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Einwanderung und Anfänge

der Mennoniten in Brasilien

    Es folgt ein Text aus der Mennonitischen Rundschau vom 8. November 1933. Er stammt von einem A. Neufeld, wohl ein Mann mittleren Alters. Nach drei Jahren scheint sich ein neuer Alltag in Brasilien einzufädeln, Russland aber steht ihm noch immer "in warmer Erinnerung". Diese Erinnerung äußert sich dadurch, dass diese Mennoniten noch Kontakt mit anderen Mennoniten suchen, die aber in den Norden gegangen sind, in Liedern, die man in Russland gesungen hat, in schmerzhaften Erfahrungen, die sie dort durchmachen mussten.

    Sie wissen, dass sie sich nun in Brasilien einleben müssen, um Zukunft zu bekommen, aber die Vergangenheit will nicht vergehen.

      Alles geht seinen Gang, so auch hier in Brasilien. Alte Erinnerungen tauchen auf. Na, unser Heim ist jetzt Brasilien, doch die Stunden, die wir in Russland mit den Geschwistern verlebt, sind noch in warmer Erinnerung. So sagen die Eltern manchmal.

      Es ist schon manchmal vorgekommen, dass man durch die Rundschau Lieder erhalten, die abhanden gekommen waren. Die Eltern möchten gerne das Lied „O brauch die Zeit!“ haben. Vielleicht hat es jemand, bitte es einzuschicken. Die Eltern lernten das Lied etwa 64 Jahre zurück in Chortitza, beim alten Lehrer Enns in der Schule. Die Eltern meinten, vielleicht sei noch jemand unter den Lesern, der mit ihnen zusammen die Schulbank gedrückt und Lehrer Enns Schüler gewesen.

      Vater ist der alte Jakob Neufelds Gerhard und Mutter ist Prediger Jakob Petkaus Maria. Auch haben sie ein bewegtes Leben hinter sich. Der Herr hat sie durch Tiefen und über Höhen geführt. Sie haben schon das biblische Alter erreicht, wo es heißt: wenn es hoch kommt, sind es 80 Jahre und wenn es köstlich gewesen, ist es Mühe und Arbeit gewesen. Vater ist 75 und Mutter 74 Jahre alt. Sie sagen das Köstlichste ist, dass sie Jesu Eigentum sind.

       Der Herr hat sie wunderbar mit all ihren Kindern aus Russland geholfen, und hier in Brasilien wieder ein Heim und das tägliche Brot gegeben. Mutter hatte das Unglück sich in Moskau eine Nadel in die Hand zu treiben. Dadurch bekam sie Entzündung und Blutvergiftung. Musste zweimal in Moskau operiert werden. War daselbst aber nicht gut behandelt worden. Als sie nach Deutschland kamen, musste die Hand nochmals nachgeschnitten werden. Sie hatten in Russland die Sehnen durchschnitten, dadurch ist die Hand verkrüppelt, ist jetzt aber heil, auch schafft Mutter noch recht viel mit der Hand.

      Vater spricht zuweilen von seinem Jugendfreund Peter Bergman von Chortitza, der seinerzeit nach Nordamerika gezogen. Peter Bergman hat ihnen die Rundschau nach Russland geschickt. Ob derselbe noch lebt, würde ihn freuen, wenn er von ihm hören könnte.

Vater sendet einen Gruß Epheser 6, 10.

A. Neufeld.

MR 1933-11-08

     Der Anfang am Krauel war bitterschwer: der unbekannte Urwald, das Pflanzen ohne Pflug, dazu kam es, dass viele behindert waren. Gesunde Familien und mit vielen Söhnen wurde die Einwanderung in Kanada erlaubt, der "Rest" musste nach Südamerika.

    Aber die meisten hielten weiter fest ihren Glauben. Eph.6,10: "Werdet stark, weil ihr mit dem Herrn verbunden seid! Lasst euch mit seiner Macht und Stärke erfüllen!"

Zuerst ein Ausschnitt aus einer Todesanzeige aus der Mennonitischen Rundschau vom 24. Januar 1934. Da gibt ein trauender Mann, Jakob Wiens, bekannt:

​​      ... Sie hat sehr viel aushalten müssen, so dass es ihr viel zu lange dauerte, bis der Herr sie endlich heimholte. Nun schaut sie, was sie hier geglaubt. Sechs Kinder sind ihr vorangegangen und fünf sind noch hier.

MR 1933-11-08

​​     Seine Frau war schon in Russland an Krebs operiert worden, sei auch geheilt gewesen, aber dann in Brasilien kam es wieder zum Vorschein. "Schon im vorigen Frühling dachte sie, wenn die Bäume erst grünen würden, die, welche die Blätter verlieren, dann würde sie heimgehen. Aber der liebe himmlische Vater hatte es anders beschlossen, sie sollte noch ein Jahr bei uns bleiben."Sie hinterlässt 5 Kinder, aber sechs waren ihr schon im Tode vorausgegangen. Es fällt auf, wie oft der Tod die Mennoniten damals besuchte.

    Ein zweiter Ausschnitt klingt heute merkwürdig und dürfte wohl kaum jemandem bekannt sein. Da teilt ein Leser aus Californien eine alte mennonitische Regel mit, von der wir heute nichts mehr wissen:

      Alle Organisationen der Welt, auch wir Mennoniten, haben Regeln, die ab und zu öffentlich und sonderlich geschärft werden. Mancher Leser wird noch wissen, wie es unsern Großvätern Gewissenssache war, der Jugend einmal im Jahre alle 18 Regeln vorzulesen. Ich weiß, mancher Hörer war froh, wenn der Prediger endlich Jeremia 18 am letzten las.

Reedley, Calif., den 31. März 1934.

   MR 1934-04-18

    Die Mennoniten hatten also "18 Regeln", die den Mennoniten "einmal im Jahr vorgelesen" wurden. Hattest Du schon mal was davon gehört? Welche waren diese "mennonitische Regeln"? Ich fragte die KI und sie gab mir folgende Antwort: Hier!

 

 

 

      Peter Klassen, der später Siedlungsleiter wurde, das Blatt "Die Brücke" herausgab und dann nach Curitiba umsiedelte, schreibt den folgenden Brief.

      Er berichtet über den schweren Anfang im Urwald, dass "sechs Geschwister" aus Kanada zu ihnen gekommen sind, usw. Ich kann es kaum glauben, dass so viele Mennoniten von Kanada nur zu Besuch gekommen wären, aber dass sie das Leben in Kanada aufgegeben haben, um hier zu wohnen scheint mir auch nicht glaubhaft zu sein.

Witmarsum, Brasilien. den 10. Februar 1934. Lieber Bruder Neufeld!

     Schon lange ist es her, dass ich Dir und den Lesern der „Rundschau“ etwas aus dem Urwald Brasiliens erzählt habe. Da wir aber so oft durch Euer Blatt von Canada hören, ist es nur in der Ordnung, wenn wir auch einmal schreiben. Nun fällt uns in der Weltabgeschiedenheit das Schreiben doch schwerer, als Euch in der Großstadt. Wir freuten uns, dass wir durch die 6 Geschwister, die wir aus Kitchener hierher bekamen, allerlei aus dem kalten Norden erfuhren. Solche persönlichen Berichte haben es bei denen, die immer noch darüber klagten, dass Gott sie nicht nach Canada (sprich „Kanaan“) geführt habe, bewirkt, dass sie in der jetzigen Lage zufriedener werden.

      Denn wir haben gehört, dass bei Euch der Dollar auch nicht einfach so an den Bäumen wächst, dass Ihr einen schweren Kampf kämpft. Nun soll ja der Stand des Dollars nicht ausschlaggebend für unsre inneren Entscheidungen sein. Wir müssen den Glauben immer fester halten, dass Gott führt, dass er uns an unseren Platz stellt. Dann werdet Ihr in Canada getreulich Eure Pflicht tun, dann werden wir im Urwald nicht verzagen, dann wird Gott gepriesen werden durch unser Vertrauen.

     Man beneidet uns in der mennonitischen Welt manchmal darum, dass wir in Südamerika die Möglichkeit haben, in geschlossenen Siedlungen unsre mennonitischen Traditionen zu pflegen, unsre Sprache, unsre Schule, unsre Dorfversammlungen usw. Dass es so bei uns in Brasilien ist, stimmt nur zum Teil. Für Paraguay trifft es mehr zu. Wir wohnen aber nicht in Dorfschaften, sondern jeder wohnt auf seiner Kolonie, eine Kolonie vom andern im Durchschnitt 200 Meter entfernt. Jeder ist auf seiner Kolonie Herr. Wohl schließen wir uns zu Dörfern zusammen. Solange, wie dieser Zusammenschluss Vorteile bringt, macht der Kolonist auch gerne mit. Wenn dieser Zusammenschluss aber von dem Einzelnen Opfer fordert, Hintanstellung der persönlichen Interessen zugunsten des Ganzen, dann versagen sehr viele. Lange nicht alle, aber sehr viele. Das Urteil über dieses Verhalten wird aber sehr milder, wenn man bedenkt, wie schwer der neue Anfang ist und wie arm wir im Durchschnitt noch sind. (In Kanada wohnten die eingewanderten Mennoniten zerstreut über das ganze Land und beneideten die brasilianischen Mennoniten darum, dass diese so wie im geliebten Russland in geschlossenen Kolonien wohnen konnten. Klassen aber korrigiert diese Ansicht.)

       Freilich, unsre mennonitische Geschichte hat es gelehrt, dass wir nur dann als Ganzes vorwärts kamen, wenn wir uns als ein Ganzes fühlten und einstellten. Mit sind ja die vielen Jahre Sowjetherrschaft schuld, dass unsre beiden mennonitischen Eigenschaften nicht mehr so stark in uns sind. Aber, Gott sei Dank, dass er noch seine Hand bei uns im Spiel hat, uns nach seinem Sinn zu formen. Wir haben auch viel zu danken im Blick auf unsre Siedlung. Viel Treue im kleinen Tag und wir hoffen, dass Gott uns auch wieder Großes anvertrauen kann.

     Wirtschaftlich sind wir in einer kritischen Zeit. Fast 6 Regenwochen haben das Reifen von unserm Brotkorn, dem Mais, aufgehalten. Das alte Korn ist aufgebraucht, kann hier in der heißen Welt auch nicht viel länger als ein Jahr gelagert werden. In den letzten Wochen hat es in manchem Haus nicht jeden Tag Brot gegeben. Wohl brauchte keiner buchstäblich zu hungern, weil wir allerlei andere Pflanzungen, Ananasfrüchte haben, aber Entbehrungen sind doch getragen worden. Und wenn Gott in diesem Monat Gnade gibt, können wir doch noch eine mittelmäßige Ernte einheimsen. (Am Krauel und in Stoltzplateau gab es keinen Weizen. Der musste von Argentinien importiert werden und war darum unbezahlbar. Die Mennoniten aßen Brot aus Maiskorn und Cará, was ihnen nicht so schmeckte, das wir aber heute wissen gesunder war als Weizenmehl.)

       Wir haben immer etwas zu Essen. Aber damit, dass der Kolonist etwas zu essen hat, sind seine Sorgen noch nicht alle behoben. Er hat an Kleidung zu denken, an Landschulden abtragen, an Schulen, an Verbesserungen in der Wirtschaft usw. Froh sind wir, da uns die Milchwirtschaft schon etwas einträgt, wenn auch nicht in Bargeld, so doch in Waren bei unsrer Genossenschaft. Mit Milch kann der Kolonist eine Kleinigkeit verdienen. Aber im Grunde ist es doch noch sehr wenig, was der Kolonist von der Kolonie abzweigen kann.

     Vielleicht sind wir, die wir in Russland an steten Fortschritt gewohnt waren, etwas zu ungeduldig. Menschen, die unsre Siedlung besuchen, wundern sich oft über das, was hier in vier Jahren schon erreicht ist. Man muss bedenken, dass vier Jahre (ja vier Jahre werden es in dieser Woche, dass H. Martins mit der ersten Gruppe im Urwald ankam!), dass vier Jahre für den, der von außen die Siedlung betrachtet, nicht lang sind, dass es aber sehr lange Jahre für den sind, der in ihnen Tag für Tag die schwere Kleinarbeit tun musste und dabei sich oft sagte: manchen Tag arbeitest du überhaupt umsonst. Immer wieder, besonders wenn Woche für Woche kaum ein regenfreier Tag ist, wächst dem Kolonisten das Unkraut so stark, dass er Zähigkeit braucht, um sich durchzusetzen. (Die Wetterverhältnisse waren unseren Väter ganz fremd. Wenn es im Sommer dann viel regnete, wuchs das Unkraut über Nacht. Einer beklagte sich, dass es in Brasilien nicht mehr die gemütliche Ruhepause gab, die sie im Winter in Russland genossen.) 

      Ihr seht also, dass hier schwere Arbeit getan wird. Es wird aber Arbeit getan, das ist die Hauptsache, die Hände werden nicht lässig in den Schoß gelegt. Das Auge schaut schon weit ins Tal hinein, der Urwald ist nicht mehr ein undurchdringliches Hindernis. Es hat, bei aller Beschwerde, doch für einen unternehmungslustigen Menschen seinen Reiz, die Entwicklung einer solchen Siedlung mitzuerleben.

     Auf geistlichem Gebiet, da ist es immer schwer, ein Urteil abzugeben. Denn hier handelt es sich nicht um greifbare Dinge. Hier kann eigentlich nur Gott ein Urteil fällen. Im Großen und Ganzen ist es eine träge Zeit. Wohl werden Menschen hie und da aus ihrem Schlaf erweckt. Besondere Freude haben wir unter unsrer Jugend erlebt, die in der Stadt Curitiba in Stellung ist. Dort hat sich ein Teil ganz klar für Gott und sein Reich entschieden. Als menschliches Werkzeug hat Gott dort die evangelische Gemeinschaft gebraucht, in der unsre Jugend eine Heimstätte gefunden hat. Mir sagten junge Leute, dass Gott sie erst habe aus der Siedlung herausnehmen und nach Curitiba führen müssen, damit sie auf den rechten Weg kamen. Das klingt so, als ob Gott sich auf der Siedlung nicht offenbaren könne. Er tut es aber auch hier. Es finden auch Taufen statt. So morgen auf Stolz Plateau, wo unter den Täuflingen auch der älteste Sohn des in der Verbannung umgekommenen Predigers N. Töws ist; so in nächster Zeit in Waldheim am Strauß. „Der Herr denkt an uns und segnet uns“. Wir müssen uns nur immer wieder als des Segens Gottes Unwürdige tief beschämt beugen. (Dieser Brief wurde Anfang 1934 geschrieben. Da arbeiteten schon viele Jugendlichen, besonders Mädchen, in Curitiba. Er spricht davon, dass diese erst in der Großstadt zum wahren Glauben erweckt wurden. Außerhalb der mennonitischen Hülle mussten sie plötzlich innerlich Stellung nehmen; in der Fremde merkten sie, dass der Glaube der Väter keine automatische Sache ist, wie es in der Kolonie zu sein schien.)

     „Die Rundschau“ wird hier auf der Siedlung mit großem Interesse gelesen. Durch sie ist es uns möglich, an Eurem Erleben teilzunehmen. Wir sind auch froh darüber, dass Ihr Euch an die strittigen Fragen wagt. Damals, als über den „Mennostaat“ so viele Artikel kamen, haben wir freilich geschmunzelt. Andere Probleme sind schon brennender, das betreffend Reichsschuld. Und dann auch anderes, was das innere Gefüge unserer Gemeinschaft anbelangt. Möge Gott Euch in N. Amerika Gnade geben stets den rechten Weg zu gehen, nach Gottes Willen zu fragen, möge Gott auch uns beistehen. (Anfang der dreißiger Jahre wurde in der Mennonitischen Rundschau in mehreren Ausgaben die Idee eines Mennostaates diskutiert. Jemand meinte, es müsste doch eine freie Insel in der Welt geben, die von den Mennoniten gekauft und besiedelt werden könnte, wohin dann alle Mennoniten ziehen könnten und niemand sie mehr vertreiben würde.)

      Euch allen viele Grüße von der ganzen Siedlung, besonders

                 von Eurem Peter Klassen.

Nachtrag: Herzlich bitten möchte ich um mehr zahlende Leser unserer Urwaldzeitschrift „Die Brücke“, die ständig Nachrichten aus der Siedlung bringt. Erscheint zweimonatlich, kostet im Jahr 60 Cent. Sie kann bei „Der Rundschau“ bestellt und bezahlt werden.

MR 1934-03-28

    Die in SC angekommenen Mennoniten erfuhren durch die Mennonitische Rundschau auch Nachrichten aus der weiten Welt.

    Hitler war nun seit einem Jahr an der Macht in Deutschland und der brasilianische Präsident Getúlio Vargas sympathisierte mit ihm. Auch die Mennoniten waren in Hoffnung, dass es nun durch Hitler aufwärts gehen würde.

Berlin. Der Präsident von Brasilien hat den Verkauf eines Buches, in welchem Reichskanzler Hitler angegriffen wurde, verboten und angeordnet, dass sämtliche Exemplare des Buches vernichtet werden.

MR 1934-08-01

     Verständlicherweise waren Mennoniten dem Kommunismus gegenüber negativ eingestellt und freuten sich, wenn eine Nachricht wie die folgende veröffentlicht wurde:

Fünf Kommunisten wurden in Porto Alegre, Brasilien, niedergeschossen und fünf weitere verhaftet, als Polizisten, die eine Versammlung auflösen wollten, mit einem Kugelhagel begrüßt wurden.

MR 1934-09-26

    Nun folgt ein längerer Brief von Isaak Enns von Stoltzplateau. Er erlitt eine Blinddarmentzündung. In der Umgebung gab es weder Arzt noch Hospital. Wie sollte er damit fertig werden?

Ein Erlebnis, wie der Herr hilft.

Folgenden möchte ich berichten, dass Gott auch in Krankheitsfällen anders helfen kann, als nur durch Ärzte. Ich habe es hier erfahren. Und Gott hilft wunderbar. Und zu seiner Ehre gebe ich ein kurzes Zeugnis.

      Ich litt schon einmal anno 1932 an Blinddarmentzündung. Diese erste Entzündung verheilte langsam. Im August und September 1933 — (Ende Juli — anfangs August) wurde ich wieder krank am Blinddarm. Im August trat auch eine Besserung ein und durfte auf sein. Ende August verschlimmerte sich mein Zustand erheblich, so dass ich mich den 29. August wieder ins Bett legte und seit darniederlag. Es ist dies die höchste Arbeitszeit die Felder mit Saat zu bestellen, besonders August und September. Für mich also eine Zeit der großen Geduldsprobe. Die ersten Tage waren Tage der Unruhe und innerer Qual. Ich fühlte in mir eine Leere, hatte das Gefühl als ob der Herr ferne von mir wäre, obgleich ich flehte und betete. Mittel zu einer Operation besitze ich keine. Und mein Leben ging dahin, der Herr möchte mich gesund machen. Dass er das tun könnte, war bei mir außer Zweifel. Aber ob er es an mir tun wollte, konnte ich nicht zur Klarheit kommen. Es war mir, als ob der Herr nicht höre, trotzdem ich viel flehte. Ich bat endlich den Herrn, wenn er mir helfen wolle auf einem biblischen Wege nach seinem Wort, so möchte er mir einen klaren Wink oder Weisung geben, damit ich es klar verstehen könne, dass es von ihm wäre. Mit diesem Gebet konnte ich mich beruhigen. Am Donnerstag, den 31. August, waren die Brüder Rob. Janzen und Jakob Schellenberg auf Besuch bei mir. Das war um 4 Uhr nachmittags. Nachdem sie weg waren, wollte ich etwas ruhen. Während ich nun nahe am Träumen war, kam es mir wie eine Stimme: „Nach Jakobi Kap. 5.“ Da fühlte ich gleich so etwas anderes, denn es war so ganz klar, beinah wie ein leuchtender Spruch. Ich dachte darüber nach, ja da ist Antwort auf die Bitte. Es hieß bei mir, das musst du lesen, trotzdem ich Jakobus 5 schon vielfach gelesen hatte. Und merkwürdig, in letzter Zeit sogar einigemal extra.

      Am selben Tage war es schon zu spät, da wurde es nichts und auch nicht am folgenden Tage, warum nicht, kann ich mir nicht denken. Sonnabend, den 2. September morgens, sagte ich zu meiner lieben Frau, sie solle mir mal die Bibel reichen, um mir Jakobus Kap. 5 zu lesen. Ich erzählte ihr, wie mir’s ergangen wäre. Und beim Lesen dieses Abschnittes Jak. 5, vom 14. Verse an, war’s mir klar, das musst du tun, das ist dein Weg. Auf diesem Wege wird der Herr dir helfen. Nun gab es aber noch viele Kämpfe in Bezug auf die Stellung zu dieser Sache. O, und der Herr gab mir Gnade und ich durfte seine Nähe fühlen, wie schon lange nicht. Auch schenkte er mir Freudigkeit, mich nach Jak. 5 behandeln zu lassen. Abends, desselben Tages, war Gebetsstunde bei Geschwister Siebert. Meine l. Frau blieb bei mir am Bett und wir fühlten die Nähe des Herrn. Sonntag war Hauptversammlung am Ort. Es war ja nicht ein klarer Tag; aber trotzdem fuhren doch viele Geschwister zur Versammlung und ich hatte wirklich Freude daran.

     Ich hatte auch ein Verlangen nach Gemeinschaft. Ich wollte nun noch meine Überzeugung mitgeben, aber es wurde nichts. Abends bringen mir die Brüder die Nachricht, ich solle mich bereit machen, man würde mich nach Blumenau ins Krankenhaus bringen; ohne Mittel, nur auf Gottvertrauen bin, da auch die Gemeinde keine Mittel zu solch einem Übernehmen besitze. Ich erschrak etwas, meine liebe Frau sehr. Was jetzt tun? Da gab der Herr uns und mir besonders Gnade, dass ich mich durchfand und dass der biblische Weg der erste Weg für mich wäre und der sicherste Weg, zur Ehre seines heiligen Namens. Ich glaube, dass der Herr seine Ehre retten wollte, und dass der Herr sich in besonderer Weise uns offenbaren wollte. O wie treu ist der Herr! O Herr, mache meinen Glauben groß! Der Feind unserer Seele versuchte nun noch allerhand dreinzureden, aber der Herr gab mir Gnade und Sieg.

      Montag sprach ich nun mit den Ältesten unserer Gemeinschaft, welche auch in diesem Gottes Leitung sahen, so dass das Blumenauer Krankenhaus nicht in Betracht kommen konnte. Und Dienstag, den 5. Sept. nachmittags, nach 4 Uhr legten mir die drei Brüder: Rosenfeld, Koh. Janzen und Korn. Neufelder die Hände auf und beteten über mir mit Ölsalbung. O, welch ein heiliger Augenblick! Und wir fühlten, dass der Herr sich zu uns bekannte, und dass er sich weiter bekennt, wenn wir glauben, so sagt uns sein Wort. Und ich kann sagen, der Herr hat geholfen und der Herr hilft! Ihm sei Preis und Dank, Halleluja! Ich durfte glauben, dass ich aufstehen könne, stand auf und zog mich an. O, was das für Gefühle waren! — Satan machte sich auch geltend, mich zu verwirren, schwach zu machen im Glauben; aber dem Herrn die Ehre, der Herr hilft. Heute, den 8. September, der dritte Tag, es geht besser. Ich glaube bestimmt, dass der Herr ganz heilt. Herr mache deine Kinder glaubend. Der Herr sei gepriesen!

     Am 9. September habe ich furchtbare Anfechtungen und Zweifel erlebt, Satan versucht alles, aber im Gebet ist die Stärke. Und der Herr bezeugt sich immer wieder. Heute wurde es mir wieder klar, dass der Herr sein Werk bei uns und in uns nicht liegen lässt.

      Den 10. September. Der Herr schenkte mir heute Ruhe, ich durfte still werden, ich fühlte mich heute bedeutend besser. Es war mir wie nach einem wütenden Kampfe. Der Herr gibt Gnade, wenn wir still sein können. Ich durfte vormittags der Versammlung beiwohnen, ward wunderbar gesegnet und getröstet. Bekam innerlich noch mehr Klarheit, sagt es doch auch in seinem Worte, wenn wir nur glauben könnten. Und diesen Glauben muss er auch wirken!

Isaak Enns.

Stolz Plateau, Brasilien.

MR 1934-10-31

Am 6. März 1935 veröffentlicht ein Kraueler folgenden Brief in der Mennonitischen Rundschau.

      Der Bericht beginnt mit einer Beschreibung des landwirtschaftlichen Lebens und der Abhängigkeit von Gottes Segen für eine gute Ernte.

     Anschließend berichtet der Schreiber ein religiöses Erwachen unter der Jugend am Krauel: Ehemalige „Störenfriede“ wenden sich dem Glauben zu.

Einige Zeilen von Brasilien

      Alles geht seinen Gang. Wieder ist die Ernte eingesät und der Ackersmann blickt in die Zukunft. Was wird es geben? Werden wir unser Brot bekommen? Mit welchem Bangen schaut der Landmann oft aus, wenn er seine Ernte betrachtet. Wie wenig können wir tun. Der Segen muss von dem Herrn kommen. Unsere Pflicht müssen wir tun, doch Wachstum und Gedeihen steht in des Höchsten Hand. Wenn er segnet, ist es gesegnet, wenn er den Segen entzieht, hilft alles nicht.

     Unsere Leute hier leben auch durch manches Bangen und Jagen und zuweilen will Mutlosigkeit den einen und den anderen überfallen. Doch mit Gottes Hilfe geht es immer wieder.

     Wenn es auch im Nördlichen oft schwer ist, so lässt der Herr sich nicht unbezeugt und bekennt sich zu uns. Es ist ein Erwachen unter den Jungen gekommen. Jünglinge, die so viel schlechte Streiche anfingen, haben sich für den Herrn entschieden, Jungfrauen sind Jesu Eigentum geworden. Da wo einst Gassenlieder erklangen, singt man jetzt zu Jesu Ehre. Wie singt es so lieblich, wenn die Jugend zum Jugendverein kommt und dann ein Lied, zur Ehre Jesu, auf dem Wege singt. Wir wohnen ja hier ein jeder auf seiner Farm und die Strecken bis zur Schule, dem Versammlungsplatz, sind oft weit. Dann wenn abends die Lieder erschallen, wie erhebt es manches Herz. Na, der Herr hat Großes getan! Eine Anzahl sind zu Jesu gekommen. Unser Gebet ist, Herr lass noch mehr kommen. Ziehe sie alle zu dir. 25 haben sich zur Taufe gemeldet. So der Herr will, soll den 25. November, der Gedenktag, den unsere Leute hier feiern, Tauftag sein. Der Tag wird gefeiert zum Andenken, wie der Herr die Unsrigen aus Moskau führte auf so wunderbarem Wege. Auch einige Familienväter und Mütter sind für den Herrn eingetreten.

     Noch immer ruft der Herr Sünder zur Buße. Es ist wie eine Schwester hier meinte. Der Gnadenwagen fährt durch! Steigt ein! Möge der Herr noch viele willig machen, ihm zu folgen, denn die Welt wird vergehen und alles Irdische zerrinnt; aber wer das Eigentum Jesu ist, wird leben in Ewigkeit. VG N.

MR 1935-03-06

     Die Erwachsenen waren in den meisten Fällen lange durch vieles Schwere im Glauben geprüft und verankert. Die Jugend aber verspürt am stärksten die Veränderung der Lage und reagiert darauf in vielen Fällen mit Zügellosigkeit und störrischem Verhalten.

     Briefe erzählen vom neuen Erwachen der Jugendlichen, die in die Stadt gezogen waren und dort gemerkt hatten, dass sie neuen Grund brauchten. Danach wurden auch Jugendliche zu Hause auf den Kolonien vom Glauben ergriffen.

     Es fällt aber auf, dass auch Erwachsene getauft wurden. Es waren also nicht wenige Mennoniten ausgewandert, die der Gemeinde fern standen und erst hier ihre Entscheidung zum Glauben trafen.

    Interessant ist auch das Taufdatum: der 25. November. Den Ältesten war es bewusst, dass dieser Tag ein besonderer Feiertag der eingewanderten Mennoniten werden müsste. Auch den paraguayischen Mennoniten erging es so.

     Ein großes Instrument für dieses Erwachen war der Gesang besonders das Singen im Chor.

     Auffallend ist im Brief die heute den meisten unbekannte Abhängigkeit von der Ernte. Tatsächlich war es so, dass ohne Ernte der Hunger die Menschen auf eine Weise bedrohte wie wir es uns heute nicht mehr vorstellen können.

     Am Ende des Briefes steht die Kürzel „VG N.“: Es bedeutet vielleicht „Viele Grüße“ und den Initialen des Autors oder der Autorin.

     Jemand aus Nordamerika kommentiert die Lage des kleinen Grüppchens Mennoniten im Urwald Brasiliens. Dabei hebt er eine Nachricht aus dem Blatt dieser Gruppe "Die Brücke" hervor, das über die schwierige Lage ihrer Schulen berichtet. Dabei lobt er besonders die Person Peter Klassens, der das Blatt herausgibt, Lehrer in einer Schule ist und als Nachfolger Heinrich Martins die Leitung der Kolonie übernommen hat. 

Eine zeitgemässe Warnung.

Brasilien, Süd-Amerika

      In unsern brasilianischen Gemeinden ist Prediger Peter Klassen ein gebildeter und erfahrener Mann, wohl der Vertreter der dortigen Ansiedlungen, einer der einflussreichsten Arbeiter auch in bürgerlicher Beziehung. Er ist der Bevollmächtigte der Ansiedlungen der Regierung gegenüber und leitet die Verbindungen mit den deutschländischen und holländischen Mennoniten. Er gibt auch „die Brücke“, das Blatt der brasilianischen Mennoniten, heraus. Wenn er in der letzten Nummer seines Blattes auch davon spricht, dass der Unterricht in einer ihrer Schulen (Witmarsum) zum Teil aus ihren Händen gefallen ist, so verstehe ich das so, dass die dortige Regierung wegen Geldknappheit der Bewohner, sie übernommen hat. Nun schreibt er (Hat das auch in einem Vortrag der Jahresversammlung der Vertreter der dortigen Ansiedlungen ausgesprochen):

     „Viel Kummer bereitete den Verantwortlichen unter uns die Tatsache, dass wir die Witmarsumer Schule, wenigstens, was den Unterricht betrifft, zum Teil aus den Händen lassen mussten. Wir glauben unserer mennonitischen Gemeinschaft und auch Brasilien am besten dienen zu können, wenn wir in unsern Schulen uns frei, nach unserer Eigenart, entfalten können. Die 140 Jahre Russlandsiedlung sagen es uns, dass wir nie etwas anderes erstreben dürfen, als eigene Schulen mit eigenen mennonitischen Lehrern. Auf Entschiedenste möchte ich gegen den Geist protestieren, der zum des puren Mammons willen mit leichten Herzen die Zügel des kulturellen Gespanns fallen lässt. Die Zentralschulfrage ist heute beleuchtet worden. Wir müssen und wollen den Weg weiter gehen. Es wird oft die Frage aufgeworfen, warum wir mit der Schule nicht noch gewartet haben. Ich antworte: Wenn wir warten, versündigen wir uns an unsern Kindern, an unserer Geschichte, an der Zukunft.“

MR 1935-05-01

      Dabei ist zu erkennen, welchen hohen Stellenwert bei den Mennoniten eigene Schulen haben. Man ist davon überzeugt, dass nur eigene Schulen, mit mennonitischen Lehrern, wo alle Fächer auf Deutsch unterrichtet werden auch dazu führen können, dass die Eingewanderten ihr Mennonitsein in diesem so fremden Land bewahren können.

    Von heutiger Sicht her gesehen, wissen wir, dass dieses Vorhaben unmöglich war. Schon die brasilianischen Staatsgesetze würden dieses nicht erlauben. Auch in Russland wurden in den mennonitischen Schulen die meisten Fächer schon auf Russisch unterrichtet. Das Land, in das eine Gruppe zieht, wird immer seine Kultur übergeben wollen. Und wo das heute in Europa nicht geschieht, wodurch z.B. die Eingewanderten weiterhin ganz arabisch, türkisch, usw bleiben wollen, entstehen große Unruhen.

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