht verbrannten Äste zu großen Haufen geschichtet und diese dann angezündet. Plötzlich hält der Mann bei seiner eifrigen Arbeit inne: „Grete, höre einmal, lege dein Beil etwas zur Seite. Sieh her, hier auf diesem Platz bauen wir unser Hüttchen auf!“ Sie legt still die Axt hin und geht zu ihm. Zwei mit Ruß bedeckte Menschen schauen sich verklärt in die Augen: „Peter, Peter, ist es nicht dennoch schön?“ — — „Ja, Grete, von der Arbeit kommt der Glanz!“ — — Zu zweit schleppten sie die schweren Stämme heran und bauten sich ein Gerüst. Dann suchte der Mann die Dachpalmblätter, die Frau band sie an die Stangen. Das war das erste „Heim“. So folgt Arbeit auf Arbeit, ohne Pause, ohne schöne Winterruhe, wie Anno dazumal...
Drei Jahre später. Noch immer sieht man die Frau in der Roça arbeiten. Ist niemand zur Aufsicht des Kindes da, so wird es kurzerhand mitgenommen. Im Korb oder Kiste kann es sich die Zeit vertreiben. — Der Wald ist wohl schon etwas zurückgewichen. Die Familie aber ist größer geworden. Ein Kind ist auf dem Arm, das andere klammert sich an die Schürze der Mutter. Und sie selbst? Sie klammert sich an den, der da sagt: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ In dieser Kraft hat sie sich durch all das hindurchgerungen, was sich ihr hemmend in den Weg stellte. Noch immer ist es ein stilles, hartes Ringen, um ihren Kindern gemeinsam mit ihrem Mann ein leichteres Dasein zu schaffen. Ist’s nicht der Mühe wert gewesen? Steht nicht da, wo vor drei Jahren dunkler Urwald rauschte, ein nettes Häuschen mit Glasfenster und Veranda? Vor dem Haus blühen die allverschiedensten Blumen, und die junge Zypresse wiegt stolz ihre Krone im Walde, als hätte auch sie etwas zum Werden und Wachsen beigetragen. — Der Herd ist schon von Ziegeln gebaut. In der Küche steht zierliches Geschirr, ein Geschenk vom Deutschen Roten Kreuz. Im Schlafzimmer stehen schon ganz richtige Bettgestelle, zwischen denselben von Gasolinkisten verfertigte Nachttische. Na sogar ein Wäscheschrank aus demselben Material ist vorhanden. An den Fenstern hängen Gardinen. Wer weiß, in welchem deutschen Hause sie einst gehangen! Dank dem unbekannten Spender, der mit dazu beigetragen, das Urwaldhäusel behaglich zu machen! Am Anziehendsten ist das Wohn- und Esszimmer. Dort versammelt sich die Familie, um nach Müh' und Arbeit den Feierabend zu genießen. Das Wort „Feierabend“ hat für uns einen ganz besonderen Klang. Dann wird der Tisch weiß gedeckt. In einem Krug steht der Rosenstrauß. Die Hausfrau, in sauberem Kleid und weißer Schürze, schneidet den Apfelsinenkuchen oder trägt den kalten Braten auf. In diesem Zimmer wird alles, Freude wie Leid, miteinander besprochen, die Briefe aus der alten Heimat und aus dem guten deutschen Lande werden vorgelesen. Dann wird das Abendgebet gesprochen, — und das kleine Völkchen geht zur Ruhe. Lange sitzen noch Vater und Mutter zusammen, freuen sich dessen, was sie schon erreicht und schmieden Pläne für die Zukunft.
Wenn dereinst die Kinder flügge geworden sind und sie hinausmüssen in die Fremde, dann werden ihnen die stillen, trauten Stunden des Feierabends wie ein Licht auf dem Wege leuchten, sie vielleicht vor Irrwegen schützen. Gott gebe es! — Ich möchte einem jeden meiner Kinder zurufen: Arbeitet so viel und so sehr, wie Gott euch Kraft dazu gibt, aber haltet auch hoch den Feierabend, gebt demselben eine schöne, anziehende Gestalt!
Suse Hamm.
— Die Brücke,
(Witmarsum, Hansa Hammonia, Santa Catharina, Brasilien.)
MR 1933-11-01
Es ist wirklich schade, dass Suse Hamm kein Tagebuch hinterlassen hat. Sie ist nicht nur mutig und fähig mit ihrem Alltag fertig zu werden, sondern beweist auch einen bewundernswerten Blick, ihre Umwelt zu erkennen, Gefühle zu beschreiben und Wege zu bahnen in jener so fremden und menschenfeindlichen Welt.
Dadurch stärkt sie die ganze Familie, vertieft die Beziehung mit ihrem Mann, schafft eine Atmosphäre der Hoffnung und Zuversicht auf eine bessere Zukunft nicht nur für sich, sondern für alle Mennoniten.